Wie sich das Diabetes-Risiko besser vorhersagen lässt

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Wie sich das Diabetes-Risiko besser vorhersagen lässt | Foto: metamorworks – stock.adobe.com
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Wie sich das Diabetes-Risiko besser vorhersagen lässt

Eine neue Studie zeigt: Schon kleine Abweichungen beim Blutzucker oder ein zu hohes Gewicht lassen das Diabetes-Risiko deutlich steigen. Mit wenigen Routinewerten können Ärztinnen und Ärzte Betroffene früh erkennen und gezielt vorbeugen.

Eine aktuelle Untersuchung im Fachjournal JAMA Network Open zeigt: Das Risiko, in den kommenden zehn Jahren an Diabetes zu erkranken, lässt sich mit wenigen Routinewerten recht zuverlässig einschätzen. Entscheidend sind Nüchternblutzucker, Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index (BMI). Schon kleine Abweichungen beim Blutzucker oder ein zu hohes Gewicht lassen das Risiko deutlich ansteigen.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) betont in einer Pressemitteilung, dass Risikofaktoren nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern immer im Zusammenspiel. Die Ergebnisse unterstreichen jedoch die Forderungen der Fachgesellschaft nach mehr Früherkennung und besseren Präventionsangeboten. Denn wenn Risiken klar benennbar sind, lassen sich Vorbeugungsmaßnahmen gezielter einsetzen und ihre Wirkung überprüfen, so die DDG.

Große US-Studie mit klaren Ergebnissen

Für die Studie wurden fast 45.000 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 65 Jahren über mehrere Jahre beobachtet. Innerhalb von rund sieben Jahren erkrankten 8,6 Prozent von ihnen an Diabetes. Nach zehn Jahren lag das Risiko insgesamt bei knapp 13 Prozent. Auffällig war: Schon Nüchternblutzucker-Werte im oberen Normalbereich (95–99 mg/dl, also 5,3–5,5 mmol/l) steigerten die Wahrscheinlichkeit, Diabetes zu entwickeln. Wenn zusätzlich Übergewicht vorlag, verdoppelte sich das Risiko. Bei noch höheren Blutzuckerwerten vervierfachte es sich sogar.

„Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie wichtig der Nüchternblutzucker für die Risikoabschätzung ist“, sagt DDG-Präsidentin Prof. Dr. med. Julia Szendrödi aus Heidelberg. „Auch Werte im Bereich des Prädiabetes müssen ernst genommen werden. Durch die Kombination mit Alter, Geschlecht und BMI wird das individuelle Risiko noch klarer sichtbar – so können wir Menschen gezielt identifizieren, die besonders gefährdet sind.“

Diabetes-Früherkennung erleichtert gezielte Prävention

Die Autorinnen und Autoren der neuen Studie entwickelten eine einfache Tabelle, mit der sich das persönliche Risiko für die nächsten zehn Jahre berechnen lässt. Ärztinnen und Ärzte sollen damit Hochrisiko-Patientinnen und -Patienten erkennen können – auch dann, wenn die Blutzuckerwerte noch im Normalbereich liegen. „Das eröffnet Chancen für eine wirksame Prävention“, betont DDG-Vizepräsident Dr. med. Tobias Wiesner. „Wir können betroffene Menschen früher identifizieren und mit ihnen über Veränderungen im Lebensstil sprechen – etwa zu Ernährung, Bewegung und Gewichtskontrolle.“

Einschränkungen gebe es laut DDG jedoch: Der Blutzucker wurde nur einmalig bestimmt, zudem stamme die Analyse aus einer Region in den USA. Ob die Ergebnisse eins zu eins auf andere Länder übertragbar sind, müsse daher noch geprüft werden.

Vier Risiko-Kategorien

Das entwickelte Nomogramm teilt Menschen in vier Gruppen ein:

  • Niedriges Risiko (ca. 5 %): Junge Frauen unter 30 Jahren, normalgewichtig und mit Blutzuckerwerten im unteren Normalbereich.
  • Leicht erhöhtes Risiko (ca. 12 %): Werte im oberen Normalbereich oder leichtes Übergewicht.
  • Mittleres Risiko (ca. 26 %): Blutzuckerwerte leicht über Normal kombiniert mit Adipositas (BMI 30–34,9).
  • Hohes Risiko (bis 56 %): Starke Adipositas (BMI ≥40) und hohe Blutzuckerwerte kurz vor der Diabetes-Schwelle – vor allem bei Männern ab 60 Jahren.

Quelle: Aoife M. et al., Baseline Fasting Glucose Level, Age, Sex, and Body Mass Index and the Development of Diabetes in US Adults, JAMA Network Open. 2025;8(1):e2456067. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.56067

Beratung, Prävention und Politik gefragt

Für Hausarztpraxen bedeute das: Sie haben ein einfaches Werkzeug, um Menschen mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu erkennen und anzusprechen. Bei Bedarf können diabetologische Schwerpunktpraxen unterstützen, etwa mit speziellen Schulungen, schlägt die DDG vor. Denn je strukturierter die Versorgung sei, desto besser ließen sich Risiken reduzieren – durch Aufklärung, Begleitung und konkrete Maßnahmen.

Doch die Fachleute der DDG fordern auch politische Unterstützung. „Wir brauchen auch politische Rahmenbedingungen, die die gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen“, sagt DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer. Dazu zählten unter anderem eine dauerhafte Mehrwertsteuerbefreiung für Obst und Gemüse, eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke nach britischem Vorbild sowie strengere Regeln für Werbung ungesunder Lebensmittel an Kinder. Zudem setzt sich die DDG ein für eine verpflichtende Nutri-Score-Kennzeichnung, eine stärkere Verankerung des Verbraucherschutzes im Gesundheitsministerium sowie für mehr individualisierte Präventionsprogramme („Prävention auf Rezept“).


von Gregor Hess

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mit Materialien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

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  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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