DIAlog 15: Die Zukunft

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DIAlog 15: Die Zukunft | Illustration: Huda Said
Illustration: Huda Said
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DIAlog 15: Die Zukunft

Der 15. DIAlog und Hudas niemals endende Neigung zur Dramatik – das schreit förmlich nach einer Reflektion ihrer Diabetesreise. Aber diesmal ist tatsächlich nicht der Diabetes selbst ihr Gesprächspartner.

Der besondere Besuch

Sorgsam platzierte ich die Kissen auf dem roten Sofa, welches ich in einem Räumungsschlussverkauf ergattert hatte. Ich konnte es mir nicht ganz erklären, aber es war mir seltsam vertraut vorgekommen, also musste es mit.

„Ähm, Huda”, ertönte es dann hinter mir.

„Nicht jetzt Diabetes”, entgegnete ich abwesend. Irgendwann waren wir im Diabeteshaus endlich von der Renovierungs- in die Dekorierungsphase übergegangen und ich hatte große Pläne.

Der Diabetes hörte jedoch nicht auf mich zu stören. „Ich glaub das ist wichtig.”

Genervt legte ich das letzte Kissen ab. 

„Was denn? Ich habe doch schon Insulin gespritzt.”

„Wir haben Besuch.”

Damit hatte er nun tatsächlich meine Aufmerksamkeit. Besuch war schon lange nichts mehr Seltenes, aber für heute hatte sich niemand angekündigt.

Also drehte ich mich verwundert um… und blickte in ein Zahnlücken-Lächeln.

In dein Zahnlücken-Lächeln.

„Hi!“, grinstest du mich an.

„Wie ist sie hierhergekommen?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste, dass mein jüngeres-Ich hier irgendwo existierte, immerhin befanden wir uns immer noch in meinem Kopf, aber in all der Zeit hatte es niemals das Diabeteshaus betreten.

Der Diabetes lächelte verlegen. „Ich habe sie eingeladen. Wir hatten noch Kuchen vom letzten Diaversary übrig, ich wollte teilen!”

Ich sah ihn entgeistert an. Das konnte nicht sein Ernst sein. Aber jetzt wo du hier warst, konnte ich den Diabetes schlecht anbrüllen. Vorbildfunktion und so. 

„Wer seid ihr?“, meldete sich nun eine Stimme, von der ich ganz vergessen hatte, wie hoch und piepsig sie gewesen war.

Ich hielt inne. Wie erzählte ich Mini-Huda, dass sie sich im Kopf eine Wohnung mit ihrem Diabetes aufbauen wird und dort lautstarke Diskussionen mit einer imaginären Brokkoli-Haare-Figur führte?

„Ich bin Diabetes“, verkündigte der, nun, Diabetes, bevor ich mir eine gescheiterte Antwort überlegen konnte.

„Ohh, ich kenne dich!“, verkündigste du daraufhin und das Knäuel, was angefangen hatte sich in meinem Magen zu verknoten, zog sich endgültig zusammen. Verdammt. Ich hatte es mir fast schon gedacht, aber ich hatte die Hoffnung, dass du vielleicht doch noch etwas jünger warst.

Ich räusperte mich. „Diabetes, gehst du schon mal den Tisch vorbereiten?“

Immerhin war er schlau genug zu wissen, dass er meine Geduld schon genug strapaziert hatte, denn er winkte dir nur nochmal kurz zu und verzog sich dann Richtung Küche. Du hingegen blicktest ihm neugierig hinterher.

Zwischen Luftballonblumen und Jutebeuteln

„Hey“, sagte ich, „wie lange kennst du schon Diabetes?“

Du schienst kurz zu überlegen. „Ein paar Wochen?“

“Und… wie kommt ihr so miteinander klar?”

Du gucktest dir auf die Finger. “Ich mag die Nadeln nicht. Aber ich jammere nur noch ganz selten, wirklich! Mama bringt mir jetzt immer Essen in die Schule und gibt mir eine Spritze und meine beste Freundin guckt dann zu.“

Ich musste über meine eigenen Erinnerungen schief grinsen. “Soll ich dir mal was Cooles verraten?“

Du nicktest eifrig mit dem Kopf.

„Ich kann in die Zukunft sehen”, flüsterte ich geheimnisvoll, „und ich weiß, dass ihr immer noch befreundet seid.“

Du sahst mich mit großen Augen an. „Aber natürlich, das haben wir einander doch versprochen.“ Dann hieltest du inne, schienst kurz nachzudenken. „Und die Spritzen? Und die Fingerpickser? Sind die auch noch da?“

Ich schluckte. „Anders, als du sie kennst, du bekommst irgendwann eine Pumpe und einen Sensor. Aber ja, sie sind noch da.“ Ich beugte mich zu dir herab und griff nach deiner Hand.

„Aber das hast du schon geahnt, nicht wahr?“

„Papa hat gesagt in fünf Jahren geht es wieder weg, er hat das gelesen.“

„Ich wünschte er hätte Recht gehabt.“

„Also bleibt es für immer? Für immer immer?“

„Wahrscheinlich.“

Du kautest auf deiner Lippe, bevor du zögerlich sagtest: „Aber für immer ist so lang.“

„Ich weiß“, antwortete ich sanft, „wirklich, ich weiß. Aber guck mich an. Du hast schon so viel geschafft.“

Die Tage im Krankenhaus, mit Kugelschreiberkreisen auf deinen Oberschenkeln und deinem Kuschelpferd im Arm. Der erste Tag wieder zu Hause und weinen, weil dein kleiner Bruder die Luftballonblume kaputt machte, die du als Abschied bekommen hattest. Deine Freude darüber wieder in die Schule gehen zu können und die Süßigkeitenkiste, die von da an immer im Schrank deiner Lehrerin stand.

All das kanntest du schon. Aber du wusstest noch nicht, dass sich deine Faszination und Eifer langsam, und mit jedem Stich mehr, in Wut verwandeln wird. Unfassbar groß und für dich unkontrollierbar. Du wusstest noch nicht, wie sehr du streiten wirst, mit deinen Eltern, deinen Ärzten, deinen Freunden.

Aber das du auch ankommen wirst, nach viele, etliche Jahre, an einem Oktoberwochenende in Frankfurt. Dort wirst du das erste Mal andere Menschen mit Diabetes treffen und es fühlte sich endlich etwas richtig an. Also hast du dir auf der Rückfahrt das Versprechen gegeben, dass sich jetzt wirklich etwas ändern wird – ändern kann.

Es folgte der vorsichtige Versuch, all das niederzuschreiben. Und plötzlich standest du auf der Bühne und blicktest in Gesichter, die jedes deiner Worte verstanden. Du hattest eine Ecke in deiner Wohnung voller gesammelter Jutebeutel, in denen immer noch Diabetessticker lagen.

Denn er kam, der Tag, an dem all das endlich okay war.

Ich dachte immer, wenn ich dich irgendwann mal treffen würde, dann würde ich dir genau das und noch viel mehr erzählen.

Aber ich sah dich an und die Wahrheit war, es gab viel mehr, was ich dir nicht sagen konnte.

Das unbekannte Unerzählte

Ich erzählte dir nicht, dass in manchen Momenten der Gedanke an die Ewigkeit trotzdem immer noch beängstigender war als jedes Monster unter dem Bett.

Ich erzählte dir nicht, dass mein Herz erneut ein wenig brach, weil tief in mir drin immer noch die Trauer da war und ich sie in jedem Kind mit Diabetes sah. Dass ich mir manchmal wünschte, meine Mutter würde immer noch meine Kohlenhydrate berechnen und meine Freundin meine Hand beim Spritzen halten und dass mein Vater weiterhin von der fünf Jahre entfernten Heilung überzeugt wäre. Dass mir jemand dabei geholfen hätte, dass zu finden, wonach ich lange alleine mühsam suchen musste.

Und dass ich dich selbst um diesen kleinen Fetzen Sorglosigkeit, den du noch hast, beneidete.

Es gab so viel, was ich dir verschwieg, weil ich dich so gerne davor beschützen würde. Auch wenn ich wusste, dass du da durch musstest, dass ich da durch musste. Dass es unweigerlich zu uns gehörte.

Also nahm ich dich stattdessen in den Arm, drückte dich ganz fest an mich heran.

„Ich bin so stolz auf dich“, sagte ich.

Und du umarmtest mich zurück, hieltest dich genauso sehr an mir fest wie ich mich an dir.

“Gibt es jetzt Kuchen?”, murmeltest du in mein Oberteil. 

Lachend nickte ich mit dem Kopf.

Du brauchtest niemanden, der dir die Zukunft sagte. Du brauchst nur jemanden, der daran glaubte, dass du jede Zukunft schaffen konntest.


Wusstest du, dass Huda eine Menge Dialoge mit ihrem Diabetes veröffentlicht hat? Hier kommst du zu all ihren spannenden, nahegehenden Beiträgen.

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  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 3 Wochen

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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