Die eigene Leine tragen

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Die eigene Leine tragen

Eine Begegnung mit einem recht selbstständigen Hund erinnerte unsere Kolumnistin Tine Trommer an den Alltag mit Diabetes: Die meiste Zeit sind betroffene Menschen mit der Bewältigung der chronischen Erkrankung auf sich allein gestellt. Das klappt in der Regel ganz gut, aber auch nicht immer …

Vor einiger Zeit ging ich hier in Berlin auf dem Heimweg am Kottbusser Tor in Kreuzberg die Treppe runter zur U-Bahn-Station – als mir ein kleiner Hund entgegenkam, der frohen Mutes seine eigene Leine im Maul trug. Etwas weiter hinter ihm kam ganz entspannt seine Halterin. Wie selbstständig der Hund seine Leine trug und den Weg wusste, hat mich an meinen Umgang mit Diabetes erinnert: So wie der Hund mache ich es auch – immer meine eigene Leine tragen, für mich selbst und meine Werte sorgen und nach bestem Gewissen Verantwortung allein tragen.

Die meiste Zeit sind wir mit unserem Diabetes auf uns allein gestellt

Wir Menschen mit Diabetes sind tatsächlich die meiste Zeit auf uns allein gestellt; natürlich können wir uns im Internet oder draußen mit anderen Menschen mit Diabetes austauschen (deswegen ist das auch so wichtig!), haben (im besten Fall) regelmäßige Termine mit der Diabetologin oder der Diabetesberaterin oder können in entsprechenden Publikationen recherchieren. Letztlich müssen wir uns aber das Insulin selbst zuführen, die Mengen selbst berechnen und absegnen – und mit den Konsequenzen dann natürlich leben.

Wir können nicht jeden Tag zu jeder Mahlzeit mit der Praxis telefonieren und ausdiskutieren, wie viel Insulin wir spritzen sollen. Das Medikament, das uns hilft, müssen wir am Ende selbst injizieren, egal ob mit Pumpe oder Pens. Vielleicht ist das einer der Hauptcharakterzüge des Diabetes, dass wir damit so ziemlich auf uns allein gestellt sind und unsere Leine immer selbst im Maul tragen, während wir unseren Weg gehen.

Manchmal kommt ein Gefühl der Überforderung

Ich frage mich, ob ich oder wir dafür eigentlich immer Kapazitäten haben müssen? Und was wohl passiert, wenn diese ausgeschöpft sind? Jetzt im Sommer stoße ich teils an meine Grenzen: Die Hitze bringt meinen Blutzucker oft extrem durcheinander, meist wirkt das Insulin unterschiedlich stark, generell scheine ich bei Hitze aber insulinempfindlicher zu sein. Kommen dann noch verschiedene Punkte meines Zyklus hinzu, bin ich mit meinem Latein am Ende. Vor der Menstruation bin ich häufig doch wieder weniger insulinempfindlich, bei der Hitze aber auch schon mal das genaue Gegenteil.

Wozu zeichne ich eigentlich alles akribisch auf, wenn mein Körper sich partout nicht an Muster hält? In solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und die Leine selbst zu tragen, fällt mir schwer. Es nimmt mir Kraft, weil ich den Situationen oft so ausgesetzt bin. Aber ich bleibe am Ball. Gebe mir ein wenig größeren Spielraum, versuche nicht zu streng mit mir und meinen Werten zu sein. Wie macht Ihr das in solchen Situationen? Und habt Ihr immer das Gefühl, dass Ihr Eure eigene Leine selbst tragen könnt?

Eure Tine

Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter www.icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig an dieser Stelle über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (9) Seite 37

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  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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