- Aus der Community
Johann Sebastian Bach war Diabetiker – und schaffte es, sich nicht entmutigen zu lassen
4 Minuten
Kennt ihr das? Wenn ich höre, dass dieser oder jener Prominente Diabetes hat, dann möchte ich auf einmal alles darüber erfahren – auch wenn mich sein Leben bislang überhaupt nicht groß interessiert hat. So ging es mir auch bei der DDG-Herbsttagung im November 2016 in Nürnberg, als bei der Eröffnungsveranstaltung der Psychiater Prof. Peer Abilgaard aus Duisburg über den Umgang von Johann Sebastian Bach mit seinem Typ-2-Diabetes sprach. Wenn man sich Bilder von Johann Sebastian Bach anschaut, die ihn in der Regel mit… nun ja… etwas kräftigerer Statur zeigen, dann wundert einen eigentlich nicht, dass er vermutlich mit genau den gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, die Übergewichtigen auch heute zusetzen: Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen. Tatsächlich geht die Wissenschaft heute davon aus, dass Bach alles andere als gesund war. Er litt wahrscheinlich unter einem nicht entdeckten Typ-2-Diabetes, durch den er kurz vor seinem Tod auch erblindete. Als Todesursache vermutet man einen Schlaganfall, dem möglicherweise bereits einmal ein weiterer Schlaganfall vorausgegangen war.
Tod der ersten Ehefrau, 10 von 20 Kindern selbst begraben
Doch auch abseits von seinen verschiedenen gesundheitlichen Problemen musste der Komponist im Laufe seines Lebens schwere Schicksalsschläge und Belastungen hinnehmen. „Bach war mit zehn Jahren Vollwaise und mit zwölf Jahren nach dem Tod seines Onkels dann ganz auf sich allein gestellt“, berichtete Prof. Abilgaard. „Als seine erste Ehefrau starb, war er gerade auf Konzertreise. Sie war bereits seit vier Wochen beerdigt, als er zurückkehrte.“ Bach heiratete ein zweites Mal, mit seinen beiden Ehefrauen hatte er insgesamt 20 Kinder. „Von diesen 20 Kindern musste er zehn selbst begraben – all das war auch Ende des 17. Jahrhunderts hart!“, sagte der Psychiater. Daneben seine körperlichen Erkrankungen, außerdem über lange Zeit mangelnde Anerkennung für seine Arbeit. „Trotzdem hatte Bach den Ehrgeiz, jeden Sonntag im Gottesdienst eine frisch komponierte Kantate zu präsentieren. Er war also unglaublich resilient, wie man heute sagt“, erklärte Prof. Abilgaard. „Doch was war sein Überlebenskonzept? Woher rührt seine Schaffenskraft?“

Bach war, wie man heute sagt, äußerst resilient
Wenn Leid also eine „gesetzte Größe“ ist, wie kann man mit diesem Leid besser umgehen? Wie kann man, neudeutsch gesagt, Resilienz entwickeln? Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky und die Entwicklungspsychologin Emmy Werner gelten als die Begründer des Konzepts der Resilienz und der „Salutogenese“ (zu Deutsch: Entstehung und Aufrechterhaltung von gesunden Situationen und Menschen). Zur Überlebenskunst gehören demnach
- Humor
- dem Schmerz eine Stimme geben
- Hoffnung vermitteln
- Akzeptanz fördern
- Optimismus
- Wissen und Intelligenz
- Vielstimmigkeit
- Freundschaft, Begegnung und Freunde
- kulturelle bzw. spirituelle oder religiöse Stabilität
Tochter liebt Kaffee über alle Maßen – Vater nimmt’s mit Humor
Seinen Humor bewies Bach zum Beispiel mit seiner berühmten „Kaffeekantate“ (Bachwerkeverzeichnis BMV 211), zu der ihn wohl seine Tochter inspirierte, die leidenschaftlich gern Kaffee trank, obwohl ihr Vater dies nicht guthieß. Tochter Liesgen war schließlich bereit, auf den Genuss des geliebten „Schälchen Coffee“ zu verzichten, wenn sie statt dessen heiraten durfte. Allerdings beschloss sie, jeden Heiratsanwärter abzuweisen, der ihr den Kaffeegenuss verbieten wollte. Ihren Vater scheint das letztlich mehr amüsiert als geärgert zu haben, wenn man sich den Text der Kantate anschaut:
“Ei! wie schmeckt der Coffee süße,
Lieblicher als tausend Küsse,
Milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muß ich haben,
Und wenn jemand mich will laben,
Ach, so schenkt mir Coffee ein!”
Dem Schmerz, aber auch der Hoffnung eine Stimme geben
Doch Bach hatte natürlich auch seine düsteren Momente, die man ebenfalls in seiner Musik wiederfindet. Ich muss gestehen, dass ich sofort einen Kloß im Hals verspürte, als Prof. Abilgaard die Arie „Es ist genug“ (BWV 60) einspielte, die Bach komponierte, kurz nachdem seine kleine Tochter gestorben war. Nun habe ich zum Glück noch kein Kind zu Grabe tragen müssen, aber ich kenne natürlich mutlose Momente, in denen mir alles einfach zu viel ist und zu denen der Diabetes gern einen ordentlichen Teil beiträgt. Ja, Bach war ganz sicher in der Lage, seinem Schmerz eine Stimme zu geben. Ebenso gelang es ihm, Hoffnung zu vermitteln, wie Prof. Abilgaard uns mit dem Choral „In expecto“ aus der h-Moll-Messe (BWV 232) verdeutlichte. Er fängt ganz leise, bedrückt und getragen an und steigert sich dann in ein fulminantes und stimmgewaltiges Finale, das einem beinahe bildlich vor Augen führt, wie Bach die zahlreichen düsteren Momente seines Lebens überwand und Hoffnung schöpfte.

Über Spiegelneuronen in Kontakt mit dem längst verstorbenen Bach
Dieses Einfühlen, das ich und alle anderen Kongressbesucher in diesem Moment erlebten, hat übrigens mit den Spiegelneuronen in unserem Gehirn zu tun. Spiegelneuronen sind ein Resonanzsystem im Gehirn, das uns überhaupt erst zu mitfühlenden Wesen macht. Sie sorgen dafür, dass ein Mensch dieselben Gefühle empfindet wie sein Gegenüber, obwohl er eigentlich nur Beobachter ist. Wir kennen das, wenn wir im Kino anfangen zu heulen, weil uns der Film so berührt, oder wenn uns der Liebeskummer einer Freundin selbst das Herz bricht. Abilgaard sagte dazu mit Blick auf Bach sehr schön: „Ich finde es immer wieder verblüffend, wie man über seine Spiegelneuronen mit einem Menschen in Kontakt treten kann, der schon lange tot ist.“
Selten zuvor hat mich eine Kongress-Eröffnung so bewegt und zum Nachdenken angeregt. Und ich kam zu dem Schluss: Eigentlich passiert hier in der Blood Sugar Lounge und auf anderen Diabetes-Blogs auch nichts anderes: Wir geben unserem Schmerz, unserem Frust, aber auch unserer Hoffnung im Umgang mit unserer Erkrankung eine Stimme. Und wer unsere Beiträge liest, erkennt sich selbst (hallo, Spiegelneuronen!) vielleicht darin wieder oder fühlt einfach nur mit uns, weil er auf einmal ein bisschen nachempfinden kann, wie es ist, mit Diabetes zu leben.
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Leben mit Diabetes
Caroline Spindler im Interview: Aufklären gegen Vorurteile über Typ-2-Diabetes
14 Minuten
- Aus der Community
Vierteljahrhundert Diabetes und Partnerschaft: 25 + 25 = ?
11 Minuten
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
moira postete ein Update vor 17 Stunden, 5 Minuten
Meine Tochter ist ein großer Fan der Buchreihe Woodwalkers. In einem Band kommt wohl ein Woodwalker mit Diabetes typ 1 vor. Fand ich cool. Es wird Blutzucker gemessen und ein Unterzucker behandelt.
(Wen es interessiert Band 2.3) -
moira postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
-
bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
-
ole-t1 antwortete vor 3 Wochen, 4 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
-

