- Begleit-Erkrankungen
Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt
3 Minuten
Für die Therapie von Gefäß-Verschlüssen gibt es Standard-Verfahren. Mitunter reichen diese Möglichkeiten jedoch bei der Behandlung einer Atherosklerose nicht aus. Ein Blick über den Tellerrand zeigt, das eine Enzym-Infusion hier Abhilfe schaffen kann.
Atherosklerose („Gefäß-Verkalkung“) ist eine chronische Erkrankung der Arterien, also der Gefäße, die das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen in den Körper transportieren. Bei der Atherosklerose lagern sich Fette, vor allem Cholesterin, in der Gefäßwand ab. Es entstehen Ablagerungen (Plaques), die Gefäße verengen oder instabil werden lassen. Folgen können Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungs-Störungen in anderen Organen sein. Diese Erkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen und verursachen hohe Kosten.
Bekannte Risikofaktoren sind unter anderem hohe Cholesterinwerte, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und erbliche Faktoren (z. B. erhöhtes Lipoprotein(a)). Die übliche Behandlung zielt heute vor allem darauf ab, diese Risikofaktoren zu senken, z. B. mit Fett-Senkern (Statinen), Blutdruck-Senkern und Rauchstopp. Wenn Gefäße schon stark verengt sind, kommen oft Eingriffe mit Kathetern, Stents oder Bypass-Operationen zum Einsatz.
Glykokalyx schützt die Gefäße
Dabei ist der Körper grundsätzlich in der Lage, überschüssiges Cholesterin aus der Gefäßwand zu entfernen. Dieser Prozess heißt „Reverse Cholesterol Transport“. Hierbei nehmen Abwehrzellen (Makrophagen) in der Gefäßwand abgelagertes Cholesterin auf und geben es an das High Density Lipoprotein (HDL) ab. HDL bringt das Cholesterin zur Leber, wo es über die Galle ausgeschieden wird.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die endotheliale Glykokalyx. Das ist eine haarfeine, gelartige Schutzschicht auf der Innenfläche der Gefäße. Man kann sie sich wie einen weichen „Schutzteppich“ vorstellen, der den Durchtritt von Fetten wie Low Density Lipoprotein (LDL), das ebenfalls Cholesterin binden kann, in die Gefäßwand bremst. Gleichzeitig erleichtert die Glykokalyx HDL den Zugang zu den Zellen in der Gefäßwand und hemmt Entzündungen und Blutgerinnsel (Thrombosen).
Bei Atherosklerose, Diabetes und Entzündungen wird die Glykokalyx nach und nach entzündlich umgebaut. Dann dringt mehr LDL in die Gefäßwand ein, der Abtransport von Cholesterin wird erschwert – die Gefäße „vermüllen“.
Schutzschicht regenerieren
Das Enzym Hyaluronidase kann bestimmte Zuckerbestandteile der Glykokalyx spalten. Wird es in eine Vene (intravenös) gegeben, kann es die Glykokalyx vorübergehend ausdünnen. Die Wirkdauer des Enzyms im Blut ist sehr kurz und es wird innerhalb von wenigen Minuten abgebaut. Der Abbau der Glykokalyx beginnt ebenfalls innerhalb von Minuten, hält aber nur so lange an, wie das Enzym verabreicht wird.
Die Glykokalyx wird anschließend innerhalb von ein bis drei Tagen weitgehend wieder neu aufgebaut. Durch die Erneuerung der Gefäß-Oberfläche wird der ursprüngliche physiologische Aufbau der Gefäß-Strukturen wieder hergestellt. Dadurch wird z. B. der Zugang für HDL verbessert und damit der natürliche Cholesterin-Abtransport wieder unterstützt.
Therapie-Verfahren bei Gefäß-Verkalkung (Atherosklerose)
- Grundlage jeder Atherosklerose-Behandlung sind bewährte Maßnahmen, u. a. Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung.
- Standard-Therapien sind Katheter, Stents und Bypässe.
- Eine Alternative kann die Therapie mit Hyaluronidase sein.
Erfolge bei Tieren und Menschen
Die Idee, Hyaluronidase zur Behandlung von Atherosklerose einzusetzen, ist nicht neu. Dies wurde in Jena und Leipzig bereits in den 1960er-Jahren erfolgreich durchgeführt und später in England in den 1980er-Jahren weiter untersucht. Durch die Erfindung von Stents und Ballonkathetern geriet die Hyaluronidase in Vergessenheit, wurde aber niemals ganz aufgegeben.
Es gibt z.B. Berichte über die Wirksamkeit bei genetisch veränderten Kaninchen. Hier zeigten Tiere, die wiederholt Hyaluronidase bekamen, deutlich weniger starke Gefäßverkalkungen als Vergleichstiere, die nur Kochsalzlösung bekamen. Es gibt auch Einzelfall-Berichte bei Menschen. So zeigten Patienten mit schwerer koronarer Herzkrankheit nach Serien von Infusionen eine bessere Durchblutung in den Herzkranzgefäßen und weniger Beschwerden.
Bei einer Patientin mit schwerem Diabetischem Fußsyndrom heilte ein hartnäckiges Geschwür am Fuß und ein zuvor bereits verschlossenes Gefäß im Bein öffnete sich wieder. In weiteren Fällen besserten sich Blutdruckwerte und Durchblutung. Diese Berichte sind ermutigend, aber es handelt sich um Einzelfälle, nicht um große, kontrollierte Studien.
Therapie wird gut vertragen
In den bisher beschriebenen Fällen (teilweise seit den 1960er-Jahren) wurden keine auffälligen Häufungen von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Thrombosen im Zusammenhang mit zeitlich begrenzten Infusions-Serien berichtet. In größeren Studien vertrugen die rund 600 Patienten mit akutem Herzinfarkt die Hyaluronidase in sehr hohen Dosen gut, ohne Hinweis auf verstärkte Gefäß-Komplikationen.
Trotzdem bleiben Vorsichtsmaßnahmen wichtig. Die aktuell verfügbaren tierischen Enzyme können Allergien oder Immunreaktionen auslösen. Bei bestehenden Herzrhythmus-Störungen oder schweren Gefäß-Erkrankungen muss das Thrombose-Risiko sorgfältig bedacht werden. Bei chronischen Entzündungen kann sich die Regeneration der Glykokalyx verzögern.
Weitere Informationen zur Therapie mit Hyaluronidase bietet Professor Pfützner auf seiner Website.
Aktuell Therapie im Einzelfall
Die intravenöse Gabe von Hyaluronidase zur „Erneuerung“ der Glykokalyx ist kein etablierter Standard, sondern stellt immer einen individuellen Heilversuch dar, den die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstatten. Die Therapie könnte vor allem bei schwerer, weit fortgeschrittener Atherosklerose eine zusätzliche Option darstellen – insbesondere, wenn übliche Therapien ausgeschöpft sind.
Wichtig bleibt, dass bewährte Maßnahmen wie Cholesterin-Senkung, Blutdruck-Kontrolle, Blutzucker-Normalisierung, Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung weiterhin die Grundlage jeder Atherosklerose-Behandlung darstellen. Hyaluronidase-Infusionen können diese Maßnahmen nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen.
Die Therapie wird bundesweit in wenigen Zentren angeboten. Es sind jedoch weitere, gut geplante klinische Studien nötig, um Wirksamkeit, Sicherheit, Dosierung und Patienten-Auswahl genau festzulegen. Fragen zu diesem Thema sollten immer ausführlich mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.
von Prof. Dr. Dr. Andreas Pfützner
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (3) Seite 40-41
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moira postete ein Update vor 2 Wochen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 5 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 2 Tagen, 3 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 2 Tagen, 2 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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