Demenz und Typ-2-Diabetes: im Alter eine häufige, gefährliche Kombination

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Demenz und Typ-2-Diabetes: im Alter eine häufige, gefährliche Kombination

Das Wort Demenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „weg vom Geist“ oder „ohne Geist“. Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes etwa doppelt so häufig eine Demenz entwickeln wie Menschen ohne Diabetes. Aber erst in den letzten Jahren wurde intensiv an den Ursachen dieser Häufung geforscht. Zu hoher und zu niedriger Blutzucker spielen eine wichtige Rolle, aber auch viele andere Faktoren tragen zum Demenzrisiko bei. Gute Nachricht: Es gibt heute diverse Möglichkeiten, das individuelle Demenzrisiko zu reduzieren.

Demenz ist ein Oberbegriff für Krankheitsbilder, die durch den Verlust von Hirnleistung und Gedächtnis gekennzeichnet sind. Dies führt bei Menschen mit Dia­betes früher oder später dazu, dass die Fähigkeiten, den Diabetes selbst zu behandeln (u. a. Blutzuckermessen, Insulinspritzen), abnehmen und schließlich verloren gehen. In späteren Krankheitsstadien kommt es dann zum Rückgang der Alltagskompetenz und zu einem Persönlichkeitszerfall.

Diabetes ist leider eine Krankheit, die zum häufigeren Auftreten von Demenz disponiert, also das Auftreten wahrscheinlicher macht.In Deutschland leben derzeit ca. 1,7 Millionen Menschen mit Demenz.

Zu hohe, aber auch zu niedrige ­Blutzuckerwerte sind gefährlich

Bereits seit den 1990er-Jahren ist bekannt, dass chronisch erhöhte Blutzuckerwerte eine schlechte geistige Leistungsfähigkeit bewirken. Viele Menschen mit Diabetes spüren es selbst: Hoher Zucker macht schlapp, müde und geistig lahm. Weniger auffällig ist der Zusammenhang zwischen langfristig erhöhten Zuckerwerten und chronisch nachlassender Hirnleistung. Aber auch Unterzucker (Hypoglykämie) bewirkt akut ein Nachlassen der Hirnleistung, je nach Tiefe bis hin zum Koma.

Lange war man der Meinung, dass nach Beseitigung der Unterzuckerung wieder alles normal läuft. Aber: In den letzten Jahren konnte mehrfach gezeigt werden, dass schwere Hypoglykämien das spätere Auftreten einer Demenz bei Menschen mit Typ-2-Diabetes fördern. 2008 fand man heraus, dass drei und mehr schwere Hypoglykämien das Demenzrisiko sogar verdoppeln. Dies gilt allerdings nicht bei Typ-1-Dia­betes. Warum das so ist, konnte noch nicht sicher festgestellt werden.

Nicht nur die Diabeteseinstellung, auch der Lebensstil entscheidet

Aber es ist nicht nur der Diabetes. Auch andere Faktoren spielen bei der Demenzentwicklung eine Rolle. Hochinteressant ist der Zusammenhang zwischen Lebensstilfaktoren und Demenzentwicklung. Das Alter ist zwar der stärkste bekannte Risikofaktor für den kognitiven Rückgang, Demenz ist aber keine natürliche oder unvermeidliche Folge des Alterns.

Mehrere neuere Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung von kognitiver Beeinträchtigung und Demenz und lebensstilbezogenen Risikofaktoren wie körperlicher Inaktivität, Tabakkonsum, ungesunder Ernährung und schädlichem Alkoholkonsum gezeigt. Besonders wichtig ist die Rolle der Bewegung: Fehlende Bewegung ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Demenzentwicklung und Ursache für ein Fünftel der auftretenden Demenzerkrankungen.

Wechselseitige Verschlechterung

Einerseits führt Diabetes zu einem häufigeren Auftreten von Demenz, andererseits führt das Vorliegen von Demenz häufiger zu Therapieproblemen wie Unterzuckerungen. Dieser Zusammenhang ist geradezu der klassische Teufelskreis, bei dem sich die Probleme gegenseitig verstärken.

Für eine erfolgreiche Diabetes(selbst)behandlung benötigen Betroffene eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten, darunter Gedächtnisleistung, Handlungsplanung, Ausführung sowie Aufmerksamkeitsleistung. Defizite dabei können die Diabetes(selbst)behandlung beeinträchtigen und Menschen mit Diabetes durch Behandlungsfehler gefährden.

Diese Defizite gehen mit einer schlechteren Stoffwechseleinstellung und einem erhöhten Risiko für Unterzuckerungen einher, die bei älteren Menschen mit Diabetes wiederum schwere Konsequenzen nach sich ziehen können, z. B. einen Sturz mit Schenkelhalsbruch.

Ist eine Demenz bereits so weit fortgeschritten, dass eine sichere, selbstständige Diabetestherapie nicht mehr erfolgen kann, wird entweder Fremdhilfe erforderlich oder eine Therapieform muss an die Fähigkeiten des Betroffenen angepasst werden; beispielsweise kann eine intensivierte Insulintherapie vereinfacht werden, um die Fehleranfälligkeit zu verringern.

Das Anpassen der Therapieformen im Alter muss – besonders bei Insulintherapie und bei Typ-1-Diabetes – immer in Abstimmung mit den Betroffenen selbst erfolgen. Der Erhalt von Eigenständigkeit spielt gerade bei der Diabetesbehandlung eine wichtige Rolle.

Verschiedene Demenzarten

Ungefähr 15 Prozent der Demenzkranken leiden unter einer vaskulären Demenz (bedingt durch Durchblutungsstörungen), für die größere und kleinere Hirninfarkte die Ursache sind. Weitere 15 Prozent zeigen ein gemischtes Bild aus einer degenerativen Demenz (Abbau von Hirnsubstanz mit Funktionseinschränkungen) vom Alzheimer-Typ und zusätzlichen Durchblutungsstörungen.

Für dieses Drittel an Demenzerkrankungen gibt es recht klare Zusammenhänge zur Qualität der Diabetesbehandlung, insbesondere zum Metabolischen Syndrom. Sowohl die Hyperlipidämie (zu hohe Blutfette) als auch die Hypertonie (Bluthochdruck), aber vor allem die chronische Hyper­glyk­ämie (chronisch erhöhte Blutzuckerwerte) haben bei Menschen mit Typ-2-Diabetes Einfluss auf das Entstehen dieser Demenzen.

Unter den degenerativen Demenzen spielt die Demenz vom Alzheimer-Typ mit einem Anteil von ca. 60 Prozent die größte Rolle. Bei dieser Demenzform kommt es zu Veränderungen des Zuckerstoffwechsels im Gehirn, zur Ablagerung von Abfallprodukten in den Nervenzellen und letztlich zu deren Zerstörung.

Viele Zusammenhänge zum Diabetes sind inzwischen entdeckt worden: Der Glukosestoffwechsel des Gehirns scheint bei der Alzheimer-Demenz bereits früh verändert zu sein. Eine Insulinresistenz der Muskulatur und der inneren Organe scheint auch mit einer Insulinresistenz im Gehirn verbunden zu sein. Die kognitive Leistung kann bei Menschen ohne und vermutlich auch bei Menschen mit Diabetes durch die Gabe von Insulin durch die Nase verbessert werden.

Auch haben in einzelnen Studien bestimmte Behandlungsstrategien eine schützende Wirkung in Hinblick auf die Demenzentwicklung gezeigt. So können unter der Therapie mit dem Wirkstoff Pioglitazon, aber auch mit Metformin gewisse Effekte erwartet werden, die vor der Entwicklung einer Demenz schützen.

Schutz vor der Demenzentwicklung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Mai 2019 eine Leitlinie zur Vorbeugung von Hirnleistungsstörungen und Demenz herausgegeben. Darin spielen Lebensstilveränderungen die Hauptrolle (siehe Kasten).

Eine Demenz verhindern – bei Diabetes gilt zusätzlich:
  • langfristig erhöhte Blutzucker­werte verhindern (gilt bei Typ-1-und Typ-2-Diabetes)
  • schwere Unterzuckerungen verhindern (bei Typ-2-Diabetes)
  • Übergewicht reduzieren
  • Bluthochdruck gut behandeln (auf jeden Fall unter 140/90 mmHg halten)
  • Depression behandeln
  • im Alltag mehr bewegen
  • nicht rauchen

Ganz besonders wichtig – weil auch für Herz und Gefäße günstig – ist körperliche Aktivität. Es muss nicht immer Sport sein – tägliches Spazierengehen, am besten zusammen mit Freunden, senkt das Demenzrisiko mehr, als der Diabetes es erhöhen kann …

Schwerpunkt: Älter werden mit Diabetes

von PD Dr. med. Andrej Zeyfang

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (11) Seite 38-40

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  • Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

    • @ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.

    • @schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • crismo antwortete vor 1 Woche

      @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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