Diabetes – Vor- oder Nachteil? Ein Kommentar

6 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes – Vor- oder Nachteil? Ein Kommentar

Diabetes ist nicht nur ein ganz individuelles, sondern zugleich auch ein gesellschaftliches und damit politisches Thema. Das bringt es mit sich, dass im gleichen Atemzug, wie im Umgang mit Corona-Viren allen Menschen Verhaltensregeln an die Hand gegeben wurden, Menschen mit Diabetes als sogenannte Risikopatienten einsortiert wurden und damit besondere Regeln einhergingen.

Mal wieder waren Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 über einen Kamm geschoren worden und mit Eigenschaften bedacht, die sie sich selbst nicht zuschreiben würden. Dafür wurden andere Eigenschaften vielleicht übersehen, die eher in die Kategorie Talente denn Schwächen passen. Welche könnten das sein?

Quelle: Anne Seubert

Vor zwei Wochen, als Video-Konferenzen gerade en vogue kamen, lud ich zwei Freundinnen zum Google Hangout statt abendlicher Kneipentour. Eine davon hat auch Diabetes Typ 1 und während wir auf die Dritte warteten, erzählten wir uns gegenseitig den Status quo. Pumpe, Werte, Nächte – das Übliche und dann ganz schnell auch: Kommst du klar? Hast du alles? Wie empfindest du das Risiko?

Typ-1-Diabetiker*innen in der Kategorie Risikopatient*in?

Die Freundin arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten und war von ihrem Arbeitgeber zwei Tage zuvor bis auf Weiteres freigestellt worden. Die Begründung? Als Diabetikerin sei sie eine Person mit einem erhöhten Risiko für eine Ansteckung mit Corona und einer erhöhten Gefahr eines schwereren Krankheitsverlaufs bei einer Erkrankung an Covid-19.

Ergo Risikopatientin! Das Wort fällt bereits im zweiten Satz und ich höre ihrer Stimme an, wie sie sich damit nicht identifiziert. Sie schildert, wie sie sich mit der Freistellung zum ersten Mal durch ihren Diabetes gar bevorzugt behandelt fühlt. Wie ungewohnt diese Rolle ist und wie unwohl sie sich fühlt, fügt sie nach einem kurzen Schweigen und einem entschuldigenden Lächeln – Video! – hinzu.

„Man möchte kein*e Risikopatient*in sein, weder aus Alters- noch aus gesundheitlichen Gründen.“

Wir diskutieren nur kurz über gut versus gut gemeint und gehen dann dazu über, was es konkret für sie bedeutet und wie sie ihre Tage jetzt gestaltet.

Seitdem geht mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. In den vergangenen Tagen und Wochen wurde das Thema auch von Fachleuten und in den Medien diskutiert, Gut eingestellte Typ-1-Diabetiker*innen seien, so der Tenor mittlerweile, erstmal auch nicht mehr im Risiko als andere Menschen. Obgleich sowohl, was die Ansteckung als auch was die Krankheitsverläufe angeht, logischerweise noch keine verlässlichen Daten vorliegen, es passiert ja gerade alles live. Die Bezeichnung bleibt, stigmatisiert, verunsichert und frustriert. Man möchte kein*e Risikopatient*in sein, weder aus Alters- noch aus gesundheitlichen Gründen. Gesund sein und bleiben möchte man.

In den folgenden Tagen schubse ich den Gedanken schließlich in eine andere Richtung: Haben wir Menschen mit Diabetes, wir, die wir seit Jahren mit einer chronischen Krankheit leben, haben wir nicht gerade in diesen Zeiten anderen Menschen einiges voraus und somit jede Menge Hilfreiches anzubieten?

Typ-1 Diabetiker*innen als Coaches in Zeiten der Krise?

Zurzeit machen viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung, dass ihr Alltag massiv durch das Thema Gesundheit beeinflusst wird. Es scheint gar nur mehr dieses eine Thema zu geben. Ziemlich schnell war klar geworden, Covid-19 kann jede*n treffen und der Verlauf der Krankheit kann sehr unangenehm werden und zwar unabhängig davon, wie fit und gesund der/die Patient*in ist. Sie fühlen sich einem Risiko ausgesetzt, das sie nur sehr bedingt kontrollieren können. Sie können viele Dinge nicht mehr so spontan ausführen wie gewohnt, sondern müssen, zugunsten ihrer Gesundheit, Umwege gehen, Verabredungen und Pläne aufschieben oder ganz absagen. Sie müssen vor jeder Aktivität Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und wissen nicht, was die Zukunft bringt.

Quelle: Ina Manthey

Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetiker*innen hingegen sind es gewohnt, ihr Leben einer gesundheitlichen Pflicht unterzuordnen und jede Entscheidung aus der Perspektive des Diabetes auszuleuchten, bevor sie reinbeißen/rausgehen/Ausflüge planen. Sie sind zeitlebens Patient*in.

Einige Beispiele

  1. Stichwort Spontanität und Pläne: So manche spontane Aktion kann nicht durchgeführt werden, sei es das Eisessen oder der Sport, weil die Blutzucker-Werte gerade nicht ideal dafür sind. Die Handtasche muss vor jedem Gang nach draußen mit Not-BEs, Messgeräten und Insulinpens bestückt werden. Oder in Zeiten von Corona: Draußen Eis und Kaffee in der Sonne essen? Pustekuchen!

Idee: Gelassenheit ist Trumpf. Was kann ich mir jetzt Gutes tun? Lässt sich das Eis zu Hause essen? Oder kommt es auf eine Liste mit den Dingen, die ich mir mal gönnen möchte?

  1. Stichwort Angst und Aufmerksamkeit: Menschen mit Diabetes wissen, was es heißt, wenn eine Diagnose dein Leben verändert und die Angst vor Überforderung und Unterzuckerung, vor Krankheit und Spätfolgen fortan Teil von dir ist. Mal mehr, mal weniger. Menschen, die jetzt plötzlich mit Werten und Risiken konfrontiert werden, müssen erst lernen, damit einen Umgang zu finden.

Idee: Deine Aufmerksamkeit kuratieren. Der Angst Raum geben, zum Beispiel ein konkretes Zeitfenster. Und gleichzeitig die Realität ins Zentrum stellen: Was ist jetzt gerade? Was kann ich gerade tun, damit es mir gut geht?

  1. Stichwort Disziplin, Regeln und Selbstmotivation: Sich selbst jeden Tag zu einem Extra an Aufgaben zu motivieren, zu messen, zu spritzen, zu warten und die eigenen Bedürfnisse und Triebe öfter mal hintanzustellen. Ob das jetzt die Maske ist oder das Desinfektionsspray oder das morgendliche Messen und Abstand zwischen Spritzen und Essen. Wir wissen, wie es sich anfühlt, nach einer Nacht voller Unterzuckerungen gerädert aufzuwachen oder nach einer Nacht, in der wir zigmal aufgestanden waren,  um zu messen, zu spritzen oder etwas zu essen. Menschen, die jetzt zu Hause bleiben müssen und sich selbst im Homeoffice zu Arbeit und Sport motivieren müssen – we feel you!

Idee:  Du sorgst für dich. Das ist aktive Selbstliebe. Spüre, wie gut es dir tut, wie sicher du dich fühlst, wie stolz du auf dich bist. Du bist nicht allein, tausche dich aus, wie machen es andere? Wo kannst du dir Tipps und Tricks holen, wo dich mal anlehnen? Vielleicht ist es einfacher, zu zweit, mit dem Partner oder einer Freundin?

  1. Stichwort Gesundheit und Risiko: Gesundheit spielt plötzlich die Hauptrolle in eurem Leben? Werte, Risiken und was – und wie viel oder wie wenig – man dazu beitragen kann, dass die Kurve flach und im Zielbereich bleibt?

Idee: Sich Gesundheit zu wünschen, ist das eine. Es hat aber einen guten Grund, denn ohne Gesundheit ist vieles im Leben viel schwerer. Du musstest dir bisher keine Gedanken um deine Gesundheit machen? Zeit, dankbar zu sein. Ein funktionierender Körper ist keine Selbstverständlichkeit.

  1. Stichwort Bescheidenheit und Kontrollverlust: Das Leben ist nicht mehr berechenbar? Was gestern galt, ist heute nur noch mit einem Lächeln zu betrachten? Der Arzt kann auch nur Ratschläge geben, die Wirklichkeit hat ihre eigenen Regeln und ändert diese gerne auch mal von heute auf morgen? Herzlich willkommen im Leben eines Menschen mit Typ-1-Diabetes, der versucht zu verstehen, wie sein Blutzuckerspiegel auf einzelne Nahrungsmittel, Gerichte und Aktivitäten reagiert, um daraus Regeln ableiten zu können, um daraus einen Leitfaden abzuleiten. Nur um festzustellen, dass zwar gestern Kohlenhydrate morgens zu einem immensen Blutzuckeranstieg führten, heute aber nicht.

Idee: Das Leben ist kein Ponyhof und wir sind keine Maschinen. Wir haben vieles nicht unter Kontrolle und können nur bedingt die Folgen abschätzen. Urteile und Bewertungen sind häufig fehl am Platz, um Schuld geht es sowieso nicht. Umso wichtiger sind Gelassenheit und das Unterscheiden zwischen Fakten und Glauben. Wir glauben so gern, es gäbe für alles ein Rezept und dann einfach Copy und Paste, so einfach ist es leider nicht. Das klingt erstmal ernüchternd, ist aber zugleich eine Einladung zum Ausprobieren und Sichkennenlernen.

Quelle: Unsplash

Wie sind eure Erfahrungen?

Die Einladung zum Ausprobieren, zum Sichkennenlernen gilt in Tagen wie diesen ganz besonders. Vielleicht gibt es eine*n DiabetikerIn in eurem Bekanntenkreis, den man kennen lernen und fragen könnte, wie er sich damit arrangiert hat und ob er einen guten Tipp am Start hat? Vielleicht lohnt es, sich als Mensch mit Diabetes mal in die Rolle des Gebenden und nicht des Belastenden und des Opfers reinzudenken? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, die gerade hilfreich sein könnten?

Ich will es wissen, denn meine Ideen sind ja nur meine spontanen Ideen und Ansatzpunkte, die sich sicherlich noch ergänzen lassen. Fest steht: Mit Diabetes lässt sich leben. Wir leben seit Jahren damit und wir sind ganz normale und ganz unnormale, unterschiedliche Menschen mit Ängsten und Talenten, mit Vorlieben und Abneigungen, die gelernt haben, sich zu arrangieren und sich täglich zu spritzen oder alle paar Tage eine Kanüle zu setzen. Ja, das kann auch mal wehtun, unerträglich schwer scheinen, frustrieren und es bietet Raum für den ein oder anderen Perspektivwechsel.

Welcher Perspektivwechsel hat euch in den letzten Wochen die Augen geöffnet? Welche Tipps habt ihr?


Mehr Beitrage zum Thema Corona in der #BSLounge:

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast mit Dr. Katja Schaaf: Diabetes und Vorsätze – Strategien, die wirklich funktionieren
Neues Jahr, neue Vorsätze? In dieser Diabetes-Anker-Podcast-Folge spricht Dr. Katja Schaaf über funktionale Ziele für Menschen mit Diabetes. Es geht um Strategien zur Umsetzung, den Umgang mit Rückschlägen und wie moderne Diabetes-Technologien unterstützen können.
Diabetes-Anker-Podcast mit Dr. Katja Schaaf Diabetes und Vorsätze – Strategien, die wirklich funktionieren | Foto: privat

2 Minuten

Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt: #41 | Vorsorgeuntersuchung (2): Die Zähne
Mit 27 Jahren wurde bei Caro ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Erfahrt in dieser Kolumne alles über ihre außergewöhnliche Reise als junge Frau mit Diabetes.
Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt – #41: Vorsorgeuntersuchung (2): Die Zähne

3 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

    • @ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.

    • @schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

Verbände