Die Zukunft der Diabetesforschung

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Die Zukunft der Diabetesforschung

Der 100. Jahrestag der Entdeckung des Insulins ist ein Meilenstein in der Diabetes­forschung. Nach wie vor rettet die Behandlung mit Insulin vielen Menschen das Leben. Gleichzeitig sagt die Internationale Diabetes-Föderation (IDF) einen weltweiten Anstieg der Diabetesfälle auf 700 Millionen Patientinnen und Patienten bis zum Jahr 2045 voraus. Forschende des Helmholtz Zentrums München geben einen Ausblick auf die Zukunft der Diabetesforschung und mögliche Therapien.

Im Interview:


Dr. Carolin Daniel und Prof. Dr. Heiko Lickert forschen am Helmholtz Diabetes Center des Helmholtz Zentrums München.

Prof. Lickert konzentriert sich auf die Diabetes- und Regenerationsforschung, Dr. Daniel führt ihre Studien im Bereich der immuno­logischen Toleranz bei Diabetes durch.

Hundert Jahre Insulin in der Diabetologie haben das Leben von Millionen Menschen verändert. Seit der ersten Behandlung haben Wissen­schaftler:innen viel über dieses lebenswichtige Hormon gelernt. Werden wir jemals in der Lage sein, Diabetes zu heilen?
Dr. Carolin Daniel:
Unser großes Ziel ist es, dass eines Tages kein Kind mehr mit Typ-1-Diabetes neu diagnostiziert wird. Um dies zu erreichen, sind bevölkerungs­weite Tests von entscheidender Bedeutung. Die Tests werden dazu beitragen, Kinder zu erkennen, bei denen das Risiko besteht, an Typ-1-Diabetes zu erkranken – oder die sich in einem frühen Stadium der Krankheit befinden. Dies wird das Krankheits­management verbessern und die Möglichkeit bieten, Präventions­strategien einschließlich insulin­spezifischer Immun­therapien zu entwickeln und effizient anzuwenden.

Jüngste klinische Studien mit Immuntherapien zur Wieder­her­stellung der Betazell­funktion und zur Verhinderung oder Verzögerung des Fortschreitens des klinischen Typ-1-Diabetes zeigten viel­ver­sprechende Erfolge. Wir freuen uns sehr, dass diese Immun­therapien der erwarteten Zulassung durch die Zulassungs­behörden immer näherkommen.

Prof. Dr. Heiko Lickert: Derzeit behandeln alle verfügbaren Therapien die Symptome von Diabetes (d.h. hohe Blutzuckerwerte), nicht aber die eigentlichen Ursachen, den Verlust und die Fehlfunktion der Beta­zellen. Um den kontinuierlichen Anstieg der Neu­erkrankungen zu stoppen, sehen wir daher einen dringenden Bedarf an neuen Therapien, die die körpereigene Betazell­masse bzw. deren Funktion schützen oder regenerieren. Hier gibt es zwei vielversprechende Ansätze: Im ersten versucht man, die Regeneration der körpereigenen Betazellen herbeizuführen. Im zweiten Ansatz fokussiert man sich darauf, verlorene Zellen mit Betazellen aus menschlichen pluripotenten Stammzellen zu ersetzen. In beiden Fällen zeigt die Forschung äußerst vielversprechende Erfolge.

Insulin ist heute für viele Menschen mit Diabetes lebenswichtig oder sogar lebensrettend. Doch die Injektionen sind mit Neben­wirkungen verbunden. Wie stellen Sie sich die Behandlung von insulin­abhängigen Patient:innen in der Zukunft vor?
Prof. Lickert:
Heiko Lickert: Insulin wird seit fast 100 Jahren zur Behandlung eingesetzt, aber das erhöhte Risiko einer unbeabsichtigten Gewichtszunahme und bereits vorhandene oder neu entstehende Insulin-Autoantikörper schränken den breiteren Einsatz von Insulin auch als Präventivmittel ein. Die Insel­trans­plantation hat sich als erfolgreich erwiesen, um bei Menschen mit Typ-1-Diabetes wieder einen normalen Blutzucker­spiegel herzustellen. Bei der Transplantation muss jedoch das körpereigene Immunsystem unterdrückt werden, damit es das Transplantat nicht abstößt. Außerdem sind zu wenig Spenderorgane vorhanden, um alle damit zu therapieren.

Deshalb brauchen wir neue Möglichkeiten, um die funktionelle Betazell­masse zu schützen oder zu regenerieren und das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten. In Kombination mit Einzelzell­genomik, Bioinformatik und KI-Analysen identifizieren wir deshalb neue Zielstrukturen für regenerative Therapien. Kürzlich haben wir einen neuartigen, medikamentös behandelbaren Insulin-inhibitorischen Rezeptor namens Inceptor entdeckt. Wenn wir die Funktion von Inceptor blockieren, erhöht wird der Insulinsignalweg sensibler und das ist gut für die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Die klinische Umsetzung dieser Erkenntnisse könnte es ermöglichen, Betazellen zu schützen und/oder zu regenerieren, und damit Diabetes zu verhindern oder eine Remission herbeizuführen.

Dr. Daniel: Zusätzlich ist es wichtig zu bedenken, dass Insulin bei Typ-1-Diabetes auch das Hauptziel der Autoimmunreaktion ist, es wird regelrecht bekämpft. Dieses Wissen können wir für die Entwicklung künftiger insulin­spezifischer Immun­interventions­strategien nutzen. Zum einen forschen wir an neuen Ansätzen, um den Körper an das Hormon zu gewöhnen – Immuntherapie mit Insulin sozusagen. Zum anderen könnten auch neuartige mRNA-Impfstoffe helfen, um das Immunsystem entsprechend auf die Akzeptanz von Insulin zu trainieren. Weitere Möglichkeiten könnten sich aus der Kombination von insulin­spezifischer Immuntherapie mit anderen immun­adaptierenden Wirkstoffen ergeben.

Helmholtz Zentrum München
Das Helmholtz Zentrum München verfolgt als Forschungszentrum die Mission, personalisierte medizinische Lösungen zur Prävention und Therapie umweltbedingter Krankheiten für eine gesündere Gesellschaft in einer sich schnell verändernden Welt zu entwickeln. Es erforscht das Entstehen von Volkskrankheiten im Kontext von Umweltfaktoren, Lebensstil und individueller genetischer Disposition. Besonderen Fokus legt das Zentrum auf die Erforschung des Diabetes mellitus, Allergien und chronischer Lungenerkrankungen. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 2.500 Mitarbeitende und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands mit mehr als 43.000 Mitarbeitenden in 18 Forschungszentren.

Diabetes hat bereits eine epidemische Dimension mit steigenden Zahlen. Dennoch ist seine Dringlichkeit nicht omnipräsent. Was können wir aus der aktuellen COVID-19-Pandemie lernen?
Carolin Daniel:
Die globale Herausforderung COVID-19 hat deutlich gezeigt, dass wir in der Lage sind, in sehr kurzer Zeit erhebliche Fortschritte und sogar wissenschaftliche Durchbrüche zu erzielen. Aber dafür müssen Öffentlichkeit, Politik, Pharma­industrie und Forschung an einem Strang ziehen. Ein solch beeindruckender Fortschritt könnte auch bei Erkrankungen wie Diabetes möglich sein, wenn wir sie als die globale Bedrohung sehen, die sie tatsächlich sind, und unsere gemeinsamen Anstrengungen entsprechend verstärken.

Prof.Lickert: Derzeit sind weltweit 463 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, allein in Deutschland mehr als 7 Millionen. Alle sieben Sekunden stirbt ein Mensch an Diabetes. Keine der derzeitigen pharma­kologischen Behandlungen kann das Fortschreiten der Krankheit aufhalten oder die Entwicklung von mehr oder weniger schweren Komplikationen verhindern, die zu einem vorzeitigen Tod führen können. Die COVID-19-Pandemie hat uns vor eine große Heraus­forderung gestellt und deutlich gemacht, dass man mit einer unglaublichen gemeinsamen Anstrengung in kurzer Zeit lebens­verändernde wissen­schaftliche Ergebnisse erzielen kann. Darin liegt unser Antrieb.

Originalpublikation
Ziegler et al., 2021: 100 Years of Insulin: Lifesaver, immune target, and potential remedy for prevention. Med, DOI: 10.1016/j.medj.2021.08.003
Siehler, Blöchinger, et al., 2021: Engineering islets from stem cells for advanced therapies of diabetes. Nature Reviews Drug Discovery, DOI: 10.1038/s41573-021-00262-w

Quelle: Helmholtz Zentrum München | Redaktion

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  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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