Erfahrungsbericht vom ATTD-Kongress: Nicht ohne uns – Menschen mit Diabetes bei Fachtagungen

5 Minuten

Autorin Svea Krutisch steht neben einem Aufsteller des ATTD-Kongresses. Darauf steht: „The 15th International Conference on Advanced Technologies & Treatments for Diabetes – 27-30 April 2022, Barcelona & online – Welcome“
Foto: Svea Krutisch
Community-Beitrag
Erfahrungsbericht vom ATTD-Kongress: Nicht ohne uns – Menschen mit Diabetes bei Fachtagungen

Dieses Jahr fand der große ATTD-Kongress vom 27. bis 30. April in Barcelona in Spanien statt. Dort wurden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Innovationen vorgestellt. Svea war vor Ort dabei und teilt in diesem Erfahrungsbericht ihre Erlebnisse und Erkenntnisse als Menschen mit Diabetes auf einem der eine der größten internationalen Diabetes-Fachtagungen.

Schon seit meiner Diabetes-Diagnose vor knapp viereinhalb Jahren war es ein großer Wunsch von mir, hier einmal vor Ort dabei sein zu können, wenn die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Technologien im Diabetes-Bereich vorgestellt werden. Schon immer habe ich mich besonders für Wissenschaft und Technologien begeistert. Und kaum irgendwo anders tummeln sich so viele Neuvorstellungen wie hier auf dem ATTD-Kongress. Die Abkürzung steht für Advanced Technologies & Treatments for Diabetes, übersetzt etwa “Fortgeschrittene Technologien & Therapien für Diabetes”. Nach den letzten zwei Jahren, in denen der Kongress Pandemie-bedingt nur online stattgefunden hatte, war es dieses Jahr erstmals eine Hybrid-Veranstaltung mit Teilnehmenden vor Ort und online.

Steckbrief: Svea Krutisch

  • Alter: 26 Jahre
  • Diabetes: seit ca. 4,5 Jahren Typ-1-Diabetes und zuvor ca. ein halbes Jahr die Fehldiagnose Typ-2-Diabetes
  • Therapie: DIY-Loop (Sensor Dexcom G6 und Insulinpumpe MiniMed Paradigm 722)
  • Beruf: tätig als Projekt- und Kommunikationsmanagerin bei der Community-App meala (akademischer Hintergrund in Sprachwissenschaften und Technik-/Wissenschaftskommunikation), nebenbei ehrenamtlich bei Blickwinkel Diabetes aktiv
  • Hobby: wenn neben den diversen Diabetes-Tätigkeiten noch Zeit bleibt, bin ich großer Fan von DIY-Projekten, lese gern und verbringe Zeit mit meinen beiden Katzen
  • Kontakt: s.krutisch@web.de, @type1sveabetes auf Instagram

Loopen und automatisierte Insulin-Abgabe

Besonders das Thema Loopen, oder auch AID (Automated Insulin Delivery, in Deutsch etwa “automatisierte Insulin-Abgabe”), wurde hier viel besprochen. Das Loopen beschreibt die Verknüpfung von einem Gewebezucker-Sensor und einer Insulinpumpe. Damit kann automatisch mittels eines Algorithmus mehr oder weniger Insulin je nach aktuellem Zuckerwert zugeführt werden. Besonders in der Community der Menschen mit Typ-1-Diabetes gibt es hier bereits seit einiger Zeit inoffizielle selbstgebaute Systeme (Do-it-yourself- oder DIY-Systeme). Diese kommen aber in den letzten Jahren langsam, aber sicher auch in der offiziellen Versorgung an.

Hier gibt es neben dem Loop-System MiniMed 780G zum Beispiel auch einige Systeme, die mit dem Sensor Dexcom G6 arbeiten. Hier auf dem ATTD wurde nun erstmals die neue Generation Dexcom G7 vorgestellt. Eine wichtige Frage dabei war natürlich: Werden die bestehenden Loop-Systeme auch mit dem Dexcom G7 arbeiten können? Mit der Antwort müssen wir uns aber wohl noch etwas gedulden. Denn natürlich dauert es eine Weile, bis nach Markt-Einführung die Gespräche mit Pumpen-Herstellern abgeschlossen sind und das System getestet werden konnte.

Das erste #dedoc°-Symposium aus der Community

Über das Loopen sprach auch die DIY-Koryphäe Dana Lewis aus der Community beim #dedoc°-Symposium. Ich bin selbst als #dedoc° voice hier und freue mich darüber besonders. Es ist das erste Mal, dass ein Symposium aus der Diabetes-Community im Programm eines so wichtigen Kongresses zu finden ist. Neben dem DIY-Loopen ging es hier auch um den Zugang zu Insulin und die Stigmatisierung der verschiedenen Diabetes-Typen.

Über dieses Thema habe ich kurz nach meiner eigenen Diagnose selbst meine Bachelor-Arbeit geschrieben. Und leider findet es noch immer in der medizinischen Forschung und Versorgung wenig Beachtung. Deshalb ist es so wichtig, dass es hier von der Organisation diaTribe und #dedoc° auf die große Bühne geholt werden konnte. Einer der wichtigsten Aspekte, die ich auch selbst erlebt habe: Auch – oder gerade – innerhalb der Diabetes-Community gibt es große Probleme mit Stigmatisierung.

Oftmals fühlen sich Menschen mit Typ-1-Diabetes verleitet, ihre Autoimmun-Erkrankung ausdrücklich von Typ-2-Diabetes abzugrenzen. Dies ist aber für Menschen mit Typ-2-Diabetes tückisch und führt hier umso mehr zu Stigmatisierung. Wichtig ist deshalb: Die verschiedenen Diabetes-Typen sind mit unterschiedlichen Stigmata besetzt. Wir alle aus der Community sollten hier aber an einem Strang ziehen, um Falschinformationen und Vorurteile abbauen zu können!

Weitere Informationen

Das #dedoc-Symposium “What We Wish You Knew and Why” gibt es frei abrufbar online anzuschauen: dedoc.org/dedoc-attd-symposium-2022. DiaTribe hat für die Entstigmatisierung aller Diabetes-Typen eine Website ins Leben gerufen. Diese enthält u.a. einen sprachlichen Leitfaden (auf Englisch): dStigmatize.org.

COVID-19 und Diabetes

Ein wichtiges Thema der letzten zwei Jahre war natürlich der Zusammenhang von COVID-19 und Diabetes. Hier wurden aktuelle Studien-Daten vorgestellt, bei denen ich einmal mehr dankbar bin, mittlerweile die Impfung erhalten haben zu können. Denn Diabetes – jeder Typ, nach aktuellen Daten jedoch vermutlich sogar Typ 1 etwas mehr – ist ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf bei COVID-19. Die Sterblichkeit ist mit einem Diabetes tatsächlich ganze 2- bis 3-Mal höher als ohne Diabetes. Das Risiko erhöht sich hier mit steigendem Alter, männlichem biologischen Geschlecht, höheren Blutzucker-Werten, Begleit-Erkrankungen und hängt auch von der Ethnizität ab.

Der Grund für dieses hohe Risiko ist meist die Gefahr, eine diabetische Ketoazidose aufgrund hoher Blutzucker-Werte zu entwickeln. Denn bei einem Infekt steigt bei uns der Insulin-Bedarf. Bei COVID-19 kommt hinzu, dass die wirksamste Behandlung gegen den schweren Verlauf eine Behandlung mit Kortison ist, die umso mehr zu steigenden Blutzucker-Werten führt und deshalb einen eigenen kleinen Teufelskreis verursacht. Insgesamt machen Menschen mit Diabetes deshalb leider tatsächlich 40 Prozent aller COVID-19-Toten aus, wie Antonio Ceriello (Italien) berichtete.

Neue Technologien und Produkte

Besonders spannend war es, durch die Technologie-Ausstellung zu spazieren. Hier waren kleine Start-ups bis hin zu großen Unternehmen wie Dexcom und Abbott vertreten und es gab einige Innovationen zu sehen. Einer der gefragtesten Stände war Dexcom mit der Vorstellung des neuen Gewebezucker-Sensors Dexcom G7. Er hat im Vergleich zum Vorgänger ein verändertes Erscheinungsbild und benötigt auch nicht mehr einen separaten Transmitter zum Senden der Werte an den Empfänger.

Besonders attraktiv finde ich persönlich, dass die Aufwärmzeit auf eine halbe Stunde verkürzt wurde und es eine 12-stündige Möglichkeit zum Verlängern gibt, sodass man den Sensor-Wechsel flexibel in den Alltag integrieren kann. International wurde hier außerdem der Dexcom One für England vorgestellt, der dort für alle Menschen mit der nationalen Krankenversicherung verfügbar sein wird und im Vergleich zum Dexcom G6 dafür weniger flexibel ist beim Verknüpfen mit anderen Geräten wie Insulinpumpen.

Der neue Sensor Dexcom G7 (rechts) ist kleiner als sein Vorgänger (links) und außerdem nun rund. | Foto: Svea Krutisch
Diabeloop arbeitet an einer Verbindung von Glukose-Sensor und Smart-Pen. | Foto: Svea Krutisch

Aber auch neue Pumpen wie die wiederverwendbare Patch-Pumpe von Sigi oder das Loop-System von Medtrum waren hier ausgestellt. Dieses Jahr waren besonders Smart-Pens sehr beliebt – sie digitalisieren die ansonsten sehr analogen Insulin-Pens. Diabeloop arbeitet hier sogar an einem Smart-Pen mit Loop-Algorithmus. So sollen die Vorteile des Loopens auch Menschen zugänglich gemacht werden können, die keine Insulinpumpe tragen möchten.

“Lösungen für echte Probleme finden”

Neben der Möglichkeit, die neuesten Innovationen hier vor Ort sehen zu können, nutzten wir #dedoc° voices die Chance, um einige Fragen aus Sicht unserer eigenen Erfahrungen sowohl an die Hersteller als auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu stellen. Denn wie die Gesundheitspsychologin Prof. Dr. Katharine Barnard-Kelly in einem ihrer Vorträge betonte, sollte es das Ziel der Forschung und Versorgung sein, “Lösungen für echte Probleme zu finden”.

Das Einbeziehen von uns, die tagtäglich mit Diabetes leben, sollte deshalb auf Konferenzen und in der Wissenschaft keine Seltenheit sein – leider sieht das in der Realität oft anders aus. Unser Erfahrungswissen aus dem eigenen Leben mit Diabetes wird oft zu wenig anerkannt. Deshalb bin ich sehr dankbar, vor Ort beim ATTD-Kongress dabei gewesen sein zu können, und setze mich auch beim Projekt Blickwinkel Diabetes für eine Stärkung dieser Sicht ein. Denn im Endeffekt gilt #NothingAboutUsWithoutUs – nicht ohne uns, wenn über uns gesprochen wird!


von Svea Krutisch

Svea Krutisch ist Projekt- und Kommunikationsmanagerin bei der Ernährungs-App meala und lebt mit Typ-1-Diabetes. Sie engagiert sich bei den „#dedoc° voices“ und der Plattform „Blickwinkel Diabetes“.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (8) Seite 40-42

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  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 4 Wochen

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße