Früh erkennen: Psyche oder Diabetes?

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Früh erkennen: Psyche oder Diabetes?

Durst und vermehrtes Wasserlassen sind oft typische Symptome einer Diabeteserkrankung. Bei älteren und alten Menschen kann eine Erkrankung aber mit ganz anderen Symptomen einhergehen – wie bei der 76-jährigen Erna S., deren Geschichte hier geschildert wird und die das Glück hatte, in einer „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“ aufgenommen worden zu sein.

Die 76-jährige Erna S. kam in Begleitung ihrer Enkelin zur stationären psychiatrischen Aufnahme. Seit Wochen fühlte sie sich zunehmend müde und erschöpft, konnte zuletzt kaum mehr das Haus verlassen. Das Essen schmeckte ihr nicht mehr, ca. 7 Kilogramm hatte sie im letzten halben Jahr abgenommen. Seit dem Tod ihres Ehemannes und dem Suizid ihres Sohnes waren immer wieder Depressionen aufgetreten, diesmal hatten Antidepressiva keinerlei Besserung gebracht. „Schwere depressive Episode“ – so lautete die Einweisungsdiagnose.

Zu den standardisierten Abläufen in einer „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“ gehört die Blutzuckerkontrolle am Aufnahmetag. Bei Erna S. lag der Blutzucker bei 271 mg/dl (15 mmol/l), der Urinzucker war dreifach positiv, der HbA1c-Wert bei 11,8 Prozent. Ein spät einsetzender Typ-1-Diabetes (LADA) konnte ausgeschlossen werden; Erna S. hatte also Typ-2-Diabetes. Es bestand ein deutlich beschleunigter Herzschlag (Herzfrequenz 130 Schläge pro Minute), vermutlich als Nebenwirkung der Antidepressiva.

Rund 2,1 Mio. Patienten mit der Nebendiagnose Diabetes werden in Deutschland jährlich stationär behandelt. Ziel des Zertifikats „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“ ist es, die Grundversorgung dieser Patienten in Krankenhäusern zu verbessern.

Unter einer intensivierten Insulintherapie ging es der anfangs bettlägerigen Frau von Tag zu Tag besser. Problemlos erlernte sie die Insulininjektion sowie die Blutzuckerselbstmessung. Zu den wichtigsten Diabetesthemen führten die Ärzte eine individuelle Basisschulung durch. Nachdem Erna S. körperlich wieder stabil war, konnte die depressive Episode erfolgreich mit Psychotherapie behandelt werden, die Antidepressiva wurden bereits am Aufnahmetag abgesetzt.

Nach vier Wochen ging Erna S. psychisch und körperlich gut stabilisiert nach Hause – eine strukturierte Diabetesschulung in einem heimatnahen Diabeteszentrum und eine weitere ambulante Psychotherapie wurden vereinbart.

Depressionen nach dem 65. Lebensjahr werden als Depression im Alter oder Altersdepression bezeichnet. Neuere Studien zeigen eine Häufigkeit von 8 Prozent um das 65. Lebensjahr mit Anstieg auf 15 Prozent um das 85. Lebensjahr. Für Bewohner von Heimen wurde sogar eine Depressionsrate zwischen 15 und 25 Prozent ermittelt. Mit zunehmendem Alter steigt auch das Selbstmordrisiko kontinuierlich an. Etwa 30 Prozent aller Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt.

Depression im Alter: Manchmal ist die Abgrenzung schwierig

Diagnostik und Therapie der Altersdepression sind eine besondere Herausforderung. So leiden ältere Menschen häufiger an begleitenden körperlichen Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden wie eine Depression verursachen können wie allgemeine Schwäche oder Schlafstörungen. Auch können Medikamente, die zur Therapie körperlicher Erkrankungen eingesetzt werden, depressive Symptome hervorrufen, z. B. Medikamente gegen Bluthochdruck (Clonidin, Betablocker), Interferone, bestimmte Antibiotika, L-Dopa oder Kortison.

Stehen bei einer Altersdepression körperliche Symptome im Vordergrund, werden diese oft fälschlich als Zeichen normaler Alterungsprozesse gewertet. In solchen Fällen liefern besonders typische Symptome wie Bedrücktsein, Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Sorgen und unbegründete Ängste wichtige Hinweise darauf, dass auch eine Depression vorliegt.

Grundlage der Diagnose ist eine gründliche internistische und neurologische Untersuchung sowie die Bestimmung von Laborwerten (Blutbild, Blutzucker, Blutsalze, Schilddrüsenwerte, Vitamin-B12- und Folsäurespiegel, Leber- und Nierenwerte).

Testen Sie selbst Ihr Wohlbefinden

Auf den letzten Seiten des Gesundheitspasses Diabetes finden Sie einen kurzen Test der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum aktuellen Wohlbefinden. Machen Sie ein Kreuz bei der Antwort, die am ehesten auf Sie zutrifft. Zählen Sie anschließend die fünf Zahlen zusammen, die sich aus Ihren Antworten ergeben. Maximal können Sie 25 Punkte erreichen, minimal 0 Punkte. Je höher die Punktzahl ist, desto besser ist Ihr aktuelles Wohlbefinden:

  • Ein Punktwert unter 13 ist ein deutlicher Hinweis auf ein momentan eher schlechtes Wohlbefinden.
  • Ab einem Punktwert unter 10 sollten Sie auf jeden Fall von sich aus Ihren Arzt ansprechen, der mit Ihnen besprechen sollte, was die Ursache für Ihr momentan eher eingeschränktes Wohlbefinden ist.

Am Beginn der Behandlung eines Menschen mit einer depressiven Störung steht das Aufklärungsgespräch, in dem schon eine realistische Hoffnung auf Besserung vermittelt werden kann. Die Psychotherapie ist bei der Depression im Alter ein wirksames Therapieverfahren; eine große Studie fand keinerlei Unterschied in der Wirksamkeit bei älteren im Vergleich zu jüngeren Menschen.

Dennoch sind Ältere, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, in psychotherapeutischen Behandlungen deutlich unterrepräsentiert. Antidepressiva sind die wichtigste Medikamentengruppe bei der Behandlung der Depression, müssen allerdings bei älteren Menschen sehr sorgfältig ausgewählt werden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.

Diabetes – aber mit allen Anzeichen der Depression

Ein stationärer Aufenthalt in einer psychia­trisch-­psychosomatischen Klinik dauert in der Regel mehrere Wochen. Über diesen Zeitraum ist es für die Betroffenen von großer Bedeutung, dass nicht nur die seelische Erkrankung in den Blick kommt, sondern dass der Mensch ganzheitlich „an Leib und Seele“ behandelt wird.

Der konkrete Fall zeigt, dass ein entgleister Diabetes mit allen Anzeichen einer schweren depressiven Episode einhergehen kann: depressive Stimmung mit sozialem Rückzug, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Konzentrationsprobleme, negative Zukunftsgedanken, verminderter Appetit und Schlafstörungen. Typische Diabetessym­ptome wie Durst und vermehrtes Wasserlassen fehlen im Alter oft.


von Dr. med. Johannes Bauer
Dr. Bauer arbeitete bis November 2018 als Diabetologe und Psychotherapeut im Sigma-Zentrum für Akutmedizin Bad Säckingen, seit 2014 mit DDG-Zertifikat „Klinik für Diabetespatienten geeignet“. Seit Dezember 2018 ist er als leitender Arzt Psychosomatik in der Rhein-Jura Klinik Bad Säckingen tätig. Kontakt über die Redaktion.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (2) Seite 32-33

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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 1 Monat

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße