Apotheker Manfred Krüger im Interview: Probleme erkennen und lösen

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Apotheker Manfred Krüger im Interview: Probleme erkennen und lösen | Foto: Dirk Deckbar
Foto: Dirk Deckbar
Apotheker Manfred Krüger im Interview: Probleme erkennen und lösen

Der Apotheker Manfred Krüger aus Krefeld gehört seit Jahrzehnten wie ein stabiler Anker in die Diabetes-Szene. Für ihn ging und geht es immer um die Menschen, die Hilfe bei ihm suchen – und sie bekommen. Im Interview berichtet er über sein Engagement.

Im Interview: Manfred Krüger

Manfred Krüger setzt sich schon sein ganzes Apotheker-Leben für die Menschen, die Hilfe benötigen, ein. „Für mich ist diese patientenzentrierte Haltung sehr wichtig: dass man zuhört, dass man versteht, warum Dinge nicht funktionieren“, fasst er seine Grundeinstellung zusammen. Vertrauen zu seinen Kundinnen und Kunden aufzubauen, gehörte immer dazu. „Natürlich ist es so, dass gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen häufig eine feste Apotheke haben. Man sieht den Patienten also nicht nur einmal, sondern lebt mit ihm seine Geschichte.“

Manfred Krüger (Foto: privat)

Gemeinsam Probleme angehen

Aber es blieb und bleibt bei ihm nicht beim Verstehen. Wenn etwas nicht funktioniert, will der Krefelder es lösen. So ging er früh auf andere Berufsgruppen zu, die vor den gleichen Problemen standen. Es ging um eine bessere Versorgung, es geht um den Diabetes-Müll, um nur zwei Beispiele zu nennen. Waren es zuerst nur persönliche Kontakte und Gespräche, erweiterten sich die Kreise schnell – und das Gründen von Kommissionen und Arbeitsgemeinschaften in den Fachgesellschaften der Apotheker und Diabetologen war die logische Folge. Auch wenn Manfred Krüger heute offiziell im Ruhestand ist, bleibt er weiter ehrenamtlich in diesen Gruppen aktiv.

Einsatz für Menschen in extremer Armut

Das aus dem Beruf entstandene Engagement ist das eine. Seit 37 Jahren setzt er sich zudem im Verein NETZ Bangladesch ehrenamtlich für Ernährungssicherung, Bildung und Menschenrechte in Bangladesch ein. Ziel ist es, für Menschen in extremer Armut „Einkommen zu schaffen, Bildung und Kenntnisse zu vermitteln und Zugang zu vorhandenen Dienstleistungen zu eröffnen, sodass sie ihr Leben eigenständig und in Würde leben können“.

Diabetes-Anker (DA): Manfred, was bringt einen Apotheker dazu, sich so wie du dem Diabetes zu verschreiben?

Manfred Krüger: Das war ganz spannend. Ich habe mich vor vielen Jahren mit einem Diabetologen zusammengesetzt, weil wir sehr viele Menschen mit Diabetes bei mir in der Apotheke betreut haben, bei denen eigentlich die Betreuung unzureichend war, sodass wir gesagt haben, dass die Menschen mit Diabetes viel stärker sowohl in der Arztpraxis als auch in der Apotheke betreut und, ich sage mal vorsichtig, auch verstanden werden sollten. Dann haben wir in Krefeld alle Menschen, die sich für dieses Thema interessieren, eingeladen und haben gedacht, da kommen fünf, sechs Leute.

Aber da waren dann weit über 100 Leute, die eine Art Arzt- und Apotheker-Beschimpfung gemacht und uns all die Dinge um die Ohren gehauen haben, die sie negativ fanden an der Betreuung, sowohl in der Arztpraxis als auch in der Apotheke. Danach haben der Diabetologe und ich uns zusammengesetzt und gesagt, dass das so nicht weitergehen kann. Sowohl hier in Krefeld als auch in der Deutschen Diabetes Gesellschaft haben wir uns gemeinsam Schritte überlegt, um das voranzubringen. So habe ich mich engagiert in verschiedenen Aktivitäten und Kommissionen.

DA: Du hast gesagt, du hast dich mit einem Diabetologen zusammengesetzt. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Manfred Krüger: Wenn man als Apotheker viele Menschen mit Diabetes betreut, hat man automatisch auch zu den Diabetologen Kontakt. Da treten immer wieder Fragen auf zur Therapie, zur Verordnung von Medikamenten oder wenn der Patient Fragen hat, die ich ohne die Information des Arztes nicht beantworten kann. Und dadurch war eine gemeinsame Basis da, um sich auszutauschen. Daraus ist später eine Freundschaft geworden, aber damals war es ein Austausch unter Fachkollegen.

DA: Lass uns noch mal einen kleinen Blick ganz in deine Anfänge werfen. Was hat ursprünglich dein Interesse für die Pharmazie geweckt?

Manfred Krüger: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ursprünglich wollte ich etwas im Bereich Politikwissenschaften oder Philosophie machen. Aber dadurch, dass meine beiden Eltern Apotheker waren und jeweils eine Apotheke besaßen, war eine familiäre Verbundenheit zu diesem Beruf da und ich bin praktisch in der Apotheker groß geworden. Deshalb habe ich mich doch entschieden, in die Fußstapfen meiner Eltern zu treten.

DA: Sodass quasi, nachdem du entschieden hast, in die Fußstapfen deiner Eltern zu treten, für dich ziemlich klar war, dass du Apotheker und Eigentümer der Apotheke in Krefeld wirst? Oder gab es auch noch alternative Berufswege als Pharmazeut für dich?

Manfred Krüger: Ja, ich hatte mir überlegt, dass ich an der Uni bleibe und promoviere, weil mich bestimmte Themen sehr interessiert haben. Aber leider ist in dieser Zeit, als ich den Abschluss an der Uni Bonn gemacht habe, mein Vater verstorben. Von daher war es notwendig, die Apotheke schnell zu übernehmen, damit sie entsprechend weiterlaufen konnte. Jahre später, als das gesetzlich möglich war, habe ich dann auch die Apotheke meiner Mutter übernommen, die sie vorher verpachtet hatte. So hatte ich bis zu meiner Pensionierung zwei Apotheken.

DA: Wie hat in der Apotheke der Diabetes deine Arbeit berührt und beeinflusst?

Manfred Krüger: Ich habe von Anfang an das Konzept verfolgt, dass die Aufgabe des Apothekers nicht ist, nur eine Packung zu übergeben und ein paar Worte dazu zu sagen, sondern dem Menschen, der mit einer Erkrankung vor einem steht und eine Menge Fragen hat, die er nicht alle zum Beispiel in der Arztpraxis beantwortet bekommen hat, die mit jemandem zu teilen, zu dem er Vertrauen hat und wo er der Meinung ist, dass seine Sach- und Fachkenntnis ihm weiterhelfen kann.

Diese Art der pharmazeutischen Betreuung haben wir versucht, von Anfang an in der Apotheke umzusetzen. Heute würde man sagen: patientenorientierte oder -zentrierte Beratung und Versorgung, also die Individualisierung der Therapie. Damals hieß es eben pharmazeutische Betreuung und bedeutete, dass man die Lebenssituation des Patienten spiegelte mit den Therapievorgaben. Unter Umständen stellte man dann fest, dass beides nicht zusammenpasste.

Ein Beispiel: Morgens, mittags und abends sollte eine Frau die Tabletten einnehmen oder das Insulin spritzen. Diese Frau stand morgens um drei Uhr auf, um mit ihrem Mann zu frühstücken, der anschließend zur Arbeit, also Schichtarbeit, fuhr. Das ist ein ganz anderer Biorhythmus und eine ganz andere Voraussetzung als bei jemandem, der morgens um 8 Uhr, mittags um 13 Uhr und abends um 18 Uhr die Möglichkeit hat, seine Tabletten zu nehmen oder sein Insulin zu spritzen und auch diesen Lebensrhythmus hat mit Schlaf- und Wachrhythmus.


„Für mich ist diese patientenzentrierte Haltung sehr wichtig: dass man zuhört, dass man versteht, warum Dinge nicht funktionieren. “


Das heißt, wir haben oft gemerkt, dass die Vorgaben, die Patienten von uns oder den Ärzten bekommen haben, nicht in ihr Leben passten, sie aber den Wunsch hatten, die Therapie möglichst optimal umzusetzen und dieses im Gespräch mit mir bzw. meinen Mitarbeiterinnen zu klären und zu sehen, ob man gemeinsam zu einer Lösung kommt. Heute heißt das auch im Rahmen der Nationalen VersorgungsLeitlinien partizipative Entscheidungsfindung. Damals haben wir eigentlich mit diesem Ansatz begonnen und den dann Stück für Stück sowohl praktisch ausprobiert in der Apotheke als auch versucht, ihn wissenschaftlich weiter zu evaluieren und weiterzuentwickeln.

Für mich ist diese patientenzentrierte Haltung sehr wichtig: dass man zuhört, dass man versteht, warum Dinge nicht funktionieren. Denn wir wissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass viele der Medikamente nicht eingenommen werden – aber nicht, weil die Leute dumm oder faul sind, sondern weil der Lebensrhythmus nicht zu unseren Vorgaben passt. Besser wäre es, den Patienten zuzuhören und mit ihnen gemeinsam eine Entscheidung zu treffen, die für ihr Leben das Richtige wäre.

Man ist teilweise überrascht, wie die Ergebnisse besser werden, als wenn man pauschale Vorgaben macht, die doch keiner einhält. Ich glaube, bei den oralen Antidiabetika werden 40 Prozent der Medikamente nicht so eingenommen, wie sie eigentlich einzunehmen wären. Und dann wundert man sich, warum die Ergebnisqualität so schlecht ist, warum wir so viele Herz-Kreislauf-Probleme haben.

DA: Wie selbstverständlich war das in deinen Anfängen in der Apotheke, dass Patientinnen und Patienten konkret Sachen gefragt haben, die sie sich nicht getraut haben, den Arzt zu fragen oder vom Arzt einfach aus Zeitgründen nicht beantwortet worden waren?

Manfred Krüger: Dazu gehört natürlich, dass man ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Das kann auf professionelle Weise geschehen, indem man eine bestimmte Fragetechnik entwickelt, sodass der Patient daran gewöhnt ist, nicht nur nach der Zuzahlung und nach einer Zeitschrift gefragt zu werden, sondern gefragt wird, wie er mit seiner Medikation zurechtkommt – heute heißt das Adhärenz – und praktisch jeden Tag seine Krankheit versteht und bearbeitet.

Dieses Vertrauensverhältnis erfolgt natürlich auch durch Tradition. Ich war Apotheker in einem Ort, in dem ich groß geworden bin, das heißt, die Leute kannten mich aus verschiedenen Kontexten und ich kannte ihre Eltern, ihre Kinder. Dadurch entsteht natürlich auch ein Vertrauensverhältnis.

Ich glaube, dass beides möglich ist: es auf der einen Seite auf eine professionelle Art zu realisieren, es auf der anderen Seite aber auch zu kombinieren mit persönlichen Kontakten und Verbindungen. Und natürlich ist es so, dass gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen häufig eine feste Apotheke haben.

Man sieht den Patienten also nicht nur einmal, sondern lebt mit ihm seine Geschichte. Man weiß, wo er herkommt, welche Sachen er schon mal ausprobiert hat, wo vielleicht Probleme im häuslichen Umfeld sind und wie man das alles miteinander verbinden kann. Das ist eine kontinuierliche Betreuung, die man, denke ich, auch beim Hausarzt findet, der natürlich auch seine Patientinnen und Patienten nach einer bestimmten Zeit viel besser kennt, Hausbesuche gemacht hat und Ähnliches.

DA: Wie kam es dann zum Schritt in die Deutsche Diabetes Gesellschaft als Fachgesellschaft der Ärzte?

Manfred Krüger: Das fing damit an, dass der Diabetologe und ich uns überlegt hatten, einen Arbeitskreis in Krefeld für Apotheker und Ärzte einzurichten, der ein-, zweimal im Jahr gemeinsame Fortbildungen angeboten hat zum Thema Diabetes und Versorgung der Patientinnen und Patienten. Wir haben das dann Stück für Stück zu einem Qualitätszirkel aufgebaut, der auch von beiden Kammern, Ärzte- und Apothekerkammern, zertifiziert wurde mit Fortbildungspunkten.

Ich selbst habe dann theoretisch aus diesen Konzepten, die wir in der Apotheke und mit den Diabetologen zusammen entwickelt hatten, einen Stufenplan für Apotheken und die Apotheken-Qualifizierung entwickelt, wie man im Bereich Apotheke eine viel qualifiziertere Beratung und Betreuung in Kommunikation und Kooperation mit den behandelnden Ärzten aufbauen kann.

Darauf ist die Bundesvereinigung der deutschen Apothekerschaft, die ABDA, aufmerksam geworden und hat mich eingeladen, dieses Stufenkonzept vorzustellen. Und aus diesem Stufenkonzept haben wir ein Fortbildungskonzept für alle Kammern in Deutschland entwickelt zum Thema Diabetes. Das wurde dann eine zertifizierte Fortbildung für Apothekerinnen und Apotheker. Inzwischen haben sich über 7000 Leute entsprechend qualifiziert.


„In der Apotheke geht es hauptsächlich um die Frage der Prävention, der Entdeckung des Prädiabetes, und Menschen, die das Risiko haben, Diabetes zu haben, einer Diagnose und Therapie zuzuführen.“


Und dann war es so, dass Professor Ammon, der gerade DDG-Präsident war und gleichzeitig Apotheker und Arzt, auf die Idee kam in der Kommunikation mit anderen, auch mit mir und Professor Martin Schulz, ob es nicht sinnvoll sein könnte, dass die Bundesapothekerkammer und die Deutsche Diabetes Gesellschaft eine gemeinsame Kommission gründen, die paritätisch besetzt ist, um auf Bundesebene diese Fragen zu diskutieren und den Kolleginnen und Kollegen auf beiden Seiten, Ärzten und Apothekern, zur Verfügung zu stellen. Das war vor über 25 Jahren, als wir diese Kommission gegründet haben, und sie existiert bis heute und arbeitet aktiv.

Wir hatten dann ein Konsensuspapier entwickelt mit der Fragestellung: Was ist die Rolle und Aufgabe, die Verantwortung des Arztes und des Apothekers? Dieses wurde sowohl von der Spitze der Apothekerschaft, der Bundesapothekerkammer, als auch vom Vorstand der DDG verabschiedet. Aufgabe des Arztes war nach wie vor, die Diagnose zu stellen und die Therapie festzulegen. In der Apotheke geht es hauptsächlich um die Frage der Prävention, der Entdeckung des Prädiabetes, und Menschen, die das Risiko haben, Diabetes zu haben, einer Diagnose und Therapie zuzuführen.

Und die Therapie-Umsetzung, also die Frage, wie man mit den Medikamenten umgeht, die verordnet wurden. Und in der Kooperation zwischen Arzt und Apotheker dafür zu sorgen, dass die Therapie optimal umgesetzt wird von den Patientinnen und Patienten – und zwar im Gleichklang zwischen Apotheker und Arzt, damit der Patient nicht verunsichert, sondern gestärkt wird und zwei Ansprechpartner hat, die ihm kompetent jeweils in den Bereichen Antworten geben können.

DA: Wie läuft die Arbeit in der Kommission Apotheker in der Diabetologie und allgemein die Zusammenarbeit in der DDG heute?

Manfred Krüger: Das ist eine gute Zusammenarbeit. Es gibt immer wieder bei neuen Elementen, jetzt den neuen pharmazeutischen Dienstleistungen zum Beispiel, kritische Punkte oder Fragen, die man gemeinsam diskutieren muss. Das gehört, finde ich, ganz normal zum Geschäft, dass immer wieder durch neue Entwicklungen Fragestellungen aufgeworfen werden, die man gemeinsam beantworten kann.

Sowohl bei den Hausärzten als auch bei den Diabetologen ist natürlich die Anzahl der Aufgaben, die heute im Gesundheitswesen auf diese beiden Ärztegruppen zukommen, so massiv, dass zusätzliche Leistungen so gut wie überhaupt nicht mehr möglich sind. Der Druck ist so groß, dass ein Aufteilen der Aufgaben und eine bessere Vernetzung geradezu zwingend sind, um einigermaßen eine Qualität in der Versorgung, gerade von Menschen mit chronischen Erkrankungen, aufrechtzuerhalten.

Wir haben auch gemeinsame Seminare und Vorlesungen in verschiedenen Universitäten für Ärzte und Apotheker. Die jungen Ärzte sehen Apotheker eher als jemanden, der ihnen zusätzliche Luft verschafft und Beratungsqualität für den Patienten bringt, sodass eben nicht so viel allein auf der Arztpraxis lastet. Ich habe immer als Beispiel gesagt: Wenn man als Hausarzt eine spezielle kardiologische Frage hat, überweist man an den Kardiologen, bei einer nephrologischen Frage an den Nephrologen.

Es wäre gut, wenn im allgemeinen Verständnis wäre, dass, wenn es um Medikamente geht, wir auch einen Fachmann haben, nämlich den Apotheker – und man dann eben an den Apotheker überweist. Der Arzt hat dann wahrscheinlich ein sehr gutes und ruhiges Gefühl, wenn er weiß, dass die Patienten mit der von ihm festgelegten Therapie in der Apotheke gut aufgehoben sind und da auch entsprechend informiert werden.

DA: Du bist auch seit Langem im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Prävention der DDG. Was war dort deine Rolle als Apotheker?

Manfred Krüger: Es ist so, dass die Apotheken in Deutschland pro Tag etwa drei Millionen Kontakte haben, weil nicht nur Patientinnen und Patienten in die Apotheke kommen, sondern auch Menschen mit leichten Gesundheitsstörungen oder Ähnlichem. Das heißt, es ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, mit Menschen über ihre Fragestellungen in Kontakt zu kommen.

Und wenn man Patienten hat, die sich nach ihrem Blutdruck erkundigen oder nach Möglichkeiten abzunehmen, dann erkennt man natürlich Risikofaktoren des Metabolischen Syndroms, die durchaus Hinweise geben können, dass Menschen entweder schon einen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht oder was auch immer haben oder darauf zusteuern.

Und in der Apotheke ist es möglich, den Blutdruck und bestimmte Blutwerte zu messen, daraus ein Beratungskonzept zu entwickeln und Patienten zu identifizieren, die unbedingt einer Diagnose und Therapie zuzuführen sind, weil das mit Lebensstil- oder Verhaltens-Änderungen nicht in den Griff zu bekommen ist.

DA: Sodass du auch in dieser Arbeitsgemeinschaft diese Schnittstellenfunktion vertreten hast?

Manfred Krüger: Ganz genau. Wir haben zum Beispiel Überleitungsbögen entwickelt: Wenn der Patient bestimmte Dienstleistungen in der Apotheke wahrnimmt, füllen wir einen Bogen aus, der als Informationsbogen für die Arztpraxis zu sehen ist. Darin stehen die Werte mit Daten und Ergebnissen.

Darunter steht immer der Satz: „Zu allen weiteren Dingen wird Sie der Arzt entsprechend informieren.“ Damit nicht der Eindruck entsteht, dass wir eine Diagnose stellen, sondern dass das ein ein- oder zweimal situativ gemessener Wert war, der außerhalb des Normbereichs lag. Wir geben dann nur den dringenden Hinweis: „Sie müssen das diagnostisch abklären.“ Wir hoffen natürlich, dass in Zukunft mit der elektronischen Patientenakte hier auch eine Möglichkeit besteht, dem Arzt die ganzen Werte digital zur Verfügung zu stellen.

DA: Nutzen aktuell alle Apotheken in Deutschland diesen Überleitungsbogen oder ist das nur ein begrenzter Kreis?

Manfred Krüger: Dazu gibt es keine Untersuchungen. Wir stellen diese Materialien immer wieder mal vor und stellen sie zur Verfügung. Jede Apotheke kann sie sich einfach ausdrucken, man muss sie nirgendwo bestellen. Im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistungen, die jetzt auch angeboten werden, wird es sehr stark zunehmen, dass bestimmte präventive Maßnahmen in der Apotheke vorgenommen werden und dann auch die entsprechende Information der Ärzte erfolgt. Bis jetzt müssen Patientinnen und Patienten diese Leistungen bei den allermeisten Krankenkassen in der Apotheke selbst bezahlen, bis auf die Medikationsberatung, und das hat natürlich einen Steuerungseffekt.

Die neuen Dienstleistungen, die sowohl der Bundesrat als auch der Bundestag jetzt verabschiedet haben, werden erstattet von den Krankenkassen und diese sind definiert und auch von der Qualität her gesichert. Das gibt Patientinnen und Patienten natürlich viel mehr Möglichkeiten, diese Dienstleistungen wahrzunehmen, und auch den Apothekerinnen und Apothekern, diese anzubieten. Ich glaube, dass es noch mal eine Dynamik bekommt mit den neuen pharmazeutischen Dienstleistungen.

DA: Wo kann man den Überleitungsbogen herunterladen?

Manfred Krüger: Auf den Seiten der DDG, von diabinfo, bei der ABDA. Auch Patienten können sich den bei diabinfo im Bereich Apotheken herunterladen, er ist offen zugänglich für alle. Auch Informationsmaterialien für die Apotheken im Bereich Diabetes gibt es dort. Da muss keiner selbst etwas entwickeln, sondern diese Sachen sind, von der Kommission auch ständig aktualisiert, im Internet verfügbar.

DA: Man könnte meinen, du wärst ausgelastet gewesen mit deinen vielen Rollen, aber vor einigen Jahren warst du auch noch beteiligt an der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Diabetes, Umwelt und Klima der DDG. Was war der Auslöser für dich und deine Mitstreiter?

Manfred Krüger: Für mich war es zum einen die deutliche Veränderung durch den Klimawandel und die Betroffenheit von Menschen mit Diabetes davon. Ich war in der Gesundheitskommission der Stadt Krefeld und wir haben mit Schrecken festgestellt, wie in Hitzeperioden die Auslastung der Ambulanzen unserer Kliniken hier in Krefeld ist, was das Personal komplett überfordert hat.

Viele der Menschen, die bei diesen Hitzeperioden eingeliefert werden, sind Menschen mit Diabetes. Da musste unbedingt etwas passieren. Wir haben uns verschiedene Dinge angesehen, unter anderem das Konzept, das in Frankreich existiert. Das ist die eine Schiene, dass ich aus der Praxis heraus konkrete Fragestellungen hatte, die wir meiner Meinung nach auch als DDG bearbeiten sollten.

Der zweite Punkt war, dass ich in Bangladesch arbeite, das noch ganz anders vom Klimawandel betroffen ist. Dort wird es praktisch lebensgefährlich, der Klimawandel kostet dort Leben und nimmt Menschen komplett ihre Möglichkeit, zu existieren in diesen Gebieten – durch Wirbelstürme, durch Überschwemmungen, durch Regenfälle, durch Dürreperioden und Ähnliches. Da war also, wenn man so will, eine doppelte Betroffenheit.


„Insulinpens und GLP-1-Rezeptor-Agonisten-Pens machen ungefähr 100 Millionen Stück im Jahr aus in Deutschland und sie landen im Hausmüll. Das ist für uns völlig inakzeptabel. Wir möchten da eine gemeinsame Lösung des Recyclings entwickeln mit allen hauptbeteiligten Unternehmen.“


Dazu kam, dass wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema enorm zugenommen haben und sich herausgestellt hat, dass fünf Prozent der CO2-Belastung aus dem Gesundheitsbereich stammen und eine Menge Potenzial da ist, dieses zu reduzieren. Die Leute, die daran interessiert sind, haben sich zusammengesetzt und gesagt, da müssen wir für eine Änderung sorgen.

Bei der Gelegenheit kam dann auch die Frage, wie viel Müll eigentlich zum Beispiel entsteht bei einem Menschen mit Typ-1-Diabetes im Quartal, weil die Art der Verpackung, aber auch die Nichtmöglichkeit von Recycling oder Wiederverwendung noch nicht gegeben ist und ob man daran etwas ändern könnte. Und dann haben wir uns gemeinsam in der AG Diabetes, Umwelt und Klima zusammengeschlossen.

Jetzt sind wir intensiv dabei, diese Fragen zu beantworten. Die erste große Fragestellung, wo wir jetzt wirklich weiterkommen, sind Pens. Vor allen Dingen Insulinpens und GLP-1-Rezeptor-Agonisten-Pens machen ungefähr 100 Millionen Stück im Jahr aus in Deutschland und sie landen im Hausmüll. Das ist für uns völlig inakzeptabel. Wir möchten da eine gemeinsame Lösung des Recyclings entwickeln mit allen hauptbeteiligten Unternehmen, weltweit primär drei – für Deutschland und dann auch für Europa.

Daraus hat sich ein runder Tisch mit diesen und weiteren Unternehmen ergeben. Wir sind guten Mutes, dass hier ein Recycling-Programm in der allernächsten Zeit an den Start gehen könnte. Die Apotheken sind verantwortlich mit eingebunden, als Sammel- bzw. Recycling-Stellen.

DA: Über welche Kanäle können Menschen mit Diabetes mitbekommen, wenn es so weit ist und sie ihre Pens in Zukunft tatsächlich in der Apotheke für das Recycling abgeben können?

Manfred Krüger: Wir versuchen immer, auf der Website der AG Diabetes, Umwelt und Klima zeitnah zu informieren über die nächsten Schritte. Aber wir gehen davon aus, dass, wenn diese Programme installiert werden, eine größere Kampagne dazu stattfinden wird, sowohl von den Unternehmen, die diese Produkte herstellen, beispielsweise durch Aufdrucke auf den Packungen, als auch als Informationen an die Arztpraxen und Apotheken, die an Menschen, die solche Medikamente verwenden, weitergegeben werden können. Und ich gehe davon aus, dass in der allgemeinen Presse-Landschaft, vom Diabetes-Anker bis zu anderen, dieses auch bekannt gegeben wird.

DA: Du hast schon erwähnt, dass du dich auch in Bangladesch engagierst und dich um die Menschen kümmerst, vor allem in den Bereichen Sicherung der Ernährung/Klimawandel, Bildung und Menschenrechte. Wie kam es zu diesem Engagement?

Manfred Krüger: Ich war vor 37 Jahren zum ersten Mal in Bangladesch und habe die Lebenssituation der Menschen dort gesehen. Damals gehörte Bangladesch zu den drei ärmsten Ländern der Welt, was bedeutet, dass viele nicht sicher eine Mahlzeit am Tag haben. Daraus habe ich mit anderen Engagierten einen Verein gegründet, der sich speziell der Bekämpfung von extremer Armut und den Ursachen widmet. Stück für Stück hat sich daraus eine Organisation entwickelt, die sehr intensiv an Konzepten arbeitet und ausprobiert, Menschen aus der extremen Armut herauszuführen und sie innerhalb von drei bis fünf Jahren unabhängig zu machen.

Das heißt, dass sie keine weitere Unterstützung mehr mit ausländischen oder inländischen Geldern brauchen, sondern dass sie durch ihre Möglichkeiten, und erworbenen Fähigkeiten, notwendiges Einkommen generieren, Wissen und Kenntnisse umsetzen und den Zugang zu vorhandenen Dienstleistungen nutzen können und somit ihr Leben eigenständig und in Würde leben können. Das hat sich über die letzten 37 Jahre immer weiterentwickelt und ich bin sehr froh darüber, dass das ein sehr erfolgreiches Konzept ist.

DA: Wie heißt die Organisation und kann man da auch spenden?

Manfred Krüger: Die heißt NETZ Bangladesch. Man findet sie im Internet unter bangladesch.org und kann da gerne so viel wie möglich spenden.

DA: Inzwischen bist du, was das Berufliche angeht, formal im Ruhestand. Welche Aufgaben nimmst du trotzdem weiter wahr?

Manfred Krüger: Ich habe noch einen Lehrauftrag im Bereich Klinische Pharmazie an zwei Universitäten, nämlich in Bonn und in Düsseldorf. Da bin ich vor allen Dingen im Bereich Diabetes und Medikations-Management tätig und zwar in der Form, dass ich mit den Studentinnen und Studenten erarbeite, wie eine optimale Betreuung von Menschen mit Diabetes aussehen könnte, und das gemeinsam mit einer Patientin oder einem Patienten.

Das ist immer sehr erfolgreich, weil Theorie und Praxis aufeinandertreffen und viele Fragen, die nachher im Berufsleben der Kolleginnen und Kollegen eine Rolle spielen werden, da schon mal beispielhaft vorgeführt werden. Dann bin ich natürlich nach wie vor in den genannten AGs, also sowohl im Vorstand der AG Prävention als auch im Vorstand der AG Diabetes, Umwelt und Klima und in der Kommission Apotheker in der Diabetologie als Mitglied.

DA: Und das bleibst du auch weiter, weil das einfach für dich Herzensthemen sind?

Manfred Krüger: Richtig. Und als Letztes vielleicht zu erwähnen, weil es wichtig ist: Ich bin der Vertreter der Arzneimittelkommission der Deutschen Apothekerschaft in der Nationalen VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes.

DA: Wenn du mal nichts tust, was mit Pharmazie oder Diabetologie zu tun hat, womit beschäftigst du dich dann gern?

Manfred Krüger: Ich lese sehr gern. Wir haben auch einen kleinen Literaturkreis, in dem wir Bücher vorstellen und uns austauschen – das ist eine richtig schöne Sache. Und ich fahre gern Fahrrad, wenn es sich irgendwie ergibt, möglichst jeden Tag eine kleine Tour. Am Niederrhein ist das immer eine große Freude.

DA: Das heißt, du lebst Prävention auch direkt selbst?

Manfred Krüger: Ja, ich versuche, so wie viele andere auch, Prävention so viel wie möglich zu leben.

DA: Ganz herzlichen Dank, Manfred!


Interview: Dr. Katrin Kraatz

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