- Behandlung
Hochbetagt leben mit Typ-1-Diabetes
4 Minuten
Lässt bei älteren Menschen mit Diabetes die Fähigkeit nach, den Diabetes so wie bisher selbst zu managen, ist das nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein psychisches Problem. Diabetesteams können helfen, indem sie im besten Fall vorausschauend handeln. Sinnvoll kann es auch sein, ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung zu nutzen. Und dann gibt es ja auch noch die Telemedizin, die in Zukunft neue Möglichkeiten eröffnen kann.
Zunächst ist es ein eindrucksvoller Erfolg der Diabetologie und des Engagements der Betroffenen über viele Jahrzehnte, dass so viele Menschen mit Typ-1-Diabetes ein hohes Alter erreicht haben. Jedoch zeigen aktuelle schwedische Studien, dass die Lebenserwartung von Menschen mit Typ-1-Diabetes weiterhin deutlich reduziert ist.
Typ-1-Diabetes und das geriatrische Syndrom
Die Ursachen dafür sind Folgeerkrankungen, die z. B. zu tödlichen Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen. Entsprechend benötigt diese Gruppe von älteren Menschen Diabetesteams, die nicht nur die Glukosewerte im Blick haben, sondern die Gesundheit aller Organsysteme, die Leistungsfähigkeit der Menschen und deren Lebensbedingungen. Bei den Therapiezielen geht es nicht mehr um ein möglichst niedriges HbA1c, sondern um einen sicheren Glukosebereich.
Dabei spielt das geriatrische Syndrom eine zentrale Rolle, d. h. physiologische Veränderungen und Körperfunktionsstörungen, die im hohen Alter auch unabhängig vom Diabetes häufig auftreten: Immobilität, Inkontinenz, Instabilität, intellektueller Abbau, Schlafstörungen, viele sich gegenseitig beeinflussende Medikamente und leider oft auch Isolation und Einsamkeit.
Wie bei Frau P. stellt sich bei vielen betagten Menschen mit Diabetes die Frage, ob sie ihre Insulinpumpe noch sicher bedienen können, ob es Fehldosierungen oder vergessene Insulingaben gibt, ob sie Hypoglykämien noch spüren, wie groß die Sturzgefahr ist oder wer regelmäßig nach ihnen schaut.
Das Fallbeispiel
Frau P. (79) zählt zu den Menschen, denen bei der Diabetesdiagnose Ende der 1950er-Jahre eine kurze Lebenserwartung vorhergesagt wurde. Sie hatte Glück mit ihren engagierten Eltern und einem diabetologisch erfahrenen Arzt, der sie nach dem jeweils aktuellen Stand der Diabetologie behandelt hat. Sie hat Ende der 1970er-Jahre mit einer intensivierten Insulintherapie begonnen, seitdem hat sich ihre damals beginnende Retinopathie nicht weiter fortentwickelt.
Anfang der 1990er-Jahre hat sie an einer Schulung teilgenommen und sich für eine Insulinpumpe entschieden. Frau P. hat nie geheiratet, sie lebt allein, und sie bemerkt heute, dass ihr Gedächtnis sie immer öfter im Stich lässt. Gleichaltrige Bekannte mit Diabetes, zu denen sie noch aus der Jugend Kontakt hatte, sind leider verstorben oder durch Folgeerkrankungen vor allem an den Füßen schwer beeinträchtigt. Sie fragt sich, wie es mit ihr und ihrer Diabetestherapie weitergehen soll.
Vom Selbst- zum Fremdmanagement
Niemand möchte sich eingestehen, dass die eigene geistige Leistungsfähigkeit so nachgelassen hat, dass man nicht mehr selbst für sich verantwortlich sein kann. Das ist besonders für Menschen, die sich und ihren Diabetes seit Jahrzehnten mit großer Disziplin selbst gesteuert haben, eine enorme Kränkung und seelische Belastung.
Für Diabetesteams bedeutet dies eine sehr schwierige Aufgabe, die nur mit viel Empathie und Einfühlungsvermögen gelöst werden kann. Erschwert wird sie dadurch, dass sehr viele Menschen, die in den 1950er- bis 1970er-Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, keine Kinder haben, die sie unterstützen könnten. Es kann Menschen schwerfallen, andere Therapieziele zu akzeptieren oder sich mit einer neuen – meist komplizierten – Insulinpumpe vertraut zu machen.
Relativ frühzeitig sollten Diabetesteams in dieser Gruppe den Wandel der Therapie und der Therapieziele bahnen, indem nicht das HbA1c im Vordergrund steht, sondern das Verhindern von Hypoglykämien und Stürzen und der Erhalt von Lebensqualität. Es kann sehr entlastend sein, gemeinsam Rückschau zu halten und festzustellen, dass die jahrzehntelang gefürchteten Folgeerkrankungen nicht oder erst sehr viel später eingetreten sind und gutes Leben mit Diabetes möglich war und immer noch ist.
Entlastung für Ältere durch Technologien
Spätestens seit 2016 haben sich Systeme zum kontinuierlichen Glukosemonitoring (CGM) bei allen Menschen mit Typ-1-Diabetes bewährt und zu einer erheblichen Entlastung im Alltag beigetragen. Dies gilt insbesondere auch für Pflegende von Menschen mit Diabetes, die ihre Hypoglykämien selbst nicht mehr zuordnen können. Das automatische Weiterleiten von Glukosewerten an andere, also die Follower-Funktion einiger Systeme, trägt hier zu großer Sicherheit, Arbeitsentlastung und verbesserter Lebensqualität von Betroffenen und Pflegenden bei.
Je einfacher diese Systeme sind, umso leichter fällt es auch Personen wie Frau P., diese nach einer altengerechten Schulung sicher zu nutzen. Aber auch das Pflegepersonal von hochbetagten Menschen mit verschiedensten Erkrankungen benötigt eine fundierte Schulung, wie mit den Systemen in Abstimmung mit dem behandelnden Diabetesteam umzugehen ist, unter Berücksichtigung des Datenschutzes.
Chancen durch Telemonitoring
Weitere Entwicklungen im Bereich des Telemonitorings erlauben nicht nur die Überwachung von Glukosewerten und Vitalfunktionen über große Entfernungen. Es können auch Daten zu Blutdruck, Gewicht oder Aktivität einer betagten Person oder eines Pflegeheimbewohners erfasst, an ein telemedizinisches Servicezentrum weitergeleitet, von einem Arzt bewertet und zur Therapieoptimierung genutzt werden.
Angesichts des deutlichen Mangels an Diabetologen und diabetologischen Praxen vor allem in ländlichen Regionen kann Technologie zukünftig dazu beitragen, die Behandlung zu verbessern. Schließlich kann die Sicherheit von allein lebenden älteren Menschen durch Assistenzsysteme, z. B. Notrufsysteme und Sensortechnologien, verbessert und damit ein unabhängiges Leben ermöglicht werden.
In Zeiten der COVID-19-Pandemie erlauben es CGM-Systeme schließlich auch, dass die Daten an die Diabetespraxis übertragen und dort ausgewertet werden, ohne dass eine betagte Person mit Diabetes die Fahrt und das Infektionsrisiko auf sich nehmen muss. Um den wichtigen persönlichen Kontakt und das vertrauensvolle Gespräch zwischen Arzt und Patient zu ermöglichen, sollten alle telemedizinischen Technologien nicht nur in der Kinderheilkunde, sondern auch in der Diabetologie für Ältere fortentwickelt und ausgebaut werden. Dieser Kontakt ist unerlässlich, um einer zentralen Herausforderung des Alters – der Einsamkeit – zumindest etwas zu begegnen.
Schwerpunkt „Dimensionen des Typ-1-Diabetes“
- Diabetes im Vorschulalter
- Auf dem Weg in die Selbstständigkeit
- Den eigenen Diabetesweg finden
- Hochbetagt leben mit Typ-1-Diabetes
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (1) Seite 29-31
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Technik
Darauf ist zu achten: Sicher mit dem Insulinpen umgehen
3 Minuten
- Bewegung
Faschingszeit: Gute Vorsätze – mit kurzer Pause
2 Minuten
Keine Kommentare
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
marina26 postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 20 Stunden, 25 Minuten
Huhu, ich bin Marina und 23 Jahre alt, studiere in Marburg, habe schon etwas länger Typ 1 Diabetes und würde mich total über persönlichen Austausch mit anderen jungen Menschen/Studis… freuen, vielleicht auch mal ein Treffen organisieren oder so 🙂 Schreibt mir gerne, wenn ihr auch Lust habt!
-
wolfgang65 postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 1 Tag, 15 Stunden
Liebe Leute, ich habe zwei neue Erfahrungen mach dürfen, die Ursächliche nicht so schön, woraus die 2. Erfahrung (notwendig gut) resultiert!
Ich bin kein Liebhaber von Zahnärzten und meine dort geführte Gesundheitsakte ist mit einem riesigen “A” für Angspatient gezeichnet. Ende letzten Jahres ist mir beim letzten verbleibenden Weisheitszahn (nie Schmerzen gemacht) größeres Teil abgebrochen, ZA meint, da geht er nicht bei, weil Zahn quer liegt, allso OP, und danach könnte man sich über Zahnersatz unterhalten … ich natürlich in Schockstarre gefallen, – gleich am selben Tag bei OP-Zahnarzt Termin gemacht, vor Weihnachten nix mehr möglich, gleich Anfang Januar Termin bekommen, Röntgenbild lag dem Chirugen bereits vor. Vieles wurde besprochen, auch der Zahnersatz, wobei der Chirug gleich meinte, dass ausser WZ wohl 3 weitere Zähne raus müssten. Schock nr. 2! Ich wollte mir aber noch 2Meinung einholen und fand Dank guten Rat von Bekannten, einen anderen Zahnarzt, dem ich mein Leid und Angst ausführlich schildern konnte und der auch zum erstenmal die Diabetes in Spiel brachte … kurz um ein bisher bestes aufklärendes Gespräch, wie weit Diabetes auch auf die Zahne und Zahnfleisch gehen kann. Bei mir Fazit Paradontites. (die 1. unschöne Erfahrung). Der Weisheits- und daneben liegende Zahn sind inzwischen raus, – war super gute und schmerzfreie OP, danach keinerlei Schmerzen, durfte allerdings auch Antibiotika nehmen. Die 2. Erfahrung: ich konnte meine Insulindosies halbieren, – bei 10 Tg. Antbiotika, und nun 15 ohne Medizin noch anhaltend niedrige Insulinmenge, mit steigender festen Nahrungsaufnahme.
Heute bei Diabetologen bestätigt, das Diabetiker besonders auf Ihre Zähne und Zahlfleich achten sollten. Da frage ich mich warum der Zahnarzt da nicht im Vorsorgekatalog von DMP aufgenommen ist.
LG Wolfgang
-
laila postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 2 Tagen, 11 Stunden
Hallo ihr Lieben….Mein Name ist Laila…Ich bin neu hier…Ich wurde seit 2017 mit Diabetes 2 diagnostiziert.Da bekam ich den Diabetes durch laufen ohne Medies in den Griff.Das ging so bis Januar 2025.Ich weiss heute nochicht warum…aber ich hatte 2024 den Diabetes total ignoriert und fröhlich darauf losgegessen.Mitte 2025 ging ich Sport machen und gehen nach dem Essen.Und nahm immer megr ab.Htte einen Hb1C Wert von 8…Da ich abnahm, dachte ich, das der Wert besser ist…Bis Januar 2025…Da hatte ich einen HbA1C Wert von 14,8…Also Krankenhaus und Humalog 100 zu den Malzeiten spritzen…Und Toujeo 6 EI am Morgen…Irgendwann merkte ich, das mich kein Krankenhaus einstellen konnte.Die Insulineinheiten wurden immer weniger.Konnte kein Korrekturspritzen megr vornehmen.Zum Schluss gin ich nach 5 Mon. mit 2 Insulineinheiten in den Hypo…Lange Rede …kurzer Sinn.Ich ging dann auf Metformin…Also Siofor 500…Ich war bei vielen Diabethologen….Die haben mich als Typ 1 behandelt.Mit Metformin ging es mir besser.Meine letzte Diaethologin möchte, das ich wieder spritze.Ich komme mit ihr garnicht zurecht.Mein HbA1C liegt jetztbei 6,5…Mein Problem ist mein Gewicht.Ich wiege ungefähr 48 Kilo bei 160 m…Ich bräuchte dringend Austausch…Habe so viele Fragen…Bin auch psychisch total am Ende. Achso…Ja ich habe seit 1991 eine chronisch kalfizierende Pankreatitis…Und eine exokrine Pankreasinsuffizienz…Also daurch den Diabetes 3c.Wer möchte sich gerne mit mir austauschen?An Michael Bender:” Ich habe Deine Geschichte gelesen . Würde mich auch gerne mit Dir austauschen, da Du ja auch eine längere Zeit Metformin eingenommen hast.” Ich bin für jeden, mit dem ich mich hier austauschen kann, sehr dankbar. dankbar..Bitte meldet Euch…!!!
-
suzana antwortete vor 2 Tagen, 9 Stunden
Hallo Leila, ich bin Suzana und auch in dieser Gruppe. Meine Geschichte kannst du etwas weiter unten lesen.
Es ist sicher schwer aus der Ferne Ratschläge zugeben, dennoch: ich habe mich lange gegen Insulinspritzen gewehrt aber dann eingesehen, dass es besser ist. Wenn die Pankreas nicht mehr genug produziert ist es mit Medikamenten nicht zu machen. Als ich nach langer Zeit Metformin abgesetzt habe, habe ich erst gemerkt, welche Nebenwirkungen ich damit hatte.
Ja auch ich muss aufpassen nicht in den unterzucker zu kommen bei Sport und Bewegung aber damit habe ich mich inzwischen arrangiert. Traubensaft ist mein bester Freund.
Ganz wichtig ist aber ein DiabetologIn wo du dich gut aufgehoben fühlst und die Fragen zwischendurch beantwortet.
Weiterhin viel Kraft und gute Wegbegleiter! -
laila antwortete vor 2 Tagen, 6 Stunden
@suzana: Ich danke Dir für die Nachricht.Könnten wir uns weiterhin austauschen?Es wäre so wichtig für mich.Vielleicht auch privat? Gebe mir bitte Bescheid…Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus…Wäre echt super…😊
-
wolfgang65 antwortete vor 1 Tag, 16 Stunden
Hallo Leila, auch von mir ein herzliches willkommen. Auch meine Geschichte liest du im weiteren Verlauf.
Zur “chronisch kalfizierende Pankreatitis” kann ich nix sagen, da ist immer das Gespräch mit dem Arzt/Diabetologen vorzuziehen, wie in allen Gesundheitsfragen. Was sagen Ärzte dazu, auch wg. der NICHTzunahme an Gewicht. Wenn ich mit einem Arzt nicht kann, oder dieser mir nicht ausreichende Infos gibt, schaue ich mich nach einem anderen Arzt/Diabetologen um, das ist Dein Recht, es geht um Deine Gesundheit!
Sollte mit der Nichtzunahme noch mehr dahinter Stecken, vielleicht
auch mal einen Psychologen in Deine Überlegung ziehen. Oder eine auf dich zugeschnittene Diabetes Schulung o.Ä., auch hier sollte Dich ein guter Diabetologe aufklären können.Soweit was mir im Moment einfällt. Lass es Dir gut gehen.
Gruss Wolfgang
-
michatype3 antwortete vor 1 Tag, 16 Stunden
Hey Laila, du kannst mir gerne hier im Typ 3c Bereich oder via PN schreiben. Ich bin gerade zwar etwas gesundheitlich angeschlagen, versuche aber, so gut es geht zu antworten.
-
