Hochbetagt leben mit Typ-1-Diabetes

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Hochbetagt leben mit Typ-1-Diabetes

Lässt bei älteren Menschen mit Diabetes die Fähigkeit nach, den Dia­betes so wie bisher selbst zu managen, ist das nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein psychisches Problem. Diabetesteams können helfen, indem sie im besten Fall vorausschauend handeln. Sinnvoll kann es auch sein, ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung zu nutzen. Und dann gibt es ja auch noch die Telemedizin, die in Zukunft neue Möglichkeiten eröffnen kann.

Zunächst ist es ein eindrucksvoller Erfolg der Diabetologie und des Engagements der Betroffenen über viele Jahrzehnte, dass so viele Menschen mit Typ-1-Diabetes ein hohes Alter erreicht haben. Jedoch zeigen aktuelle schwedische Studien, dass die Lebenserwartung von Menschen mit Typ-1-Diabetes weiterhin deutlich reduziert ist.

Typ-1-Diabetes und das ­geriatrische Syndrom

Die Ursachen dafür sind Folgeerkrankungen, die z. B. zu tödlichen Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen. Entsprechend benötigt diese Gruppe von älteren Menschen Diabetesteams, die nicht nur die Glukosewerte im Blick haben, sondern die Gesundheit aller Organsysteme, die Leistungsfähigkeit der Menschen und deren Lebensbedingungen. Bei den Therapiezielen geht es nicht mehr um ein möglichst niedriges HbA1c, sondern um einen sicheren Glukosebereich.

Dabei spielt das geriatrische Syndrom eine zentrale Rolle, d. h. physiologische Veränderungen und Körperfunktionsstörungen, die im hohen Alter auch unabhängig vom Diabetes häufig auftreten: Immobilität, Inkontinenz, Instabilität, intellektueller Abbau, Schlafstörungen, viele sich gegenseitig beeinflussende Medikamente und leider oft auch Isolation und Einsamkeit.

Wie bei Frau P. stellt sich bei vielen betagten Menschen mit Diabetes die Frage, ob sie ihre Insulinpumpe noch sicher bedienen können, ob es Fehldosierungen oder vergessene Insulingaben gibt, ob sie Hypoglykämien noch spüren, wie groß die Sturzgefahr ist oder wer regelmäßig nach ihnen schaut.

Das Fallbeispiel

Frau P. (79) zählt zu den Menschen, denen bei der Diabetesdiagnose Ende der 1950er-Jahre eine kurze Lebenserwartung vorhergesagt wurde. Sie hatte Glück mit ihren engagierten Eltern und einem diabetologisch erfahrenen Arzt, der sie nach dem jeweils aktuellen Stand der Diabetologie behandelt hat. Sie hat Ende der 1970er-Jahre mit einer intensivierten Insulintherapie begonnen, seitdem hat sich ihre damals beginnende Retinopathie nicht weiter fortentwickelt.

Anfang der 1990er-Jahre hat sie an einer Schulung teilgenommen und sich für eine Insulinpumpe entschieden. Frau P. hat nie geheiratet, sie lebt allein, und sie bemerkt heute, dass ihr Gedächtnis sie immer öfter im Stich lässt. Gleichaltrige Bekannte mit Diabetes, zu denen sie noch aus der Jugend Kontakt hatte, sind leider verstorben oder durch Folgeerkrankungen vor allem an den Füßen schwer beeinträchtigt. Sie fragt sich, wie es mit ihr und ihrer Diabetestherapie weitergehen soll.

Vom Selbst- zum Fremdmanagement

Niemand möchte sich eingestehen, dass die eigene geistige Leistungsfähigkeit so nachgelassen hat, dass man nicht mehr selbst für sich verantwortlich sein kann. Das ist besonders für Menschen, die sich und ihren Diabetes seit Jahrzehnten mit großer Disziplin selbst gesteuert haben, eine enorme Kränkung und seelische Belastung.

Für Diabetesteams bedeutet dies eine sehr schwierige Aufgabe, die nur mit viel Empathie und Einfühlungsvermögen gelöst werden kann. Erschwert wird sie dadurch, dass sehr viele Menschen, die in den 1950er- bis 1970er-Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, keine Kinder haben, die sie unterstützen könnten. Es kann Menschen schwerfallen, andere Therapieziele zu akzeptieren oder sich mit einer neuen – meist komplizierten – Insulinpumpe vertraut zu machen.

Relativ frühzeitig sollten Diabetesteams in dieser Gruppe den Wandel der Therapie und der Therapieziele bahnen, indem nicht das HbA1c im Vordergrund steht, sondern das Verhindern von Hypoglykämien und Stürzen und der Erhalt von Lebensqualität. Es kann sehr entlastend sein, gemeinsam Rückschau zu halten und festzustellen, dass die jahrzehntelang gefürchteten Folgeerkrankungen nicht oder erst sehr viel später eingetreten sind und gutes Leben mit Diabetes möglich war und immer noch ist.

Entlastung für Ältere durch Technologien

Spätestens seit 2016 haben sich Systeme zum kontinuierlichen Glukosemonitoring (CGM) bei allen Menschen mit Typ-1-Diabetes bewährt und zu einer erheblichen Entlastung im Alltag beigetragen. Dies gilt insbesondere auch für Pflegende von Menschen mit Diabetes, die ihre Hypoglykämien selbst nicht mehr zuordnen können. Das automatische Weiterleiten von Glukosewerten an andere, also die Follower-Funktion einiger Systeme, trägt hier zu großer Sicherheit, Arbeitsentlastung und verbesserter Lebensqualität von Betroffenen und Pflegenden bei.

Je einfacher diese Systeme sind, umso leichter fällt es auch Personen wie Frau P., diese nach einer altengerechten Schulung sicher zu nutzen. Aber auch das Pflegepersonal von hochbetagten Menschen mit verschiedensten Erkrankungen benötigt eine fundierte Schulung, wie mit den Systemen in Abstimmung mit dem behandelnden Diabetesteam umzugehen ist, unter Berücksichtigung des Datenschutzes.

Chancen durch Telemonitoring

Weitere Entwicklungen im Bereich des Telemonitorings erlauben nicht nur die Überwachung von Glukosewerten und Vitalfunktionen über große Entfernungen. Es können auch Daten zu Blutdruck, Gewicht oder Aktivität einer betagten Person oder eines Pflegeheimbewohners erfasst, an ein telemedizinisches Servicezentrum weitergeleitet, von einem Arzt bewertet und zur Therapieoptimierung genutzt werden.

Angesichts des deutlichen Mangels an Diabetologen und diabetologischen Praxen vor allem in ländlichen Regionen kann Technologie zukünftig dazu beitragen, die Behandlung zu verbessern. Schließlich kann die Sicherheit von allein lebenden älteren Menschen durch Assistenzsysteme, z. B. Notrufsysteme und Sensortechnologien, verbessert und damit ein unabhängiges Leben ermöglicht werden.

In Zeiten der COVID-19-Pandemie erlauben es CGM-Systeme schließlich auch, dass die Daten an die Diabetespraxis übertragen und dort ausgewertet werden, ohne dass eine betagte Person mit Diabetes die Fahrt und das Infektionsrisiko auf sich nehmen muss. Um den wichtigen persönlichen Kontakt und das vertrauensvolle Gespräch zwischen Arzt und Patient zu ermöglichen, sollten alle telemedizinischen Technologien nicht nur in der Kinderheilkunde, sondern auch in der Diabetologie für Ältere fortentwickelt und ausgebaut werden. Dieser Kontakt ist unerlässlich, um einer zentralen Herausforderung des Alters – der Einsamkeit – zumindest etwas zu begegnen.

Schwerpunkt „Dimensionen des Typ-1-Diabetes“


von Prof. Dr. Karin Lange

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (1) Seite 29-31

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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Tag, 7 Stunden

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Tagen, 1 Stunde

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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