Impfen wird immer wichtiger!

4 Minuten

© by-studio - AdobeStock
Impfen wird immer wichtiger!

Am Thema Impfen erkennen wir das hervorragende Niveau unseres Gesundheitssystems, an den „Impfgegnern“ die Meinungsvielfalt, teils auch Leichtfertigkeit der Menschen. Wir nennen Fakten und sagen, warum Impfungen wichtig sind.

Der Fall
Stephan P. ist Arzt in einer großen Reha-Klinik. Er war nie krank in seinem bisherigen Leben – bis auf einen Knöchelbruch nach einem Skiunfall mit 14 Jahren. Seit einigen Wochen fühlt er sich schlapp und hat schon bei geringer Belastung einen „bellenden Husten“ – seine Frau meint, dies könne nichts mit seinem Alter (64 Jahre) zu tun haben, und besteht darauf, dass ihr Mann zu einem Lungenfacharzt geht. Sie glaubt nämlich, es höre sich wie Keuchhusten (Pertussis) bei Kindern an.

Es stellt sich durch Blutuntersuchungen schließlich heraus, dass er tatsächlich an Keuchhusten erkrankt ist. Nach der Impfung als Kind hatte er wohl nie wieder eine Auffrisch-Impfung durchführen lassen. Unter einer entsprechenden Therapie mit inhalativen Sprays und speziellen Antibiotika ging es Stephan P. schnell wieder besser – richtig gut ging es ihm jedoch erst wieder nach etwa einem halben Jahr!

Die aktuelle COVID-19-Pandemie führt wieder vor Augen, wie wichtig ein „gesundes“ Immunsystem für den einzelnen Menschen ist – aber auch für die Menschheit insgesamt. Speziell Menschen mit Diabetes haben zwar nur ein leicht höheres Risiko für Infektionskrankheiten als Nichtdiabetiker/-innen, besonders für Atemwegsinfektionen – aber immerhin: Man denke an die Pneumokokken-Pneumonie, eine spezielle Lungenentzündung, wie sie häufiger auch im Rahmen einer echten Virus-Grippe vorkommt.

Die aktuellen Erkenntnisse im Rahmen der COVID-19-Pandemie zeigen jedoch, dass Diabetiker mit unbefriedigenden Blutzuckerwerten sowie Menschen mit Metabolischem Syndrom und starkem Übergewicht eher gefährliche Infektionsverläufe haben. Deshalb wäre wichtiger denn je, möglichst gute Blutzuckerwerte zu erreichen – das sagt auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und das gilt vor allem für Menschen mit COVID-19!

Da Menschen mit Diabetes aufgrund ihrer chronischen Erkrankung ein leicht geschwächtes Immunsystem haben können, sollen natürlich auch Standard-Impfungen durchgeführt werden wie die Tetanus-Impfung alle 10 Jahre, aber auch die jährliche Grippe-Impfung im Herbst und unbedingt alle 6 Jahre die Pneumokokken-Impfung.

Komplikationsreicherer Krankheitsverlauf

Infektionen können bei Menschen mit Diabetes zu schwereren Krankheitsverläufen führen als bei sonst gesunden Menschen. Das gilt z. B. bei:

  • Lungenentzündungen (Pneumonien, z. B. durch Pneumokokken),
  • Harnwegsinfekten,
  • Haut- und Weichteilinfektionen,
  • Knochen- und Gelenkinfektionen,
  • Parodontitis (bzw. Gingivitis),
  • Herzinnenhautentzündung (Endokarditis),
  • Herpes-Virus-Infektionen und Virus-Grippe,
  • aktuell: COVID-19-Infektionen: Junge Menschen mit Diabetes ohne Folgeerkrankungen gehören wohl nicht zur Risikogruppe. Aber ein Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben (laut DDG):
    • ältere Menschen mit Diabetes und weiteren Erkrankungen,
    • Personen (unabhängig vom Alter) mit diabetesbedingten Begleit- oder Folgeerkrankung wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Organerkrankungen (z. B. an Niere und Lunge),
    • Patienten nach Organtransplantation mit unterdrücktem Immunsystem durch Medikamente (z. B. Kortison, Immunsuppressiva etc.).
    • Die STIKO (Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut) empfiehlt daher für Menschen mit Diabetes regelmäßige Impfungen.

Was geschieht eigentlich in unserem Körper, wenn man geimpft wird?

Ende des 18. Jahrhunderts hatte der englische Arzt Edward Jenner beobachtet, dass Melkerinnen, die sich an kuhpockenkrankem Vieh angesteckt hatten, nicht mehr an den „echten Pocken“ erkrankten. 1796 impfte er einen gesunden Jungen mit Kuhpocken – dieser war danach gegen die echten Pocken geschützt! Verantwortlich für diese Reaktion unseres Körpers ist unser Immunsystem.

Wenn Bakterien, Viren oder Pilze in den menschlichen Körper gelangen – sei es über den Mund, die Haut oder die Harnwege/Blase – werden sie im günstigsten Fall von einer Reihe spezieller Zellen (Immunzellen) erwartet. Gelangt ein „Erreger“ zum ersten Mal in den menschlichen Körper (Erstinfektion), dann kennen die Immunzellen diesen Erreger noch nicht – der Kampf gegen ihn ist aufwendig und nicht immer erfolgreich. Werden die Erreger jedoch erfolgreich abgewehrt, so entsteht durch einzelne Abwehrzellen eine Art Gedächtnis für diesen speziellen Erreger.

Von der STIKO regelmäßig empfohlene Impfungen:
  • Tetanus/Diphterie/Pertussis: Auffrisch-Impfung alle 10 Jahre
  • Grippe (Influenza): jährlich neu (Herbst)
  • Pneumokokken (Lungenentzündung): alle 6 Jahre
  • Polio (Kinderlähmung): Impfung nur bei unvollständiger Grundimmunisierung und bei Reisen in bestimmte Länder

Außerdem bildet der Körper spezielle Eiweiße (Immunglobuline) als Antikörper gegen diesen Erreger. Bei einer erneuten Infektion mit diesem Erreger können sofort und schnell die Gedächtniszellen aktiviert und Antikörper gebildet werden – bei einer Zweitinfektion ist die Immunabwehr daher viel effektiver, da der Körper vorbereitet ist. Viele Kinderkrankheiten werden deshalb auch nur einmal durchgemacht.

Die aktive Immunisierung

Dies macht man sich auch bei der „aktiven Immunisierung“ (Impfung, Vakzination) zunutze: Bei dieser werden abgeschwächte bzw. abgetötete Erreger einer Krankheit oder Zellbestandteile des Erregers in den Muskel (meist Deltamuskel am Oberarm) gespritzt. Der Körper denkt, er werde angegriffen, und produziert Gedächtniszellen und Antikörper, die bei einer tatsächlichen späteren Infektion eine starke und schnelle Immunreaktion möglich machen.

Bei der aktiven Impfung unterscheidet man außerdem zwischen Lebend- und Totimpfstoffen. Man impft dabei mit einem gezüchteten, stark abgeschwächten Erreger, der nicht in der Lage ist, die Erkrankung auszulösen (dies wäre eventuell gefährlich), oder abgetöteten Erregern. Als dritte Möglichkeit können auch nur bestimmte Bestandteile des Erregers, die gentechnisch hergestellt werden, geimpft werden.

Die passive Immunisierung

Von passiver Immunisierung spricht man, wenn nicht der Körper selbst Antikörper bilden muss, sondern diese von außen einem bereits infizierten Menschen gespritzt werden, um seine Immunabwehr quasi zu unterstützen.

Nebenwirkungen?!

Impfungen können unserem Körper in der Regel nicht schaden – manchmal gibt es eine Impfreaktion an der Einstichstelle (Rötung, Überwärmung, leichte Schmerzen). Selten gibt es grippeähnliche Symptome, ganz selten einen Fieberkrampf (eher bei Kleinkindern), je nach Art des Impfstoffes.

Impfstoffe werden ständig weiterentwickelt: Der Influenza-, sprich Grippe-Impfstoff wird jährlich neu entsprechend den bereits weltweit aktuellen Erkrankungen zusammengestellt. Wegen einer möglichen Hühnereiweiß-Allergie hat man schon länger Impfstoffe, die nicht mehr auf Hühnerembryonen, sondern auf speziellen Zellkulturen gezüchtet werden. Aktuell gibt es sogar einen neuen 4-fach-Grippe-Impfstoff, der auf einem nicht allergieauslösenden Medium gezüchtet wird.

Impfmöglichkeiten gegen weitere Krankheiten:
  • Windpocken
  • Cholera
  • Hepatitis A und B
  • Dengue-Fieber
  • Mumps, Masern, Röteln
  • Ebola
  • FSME (Frühsommer-­Meningoenzephalitis)
  • Gelbfieber
  • HPV (Genitalwarzen durch Papillomaviren)
  • Pocken
  • Tollwut

Es gibt auch schon länger Impfstoffe, die auch ins Unterhautfettgewebe statt in den Muskel verabreicht werden können, z. B. bei Menschen, die eine Marcumar-Therapie erhalten. Für Kinder und Jugendliche (2 bis 17 Jahre) gibt es ein Nasenspray (z. B. „Fluenz Tetra“) zur Grippe-Impfung.

Vielleicht hilft diese wissenschaftliche Basis für eine Impfung auch Impf-Zweiflern bzw. Impf-Gegnern unter den Menschen auch mit Diabetes, den Nutzen zu verstehen. Wichtig dabei auch: Eine Impfung kann keinen Diabetes auslösen – dies haben Forscher auch bezüglich einer möglichen Erkrankung an Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ausgeschlossen (siehe Bundesgesundheitsblatt 6/2001, S. 613 – 618). Andererseits haben Typ-2-Diabetiker, die sich jährlich gegen Grippe impfen lassen, weniger Herz-Kreislauf-Komplikationen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz).

Zusammenfassung

Die COVID-19-Pandemie führt uns vor Augen, wie wichtig ein gesundes Immunsystem ist. Ein vorbereitetes Immunsystem kann auf einen Erreger besser und schneller reagieren. Menschen mit Diabetes und bestimmten Folge- und Begleit­erkrankungen haben womöglich eine abgeschwächte Immunreaktion. Ihre Blutzuckerwerte sollten so gut und gleichmäßig wie möglich sein – viel Erfolg und Geduld!


Autor:

Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist, Angiologe, Diabetologe und Sozialmediziner
Lehrbeauftragter der Universität Würzburg
Chefarzt Deegenbergklinik
Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (12) Seite 26-28

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Mögliche neue Therapie-Ansätze: Forschende decken auf, wie die innere Uhr einzelner Organe anders ticken
Forschende haben einen Mechanismus entschlüsselt, mit dem verschiedene Organe denselben zirkadianen Taktgeber – auch als innere Uhr bezeichnet – nutzen, um ihre jeweils eigenen Aufgaben im Tagesverlauf zu steuern. Dies könnte neue Therapie-Ansätze für Diabetes und Herzerkrankungen hervorbringen.
Illustration einer menschlichen Silhouette in der Mitte einer zweigeteilten Uhr: Orange und Blau markieren unterschiedliche Tagesphasen, umgeben von Symbolen verschiedener Organe.

3 Minuten

Cyber-Attacken sind eine unterschätzte Herausforderung für vernetzte Diabetes-Technologie
Vernetzte digitale Diabetes-Technologie, bei der verschiedene Systeme miteinander kommunizieren und Daten austauschen, eröffnet enorme Chancen. Gleichzeitig bietet diese Interoperabilität aber auch Angriffsflächen für Cyber-Attacken von Unbefugten und Kriminellen. Vor allem Klinik-Systeme sind gefährdet, aber auch Systeme und Apps, die Menschen mit Diabetes nutzen können unter Umständen kompromittiert werden.
Eine schematische Darstellung digital-vernetzter Systeme im Gesundheitsbereich

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße