Körper und Seele ganzheitlich betrachten: Diabetes und Depression begünstigen sich gegenseitig

4 Minuten

Körper und Seele ganzheitlich betrachten: Diabetes und Depression begünstigen sich gegenseitig
Foto: елена калиничева – stock.adobe.com
Körper und Seele ganzheitlich betrachten: Diabetes und Depression begünstigen sich gegenseitig

Menschen, die sich hilflos und antriebslos fühlen, haben mehr Schwierigkeiten in der Diabetes-Therapie. Mit den Glukosewerten steigt nicht nur das Risiko für eine Depression, sondern auch das Sterberisiko. Menschen mit Diabetes in schwierigen Lebenssituationen sind daher eine Hochrisikogruppe, die mehr Aufmerksamkeit benötigt.

Hinweis: Am Ende dieses Beitrags findest Du ein Kasten mit Kontaktdaten für Anlaufstellen bei akuten psychologischen Krisen.

Eine depressive Episode und ihre Schweregrade sind eigentlich ganz einfach zu diagnostizieren. „Aus den Haupt- und Zusatzsymptomen ergeben sich Diagnose und Schweregrade“, erklärte Professor Dr. Johannes Kruse von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen auf einem Symposium im Rahmen des letztjährigen Diabetes Kongresses. Treten je zwei Haupt- und Zusatzsymptome (siehe Kasten) auf, spricht man von einer leichten Depression.

Kriterien einer depressiven Episode nach ICD-10

Hauptsymptome

  • depressive Stimmung
  • Verlust von Interesse und Freude
  • Antriebsminderung

Zusatzsymptome

  • pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Schuldgefühle
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Suizidalität
  • Appetitveränderungen
  • vermindertes Selbstwertgefühl

Bei zwei Hauptsymptomen in Kombination mit drei bis fünf Zusatzsymptomen handelt es sich um eine mittelschwere Depression. Kommen alle drei Hauptsymptome und mindestens vier Zusatzsymptome zusammen, ist von einer schweren Depression auszugehen.

Menschen mit Diabetes sind häufiger von psychologischen Belastungen betroffen

Bei Menschen mit Diabetes sind depressive Symptome etwa doppelt so häufig wie in der Normalbevölkerung anzutreffen (9 bis 10 vs. 4,9 Prozent). Noch weiter verbreitet sind Anpassungsstörungen (25 Prozent) und erhöhte diabetesbezogene psychosoziale Belastungen, die bei 44 Prozent der Menschen mit Typ-1-Diabetes und bei 25 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes beobachtet werden. Als Grund hierfür nannte er die vielfältigen Herausforderungen, vor die der Diabetes Betroffene stellt, darunter Hypo- und Hyperglykämien, das komplexe Therapieregime, Hilflosigkeit und Überforderung, die Entwicklung von Folgeerkrankungen und Komplikationen, soziale Ausgrenzung und Einschränkungen in Beruf- und Privatleben.

Weitere Anhaltspunkte liefern Daten zur Begleiterkrankung Depression bei Menschen mit Diabetes, die das Medizinische Kompetenzcenter der AOK Hessen analysiert hatte: Bei 27,8 Prozent der erfassten Versicherten mit Typ-2-Diabetes wurde auch eine Depression diagnostiziert, wobei die Männer hier mit 39 Prozent in der Minderheit sind. Der Männeranteil steigt allerdings mit zunehmendem Schweregrad der Depression und liegt bei schweren Episoden bei 43 Prozent. Auch beim Typ-1-Diabetes sind begleitende Depressionen demnach weit verbreitet: Die Rate des zusätzlichen Auftretens einer Depression liegt bei 20 Prozent, doch hier ist das Geschlechterverhältnis (48 Prozent männlich, 52 Prozent weiblich) im Schnitt etwas ausgewogener, wobei sich im Altersverlauf ein mehrfach zu- und abnehmendes geschlechtsspezifisches Risiko für Depressionen zeigte. Die AOK-Daten spiegeln allerdings nur die auch tatsächlich diagnostizierten Fälle wieder, die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Diabetes und Depression können sich gegenseitig befeuern und das Risiko für einen verfrühten Tod erhöhen

Während einzelne depressive Episoden üblicherweise vier bis acht Monate andauern, sind viele Menschen mit Diabetes auch chronisch depressiv, berichtete Prof. Kruse: „Es ist oft ein fließender Übergang von Trauer zu Depression, vom Normalen ins Pathologische [„Krankhafte“; Anm. d. Red.].“ Und der Diabetes sei dabei ein entscheidender Faktor dafür, dass dieser Zustand sich dauerhaft manifestiert. Umgekehrt erhöht eine bestehende Depression – möglicherweise als Reaktion auf emotionalen Missbrauch im Kindesalter – aber auch das Risiko für einen Typ-2-Diabetes. So können risikobehaftete Lebenserfahrungen Entzündungsprozesse verstärken und z.B. Insulinresistenz, Apoptose (programmierter Zelltod) der insulinproduzierenden Beta-Zellen und Gefäßschäden begünstigen.

Mehr zum Thema
➤ Depressionen bei Diabetes: Kampagne #SagEsLaut klärt auf

In der Schulmedizin würden Psyche und Soma mit all ihren Symptomen isoliert betrachtet, so Prof. Kruse, „dabei greifen alle Elemente in einem Menschen ineinander, wir müssen sie also ganzheitlich betrachten“, betonte der Referent. Den Menschen, die sich hilflos und antriebslos fühlen, haben mehr Schwierigkeiten, ihren Diabetes zu behandeln. Die resultierenden höheren Glukosewerte wiederum erhöhen machen eine Depression wahrscheinlicher. „Das ist eine Hochrisikogruppe“, mahnte Prof. Kruse mit Blick auf eine Metaanalyse aus 2013, wonach die Sterberate bei Depression plus Diabetes um 76 Prozent höher ist als bei einem allein auftretenden Diabetes.

So kann eine Depression bei Diabetes erkannt und behandelt werden

Umso wichtiger ist es Prof. Kruse zufolge daher, die 2013 veröffentlichte Leitlinie „Psychosoziales und Diabetes“ umzusetzen, wonach Menschen mit Diabetes regelmäßig – mindestens einmal pro Jahr und in kritischen Krankheitsphasen – auf das Vorliegen einer Depression gescreent werden sollten. Hierfür eignet sich der klassische WHO-5-Fragebogen, mit dem das psychische Wohlbefinden schnell und präzise erfasst werden kann. Das einfache Screening-Instrument umfasst nur fünf Fragen zur Selbsteinschätzung (gute Laune, Entspannung, Aktivität und Energie, Regenerationsfähigkeit durch Schlaf, Begeisterungsfähigkeit) und beansprucht deshalb nur wenige Minuten. Die jeweils erreichte Punktzahl kann einen Hinweis auf eine möglicherweise vorliegende Depression liefern.

Zur Therapie der Depression stehen in leichteren Fällen die Psychotherapie, bei höheren Schweregraden Psychotherapie in Kombination mit der Behandlung mit Psychopharmaka zur Verfügung. Auch niederschwellige psychosomatische Therapieangebote, psychotherapeutische Sprechstunden, psychosomatische Basisversorgung, Patientenschulung und Bewegung gehören zum therapeutischen Spektrum. „Es gibt mittlerweile gute Evidenz dafür, dass diese Maßnahmen die depressive Symptomatik und auch den HbA1c-Wert verbessern“, schloss Prof. Kruse seinen Vortrag.

Hier findest Du Hilfe – auch in akuten Notfallsituationen

  • Wenn Du Dich in einer akuten Krise befindest, kontaktiere bitte Deine behandelnde Ärztin oder Psychotherapeutin bzw. Deinen behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten.
  • Du kannst Dich auch an die nächste psychiatrische Klinik wenden, eine Liste mit Suchfunktion findest Du auf der Website Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.
  • Die Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) bietet auf ihrer Website eine Suchfunktion für Kontaktdaten von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deiner Nähe.
  • Die Telefonseelsorge bietet rund um die Uhr Hilfe und Beratung und kann kostenfrei unter den Telefonnummern 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreicht werden.
  • Rund um die Uhr erreichst Du auch den ärztlichen (psychiatrischen) Bereitschaftsdienst unter der bundesweiten Telefonnummer 116 117.
  • Du kannst Dich auch an den Sozialpsychiatrischen Dienst Deiner Region wenden. Die entsprechenden Kontaktdaten findest Du im Internet, wenn Du bei der Suche „Sozialpsychiatrischer Dienst“ und den Namen Deiner Stadt eingibst.
  • In akuten Notfällen solltest Du den Rettungsdienst unter 112 oder die Polizei unter 110 anrufen.



von Antje Thiel und Gregor Hess

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Informationstag für Menschen mit Adipositas und/oder Diabetes: Gelebtes Empowerment bei der ADIBETIKA 2026
Beim Informationstag ADIBETIKA 2026 tauschten sich Menschen mit Adipositas, Diabetes oder beidem über Therapien, Digitalisierung und den Alltag mit den Erkrankungen aus. Susanne Thiemann vom DDH-M NRW e.V. berichtet über die Veranstaltung und die starke Allianz zweier Patientenverbände. Zusätzliche Impressionen und Stimmen gibt's im Video.
Informationstag für Menschen mit Adipositas und/oder Diabetes: Gelebtes Empowerment bei der ADIBETIKA 2026 | Foto: DDH-M NRW

2 Minuten

Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet
Eine Fotokampagne rückt Menschen in den Blick, die durch eine pAVK ihre Füße oder Teile davon verloren haben. Die Aktion zeigt eindringlich, wie viele Fälle zu den vermeidbaren Amputationen zählen und wirbt für frühzeitige Diagnose sowie bessere Behandlungswege im Gesundheitssystem.
Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet | Foto: Kristian Schuller / Abbott GmbH 2026

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%