Mit Stammzellen wieder zu eigenem Insulin

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Mit Stammzellen wieder zu eigenem Insulin

Der Albert-Renold-Preis, benannt nach dem Schweizer Mediziner Prof. Dr. Albert Renold, zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen in der Diabetes-Forschung. Im vergangenen Jahr ging dieser Preis an Prof. Dr. Maike Sander. Sie erforscht seit Jahren, wie man Stammzellen dazu bringen kann, sich zu insulinproduzierenden Beta-Zellen zu entwickeln.

Seit mittlerweile 25 Jahren ist es möglich, menschliche Stammzellen im Labor zu kultivieren. Schon damals kam die Hoffnung auf, dass sich irgendwann Typ-1-Diabetes heilen lässt, wenn es gelingt, aus Stammzellen neue insulinproduzierende Beta-Zellen herzustellen. Inzwischen ist die Wissenschaft diesem Ziel deutlich näher gekommen. Im vergangenen Jahr wurde Prof. Dr. Maike Sander bei der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) für ihre Verdienste um die Erforschung der Langerhans-Inseln mit dem Albert-Renold-Preis geehrt.

Ziel: zerstörte Beta-Zellen ersetzen

In den USA arbeiteten die Forscherin und Teams jahrelang erfolgreich an der Weiterentwicklung der Stammzellen-Therapie, sodass nun erste klinische Studien bei Menschen mit Diabetes möglich sind. Das Ziel, zerstörte Beta-Zellen zu ersetzen, damit der Körper wieder selbst Insulin produziert, erscheint mittlerweile realistisch. Es sind jedoch auch noch einige Probleme zu lösen, erklärt Sander, die seit November als Wissenschaftliche Vorständin und Vorstandsvorsitzende das Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft leitet.

Prof. Dr. Maike Sander
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
Robert-Rössle-Straße 106
13125 Berlin
E-Mail: office.sander@mdc-berlin.de
Foto: Max Delbrück Center (MDC) Berlin

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmun-Erkrankung, bei der die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse vom eigenen Immunsystem zerstört werden. Die Betroffenen müssen in der Regel ihr ganzes Leben lang Insulin injizieren. In seltenen Fällen werden ihnen Langerhans-Inseln ähnlich einer Organtransplantation eingesetzt, was dann zumindest vorübergehend die Insulin-Therapie ersetzt. Allerdings müssen diese Personen regelmäßig starke Medikamente einnehmen, damit das neue Organ nicht abgestoßen wird – diese Immunsuppressiva dienen dazu, die Abwehrreaktion des Körpers zu unterdrücken, der dann aber als Nebenwirkung anfälliger für andere Erkrankungen wird. Hinzu kommt, dass nach einer Weile die Beta-Zellen oft zerstört werden, sodass Betroffene erneut eine Insulin-Therapie durchführen müssen.

Immunsystem muss unterdrückt werden

Die Stammzellen-Forschung hat sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht, diese Probleme zu lösen. Wenn insulinproduzierende Beta-Zellen aus Stammzellen hergestellt werden, benötigt man kein Spender-Pankreas mehr. Das Einsetzen neuer Beta-Zellen könnte in der Regel ambulant erfolgen, erläutert Prof. Dr. Maike Sander. Wo genau im Körper sich die Zellen befinden, spielt nur eine untergeordnete Rolle. In ersten klinischen Studien wurden sie beispielsweise unter der Haut zwischen den Schulterblättern platziert.

Die größte Herausforderung bleibt indes der Erhalt der transplantierten Zellen. Embryonale Stammzellen stammen wie ein Spender-Organ von anderen Menschen. Es handelt sich um befruchtete Eizellen aus Kinderwunschzentren in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, die von den Kinderwunschpaaren nicht mehr benötigt werden – auch bei diesen Zellen muss deshalb das Immunsystem des Empfängers unterdrückt werden, damit sie nicht abgestoßen werden. Selbst wenn es in Zukunft gelingen sollte, Beta-Zellen aus körpereigenen Stammzellen herzustellen, wird das Immunsystem sie höchstwahrscheinlich irgendwann wieder angreifen, denn das hat es ja schon einmal getan, so die Wissenschaftlerin.

Starke Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, seien für Menschen mit Typ-1-Diabetes in der Regel ein zu hoher Preis, ergänzt Sander. Die Diabetes-Therapie ist durch moderne Insuline und Hilfsmittel inzwischen so gut geworden, dass Betroffene viel seltener und später Folgeerkrankungen entwickeln, als dies früher der Fall war. Eine neue Therapie erscheint deshalb nur dann sinnvoll, wenn sie keine unverhältnismäßigen Nachteile mit sich bringt.

Weiterer großer Durchbruch nötig

Die Forschung verfolgt derzeit verschiedene Ansätze, um dieses Problem zu lösen. Es wird unter anderem versucht, die neuen Beta-Zellen zu verpacken, damit das Immunsystem sie nicht angreifen kann. “Man kann sich das vorstellen wie eine kleine Plastiktüte mit feinen Löchern”, erklärt Sander. “Diese Löcher müssen so klein sein, dass das Immunsystem die Zellen nicht mehr angreifen kann, aber sie müssen groß genug sein, dass die Zellen noch anwachsen und mit Blut versorgt werden.” In den bisherigen klinischen Studien gelang dies bislang nicht zufriedenstellend. Die Zellen wurden entweder trotz Verpackung vom Immunsystem zerstört oder sie wuchsen nicht an.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, die DNA der Stammzellen so zu verändern, dass sie vom Immunsystem nicht mehr angegriffen werden, ergänzt die Wissenschaftlerin. “Das birgt allerdings die Gefahr, dass eine veränderte Zelle, die zum Krebs werden kann, vom Immunsystem auch nicht mehr eliminiert wird”, so Sander weiter. “Wenn es gelingt, Zellen herzustellen, die sicher sind und bei denen eine Immunsuppression nicht mehr nötig ist, wäre das der nächste große Durchbruch.”

Ob die Transplantation von Beta-Zellen irgendwann zur Standardtherapie bei Typ-1-Diabetes wird, sei derzeit noch nicht absehbar, sagt die Forscherin. Möglicherweise wird sie nur bei besonders schweren Fällen zur Anwendung kommen. Vielleicht funktioniert es irgendwann aber auch so gut, dass man es sogar auf Menschen mit Typ-2-Diabetes ausweiten kann, bei denen die Funktion der Inselzellen eingeschränkt ist. Viele Betroffene hoffen, dass man ihre Erkrankung irgendwann heilen kann. Das sei auch weiterhin das Ziel der Forschung, so Prof. Dr. Maike Sander abschließend.


von Thorsten Ferdinand

 Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (5) Seite 32-33

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  • Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

  • sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
    Liebe Grüße
    Sayuri

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