Moderne Therapien aufgenommen: Diabetes-Leitlinien aktualisiert

3 Minuten

© Andrey Popov - stock.adobe.com
Moderne Therapien aufgenommen: Diabetes-Leitlinien aktualisiert

Zwei wichtige Leitlinien zu Diabetes mellitus sind aktualisiert worden: Zum einen die S3-Leitlinie „Therapie des Typ-1-Diabetes“ und zum anderen die S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter“. Was ist eine S3-Leitlinie und welche Neuerungen gibt es?

Eine gute Leitlinie ist auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ihre Empfehlungen lassen sich im medizinischen Alltag umsetzen. International gibt es mittlerweile einheitliche Standards zur Bewertung von Leitlinien. In Deutschland koordiniert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) die Leitlinien-Entwicklung. Sie teilt Leitlinien in vier Klassen ein.

Dabei erfüllt eine höchste Klasse S3 alle qualitativen Anforderungen hinsichtlich des medizinischen Fachwissens und des Konsensus der Fachgesellschaften zu ihren Aussagen, sodass sie die verlässlichste Form der Leitlinien darstellt. Die Leitlinien sind dabei kein Zwang für Ärzte, ausschließlich so vorzugehen. Aber sie geben verlässliche und allgemein medizinisch anerkannte Handlungs-Empfehlungen gemäß den aktuellen Erkenntnissen zu Diagnostik und Therapie.

Therapie des Typ-1-Diabetes

Koordiniert wurde die Arbeit an der neuen S3-Leitlinie zur Therapie des Typ-1-Diabetes von Prof. Dr. Thomas Haak aus Bad Mergentheim. Sie löst die Vorgänger-Version aus dem Jahr 2018 ab und ist nun bis zum 1. September 2028 gültig.

Gerade hinsichtlich des enormen technischen Fortschritts, den die Diabetestherapie in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, wurde die Aktualisierung erforderlich. Die neue Leitlinie umfasst nun auch Empfehlungen zur modernen Diabetes-Technologie. Hierzu zählen CGM (kontinuierliche Glukose-Messung), Insulinpumpe und AID-System (automatisierte Insulin-Dosierung, auch genannt “Closed-Loop”). Ein AID-System verbindet CGM-Sensoren über einen steuernden Algorithmus mit Insulinpumpen.

Aufgrund der Möglichkeit, jederzeit den aktuellen Glukosewert abzurufen und sich außerdem vor einer Hypo- oder Hyperglykämie (Unter- oder Überzuckerung) warnen zu lassen, ist die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) mittlerweile zum Standard in der Glukose-Überwachung von Menschen mit Typ-1-Diabetes geworden. Insbesondere hinsichtlich des Verhinderns von Hypoglykämien wird CGM als ein wichtiger Bestandteil einer sicheren Therapie gesehen. Doch auch das bessere Erkennen und Verhindern zu hoher Blutzucker-Anstiege nach den Mahlzeiten hilft, die Zeit im Zielbereich (Time in Range) zu erhöhen und Folgeschäden vorzubeugen.

Nachdem gezeigt werden konnte, dass die mit CGM erhobenen Gewebezuckerwerte gut mit dem Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c korrelieren, sind die CGM-Messwerte nun allgemein zur Therapieplanung und -steuerung akzeptiert. Neben den Kapiteln zu den neuen Technologien wird auch das Einbeziehen von Menschen mit Typ-1-Diabetes in die Diagnostik und Therapie ihrer Erkrankung hervorgehoben. Dies wird in einem eigenen Kapitel (“Partizipative Entscheidungsfindung”) ausführlich dargestellt.

Diagnostik und Therapie im Kindes- und Jugendalter

Auch in der aktualisierten S3-Leitlinie “Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter” sind die Vorteile der modernen Diabetes-Technologie die zentralen Neuerungen. Es wird die Empfehlung gegeben, wenn möglich allen Kindern und Jugendlichen die Nutzung eines CGM-Sensors und einer Insulinpumpe beziehungsweise eines AID-Systems anzubieten.

Durch diese neuen Technologien könnten eine bessere Inklusion ermöglicht. Damit werden Einschränkungen bei der Teilnahme an Kindergarten und Schule so gering wie möglich gehalten. Und die neuen Technologien könnten wesentlich zur Entlastung der Familien beitragen, resümierte Dr. Ralph Ziegler aus Münster. Der Kinder-Diabetologe war bei der Erstellung beider Leitlinien beteiligt.

Durch diese neuen Technologien könnten eine bessere Inklusion ermöglicht. Damit werden Einschränkungen bei der Teilnahme an Kindergarten und Schule so gering wie möglich gehalten. Und die neuen Technologien könnten wesentlich zur Entlastung der Familien beitragen, resümierte Dr. Ralph Ziegler aus Münster. Der Kinder-Diabetologe war bei der Erstellung beider Leitlinien beteiligt.

Auch die psychosoziale Betreuung und die besondere Lebensphase des Übergangs von der kinderärztlichen Betreuung in die Erwachsenen-Medizin, die “Transition”, wird thematisiert. Ihr und der “Ernährungstherapie” sind nun eigene Kapitel gewidmet. Neu hinzugekommen sind zum Beispiel die Kapitel “Inklusion und Teilhabe” und “Telemedizin und Videosprechstunde”. Deutlich erweitert hat man unter anderem die Kapitel zu “Diabetes und Technologie”, “Risikofaktoren, Früherkennung und Prävention” und “Andere Diabetesformen”.

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2024; 72 (3) Seite 38-39


von Bettina Müller-Ifland

Bettina Müller-Ifland ist Medizinerin und Journalistin. Sie ist tätig als Redakteurin bei der MedTriX Group und betreut die Fachzeitschriften „Diabetes, Stoffwechsel und Herz“ und „Der Nierenarzt / Die Nierenärztin“.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2024; 72 (3) Seite 38-39

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Therapieziele mit dem gesamten Behandlungsteam gemeinsam erreichen
Die Behandlung des Diabetes orientiert sich an therapeutischen Leitlinien. Sie beschreiben, mit welchen Maßnahmen man welche Therapieziele erreichen kann. Ein neuer Schwerpunkt der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes ist, dass das Behandlungsteam und Menschen mit Diabetes gemeinsam zu einer Entscheidungsfindung kommen.

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • 123novesia postete ein Update vor 1 Tag, 4 Stunden

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂

  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/