Nicht nur akut gefährlich: Schwere Unterzuckerungen können das Risiko für Demenz-erhöhen

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Nicht nur akut gefährlich: Schwere Unterzuckerungen können das Risiko für Demenz-erhöhen | Foto: Ana – stock.adobe.com
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Nicht nur akut gefährlich: Schwere Unterzuckerungen können das Risiko für Demenz-erhöhen

Im Zusammenhang mit der Diabetes-Therapie besteht oft die Sorge vor Unterzuckerungen. Inzwischen gibt es immer mehr Hinweise, dass schwere Unterzuckerungen, die Hilfe Dritter erfordern, nicht nur akut ein Problem darstellen. Sie können möglicherweise auch das Risiko für das Entstehen einer Demenz steigern.

Die Versorgung von Menschen mit Diabetes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verbessert. Moderne Medikamente, strukturierte Schulungs-Programme und technische Hilfsmittel ermöglichen heute eine stabile Stoffwechsel-Situation über viele Jahre.

Mit der steigenden Lebenserwartung rücken gesundheitliche Aspekte in den Vordergrund, die früher weniger beachtet wurden. Dazu gehören insbesondere Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Von den etwa 340.000 Menschen mit Typ-1-Diabetes in Deutschland sind etwa 100.000 älter als 70 Jahre, von den etwa 10 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes ist etwa ein Viertel älter als 75 Jahre, eine Million sind älter als 80 Jahre.

Das Fallbeispiel: Wiederholt unterzuckert ins Krankenhaus

Johannes M. ist 68 Jahre alt, wiegt 102 kg und hatte bereits einen Herzinfarkt. Ein Typ-2-Diabetes ist seit etwa 20 Jahren bekannt und wird mit Tabletten (Metformin, SGLT-2-Hemmer) und einem lang wirksamen Insulin zur Nacht behandelt. Wegen immer mal wieder aufgetretener Unterzuckerungen, insbesondere nachts, wurde die Dosis des Insulins schon reduziert. Mehrere Aufenthalte im Krankenhaus waren trotzdem erforderlich.

Johannes M. vergisst manchmal, zu spritzen. Gelegentlich hat er wohl auch schon „doppelt“ gespritzt, da er sich nicht mehr sicher erinnern konnte, gespritzt zu haben. Seine Tochter macht sich große Sorgen, da ihr Vater bisher allein gelebt hat. So geht es jedenfalls nicht mehr weiter.

Die Ursache seiner Vergesslichkeit soll von Spezialisten zunächst abgeklärt werden – dies hat der Hausarzt bereits veranlasst. Dass es eine beginnende Demenz sein könnte, deutete der Hausarzt bereits an.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Diabetes im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein um etwa 50 bis 70 Prozent erhöhtes Risiko für geistige Beeinträchtigungen und Demenz-Erkrankungen haben. Häufig handelt es sich dabei um Demenz-Formen, die allein durch Durchblutungs-Störungen (vaskuläre Demenz) oder eine Kombination aus Durchblutungs-Störungen und anderen Formen wie Alzheimer-Demenz entstehen (gemischte Demenz).

Lange Zeit standen dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte, Gefäß-Erkrankungen und Begleit-Erkrankungen wie Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) oder Störungen des Fettstoffwechsels (Dyslipidämie) im Fokus. In den letzten Jahren richtet sich der Blick jedoch zunehmend auf einen weiteren, lange Zeit unterschätzten Aspekt der Diabetes-Behandlung: Unterzuckerungen (Hypoglykämien).

Unterzuckerungen – nicht nur akut ein Risiko

Hypoglykämien gehören zu den bekanntesten Nebenwirkungen der Diabetes-Therapie. Typische Symptome wie Zittern, Schwitzen, Herzklopfen oder Konzentrations-Störungen sind vielen Betroffenen vertraut. In der Praxis werden Unterzuckerungen vor allem als akutes Risiko wahrgenommen, etwa im Hinblick auf Stürze, Verkehrsunfälle oder Bewusstseinsverlust.

Neuere Studien zeigen jedoch, dass Hypoglykämien auch langfristige Folgen haben können. Etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes erleben im Verlauf ihrer Erkrankung mindestens eine schwere Hypoglykämie, die Hilfe von Dritten erfordert. Bei Menschen mit Insulin-Behandlung liegt dieser Anteil noch höher.

Große Beobachtungs-Studien und Analysen mehrerer Studien (Meta-Analysen) belegen, dass Menschen mit Diabetes nach mindestens einer schweren Hypoglykämie ein um rund 40 bis 50 Prozent erhöhtes Risiko für die spätere Entwicklung einer Demenz haben. Besonders relevant ist: Mit zunehmender Anzahl schwerer Hypoglykämien steigt das Risiko für eine Demenz weiter an. In einzelnen Studien zeigte sich bei mehrfachen Ereignissen nahezu eine Verdopplung des Risikos.

Auch kanadische Daten von Menschen mit Typ-2-Diabetes aus den Jahren 1996 bis 2018 zeigen, dass nach einer schweren Hypoglykämie das Demenz-Risiko auf bis zum Doppelten anstieg. Dies betraf nicht nur ältere Menschen, sondern auch Menschen im mittleren Lebensalter.

Gehirn reagiert empfindlich auf Unterzuckerungen

Das Gehirn ist in besonderem Maß auf eine kontinuierliche Versorgung mit Glukose (Traubenzucker) angewiesen. Es macht nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht jedoch rund 20 Prozent der gesamten im Körper verfügbaren Glukose. Eigene Energiespeicher des Gehirns stehen kaum zur Verfügung.

Sinkt der Blutzucker unter etwa 50 bis 55 mg/dl bzw. 2,8 bis 3,1 mmol/l, kommt es rasch zu messbaren Einschränkungen der Hirnfunktion, weil dem Gehirn Glukose fehlt. Zunächst äußert sich dies in Konzentrations-Störungen, Verlangsamung, Verwirrtheit und eingeschränkter Reaktionsfähigkeit. Bei schweren oder länger anhaltenden Episoden können Nervenzellen geschädigt werden, insbesondere in Regionen, die für Gedächtnis und Planung entscheidend sind. Wiederholte Energie-Defizite können den geistigen Abbau beschleunigen.

Zusätzlich nehmen oxidativer Stress und entzündliche Prozesse im Gehirn zu. Besonders empfindlich sind Hirnregionen wie der Hippocampus im mittleren Teil des Gehirns. Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle für Lernen und Gedächtnis. Bildgebende Untersuchungen wie Computer-Tomografie (CT) und Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) deuten darauf hin, dass Menschen mit wiederholten schweren Hypoglykämien häufiger strukturelle Veränderungen in diesen Arealen aufweisen.

Unterzuckerungen und Demenz – Zahlen und Fakten

  • Menschen mit Diabetes haben ein um 50 bis 70 Prozent erhöhtes Demenz-Risiko.
  • Nach mindestens einer schweren Hypoglykämie steigt das Demenz-Risiko um etwa 40 bis 50 Prozent.
  • Mehrere schwere Hypoglykämien können das Risiko nahezu verdoppeln.
  • Das Gehirn verbraucht 20 Prozent der Körperglukose bei nur 2 Prozent des Körpergewichts.
  • Menschen mit Demenz haben ein um 60 bis 80 Prozent erhöhtes Risiko für Hypoglykämien.
  • CGM-Systeme können helfen, schwere Hypoglykämien zu reduzieren.

Gefäß-Schäden und Veränderungen im Gehirn

Hypoglykämien gehen häufig mit einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems einher, das den Körper zum Beispiel durch das Ausschütten von Noradrenalin in erhöhte Leistungsbereitschaft versetzt. Ein dadurch ausgelöster Anstieg des Blutdrucks, Veränderungen der Herzfrequenz und Schädigungen der Gefäß-Innenwände (Endothel) können langfristig Schäden an den kleinsten Gefäßen im Gehirn begünstigen. Solche Veränderungen sind ein wesentlicher Bestandteil vaskulärer Demenzen und finden sich bei bis zu 40 Prozent der Menschen mit Demenz in Kombination mit für Morbus Alzheimer typischen Veränderungen.

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass wiederholte Störungen des Glukose- und Insulin-Stoffwechsels Prozesse beeinflussen, die für die Alzheimer-Demenz charakteristisch sind. Dazu zählen unter anderem Veränderungen im Stoffwechsel der Eiweiße Beta-Amyloid und Tau, die sich im Gehirn ablagern. Auch wenn diese Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt sind, verdeutlichen sie die mögliche Einbindung von Unterzuckerungen in komplexe Mechanismen der Nerven-Schädigung.

Ein sich verstärkender Kreislauf

Besonders problematisch ist, dass Hypoglykämien und geistige Einschränkungen sich gegenseitig negativ beeinflussen. Einerseits können Unterzuckerungen zur Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit beitragen. Andererseits erhöhen bestehende geistige Mängel das Risiko für Hypoglykämien deutlich. Studien zeigen, dass Menschen mit Demenz ein um 60 bis 80 Prozent erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen haben.

Ursachen sind unter anderem eine eingeschränkte Wahrnehmung von Warn-Symptomen, Fehler bei der Medikamenten-Einnahme sowie unregelmäßige oder vergessene Mahlzeiten. Es entsteht ein Teufelskreis, der sowohl die Stoffwechsellage als auch die geistige Situation weiter verschlechtern kann.

Konsequenzen für die Diabetes-Behandlung

Diese Erkenntnisse haben unmittelbare Bedeutung für Therapie-Entscheidungen. Eine gute Diabetes-Behandlung darf sich deshalb nicht ausschließlich an möglichst niedrigen HbA1c-Werten orientieren. Auch die Rate schwerer Hypoglykämien muss betrachtet werden.

Gerade bei älteren Menschen mit Diabetes oder bei Hinweisen auf geistige Einschränkungen empfehlen Fachgesellschaften daher weniger strenge HbA1c-Zielbereiche, häufig im Bereich von 7,5 bis 8,0 % bzw. 58 bis 64 mmol/mol, sofern dadurch Unterzuckerungen verhindert werden können.

Der Einsatz von Systemen zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM) kann die Zahl schwerer Hypoglykämien um bis zu 40 Prozent senken und trägt damit zu einer sichereren Therapie bei – sowohl bei Menschen mit Typ-1-Diabetes als auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Insulin-Therapie.

Zusammenfassung

Schwere Unterzuckerungen sind keine harmlosen „Zwischenfälle“ der Diabetes-Behandlung. Die aktuelle Datenlage spricht dafür, dass wiederholte schwere Hypoglykämien langfristig zur Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit beitragen und das Risiko für Demenz-Erkrankungen erhöhen können. Besonders bei älteren Menschen scheint dabei das wiederholte Auftreten über Jahre hinweg entscheidend zu sein.

Dies bedeutet, dass eine sichere und individualisierte Diabetes-Behandlung stets auch die geistige Gesundheit im Blick behalten sollte. Das konsequente Verhindern von Hypoglykämien bietet nicht nur einen Schutz vor akuten Risiken, sondern liefert möglicherweise auch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter.


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

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Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (3) Seite 36-39

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  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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