- Behandlung
Schmerzen in der Brust immer klären
5 Minuten
Schmerzen in der Brust können viele Ursachen haben. Ein Herzinfarkt kann dahinterstecken oder eine andere schwerwiegende Krankheit – aber ein Brustschmerz kann auch durch nicht lebensbedrohliche Erkrankungen entstehen.
Der Brustschmerz oder Thoraxschmerz ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen einen Arzt oder eine Notfallambulanz aufsuchen. Brustschmerzen sind das häufigste und vorherrschende Symptom sowohl beim Mann als auch bei der Frau im Rahmen eines “akuten Koronar-Syndroms”. Darunter versteht man verschiedene Formen eines Herzinfarkts und die “instabile Angina pectoris”. Allen liegt eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße unterschiedlicher Art zugrunde.
Das Fallbeispiel
Peter J. ist 52 Jahre alt, hat einen Typ-2-Diabetes und ist leicht übergewichtig (168 cm, 94 kg). Seinen Beruf als Hausmeister liebt er, weil er so abwechslungsreich ist. Letzten Monat wurde seine Mutter im Alter von 84 Jahren plötzlich wegen akuter Bauch- und Brustschmerzen ins Krankenhaus eingewiesen und starb dort am folgenden Tag – man sprach von einer gerissenen Hauptschlagader. Das hat ihn sehr mitgenommen. Sein Vater hatte mit 60 Jahren einen Herzinfarkt.
Als Peter J. letzte Woche vom Baumarkt mit dem Auto nach Hause fuhr, hatte er plötzlich einen dumpfen Schmerz hinter dem Brustbein. Schweißgebadet und voller Panik rief er mit dem Smartphone den Rettungsdienst an. Die ersten Untersuchungen ergaben keinen krankhaften Befund, sein Kreislauf war stabil. Weil er aber kaltschweißig und unruhig war, nahm man ihn mit in die Klinik.
Nach Gabe eines Beruhigungsmittels ging es ihm besser – in der Klinik ergaben das EKG und die Blut-Untersuchungen keinen krankhaften Befund. Nach Ausschluss einer akuten Herz-Erkrankung und auch anderer Ursachen sprach man von einem psychischen Entstehen angesichts der Krankengeschichte seiner Eltern – glücklicherweise. Eine ambulante Aufarbeitung durch einen Psychologen wurde empfohlen.
Es ist nicht immer nur der Brustschmerz
Typische Beschwerden können neben dem einengenden Brustschmerz (Angina pectoris) auch in Schultern, Arme oder auch den Rücken ausstrahlende Schmerzen sein – eine Ausstrahlung in die linke Körperhälfte ist häufiger als eine Ausstrahlung in die rechte oder in beide Schultern. Die Vorstellung, dass es sich nicht um einen Infarkt handelt, wenn die Beschwerden unter Gabe von “Nitro” als Spray oder Kapsel weggehen, ist nicht immer richtig und hilft nicht weiter. Bei Menschen mit Diabetes und vorhandener Nervenschädigung (Polyneuropathie) kann der Schmerz völlig fehlen. Manchmal ist eine “unerklärliche” neu auftretende Luftnot das erste Symptom. Auch ist schon lange bekannt, dass Frauen oft andere Beschwerden haben.
Wichtig ist auch zu wissen, dass eine gute körperliche Belastbarkeit ein akutes Koronar-Syndrom nicht ausschließt. Tritt unter einer körperlichen Belastung eine Enge im Brustbereich auf, bedeutet dies andererseits nicht automatisch, dass eine koronare Herzkrankheit (KHK), also eine Störung der Durchblutung der Herzkranzgefäße, vorliegt. Da von der richtigen Diagnose im Ernstfall abhängt, ob ein Mensch richtig behandelt wird und/oder überlebt, gilt, sofort und zielsicher die Diagnose zu sichern und andere Ursachen auszuschließen.
Darum haben im Jahr 2021 zwei amerikanische Herz-Gesellschaften (American Heart Association, American College of Cardiology) eine Leitlinie zur Diagnostik des Brustschmerzes herausgegeben, die Ärzten einen Pfad für eine sofortige und richtige Diagnose aufzeigt. Diese Gesellschaften vertreten auch die Auffassung, dass Brustschmerz als Symptom nicht zu eng gefasst werden sollte – man sollte auch folgende Symptome beachten:
- Schmerzen in der Brust,
- Druckgefühl,
- Enge oder Missempfindungen in Brust, Armen, Nacken, Rücken, Oberbauch und Kiefer,
- Kurzatmigkeit,
- Müdigkeit.
Alle diese Beschwerden können auch durch ein anderes ernstes Problem im Brustbereich auftreten.
“Big five” bei Brustschmerz
Laut Statistik haben etwa 20 bis 25 Prozent aller Notfallpatienten mit Brustschmerz tatsächlich ein akutes Koronar-Syndrom. In der Medizin spricht man beim Leitsymptom Brustschmerz von fünf lebensbedrohlichen Erkrankungen (“big five”). Auch Herzrhythmus-Störungen, eine Herzmuskel-Entzündung oder eine Entzündung des Herzbeutels können Schmerzen in der Brust auslösen.
Fünf mögliche lebensbedrohliche Erkrankungen bei Brustschmerz
- akutes Koronar-Syndrom (frischer Herzinfarkt)
- akute Lungen-Embolie (Verschluss eines vom Herzen weggehenden Blutgefäßes in die Lunge)
- Aorten-Dissektion (Riss der Hauptschlagader)
- Spannungs-Pneumothorax (Luft-Ansammlung außerhalb der Lunge im Lungenfell; ein Kollaps/Zusammenfallen der kompletten Lunge ist möglich)
- Boerhaave-Syndrom (Einriss der Speiseröhre, z. B. nach starkem Würgereiz/Würgen oder Erbrechen)
Schmerzen durch sehr hohen Blutdruck
Nicht selten steckt hinter einem Infarkt-Verdacht letztlich eine Krise mit Blutdruckwerten über 180 mmHg systolisch (oberer Wert) und 110 bis 120 mmHg diastolisch (unterer Wert), auch bezeichnet als hypertensive Krise. In der Blutdruck-Krise haben Betroffene häufig neben dem zu hohen Blutdruck folgende Anzeichen: Nasenbluten, Kopfschmerzen, gerötetes Gesicht, Übelkeit und Erbrechen. Nicht selten findet man auch Atemnot. Störungen des Bewusstseins und Lähmungen der Arme oder Beine können auch Zeichen für eine Durchblutungs-Störung des Gehirns und damit Hinweise auf einen Schlaganfall sein.
Merke: Ein normaler Blutdruck liegt bei etwa 120/80 mmHg.
Psychisch bedingte Brustschmerzen
Es gibt allerdings auch psychisch bedingte Brustschmerzen z. B. im Rahmen von Panik-Störungen oder Stressverarbeitungs-Störungen, die von den anderen Formen wegen der möglichen akuten Bedrohung unbedingt rasch abgegrenzt werden müssen. In dem eingangs beschriebenen Fall ist der Hinweis auf den plötzlichen Tod der Mutter und den Herzinfarkt des Vaters eventuell wegweisend – aber es darf nicht automatisch eine psychische Ursache angenommen werden. Eine organische Ursache muss immer gleichzeitig ausgeschlossen werden.
Liegt dagegen eine bekannte organische Grunderkrankung z. B. des Herzens vor und ein Patient hat gleichzeitig eine Depression oder er leidet an einer Panik-Störung, dann führt dies nicht selten zu einer ängstlichen Selbstbeobachtung – eine stetige Herausforderung auch für Ärzte in Notaufnahmen. Bezeichnet wird dies als Kardio-Phobie oder Herzneurose.
Typische Symptome eines Herzinfarkts bei Frauen
- ziehende Schmerzen in Ober- und Unterkiefer
- Zahnschmerzen
- Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich
- Schlappheit einige Tage vor dem Infarkt
- Übelkeit
- Brechreiz
Wichtig ist auch: Mit der Diagnose “Wir können nichts finden” sollte man sich nicht zufriedengeben. Dies führt häufig dazu, dass Patienten sich nicht ernst genommen fühlen und deshalb häufig Ärzte der verschiedensten Fachrichtungen aufsuchen, bekannt als Ärzte-Hopping. Außerdem kann so auch ein “chronisches Problem” entstehen.
Mit Scores Symptome bewerten
Um die Wahrscheinlichkeit einer akut bedrohlichen Erkrankung bei Brustschmerzen auszurechnen, haben sich in der Praxis verschiedene Scores bewährt. Einer ist der “Marburger Herz-Score”. Anhand von fünf Kriterien wird damit bewertet, ob die Symptome eher durch einen Herzinfarkt entstanden sind oder eine andere Ursache wahrscheinlicher ist.
Herzinfarkt ohne Schmerzen
Mehr als ein Drittel der älteren Menschen mit einem akuten Herzinfarkt haben keine Brustschmerzen – wegen der häufig bestehenden Begleiterkrankungen (z. B. Polyneuropathie) werden die Schmerzen nicht gespürt. Wer eine Polyneuropathie hat, muss also besonders aufmerksam sein hinsichtlich anderer Symptome eines Herzinfarkts. Für die Ärzte gilt, dass diese Menschen ganz besonders überwacht werden müssen.
Diagnostik bei akutem Koronar-Syndrom
- 12-Kanal-EKGBlutwerte (z. B. hochsensitives Troponin T und I, hs-TnT und hs-TnI)
- evtl. Röntgen, MRT, CT zum Ausschluss anderer Erkrankungen
- Echokardiographie (Herz-Ultraschall)
- evtl. Koronar-Angiographie (Herzkatheter-Untersuchung)
Andere zu bedenkende Erkrankungen
Es gibt eine Reihe anderer Erkrankungen, die mit dem Symptom Brustschmerz einhergehen. Eine akute Lungen-Embolie führt in Deutschland zu mehr als 40.000 Todesfällen pro Jahr – verbunden mit einer hohen Frühsterblichkeit. Bei einem Aorten-Syndrom, meist ein Platzen einer vorbestehenden Aussackung der Wand der Hauptschlagader (Aorten-Aneurysma), besteht ebenfalls eine hohe Frühsterblichkeit, da die Diagnose oft nicht richtig und rechtzeitig gestellt wird bzw. werden kann. Ein solches Aneurysma wird vorher oft nur durch Zufall bei einer Untersuchung aus anderen Gründen gefunden.
Auch eine Rippenfell-Entzündung oder eine Lungen-Entzündung kann ähnliche Beschwerden verursachen. Ebenso das Boerhaave-Syndrom, bei dem die Wand der Speiseröhre reißt, kann ähnliche Symptome machen. Auch eine Reflux-Ösophagitis (ein Aufsteigen der Magensäure in die Speiseröhre), ein frisches Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwür und eine akute Entzündung von Bauchspeicheldrüse oder Gallenblase kann sich mit vergleichbaren Symptomen zeigen.
Auch Nervenschmerzen (Radikulitis), wie sie im Rahmen einer Gürtelrose (Herpes zoster) auftreten, können einem akuten Brustschmerz ähneln. Ein ähnliches Muster findet man manchmal auch bei Bandscheiben-Vorfällen.
Oberflächliche Schmerzen in der Brust können Zeichen einer Entzündung der Brustdrüsen (Mastitis) selbst sein, die z. B. bei stillenden Müttern oder hormonellen Veränderungen während des Zyklus auftreten kann.
In Anlehnung an die Empfehlungen der amerikanischen Herz-Gesellschaften in ihrer neuen Leitlinie sollte man nach Ausschluss einer Herz-Erkrankung nicht von “atypischen Ursachen”, sondern von “nicht kardialen Ursachen” sprechen.
Zusammenfassung
Bei einem Infarkt des Herzens zählt jede Minute – aber auch, wenn die Wand einer Hauptschlagader (Aorta) eingerissen ist (z. B. durch ein Aneurysma) oder in den Lungen-Arterien ein Gerinnsel steckengeblieben ist. Beim akuten Brustschmerz muss rasch eine Diagnose anhand von sicheren Kriterien getroffen werden, um sofort eine Therapie einleiten zu können. Besonders bei älteren Menschen sind “typische Symptome” manchmal verschleiert – bei Menschen mit Diabetes kann der oft typische Schmerz wegen einer Neuropathie wegfallen! Dies sollten Ärzte berücksichtigen – aber auch Patienten können durch genaue Angaben helfen, eine schnelle und richtige Diagnose zu stellen. Diese ist manchmal lebenswichtig.
von Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (4) Seite 26-29
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Behandlung
Gefährliches Risiko: Blutzucker entgleist bei sehr hohen Werten
5 Minuten
- Begleit-Erkrankungen
Lymphödem und Lipödem: Warum Beine anschwellen können
6 Minuten
Keine Kommentare
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
bloodychaos postete ein Update vor 4 Tagen, 1 Stunde
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
-
ole-t1 antwortete vor 1 Tag, 18 Stunden
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
-
-
thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55 -
sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
Liebe Grüße
Sayuri
