- Begleit-Erkrankungen
Lymphödem und Lipödem: Warum Beine anschwellen können
6 Minuten
Bemerkt jemand dicker werdende Beine, stellt sich die Frage: Was ist die Ursache? Unter anderem das Lymphödem und das Lipödem sind hier zu beachten, denn die Therapien unterscheiden sich. Dr. Gerhard-W. Schmeisl gibt einen Überblick.
Die Diagnose Lymphödem tritt mit zunehmendem starkem Übergewicht (Adipositas) immer häufiger auf. In vielen spezialisierten Praxen und Kliniken ist das Lymphödem bei Adipositas mittlerweile die häufigste Form – vor dem angeborenen (hereditären) oder erworbenen Lymphödem (meist nach einer Operation). Nur wenn das Gewicht reduziert wird, haben diese Menschen mit adäquater Therapie – einer komplexen physikalischen Entstauungs-Therapie (KPE) – eine gute Perspektive.
Das bei Adipositas auftretende Lymphödem tritt meist beidseits auf und schreitet oft rasch vom Stadium 1 ins Stadium 2 oder 3 fort. Die Menschen fühlen sich dann immer schlechter – auch und gerade psychisch. Die richtige Diagnose und eine konsequente langanhaltende Gewichtsreduktion, kombiniert mit einer KPE, ändern deren Prognose oft dramatisch.
Patientinnen und Patienten mit Lipödem kommen nicht selten in die Klinik oder Praxis zur Gewichtsreduktion bei massiver Adipositas. Bei der Untersuchung nur in Unterhose und ggf. BH stellen erfahrene Ärztinnen und Ärzte nicht selten fest, dass es sich bei der vermeintlichen „Adipositas per magna“ im Stadium III bis IV um ein ausgeprägtes Lipödem bei den meist weiblichen Patientinnen handelt.
Diese Diagnose bedeutet für die Patientinnen in der Regel, dass eine schnelle Gewichtsabnahme durch Umstellen der Ernährung nicht möglich ist. Die Schmerzen der Betroffenen werden oft nicht erfasst, obwohl sie schon im leichten Stadium ausgeprägt sein können, und in der Praxis oft nicht ernst genommen.
Das Fallbeispiel: Lipödem an Beinen
Petra M., 54 Jahre alt, 152 kg Gewicht bei 172 cm Größe, hat einen „grenzwertigen Diabetes“, sagt ihr Hausarzt (HbA1c: 6,7 % bzw. 50 mmol/mol). Bisher nimmt sie keine Medikamente.
Petra kommt zur Rehabilitation, um Gewicht abzunehmen. Ihr Arzt hatte lange mit ihr bei der Krankenkasse für eine Kostenübernahme gekämpft. Ambulante Versuche waren bisher immer wieder fehlgeschlagen. Bei der Aufnahme-Untersuchung fällt eine deutliche Diskrepanz der Oberkörperform zu den Beinen auf – der Oberkörper ist relativ schlank.
Auffallend sind massive „Fett-Ansammlungen“ am Oberschenkel außen und auch an den Oberarm-Rückseiten, die Unterschenkel sind schlank und es gibt keine „Verdickungen“ an den Füßen. Unter der Diagnose eines „massiven Lipödems bei leichter allgemeiner Adipositas“ wird ein Therapie-Programm für Petra M. aufgestellt: Lymphdrainage mit anschließendem Wickeln der Beine, Wasser-Anwendungen und Ergometer- sowie leichtes Krafttraining, ergänzt durch eine intensive Ernährungsberatung.
Bei Entlassung hat Petra M. 3 kg Gewicht abgenommen, aber gleichzeitig Muskeln aufgebaut. Das Spannungsgefühl ist geringer und sie ist beweglicher. Sie fühlt sich insgesamt besser und leistungsfähiger. Sie will auch ihre Tätigkeit als Sekretärin wieder aufnehmen. Für die Therapie der Adipositas müssen längerfristig andere Maßnahmen überlegt werden.
Das Lymphödem
Etwa 80 000 Menschen in Deutschland haben ein Lymphödem, meist Frauen. Lymphödeme, die nicht im Zusammenhang mit einer Adipositas auftreten, finden sich meist einseitig an Armen oder Beinen. Ursache ist ein lokalisierter Rückstau von Gewebeflüssigkeit, der Lymphe, die in der Regel eiweißreich ist. Das Lymphsystem läuft parallel zu den Venen, also den Gefäßen, die das nährstoffarme Blut zum Herzen bringen, und ist neben den Arterien und Venen ein lebenswichtiges System.
Täglich sammeln sich in den Räumen zwischen den Geweben etwa sechs bis zehn Liter Gewebeflüssigkeit. Diese ist vermischt mit Produkten aus dem Fett- und Eiweißstoffwechsel und wird über das lymphatische System abgeleitet. Der Strömungsverlauf der Gewebeflüssigkeit ist vorgegeben: Im Bereich der linken Schlüsselbein-Vene münden die „großen Lymphleitungen“ des Körpers in das Venen-System – etwa zwei Liter pro Tag.
Sind die Lymphgefäße nicht angelegt, liegt ein primäres Lymphödem vor. Das sekundäre Lymphödem entsteht meist infolge einer Verletzung der Lymphgefäße bei einer Operation, z.B. nach Hüftoperation, Entfernen der Lymphknoten bei bösartigen Tumoren z.B. in der Brust, nach Bestrahlungen und nach Entzündungen mit Wundrose (Erysipel). Auch Infektionen mit Würmern und Insektenstiche können zu einem sekundären Lymphödem führen.
Über Jahre kommt es zu Umbauprozessen des Gewebes, schließlich zu einer Verhärtung (Fibrose). Das Gewebe verändert sich zu Bindegewebe, es wird massiv verdickt. Häufig kommen begleitend entzündliche Veränderungen der Haut hinzu. Nach einer Brustkrebs-Therapie ist das Risiko für ein sekundäres Lymphödem deutlich erhöht – durch Übergewicht bzw. starkes Übergewicht steigt es nochmals deutlich an.
Tab. 1: Lymphödem: Stadien und Symptome
| Stadium 0 | keine Beschwerden |
| Stadium 1 (kann sich zurückbilden; reversibel) |
leichte Schwellung am Tag, die nachts wieder abklingt; Hochlagerung wirkt sich günstig aus; die betroffenen Körperteile zeigen ein Spannungs- und Schweregefühl, Handgelenk und Fußknöchel sind geschwollen |
| Stadium 2 (kann sich nicht zurückbilden; irreversibel) |
verhärtete Schwellung, verdicktes Bindegewebe, Haut nur wenig eindrückbar; Haut fühlt sich hart an, schmerzhaft gespannt; Hochlagerung bringt keine Linderung |
| Stadium 3 („Elephantiasis“) |
betroffene Extremität ist oft extrem/gigantisch geschwollen und unförmig; Haut ist verdickt und vernarbt; alltägliche Bewegungen sind nahezu unmöglich; Wunden heilen schlecht mit Gefahr der bösartigen Entartung (Lymphangiosarkom); Gefahr der Fistelbildung und Ekzemneigung |
Diagnose des Lymphödems
Folgende Untersuchungen helfen bei der Diagnose eines Lymphödems:
- Stemmersches Zeichen: Über den Zehen lässt sich nur schwer oder überhaupt nicht mehr eine Hautfalte abheben (positives Stemmersches Zeichen).
- Bildgebende Verfahren:
- Farbduplex-Sonographie (spezieller Ultraschall) zum Unterscheiden zwischen Venen-Erkrankung/Thrombose und Lymphödem
- Funktions-Lympho-Szintigraphie
- Computer-Tomographie (CT)
- Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT)
- indirekte Lymph-Angiographie
Therapie des Lymphödems
Mit der komplexen physikalischen Entstauungs- Therapie (KPE) lassen sich die Ödeme beim Lymphödem reduzieren. Die KPE besteht aus zwei Phasen:
Mobilisation der aufgestauten eiweißreichen Gewebsflüssigkeit (Lymphe),
bereits vorhandene Bindegewebs-Anhäufungen und Fibrosen sollten, wenn möglich, reduziert werden, um Therapie-Erfolge zu erhalten und zu verbessern.
Beide Phasen bestehen optimalerweise aus jeweils vier bzw. fünf Elementen:
- Hautpflege: sehr ernst zu nehmen, da die Haut zu Entzündungen neigt,
- Bewegungstherapie/Sport – besonders in kaltem Wasser, z.B. Aquacycling,
- Kompressionstherapie: mehrlagige komprimierende Wechselverbände, Kompressionsstrumpf/-hose; sie unterstützen den zuvor begonnenen Prozess des Lymph-Abflusses und die Muskelpumpe durch die Kompression von außen,
- manuelle Lymphdrainage, evtl. später ergänzt durch apparative Drainage,
- Schulung zur individuellen Selbsttherapie.
Merke: Eine geeignete medikamentöse Therapie existiert nicht.
Das Lipödem
Unter dem Lipödem versteht man eine schmerzhafte Fettverteilungs-Störung an Armen und Beinen, die vornehmlich Frauen betrifft. Füße, Hände und auch der Körperstamm/Rumpf sind in der Regel nicht betroffen. Bei manchen Frauen kommt es im Laufe eines Tages zur Schwellung an den Beinen. Die Adipositas, die den gesamten Körper betrifft, muss frühzeitig davon unterschieden werden! Problematisch ist, dass beide Erkrankungen oft gleichzeitig auftreten. Bei Adipositas kann zusätzlich ein Lymphödem vorliegen (siehe oben). Dies muss bei der Therapie unbedingt berücksichtigt werden.
Tab. 2: Lipödem: Stadien und Symptome
| Stadium 1 | anfangs oft glatte Haut mit gleichmäßig verdickter Unterhaut |
| Stadium 2 | später wellenartige Oberfläche mit knotigen Verhärtungen im Unterhautfettgewebe |
| Stadium 3 | ausgedehnte Fett-Ansammlungen mit z.T. überhängenden Hautanteilen |
Ursache des Lipödems
Da das Lipödem nur bei Frauen ab oder nach der Pubertät vorkommt, wird ein hormoneller Zusammenhang mit Östrogenen vermutet. Die eigentliche Ursache ist aber bis heute nicht bekannt. Da es auch familiär gehäuft auftritt, ist auch eine vererbte Komponente wahrscheinlich. Bei Männern findet man das Lipödem nur bei Hormon-Störungen im Rahmen eines Leberschadens oder einer Hormon-Therapie bei einer bösartigen Erkrankung.
Symptome des Lipödems
Das Lipödem tritt immer symmetrisch auf. Auffällig ist eine Diskrepanz zwischen einem meist normalen Oberkörper und einem deutlich breiteren Unterkörper ab der Hüfte. Erkennbar sind Hüftpolster und Oberschenkelgeschwülste in Form von „Reithosen“ oder auch Fettpolstern an der Innenseite der Knie und der Oberschenkel. Neben den Fett-Ablagerungen kommt es nicht selten im Laufe des Tages auch zu Wasser-Ansammlungen (Ödemen) an Unterschenkeln und Knöcheln, was zu einem Spannungsschmerz führt. Schon leichte Stöße führen zu Blutergüssen und es treten Schmerzen auf Druck und Berührung auf.
Wichtig: Das Lipödem ist von harmlosen Fett-Ansammlungen wie Lipohypertrophien durch langjährige Insulin-Injektionen in immer wieder die gleiche Stelle abzugrenzen. Bei Lipohypertrophien hilft es, die Injektionen in andere Spritzstellen zu verlagern, und das Benutzen kurzer Kanülen. So können meist auch „unerklärliche Blutzuckerschwankungen“ wegen einer ungleichmäßigen Insulin-Aufnahme behoben werden.
Therapie des Lipödems
Auch beim Lipödem steht die KPE im Vordergrund, da häufig zusätzlich Wasser-Einlagerungen vorliegen. Kompressionsstrümpfe können das Auftreten eines Lipödems verzögern.
Die Liposuktion, also das Absaugen von Fett, durchgeführt von Fachärzten mit der Zusatzbezeichnung „Arzt/Ärztin für plastische Chirurgie“, ist in begründeten Fällen mit massiver Fett-Ansammlung möglich. Das Absaugen wird häufig in mehreren Sitzungen in Abständen von mehreren Wochen oder Monaten vorgenommen. Im Einzelfall können auch Lipolyse-Spritzen angezeigt sein.
Bei der Liposuktion werden nicht alle Fettzellen entfernt, wenn auch das meiste Fett weg ist. Aber es handelt sich um eine chronische Erkrankung mit der Folge, dass es meist nach Jahren wieder zu einer lokalen Fett-Vermehrung kommen kann.
Zusammenfassung
Im klinischen Alltag werden Ödeme, durch Wasser, Lymphe oder Fett, nicht selten einem falschen Krankheitsbild zugeordnet. Mit Zunahme der Adipositas in unserer Gesellschaft muss von Ärzten und Therapeuten immer häufiger auch die Diagnose Lipödem vom Lymphödem oder anderen Ödemen wie dem aufgrund einer Herzinsuffizienz oder einer chronisch venösen Insuffizienz mit Wasser in den Beinen unterschieden werden.
Nur so lässt sich eine für die Patientinnen und Patienten passende Therapie einleiten. Dies kann meist anhand einiger Anhaltspunkte erfolgen – nicht selten gibt es aber auch Überschneidungen der Krankheitsbilder, die dann möglicherweise zu einer falschen Weichenstellung bei der Therapie führen.
Bei „unklarer Diagnose“ sollten Spezialisten in ihrem Gebiet wie Lymph-/Lipödem-Therapeuten, Phlebologen (Venen-Spezialisten), Angiologen (Gefäß-Spezialisten), Gefäßchirurgen usw. hinzugezogen werden. Eine unzutreffende Diagnose bedeutet für die Betroffenen oft lebenslanges Leid sowie eine psychische Belastung, verbunden mit alltäglichen Einschränkungen.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (7) Seite 34-37
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stephanie-haack postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 2 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
