Auf dem Dach Afrikas

3 Minuten

Community-Beitrag
Auf dem Dach Afrikas

In Gondar, der früheren Hauptstadt Äthiopiens, brachte mich Peter auf mein nächstes Etappenziel während meiner Reise am Horn von Afrika Ende 2013. Sein Tipp: Der Simien-Nationalpark mit dem höchsten Gebirge des Landes, das mit dem Gipfel des Ras Dashen über 4.500 m erreicht, sei ein einmaliges Naturerlebnis. Auch wenn er oben in den Bergen nachts im Zelt gefroren und wegen des geringen Sauerstoffgehalts nach Luft geschnappt habe. Ich las im Reiseführer nach: „Beachten Sie die Höhenlage, die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben kann. Die Tagestemperaturen liegen zwischen 12 und 25 Grad, nachts kann es bis unter den Gefrierpunkt gehen – also warme Sachen für das Campen einpacken!“

Mit dem Bergführer Eyosi und Birara, einem Scout mit Kalaschnikow, brach ich zu einer zweitägigen Tour in die Berge auf. Vor dem Start informierte ich die beiden, dass ich als Typ-1-Diabetikerin unterwegs häufiger meinen Blutzucker kontrollieren und bei niedrigen Werten Kohlenhydrate zu mir nehmen müsse. Ich rechnete damit, dass ich wegen der vielen Bewegung unterzuckern würde.

Riesenlobelien_KKloss

Birara trug meinen Rucksack die Berge hoch und runter, wir mussten häufig Talsenken überwinden. Vorbei an Riesenlobelien, Johanniskrautsträuchern, Lämmergeiern, Blutbrustpavianen, und das alles vor bizarren Felsformationen. Immer ging mir der schon etwas ältere Scout, der sein Tempo bei Steigungen nicht verlangsamen musste, voraus, unser Abstand vergrößerte sich. Die letzten anderthalb Stunden am ersten Tag gingen schnurstracks bergauf, über große Steine, durch tiefe Erdfurchen. Meine Beine fühlten sich an wie Pudding, ich hätte keinen Schritt weiter geschafft als bis zum Gich Camp auf 3.600 m. Und noch eine neue Erfahrung: Trotz der großen Anstrengung hatte ich unterwegs keine Unterzuckerung, sondern hohe Blutzuckerwerte, was ich auf die Höhenlage zurückführe.

Kurz vor Sonnenuntergang zwängte ich mich in zwei Fleecepullover plus Jacke und zog zwei Hosen übereinander an. Mein hastig eingenommenes Abendbrot bestand wie mein verfrorenes Frühstück am nächsten Morgen aus einem vegetarischen Hotdog – Banane im Brötchen. Über zwölf Stunden – von 18:30 bis 7:00 Uhr war es dunkel – kämpfte ich im klammen Zelt im Schlafsack mit einem Handtuch über dem Gesicht gegen die Kälte. Höchstens drei Stunden davon habe ich schlafen können, meistens schaute ich voller Erwartung auf meinen Wecker mit Thermometer.

Im Zelt sank die Temperatur nachts auf 1 Grad. Mit dem Atmen bekam ich keine Probleme, dafür morgens beim Blutzuckermessen. Nachdem es mir gelungen war, mit vor Kälte steifen Fingern einen Teststreifen aus dem Röhrchen zu klauben und ins Messgerät zu stecken, bekam ich eine Fehlermeldung. Laut Gebrauchsanweisung soll ich mein OneTouch VerioIQ bei mindestens 5 Grad aufbewahren, da lag ich drunter. Nachdem ich das Gerät zwischen den Handflächen warm gerieben hatte, funktionierte es wieder.

Siemen Mountains_KKloss

Mit Hilfe eines Maultiers schaffte ich es am zweiten Tag auf über 4.000 m. Einmal ist das arme Tier ausgerutscht, geschmolzener Raureif verwandelte den Trampelpfad in eine Matschrutschbahn. Eyosi zeigte mir abessinische Steinböcke und erzählte viel über das Leben in Äthiopien.

Unterwegs machte er mich mit seinem Kollegen Eshetu bekannt, einem Typ-1-Diabetiker. Er spritzt morgens und abends Insulin, sein Monatsvorrat kostet 5 US-Dollar. Einmal pro Woche lässt er im Krankenhaus seinen Blutzucker messen. Unterzuckerungen bemerke er auch ohne eigenes Messgerät, versicherte mir der zurückhaltende junge Mann. Auf seinen Bergführungen habe er immer ausreichend Traubenzucker dabei. Als Eshetu ein Jahr vor unserer Begegnung an Diabetes erkrankte, wurde er oben auf dem Berg halb bewusstlos und musste hinuntergetragen werden. Später ist ihm einmal während einer Tour seine Einwegspritze zerbrochen, aber ein über Handy informierter Kollege brachte ihm ein Ersatzgerät hoch aufs Dach Afrikas.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes – Teil 2: Praxisnahe Tipps für Bewegung
Während die Glukosewerte bei längerer, gleichmäßiger Aktivität häufig sinken, können sie bei intensiven Belastungen zunächst sogar ansteigen. Dieses Wissen bildet die Grundlage, um alltagstaugliche Strategien für Sport und Bewegung zu entwickeln. Dazu haben wir hier praxisnahe Tipps zusammengetragen.
Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes – Teil 2: Praxisnahe Tipps für Bewegung | Foto: kieferpix – stock.adobe.com

3 Minuten

Fußball-Camps für Kinder und Jugendliche mit Diabetes: Die Fußballfabrik vereint Spielspaß und Diabetes-Management
Der Ball rollt wieder, nicht nur bei der WM: Die Fußballfabrik von Ingo Anderbrügge startet 2026 in eine neue Saison ihrer Fußball-Camps speziell für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Diese verbinden intensive Fußballtrainings mit medizinischer Betreuung, Workshops rund ums Diabetes-Management und dem Austausch mit anderen betroffenen Familien.
Fußball-Camps für Kinder und Jugendliche mit Diabetes: Die Fußballfabrik vereint Spielspaß und Diabetes-Management | Foto: Fußballfabrik / VitalAire Deutschland

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

Verbände