- Behandlung
Diabetische Ketoazidose – Teil 1: Schwere Stoffwechselentgleisung verstehen, erkennen, verhindern
3 Minuten
Im Alltag vieler Betroffener mit Diabetes sowie deren Familien wird meist viel Wert auf das Verhindern von Unterzuckerungen gelegt. Das Risiko einer diabetische Ketoazidose (DKA) wird oft unterschätzt, obwohl diese die gefährlichere Komplikation darstellt. Hier erfahren Sie, wie man die schwere Stoffwechselentgleisung erkennen und verhindern kann.
Die diabetische Ketoazidose (DKA) ist eine akute Entgleisung des Stoffwechsels. Sie ist bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes die wichtigste und potenziell gefährlichste Komplikation. Oft führt sie je nach Ausprägung zu einem Krankenhaus-Aufenthalt, manchmal ist sogar eine intensivmedizinische Behandlung notwendig.
- Medizinisch wird die DKA anhand von mehreren Faktoren definiert:
- erhöhte Glukosewerte, meist deutlich über 300 mg/dl bzw. 16,7 mmol/l,
- erhöhte Ketonwerte im Blut (über 1,5 mmol/l, „Ketose“),
- Übersäuerung („Azidose“) im Blut (pH-Wert unter 7,3).
Wie eine Ketoazidose entsteht
Der entscheidende Grund für das Entstehen einer diabetischen Ketoazidose ist ein Insulin-Mangel. Es gibt einige Situationen im Alltag, die zu diesem Zustand führen können. Zunächst sind mögliche mechanische Probleme bei Insulinpumpen zu nennen. Wenn ein Infusions-Set verstopft oder die Kanüle herausgerutscht ist, bemerkt man dies unter Umständen nicht sofort. Vor allem nachts oder beim Spielen und Toben tagsüber fällt es zunächst nicht auf. Nach wenigen Stunden zeigt sich im Körper aber bereits der Mangel an Insulin, da aus der Insulinpumpe kein Nachschub mehr ankommt.
Notfall Ketoazidose
- Eine Ketoazidose ist gefährlicher als eine Unterzuckerung.
- Ursache ist ein starker Insulin-Mangel.
- Spätestens daran denkensollten Eltern bei hohen Glukosewerten und Bauchschmerzen.
Insulin-Resistenz
Ein weiterer Grund ist die Insulin-Resistenz. Diese entsteht durch langfristig erhöhte Glukosewerte, zum Beispiel als Folge einer Erkrankung mit Fieber und erhöhtem Insulinbedarf. Auch wenn man mehrfach die Insulingaben zum Essen vergisst oder erhöhte Werte nicht korrigiert, bleiben sie über lange Zeit hoch. Ein häufiger Grund für unzureichende Korrekturen ist zum Beispiel, dass die automatisierte Dosis-Anpassung der Insulinpumpe nicht funktioniert, weil der Sensor nicht getragen wird oder Alarme nicht wahrgenommen oder ernst genommen werden. Darum ist ein regelmäßiger Check des Automodus (meist optisch auf dem Display deutlich erkennbar) vor der Schule und vor dem Schlafengehen ein sehr guter Schutz.
Durch die dauerhaft erhöhten Glukosewerte kommt es zu einer Art „Verstopfung“ der Insulin-Rezeptoren an den Muskelzellen. Das Insulin kann schlechter wirken. Somit steigt – trotz Insulingaben – der Glukosewert noch weiter, da die normale Insulindosis nicht mehr ausreicht. Durch den weiter steigenden Wert nimmt auch die Insulin-Resistenz weiter zu. Es entwickelt sich eine Art „Spirale“, die trotz des eigentlich sehr vielen Insulins nach und nach zu Anzeichen wie bei einem Insulin-Mangel führt.
Wie sich ein Insulin-Mangel auswirkt
Die Zellen benötigen ständig Zucker (Glukose) als Energie-Lieferant. Glukose kann aber in den meisten Fällen nur mit Hilfe von Insulin in die Zellen gelangen. Wenn das Insulin nicht vorhanden ist oder nicht mehr richtig wirkt, fehlt die Glukose in den Zellen. Der Zucker-Mangel in den Zellen bewirkt eine Ausschüttung des Hormons Glukagon. Dieses Hormon ist ein Signal an die Speicher des Körpers, dass die Zellen Glukose benötigen. Es bewirkt, dass mehr Glukose aus den Energie-Speichern des Körpers, vor allem aus der Leber, freigesetzt wird.
Somit steigt der Glukosewert im Blut noch weiter an. In den Zellen kommt die freigesetzte Glukose aber weiterhin nicht an. Hier entsteht wieder ein Kreislauf, der dazu führt, dass immer mehr Glukose aus der Leber ins Blut freigesetzt wird. Der Blut- oder Gewebezucker-Wert steigt also immer höher, selbst wenn man nichts isst.
Ketonkörper entstehen bei Zucker-Mangel
Wenn die Muskelzellen dauerhaft „hungern“, weil keine Glukose ankommt, schalten sie auf den „Notfall-Modus“ um. Sie verbrennen als Ersatz-Energielieferanten freie Fettsäuren aus dem Blut. So können sie weiterhin Energie gewinnen. Allerdings bleiben beim Verbrennen dieser Fettsäuren Reste übrig. Diese Abfall-Produkte der Fettverbrennung heißen Ketonkörper. Sie sammeln sich zunächst im Blut an. Eine geringe Ketonkörper-Menge im Blut bemerkt man anfangs oft nicht.
Mit zunehmender Menge an Ketonkörpern beginnt aber der pH-Wert im Blut zu sinken. Das Blut wird sauer. Dies bemerkt man zum einen an den typischen Anzeichen für einen hohen Glukosewert. Hinzu kommen aber Symptome, die ähnlich sind wie bei einer Magen-Darm-Infektion oder einer Vergiftung. Betroffene Kinder und Jugendliche klagen über Bauchschmerzen und Übelkeit, müssen sich eventuell mehrfach übergeben.
Außerdem riecht ihr Atem wegen der Ketone wie Äpfel oder Nagellack. Beim Fortschreiten der Ketoazidose kann die Atmung sehr tief und angestrengt werden. Sie wird nach seinem Erstbeschreiber Kußmaul-Atmung genannt und ist ein Zeichen für dringenden Handlungsbedarf.
Rechtzeitig kontrollieren und handeln
Spätestens bei den ersten dieser Anzeichen sollten Eltern aufmerksam sein und das Blut auf Ketone überprüfen. Im Zweifelsfall ist bei Symptomen eines Magen-Darm-Infekts immer auch zunächst von einer entstehenden Ketoazidose auszugehen – nach dem Motto: „Immer erst das Gefährlichere ausschließen!“
Sollte eine beginnende Ketoazidose nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden, besteht das Risiko, dass es dem Kind so schlecht geht, dass es stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden muss. Je nach Ausprägung der Symptome und bei einem bereits deutlich abgesunkenen pH-Wert im Blut ist sogar vorsichtshalber die Aufnahme auf eine Intensivstation notwendig.
Eine schwere Ketoazidose kann lebensgefährlich sein. Allerdings entwickelt sie sich in aller Regel langsam, sodass die Betroffenen bzw. die Eltern eigentlich genügend Zeit haben, die Komplikation bereits im Entstehen rechtzeitig zu erkennen – und entsprechend zu reagieren.
In welchen Situationen und wie die Ketonkörper überprüft werden sollten und wie man bei einer beginnenden Ketoazidose handeln sollte, das wird in der nächsten Ausgabe des Diabetes-Ankers (Juli 2026) ausführlich behandelt.

Für Beiträge in der Rubrik Eltern und Kind kooperiert der Diabetes-Anker u.a. mit der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED). Der Verband setzt sich dafür ein, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen zu erhalten und zu verbessern.
von André Kluge
André Kluge ist Diabetesberater DDG. Er ist tätig im Kinderkrankenhaus der Kliniken der Stadt Köln und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED).
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (6) Seite 46-47
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Eltern und Kind
4 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
stephanie-haack postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 5 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-
-
moira postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
