Eine Ketoazidose ist lebensgefährlich!

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Eine Ketoazidose ist lebensgefährlich!

Zwei Todesfälle von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes haben in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erregt. Was genau passiert ist, wird zumindest im Fall der 13-jährigen Emily noch untersucht, und es wäre falsch, sich an Spekulationen zu beteiligen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass in beiden Fällen eine Ketoazidose die Todesursache war.

Die 13-jährige Emily ist auf einer Klassenfahrt nach London gestorben. Mitschüler erheben laut des vom Vater beauftragten Anwalts Vorwürfe, dass die Lehrer nicht rechtzeitig nach dem Mädchen geschaut haben, das über Übelkeit und Erbrechen klagte. Der 18-jährige Timo lebte allein und war nach Angaben des Vaters ein „Gamer“, hat exzessiv gespielt. Timos Vater berichtet im Internet, dass sein Sohn in Folge einer Überzuckerung tot aufgefunden worden sei.

Natürlich können wir keine Stellung zu Einzelheiten nehmen, aber es ist gut möglich, dass bei beiden Jugendlichen eine Ketoazidose die Todesursache war.

Klassenfahrt nach London: Was ist passiert?

Auf bild.de war zu lesen, dass rund zwei Monate nach dem Tod von Emily auf einer Klassenfahrt die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach gegen vier Beschuldigte ermittelt. Gegen die Aufsichtspersonen bestehe der Tatverdacht der fahrlässigen Tötung, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mitteilte. Mitschülerinnen sollen, so der Anwalt von Emilys Vater, geschildert haben, dass sich die 13-Jährige bereits bei Ankunft am Donnerstag übergeben habe.

Im Laufe der Nacht soll sich der Zustand des Mädchens verschlechtert haben. Am Samstagvormittag sei Emily so schwach gewesen, dass es sich nicht mehr selbst aufrichten konnte. Daraufhin sei ein Rettungswagen bestellt und das Kind in eine Klinik gebracht worden. Am Sonntagmorgen verstarb Emily nach einer Verlegung in die renommierte Klinik Great Ormond Street Hospital.

„Todesursache: Gaming“

Unter diesem Titel berichtet der Vater von Timo in den sozialen Medien über den Tod seines Sohnes. „Eingeschlafen vor dem PC Aufgrund von Überzuckerung“, steht schon im ersten Absatz der Schilderung. Der Vater möchte mit seiner Initiative „wachrütteln und über die Folgen von Computersucht aufklären insbesondere wenn eine Krankheit wie Diabetes im Spiel ist“.

Timos Vater weiter: „Heute gibt es immer mehr Menschen in allen Altersgruppen, die dem Computer verfallen sind ohne es zu bemerken. (…) Die meisten Kontakte gibt es nur noch in der virtuellen Welt. (…) Da mittlerweile die meisten Spiele online stattfinden gibt es keinen  ̦Pausen-Knopf̓. Doch irgendwann meldet sich auch mal der Körper mit seinen Bedürfnissen, wie z. B. Hunger oder der Toilettengang. Doch diese Signale werden gerne ignoriert. ̦Ich mache nur noch schnell das Spiel zu Ende, dann komme ich zum Essen̓ sind gerne gesagte Sätze, die wohl viele Eltern kennen. Und eine Stunde später sitzt das Kind immer noch am PC und konnte sich nicht losreißen.“

Keine Zeit mehr für Diabetes

Aufgrund des Bildes, dass sich Timos Vater in der Wohnung seines Sohnes bot, schließt er, dass Timo „nebenbei unbewusst genascht“ hat, vor allem Chips und Eis, und es für ihn am wichtigsten war, ohne Pause weiterspielen zu können. Wahrscheinlich hat Timo darüber auch vergessen, regelmäßig zu messen und sich über seine Pumpe Insulin zu geben, meint der Vater.

Während das ungeregelte Essen „nur“ den Blutzucker in die Höhe treibt, löst die unzureichende Insulingabe letztendlich eine Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes) aus. Menschen mit Diabetes, denen das passiert, sind irgendwann sogar zu schwach, auch nur einen Hilferuf abzusetzen. Timo wurde am 18. Oktober 2019 tot vor seinem PC gefunden. Zu diesem Zeitpunkt habe er alleine gewohnt, berichtet Timos Vater, überall seien Chipstüten und Eisschalen verteilt gewesen.

Klassenfahrt: unsichere Lehrer, unsichere Eltern

Nun werden sich nach Emilys Tod in London und den Folgen manche Lehrer fragen, ob sie Kinder mit Diabetes noch auf Klassenfahrten mitnehmen sollten. Auch Eltern könnten Bedenken haben, ihren Kindern mit Diabetes die Teilnahme an Klassenfahrten und Freizeiten zu erlauben.

Aber genauso wenig, wie es sinnvoll erscheint, aufgrund von Timos schrecklichem Schicksal Kindern das Spielen an der Spielkonsole oder am PC grundsätzlich zu verbieten, sollte sicher immer alles versucht werden, um Kindern mit Diabetes die Teilnahme an allen schulischen Aktivitäten zu ermöglichen.

Denn gerade bei der Bewältigung einer chronischen Erkrankung sind positive Erlebnisse von außerordentlicher Bedeutung. Genau solch ein positives Erlebnis kann eine Klassenreise sein, denn sie bietet Jugendlichen einen geschützten Rahmen, in dem das selbständige Management des Diabetes geübt werden kann.

Die Ursache der Ketoazidose: Insulinmangel

Es ist ein Irrglaube, dass durch hohe Werte beim Naschen eine Ketoazidose ausgelöst werden kann. So lange bei einem hohen Wert ausreichend Insulin im Körper ist (erkennbar an normalen Blut- oder Urinketonen) besteht keine Gefahr.

Sowohl Emily wie auch Timo wurden mit einer Insulinpumpe behandelt. Gerade bei dieser Therapieform kann z. B. durch einen unbemerkten Katheterverschluss (siehe Beitrag von Prof. Bratina) schnell ein Insulinmangel auftreten. Wahrscheinlich als Ausdruck einer guten Schulung ist aber in Deutschland die Ketoazidoserate bei Pumpenträgern niedriger als bei Kindern mit Pentherapie.

Die meisten Menschen mit Typ-1-Diabetes, die mit einer Ketoazidose im Krankenhaus landen, haben im entscheidenden Moment nicht daran gedacht, dass ihnen Insulin fehlen könnte. Die klassischen Zeichen – Übelkeit, Bauchschmerzen, trockener Mund, vertiefte Atmung – werden oft mit anderen Ursachen als Insulinmangel in Verbindung gebracht.

Streifen zur Messung von Urin- oder Blutketonwerten sind auch meistens vorhanden, aber im entscheidenden Moment wird die Ketonbestimmung nicht oder zu spät durchgeführt. Wenn erst einmal Erbrechen eingesetzt hat, ist meistens ein Krankenhausaufenthalt unvermeidlich. Denkt man aber bereits bei Übelkeit an die Ketonmessung und leitet bei erhöhten Ketonwerten die richtigen Schritte ein, lässt sich ein Krankenhausaufenthalt oft verhindern.

Schulung kann Leben retten

Als es darauf ankam, haben sowohl Emily als auch Timo aus unterschiedlichen Gründen wahrscheinlich nicht an eine Ketoazidose gedacht und nicht die richtigen Schritte eingeleitet: Keton und Glukose/Blutzucker messen, Korrekturinsulin (mit Pen oder Spritze, nicht mit der Pumpe!) geben, viel trinken, nicht alleine bleiben. Denn je früher eine Ketoazidose erkannt wird, umso besser.

Im Vergleich zu einer schweren Unterzuckerung ist eine Ketoazidose in weit größerem Maße eine lebensgefährliche Komplikation. Auch die Behandlung einer schweren Ketoazidose im Krankenhaus benötigt viel Erfahrung.

Hoffentlich bewirken die Diskussionen um den Tod von Emily und Timo, dass wir alle, Behandler wie Betroffene, der Schulung zur Vermeidung, Erkennung und Behandlung einer Ketoazidose in Zukunft noch größere Bedeutung beimessen. Ein Schema, das helfen kann, eine Ketoazidose zu vermeiden, finden Sie hier auf diabetes-online.de.


von Prof. Dr. med. Thomas Danne
Chefarzt Kinderkrankenhaus auf der Bult,
Janusz-Korczak-Allee 12, 30173 Hannover,
E-Mail: danne@hka.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2019; 11 (4) Seite 06-07

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