Kinderdiabetologie im Wandel

3 Minuten

Kinderdiabetologie im Wandel

Das Diabetes Eltern-Journal feiert Geburtstag – das erste Jahrzehnt liegt hinter uns. Es lohnt sich ein Blick zu den Anfängen der Insulintherapie, um einordnen zu können, welch eine rasche Entwicklung die Diabetestherapie in den letzten Jahren genommen hat.

Die epochemachende Extraktion des wirksamen Insulins aus tierischen Bauchspeicheldrüsen gelang 1921 den beiden kanadischen Forschern Frederick Banting und Charles Best. Am 11. Januar 1922 wurde der 14-jährige Leonard Thompson als erster Patient im Toronto General Hospital mit dem Extrakt behandelt. Der Diabetes konnte mit Hilfe der Insulingabe zwar nicht geheilt, aber wirkungsvoll behandelt werden. 1922 wurden die Forschungsergebnisse veröffentlicht, das ist also nicht einmal hundert Jahre her. 1923 wurde die Entdeckung mit dem Nobelpreis belohnt.

Die Pioniere der Insulinbehandlung

Die Methode der Insulinsubstitution mit den verfügbaren kurzwirkenden Insulinpräparationen, die 2-, 3- oder 4-mal am Tag injiziert wurden, fand während der folgenden Jahre immer neue Modifikationen. Elliot Joslin propagierte in Boston vor allem die Schulung von Patienten, regelmäßige Stoffwechselselbstkontrollen mit Hilfe von Uringlukosemessungen und die Feinabstimmung von Insulinbehandlung, Nahrungszufuhr und körperlicher Bewegung. So entstand der Begriff der Drei-Säulen-Therapie.

Der deutsche Kinderdiabetologe Karl Stolte war bei der Behandlung diabetischer Kinder und Jugendlicher seit Ende der 20er Jahre eigene neue Wege gegangen. Er löste sich von den streng berechneten Kostformen und entwickelte eine Insulinbehandlung, die aus heutiger Sicht als Vorläuferin einer intensivierten Insulintherapie bezeichnet werden kann: “die täglich neue Adaptation der Insulindosis an die freigewählte Nahrungszufuhr”.

Im Gegensatz zu Stolte praktizierte die Mehrzahl der damals führenden Diabetologen eine Therapieform, deren erklärtes Ziel es war, dem Patienten die häufigen Insulininjektionen zu ersparen, d. h. nur ein- oder zweimal am Tag Insulin zu spritzen. Nach Einführung der Verzögerungsinsuline Mitte der 30er Jahre war die Durchführung dieser konventionellen Insulintherapie mit einem unflexiblen Diätregime noch einfacher geworden.

Pumpentherapie auf dem Vormarsch

Es dauerte aber bis zur DCCT-Studie aus dem Jahr 1993, dass der Vorteil einer Liberalisierung der Ernährung, die Unabhängigkeit von festen Insulindosen und Injektionszeiten mit der Möglichkeit, die Behandlung flexibel an die unterschiedlichsten Lebenssituationen anzupassen, wissenschaftlich belegt wurde. Daten zur Kinderdiabetologie in Deutschland liefert das von Reinhard Holl in Ulm entwickelte DPV-Programm. So nahm in Deutschland der Anteil der konventionell behandelten Kinder und Jugendlichen (1 oder 2 Injektionen pro Tag) von 46 % (1995) auf 14 % (2001) ab.

Seit etwa dem Jahr 2000 zeigt sich ein neuer Trend: Immer mehr Kinder und Jugendliche werden mit einer Insulinpumpe behandelt. Während zunächst vor allem Jugendliche eine Pumpe bekamen, zeigt der aktuelle Gesundheitsbericht Diabetes 2018, dass sich die Pumpe in den letzten drei Jahren vorrangig bei der Therapie sehr junger Patienten durchgesetzt hat: 92 % aller Diabetes-
patienten, die 2016 jünger als 5 Jahre waren, verwendeten eine Insulinpumpe. Bei den älteren Jugendlichen (15 bis 18 Jahre) waren es lediglich 45 %.

International zeigen sich erhebliche Unterschiede: In England und Wales werden nur 14 % der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mit einer Insulinpumpe behandelt, in den USA sogar 47 %. Patienten mit Migrationshintergrund bzw. ethnische Minderheiten werden in allen Ländern seltener mit einer Pumpe behandelt, ebenso tragen Jungen seltener eine Pumpe als Mädchen.

Fällt Europa zurück?

Mit der Weiterentwicklung kontinuierlicher Messverfahren zur Glukosebestimmung im Unterhautgewebe ergibt sich jetzt der Weg zur automatischen, selbstgesteuerten Insulinpumpe. 2016 wurde die erste Hybrid-Closed-Loop-Pumpe in den USA zugelassen, die bei drohender Unterzuckerung nicht nur die Insulinzufuhr unterbricht, sondern auch bei hohen Werten zusätzliches Insulin abgibt und somit besonders nachts für stabile Glukosewerte sorgt.

Anfang 2018 sind aber bislang in Europa weder Studien noch eine Zulassung für dieses System erfolgt. In einem Call to Action haben über 800 Teilnehmer des Diabetes-Technologie-Kongresses (ATTD) im Februar in Wien Gesundheitspolitiker, Industrie und Behörden aufgerufen, die Zulassungsprozesse zu beschleunigen, damit auch in Europa mit der raschen wissenschaftlichen Entwicklung der Diabetesbehandlung Schritt gehalten werden kann.

Ob eine Pille zusätzlich zum Insulin oder ein künstliches Pankreas, welches viele Anpassungen der Insulindosis automatisch durchführt: Die nächsten 10 Jahre in der Kinderdiabetologie versprechen weitere neue Entwicklungen.|


von Prof. Dr. Thomas Danne
Kinderdiabetologe, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin „Auf der Bult“, Hannover, Vorstandsvorsitzender diabetesDE

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2018; 11 (1) Seite 6-7

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Kurse und digitale Unterstützung: Was beim Abnehmen helfen kann
Viele Menschen mit Diabetes kämpfen mit Übergewicht – und oft fehlt ein klarer Einstieg ins Abnehmen. Digitale Gesundheitsanwendungen sowie spezielle Kurse für Ernährungsberatung und Bewegungsangebote können Unterstützung bieten, den Prozess langfristig zu strukturieren.
Kurse und digitale Unterstützung: Was beim Abnehmen helfen kann | Foto: Studio Romantic – stock.adobe.com

2 Minuten

Kolumne „Fernweh“: Eiskalter Badespaß, ausgefallene CGM-Sensoren
Eine Hamburger Winteraktion bringt Hunderte zum Eisbaden in die Elbe. In der Kolumne „Fernweh“ berichtet Susanne, wie eiskalter Badespaß nicht nur einen guten Zweck unterstütze, sondern auch kurzzeitige Auswirkungen auf die CGM-Sensoren der beteiligten Menschen mit Diabetes hatte.
Kolumne „Fernweh“: Eiskalter Badespaß, ausgefallene CGM-Sensoren | Foto: Anna Syvak - stock.adobe.com

2 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/

  • othenbuehler postete ein Update vor 1 Tag, 13 Stunden

    Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.

    Genau hier setzt die TIMES-Studie an. Wir möchten besser verstehen, wie sich der Zyklus auf Glukosewerte und Insulinbedarf auswirkt – und wie Betroffene damit im Alltag umgehen.

    👉 Wen suchen wir?
    Personen mit Typ-1-Diabetes (18–40 Jahre), wohnhaft in Deutschland, mit regelmässigem Menstruationszyklus und Nutzung eines automatisierten Insulinabgabesystems.

    👉 Was bedeutet die Teilnahme?
    Dauer: 6 Monate, bequem alles von zu Hause aus
    Erfassung von Insulin-, Zyklus- und Aktivitätsdaten
    Als Dankeschön: Clue-Abo (1 Jahr), Garmin-Uhr (zum Behalten) + Aufwandsentschädigung (siehe Flyer)

    Mit eurer Teilnahme helft ihr, Diabetes-Technologien zukünftig besser an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen 💙

    Mehr Infos im Flyer 👇

    Uploaded Image
  • moira postete ein Update vor 4 Tagen, 16 Stunden

    Meine Tochter ist ein großer Fan der Buchreihe Woodwalkers. In einem Band kommt wohl ein Woodwalker mit Diabetes typ 1 vor. Fand ich cool. Es wird Blutzucker gemessen und ein Unterzucker behandelt.
    (Wen es interessiert Band 2.3)

Verbände