- Eltern und Kind
Übergewicht bei Typ 1 – wie vorbeugen?
6 Minuten
Übergewicht und starkes Übergewicht (Adipositas) sind auch bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes ein Thema. Die Gründe dafür können zum Teil mit dem Diabetes zusammenhängen. Dr. Kerstin Kapitzke zeigt diese Gründe auf und gibt Hinweise, wie Übergewicht vermieden und bei Sport Blutzuckerschwankungen vorgebeugt werden kann.
Obwohl von Patienten mit Typ-1-Diabetes traditionell angenommen wird, dass sie schlank sind, stellt sich das aktuell anders dar: Adipositas betrifft etwa 6 Prozent der Jungen und 8 Prozent der Mädchen mit Typ-1-Diabetes in Deutschland. Übergewicht findet sich bei etwa 9 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen mit Typ-1-Diabetes. Der Einfachheit halber wird im Folgenden nicht zwischen Adipositas und Übergewicht unterschieden.
Wie Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen definiert werden und ob Ihr Kind betroffen ist, lesen Sie im folgenden Kasten:
In den letzten 20 Jahren hat sich das Auftreten von Adipositas weltweit verdreifacht; das ist ein so großes Ausmaß, dass es jetzt als Epidemie angesehen wird. Von Adipositas spricht man dann, wenn ein Übermaß an Fettgewebe an der Gesamtkörpermasse besteht, welches zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit führt.
Bei Kindern und Jugendlichen spricht man von Adipositas, wenn der Body-Mass-Index (BMI) größer bzw. gleich der 97. alters- und geschlechtsbezogenen Perzentile ist. Solche Perzentilen finden Sie im Gelben Heft Ihres Kindes oder im Internet. Eine Vorstufe der Adipositas ist das Übergewicht. Übergewichtig sind Kinder mit einem BMI zwischen der 90. und der 97. Perzentile.
Der Trend des steigenden Übergewichts hat bei Menschen mit Typ-1-Diabetes im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung schneller zugenommen. Derzeit sind laut Studien rund 50 Prozent aller Patienten mit Typ-1-Diabetes entweder übergewichtig oder adipös. Sie sind damit nicht nur durch ihre Diabeteserkrankung gefährdet, Folgeerkrankungen zu bekommen. Dieses Risiko erhöht sich durch das Übergewicht noch einmal deutlich.
Gründe für die Gewichtszunahme
Die Gründe für eine Gewichtszunahme bei Menschen mit Typ-1-Diabetes sind vielfältig und unterscheiden sich nicht wesentlich von den Ursachen einer Gewichtszunahme bei stoffwechselgesunden Menschen. Zum einen gibt es bei manchen Menschen eine stärkere Veranlagung zur Gewichtszunahme als bei anderen. Diese Veranlagung ist schon in den Genen festgeschrieben und nicht mehr veränderbar.
Es gibt aber auch veränderbare Faktoren, die die Lebensbedingungen und den Lebensstil betreffen. So zeigen Studien, dass mehr Zeit beim Fernsehen und bei Videos mit einem höheren BMI assoziiert ist. Jugendliche mit Typ-1-Diabetes und Übergewicht schlafen weniger, verbringen mehr Zeit vor dem Bildschirm, essen unregelmäßiger (mit Auslassen des Frühstücks und/oder Abendessens) – das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen.
Die Bewegungspyramide für Kinder – 2 Stunden täglich
Die Bewegungspyramide hat drei Ebenen. Die Basis bildet die Bewegung im Alltag (z. B. mit dem Fahrrad zur Schule fahren, bei der Hausarbeit helfen (6 x 5-10 Minuten am Tag; leichte Bewegung)). In der Mitte steht Bewegung in der Freizeit (z. B. Spielen und Toben mit Freunden, in der Natur aktiv sein (4 x 15 Minuten am Tag; mittlere Bewegung)). Die Pyramidenspitze bilden Vereins- und Schulsport sowie alle anderen körperlich anstrengenden Phasen (2 x 15 Minuten am Tag; intensive Bewegung). Tägliche Bewegungszeit insgesamt: mindestens zwei Stunden.
Auch psychosoziale Faktoren wie Depression oder Stress können Einfluss auf das Ess- und Bewegungsverhalten und somit auf das Gewicht haben. Vereinfacht kann man sagen, dass Übergewicht dann entsteht, wenn die Balance zwischen der Energieaufnahme und dem Energieverbrauch des Körpers aus dem Gleichgewicht gerät, wobei sowohl Energieaufnahme als auch Energieverbrauch bei jedem Menschen individuell sehr unterschiedlich sein können.
Körperliche Aktivität und Essverhalten sind veränderbar und spielen eine wichtige Rolle sowohl bei der Vorbeugung als auch beim Abbau von Übergewicht.
Gründe bei Typ-1-Diabetes
Menschen mit Typ-1-Diabetes wissen oft sehr viel über Ernährung, z. B. durch die Ernährungsberatung im Rahmen der Diabetestherapie. Sie haben gelernt, was die Ernährungspyramide bedeutet.
Ein Mensch mit Diabetes achtet besonders auf die Kohlenhydrataufnahme. Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes essen häufig weniger Kohlenhydrate als ihre Altersgenossen, aber dies mag kompensiert werden durch erhöhten Fettkonsum, was zu einer höheren Kalorienaufnahme und zu Gewichtszunahme führt.
Wichtig ist es für Sie als Eltern also nicht nur, sich anzuschauen, wie viele Kohlenhydrateinheiten (KE) Ihr Kind am Tag isst, sondern auf die Kalorienzufuhr insgesamt zu achten. Dabei ist für eine gute Entwicklung Ihres Kindes sowohl die Zusammensetzung als auch der Energiegehalt der Nahrung wichtig. Die benötigte Nährstoff- und Kalorienmenge ist abhängig von Alter, Geschlecht und individuellen Faktoren. Hierzu kann Ihnen die Ernährungsberaterin Ihres Diabetesteams sicherlich kompetent Auskunft geben.
Bewegung ist wichtig bei der Behandlung von Typ-1-Diabetes. Moderne Diabetesversorgung beinhaltet das Ziel, dass alle Kinder und Jugendlichen die Empfehlung für regelmäßige körperliche Aktivität erfüllen.
Kinder sollten täglich mindestens zwei Stunden körperlich aktiv sein:
- 1 Stunde alltägliche Bewegung (Treppensteigen, Fegen…)
- 1 Stunde freies Spielen sowie
- 3 Stunden Schulsport pro Woche und
- 1,5 Stunden wöchentliches (Vereins-)Sporttraining.
Was tun gegen Schwankungen?
Es gibt klare Hinweise, dass regelmäßige körperliche Aktivität die Gesundheit bezogen auf das Herz-Kreislauf-System, die Blutfettwerte, die Lebensqualität und die Blutzuckereinstellung bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes verbessert.
Jedoch verursacht Bewegung auch Probleme, da üblicherweise während und nach dem Training große Blutzuckerschwankungen auftreten können. Auch besteht oft eine große Angst vor schweren Hypoglykämien durch Sport. Jugendliche mit Typ-1-Diabetes haben andere gegenregulatorische Hormonreaktionen als stoffwechselgesunde, was das Risiko sportbedingter Hypoglykämien weiter erhöht. Dieses Risiko besteht während und viele Stunden nach dem Training.
Es gibt aber Strategien, um durch körperliche Belastung verursachte Hypoglykämien zu verhindern. Eine Möglichkeit wäre, vor oder während einer größeren körperlichen Belastung zusätzliche Kohlenhydrate zu essen oder zu trinken (Sport-KEs). Die Kalorien, die man damit zu sich nimmt, übersteigen aber oft die Energiemenge, die man durch die Bewegung verbraucht. So enthält eine Banane etwa 135 Kil0kalorien; wenn ein Jugendlicher 30 Minuten Trampolin springt, verbraucht er etwa 110 Kilokalorien.
Besser wäre es, vor einer körperlichen Aktivität die Insulinmenge zu reduzieren. Das gelingt etwa durch zeitweise Absenkung der Basalrate oder durch Reduzierung des Mahlzeiteninsulins für die Mahlzeit vor der körperlichen Aktivität.
Weiterhin lässt sich eine Optimierung der Blutzuckereinstellung auch durch das Tragen eines Sensors erreichen. Dazu sollte zusätzlich ein Tagebuch geführt werden, in dem Zeiten erhöhter körperlicher Aktivität gekennzeichnet werden, und die an diesen Tagen aufgezeichneten Zuckerwerte genau analysiert werden. Die Sensordaten sollten selbst ausgelesen werden – warten Sie nicht, bis Ihr Kind den nächsten Termin beim Diabetologen hat! Auch eine individuelle Beratung zum Sportmanagement ist sicherlich durch das Diabetesteam möglich.
Ernährung und Bewegung in Balance
Letztendlich besteht die Vorbeugung und Behandlung eines Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes aus der Balance zwischen Optimierung der Ernährung sowie Steigerung der körperlichen Aktivität bei gleichzeitiger Vermeidung von Unter- und Überzuckerungen. Damit besteht die doppelte Herausforderung, die Diabetestherapie weiter gut durchzuführen und gleichzeitig Gewicht zu reduzieren. Dies kann sehr belastend sein und gelingt sicherlich nur, wenn Kinder/Jugendliche Vorbilder und Unterstützung in der Familie und/oder im sozialen Umfeld finden.
Tipps für Eltern übergewichtiger und adipöser Kinder
Professor Dr. Thomas Reinehr ist Kinderdiabetologe und -endokrinologe und hat schon viel mit übergewichtigen Kindern gearbeitet (Adipositasschulung für Kinder „Obeldicks“). Hier hat er die wichtigsten Tipps für Eltern zusammengefasst.
Die Empfehlungen zur Ernährung gelten für die ganze Familie – vergessen Sie aber nicht, dass Sie eine besondere Vorbildfunktion haben:
- Wählen Sie ausgewogene und abwechslungsreiche Lebensmittel.
- Naschen und snacken Sie weniger häufig – dafür aber auf höchstem Niveau und mit Genuss.
- Legen Sie Wert auf regelmäßige, gemeinsame Mahlzeiten in der Familie.
- Essen Sie langsam und mit Genuss.
- Bereiten Sie die Mahlzeiten selbst zu, verwenden Sie so wenige Fertigprodukte wie möglich.
- Essen Sie nur an einem Platz und vermeiden Sie, beim Fernsehen zu essen.
- Trinken Sie viel (Mineral-)Wasser und ungesüßte Tees statt energiereiche/gesüßte Getränke wie Limonaden.
- Verdünnen Sie Fruchtsäfte: 1 Teil Saft, 2 Teile Wasser.
- Setzen Sie keine Nahrungsmittel oder Süßigkeiten als Belohnung ein.
- Bieten Sie gesunde Zwischenmahlzeiten (z. B. Obst und Gemüse) als Alternative zu Süßigkeiten an.
- Meiden Sie Vorräte!
- Besuchen Sie Fast-Food-Restaurants höchstens ein Mal pro Woche!
- Meiden Sie Großpackungen und XXL-Angebote. Versuchen Sie, angelerntes Fehlverhalten (zu süß essen, zwischendurch essen o. ä.) langsam umzugewöhnen.
- Schauen Sie vor allem bei Kinderprodukten kritisch auf die Inhaltsstoffe.
Fernsehkonsum
- Stellen Sie keinen Fernseher in das Kinderzimmer.
- Beschränken Sie die Fernseh- und Computerzeiten auf insgesamt maximal eine Stunde am Tag.
- Gehen Sie mit Ihrem Kind das Programm durch und suchen Sie gemeinsam eine passende Sendung aus.
- Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind, dass es den Fernseher selbständig ausschaltet.
- Bieten Sie in Ihrer Familie Alternativen zum Fernsehen an wie Gesellschaftsspiele, Gespräche und Vorlesen.
Aus: Reinehr T (2012) Therapie von Übergewicht und Adipositas – niedrigschwellige Angebote, Effektivität, Finanzierung. Kinderärztliche Praxis 83: 216-221
von Dr. med. Kerstin Kapitzke
Oberärztin Pädiatrie III, Diabeteszentrum für Kinder- und Jugendliche „Auf der Bult“,
Janusz-Korczak-Allee 12, 30173 Hannover,
E-Mail: kapitzke@hka.de
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2018; 10 (3) Seite 8-10
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stephanie-haack postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 5 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 1 Monat
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

