„Genuss-Apotheke“: Natur-Medizin!

7 Minuten

© Genuss-Apotheke
„Genuss-Apotheke“: Natur-Medizin!

Das Echt Essen-Spezial im April: Raimar Pilz kocht in Bad Säckingen vital-aromatisch mit eigenen Kräutern. Er ist ein „Gartenkoch“ meiner TDM Traditionelle Deutsche Medizin.

Gärten begleiten Raimar Pilz: Als ich den sympathischen Koch erstmals vor bald 15 Jahren auf dem Darß an der Ostsee besuche, lockt neben dem Restaurant ein großer Kräutergarten. Bald danach zieht es ihn in meine süddeutsche Heimat nach Bad Säckingen. Dort begeistert er im Traditionsgasthaus Fuchshöhle als einer der Ersten mit einer subtilen Blumenküche – und hegt bei der Münsterkirche ein verschwiegenes Gärtlein. Inzwischen kocht er in seiner „Genuss-Apotheke“ – und pflegt mit seiner Schwiegermutter im nahen Hotzenwald einen Garten mit einer einzigartigen Auswahl von rund 100 Kräutern, von Alraune bis Ysop, die er einmal für mich fein säuberlich mit Bleistift notierte.

Lichtdurchflutet und elegant: Gastraum der „Genuss-Apotheke“

Meine erste „Echt Essen-Geschichte“ habe ich vor über zehn Jahren über seine Aromaküche geschrieben. Seitdem war ich häufig bei ihm zu Gast, weil es ihm gelingt, möglichst viel aus der umgebenden Natur zu verwenden, sei es selbst gesammelt, sei es extra für seine Küche angebaut. Aber er ist kein Dogmatiker, Fleisch und Fisch gehören für ihn unabdingbar zu den Gerichten – wobei auf Wunsch natürlich vegetarisch gekocht wird, aber nicht vegan. Gut so, schließlich gehören Proteine von ordentlich gehaltenen Tieren, von wild gefangenen Fischen zu der so gerne empfohlenen „ausgewogenen Ernährung“, vor allem für Ältere.

Dezent-elegant umgebaut ist die ehemalige Apotheke am Schlosspark. Es gibt lediglich sieben Tische – und eine Augenweide ist die offen einsehbare Kochinsel, die sich auch hervorragend für die beliebten Kochkurse eignet. Ich sitze direkt neben der Küche – und bewundere wie Pilz und „Jule“, mit der er schon 17 Jahre zusammen arbeitet, extrem konzentriert für die rund 20 Gäste kochen – ohne dass sie viele Worte wechseln müssen, non verbale Kommunikation auf höchstem Niveau.

Liebt Süß- und Salzwasser: Meerforelle

Drei Gänge bestelle ich, was rund 45 Euro kostet. Es startet mit Butter, die mit Bärlauch, Wilde Möhre und Vogelmiere herzhaft aromatisiert ist, und einem ausgezeichneten Bauernbrot vom heimischen Bäcker.

Ein Gedicht der erste Gang, eine Meerforelle aus isländischen Gewässern, die sowohl im Meer wie auch im Süßwasser schwimmt. Der in Kamillesud Sous Vide saftig gegarte Fisch ruht auf einem dünn gehobelten Bett von süß-sauer mariniertem gelben Rettich, begleitet von Confits aus milder Zwiebel und gelber Bete. Herrlich schmecken diese „Tupfer“, und ich finde es immer ein wenig schade, wie schnell sie verputzt sind. Aber würden sie fehlen, geriete wohl das Gericht aus der Balance. Fein die kross gebratene Haut und die geschmackstarken, sanft eingelegten Zwiebeln, die das Ganze krönen. Unter den Kräutern begeistert mich das fleischige Austernkraut, das tatsächlich nach der Meeresfrucht schmeckt.

Viele Elemente auf dem Teller, die kongenial amalgiert werden von einem Pfälzer Sauvignon Blanc von Emil Bauer. An sich mag ich diese Sorte nicht so sehr, aber hier passt sie punktgenau. Zur Sommeliere hat sich Annett Ronneberger, Frau von Raimar Pilz, in der Schweiz ausbilden lassen – und auf ihre Empfehlungen ist Verlass.

Omega 3, vitalisiert mit Frühlingskräutern: Makrele

Liebenswürdig souverän der von Frau Ronneberger geleitete Zwei-Personen-Service. Raffiniert spielerisch der zweite Gang: Die kräftige und mit ihren Herz-vitalen Omega-3-Fetten so gesunde Makrele – vorne als saftig gebratene Variante aus der Ostsee. Hinten als die in der japanischen Küche so geschätzte Gelbflossenmakrele, die Hamachi heißt. Interessant: Sie stammt aus einer Aquakultur in Trier. Natürlich mag ich es lieber wild, aber wenn wir die Meere weiter so verseuchen, dann wird die Zucht immer mehr zur realistischen Alternative.

Löffelweise essen könnte ich das Confit von weißen Bohnen, eine großartige Aromakraft. Nicht unbedingt gebraucht hätte ich das dehydrierte Wurzelgemüse. Zum deftigen Fisch passen der junge wilde Kohl, die intensiven Kräuter Gänsefingerkraut und vor allem der fordernde Gundermann vorne rechts.

Ein Gang, der die Philosophie des Hauses souverän demonstriert: Genussvoll kochen – und die daraus resultierende Gesundheit als willkommene, aber nicht groß propagierte „Nebenwirkung“ zu goutieren.

Das Auge isst mit: Reh, Sanddorn, Blaukraut

Mehr als eine Redewendung. Aber wenn ich mir die Essensfotos anschaue, die ich bei Raimar Pilz gemacht habe, fällt die hohe ästhetische Qualität auf – ohne dass das Ganze in sinnfreie „Bastelei“ ausartet. Jedenfalls machen diese stimmigen Inszenierungen immer Lust auf die Speisen.

Aus den umliegenden Wäldern stammt das Reh. Was links violett schimmert, ist konzentriertes und dehydriertes Blaukraut, wobei hier der Wasserentzug Sinn macht, denn der Trick gibt einen schönen Frischekick. Das rechte Stück hat er mit „Löwenzahnteer“ aus Schweden aromatisiert – was nichts anderes als ein feines Konzentrat der leicht bitteren Wurzel ist. Dazu der konzentrierte Saft des Blaukrauts, plus der sanft herbe gelbe Sanddorn – Wild, wie bringen dich doch wenige klug platzierte Elemente besser zur Geltung!

Gut könnte ich mir vorstellen, dass Raimar Pilz, der Wild perfekt „aufbrechen“ kann, dereinst einmal selbst Jäger wird – den entsprechenden Hund hat er schließlich schon!

Klein und fein mit ausgesuchten Tropfen ist die Weinkarte – und Annett Ronneberger verwendet ein originelles Ordnungsprinzip, nämlich nach Sorten, wie etwa ein schöner Gutedel vom Ökoweingut Zähringer. Erfreulich: Der Markgräfler Geheimtipp Karlheinz Ruser aus Lörrach ist gelistet, etwa mit seinen ausgezeichneten Grau- und Spätburgundern. Zum Reh empfiehlt sie mir aber einen leichten und fruchtigen Spätburgunder vom Kaiserstühler Weingut Kalkbödele für 7,50 Euro das 0,1 Liter-Glas. Passt, wackelt nicht – und lässt dem Wild Luft zum Atmen.

Steht ihm gut, der „Hut“: Raimar Pilz

Auch nach einer anstrengenden Arbeit am Mittag – und vor einer noch anstrengenderen am Abend steht der grundgeerdete Koch locker entspannt in seiner Küche. Es ist wohl die entspannte Atmosphäre in diesem gastlichen Haus, es ist wohl die schöne Umgebung mit dem nur wenige Schritte entfernten Schlossgarten, die dem passionierten Eiskletterer die Spannkraft für seine konzentrierten Auftritte gibt.

Schulspeisung Besonders erfreulich finde ich, dass auch der gemeinsame Sohn Arne in der mittäglichen Schulpause sich nicht mit dem schlappen Schulessen zufrieden geben muss. Sondern mit ein, zwei Freunden inmitten der anderen Gäste einen Lunch aufs Haus bekommt. Wobei drei Bedingungen gelten: Kein Handy, ordentliche Tischmanieren und sich höflich verabschieden. Als ich da war, hat alles perfekt geklappt – die Kids räumten wie in einer einstudierten Choreografie hintereinander brav ihre Teller ab. Gute Idee, gute Investition: So entstehen die Feinschmecker von morgen.

Unbedingt reservieren! Nicht nur einfach waren die Anfänge der Genuss-Apotheke. Genuss und Gesundheit, das ist vielen immer noch suspekt – auch wenn die richtige Ernährung die wichtigste Quelle eines vitalen Lebens ist. Doch irgendwann kam der begehrte Michelin-Stern, häuften sich die Auszeichnungen – und dann entdeckten die klugen Schweizer das Restaurant. Seitdem ist das in der Nähe der prächtigen hölzernen Rheinbrücke liegende Gasthaus am Abend auf Wochen ausgebucht, vor allem von Donnerstag bis Samstag – und zu über 90 Prozent von Schweizer Stammgästen, die auch von Ferne gerne anreisen. Selbst mittags ist es oft voll, es empfiehlt sich also unbedingt eine Reservation.

Entspannter ist die Buchungslage im heißen Sommer, weil es praktisch keine Außengastronomie gibt. Aber so wie es aussieht, wird sich das ändern – und Annett Ronneberger und Raimar Pilz haben auch schon konkrete Pläne – und vielleicht sind sie im nächsten Jahr schon Wirklichkeit.

Fazit: Wer Vitalität in vollen Zügen genießen will, fährt nach Bad Säckingen – und das nicht nur einmal!

„Genuss-Apotheke“


Adresse: Schönaugasse 11, 79 713 Bad Säckingen

Öffnungszeiten: Sonntag und Montag ist zu. Ansonsten mittags UND abends geöffnet. Der Zug verkehrt regelmäßig von Basel und von Waldshut – und vom Bahnhof sind es gerade einmal zehn Minuten zu Fuß.

Kontakt: 07761/9 333 767, www.genuss-apotheke.de

Warum „Gartenköche“ Teil unserer Traditionsmedizin sind

„Einen Systemwechsel im Gesundheitssystem brauchen wir“, fordert der renommierte Münchner Arzt Prof. Dr. Rüdiger Landgraf in meinem Buch ´Zucker zähmen`: „Heute lohnt es sich trauriger weise eher, die Menschen als Kranke zu behandeln, statt sie gesund zu erhalten. Wir haben eben prinzipiell ein Krankheits- und kein Gesundheitssystem“.

Einen Systemwechsel kann ich nicht in Gang setzen. Aber ich habe für mein Buch „TDM Traditionelle Deutsche Medizin“ wichtige Komponenten zusammen getragen, die eine präventive Gesundheit ausmachen. An erster Stelle steht die Naturheilkunde, die nach dem Prinzip Nahrung ist Medizin arbeitet – und dazu gehören ganz stark die in TDM ausführlich vorgestellten, völlig unterschätzten Wildkräuter, gehört vitales Streuobst, gehören aber auch heimische Heilpilze. Es zählen aber auch Köche dazu, die eigene Gärten mit ausgefallenen Kräutern, alten Gemüsesorten und seltenen Beeren haben.

Acht dieser Zukunftsköche, etwa Raimar Pilz, den aus dem Watt kochenden Sylter Johannes King und den Kräuterpapst Alfons Breier aus dem Oderbruch, habe ich in dem Buch auf den Seiten 46 und 47 vorgestellt. Solche Gärten garantieren eine optimale Frische, eine kluge Saisonalität – und damit eine subtile, präventive Gesundküche.

Sicher, nur ein zarter Beginn. Gäbe es aber erst einmal 80 oder gar 800 solcher Wirte, dann könnte langfristig wirklich ein Systemwechsel gelingen – und sogar einer, der freudig akzeptiert würde, weil er das verspricht, was die Menschen lieben: Kulinarischer Genuss!

TDM – Traditionelle Deutsche Medizin

TDM Traditionelle Deutsche Medizin stellt 30 heimische und selbst nutzbare Heilpflanzen sowie 66 Gärten der Gesundheit vor. Natürlich führt auch die Genuss-Apotheke das Buch.
Hans Lauber; 1. Auflage 2018; 160 Seiten; 19,90 €; Kirchheim-Verlag, Mainz
zum Kirchheim-Shop

ECHT ESSEN  heißt der Blog, in dem ich seit zehn Jahren jeden Monat mindestens ein Gasthaus vorstelle. Wichtiges Auswahlkriterium: Herkunft der Produkte.



von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de

Internet: www.lauber-methode.de

⇒ zurück zur „Echt essen“-Übersicht

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Echt essen: „Zippiri“ – sardo puro
Das Echt essen-Gasthaus im Juni: In dem sardinischen Lokal „Zippiri“ in Köln wird eine schnörkellose Küche serviert, bei der auch Pferdefleisch eine wichtige Rolle spielt – sardo puro eben.

3 Minuten

Das Echt essen-Gasthaus im April: L’Imprimerie – vive la France
Das Echt essen-Gasthaus im April: Eine unverfälschte französische Landküche bietet die ehemalige Druckerei im gutbürgerlichen Kölner Stadtteil Bayenthal. Ein Restaurant, das polarisiert

4 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 4 Tagen, 7 Stunden

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • florahdo postete ein Update vor 6 Tagen, 8 Stunden

    Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!

    Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB

    Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂

  • mr postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?