Die Bundesregierung will die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) finanziell stabilisieren. Dafür steigen Zuzahlungen, Ausgaben werden gedeckelt und Leistungen stärker gesteuert. Für Menschen mit Diabetes bedeutet die Reform vor allem eins: mehr Belastungen und weniger Spielraum bei der Versorgung.
Die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung ist angespannt. Für 2027 wird eine Finanzierungslücke von rund 19 Milliarden Euro erwartet, bis 2030 könnte sie auf rund 44 Milliarden Euro anwachsen. Die Bundesregierung will deshalb den Anstieg der Ausgaben in praktisch allen Leistungsbereichen begrenzen. Künftig soll grundsätzlich gelten: Die Ausgaben dürfen nicht stärker steigen als die Einnahmen.
Das klingt zunächst vernünftig. Schließlich kann auch das Gesundheitssystem nicht dauerhaft mehr ausgeben, als zur Verfügung steht. Die entscheidende Frage ist aber eine andere: Wo wird gespart und wer bezahlt den Preis dafür?
Für Menschen mit Diabetes ist diese Frage besonders wichtig. Diabetes begleitet die Betroffenen ein Leben lang. Gute Versorgung bedeutet deshalb nicht nur Medikamente und Arztbesuche. Sie bedeutet auch regelmäßige Kontrollen, moderne Hilfsmittel, Schulungen, Prävention und die frühzeitige Behandlung von Folgeerkrankungen.
Wer an diesen Stellen spart, spart möglicherweise heute Geld. Er riskiert aber, morgen wesentlich höhere Kosten zu verursachen.

Zuzahlungen steigen
Ab 2027 werden die Zuzahlungen in der GKV deutlich angehoben. Die Beträge und Belastungsgrenzen steigen um 50 Prozent. Die Bundesregierung argumentiert, dass die Zuzahlungen seit mehr als 20 Jahren nicht mehr angepasst worden seien. Gleichzeitig bleibt die Belastungsgrenze für chronisch kranke Menschen grundsätzlich bei einem Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens.
Für Menschen mit Diabetes ist das trotzdem keine Kleinigkeit. Die Erkrankung an einem Diabetes, egal welchen Typs, bedeutet nicht, nur gelegentlich Leistungen in Anspruch zu nehmen. Medikamente, Hilfsmittel, Untersuchungen und Behandlungen können sich über Jahrzehnte summieren. Hinzu kommen mögliche Folgeerkrankungen wie Nieren-, Augen-, Nerven- oder Gefäßerkrankungen.
Eine Zuzahlung von einigen Euro wirkt auf dem Papier gering. Für Menschen mit niedrigem Einkommen oder mehreren Erkrankungen kann sie trotzdem zur Belastung werden.
Gesundheitspolitik darf deshalb nicht nur fragen, was eine Leistung kostet. Sie muss auch fragen, was es kostet, wenn eine notwendige Leistung nicht oder zu spät erbracht wird.
Was bedeutet die Vergütungsbegrenzung für Diabetes-Hilfsmittel?
Besonders kritisch sehen wir die geplante Begrenzung der Vergütungssteigerungen für Leistungserbringer. Auch die Hilfsmittelversorgung ist davon betroffen. Für Menschen mit Diabetes geht es hier um weit mehr als um irgendein technisches Zubehör. Insulinpumpen und Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung sind für viele Menschen inzwischen zentrale Bestandteile ihrer Therapie. Das gilt insbesondere für Menschen mit Typ-1-Diabetes, aber auch für einen wachsenden Teil der Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Natürlich muss auch bei Hilfsmitteln wirtschaftlich gearbeitet werden. Aber Wirtschaftlichkeit darf nicht mit Billigversorgung verwechselt werden. Wenn die Preise gedrückt werden, kann das Auswirkungen auf Beratung, Service, Lieferfähigkeit und die Bereitschaft von Leistungserbringern haben, aufwendige Versorgungen anzubieten.
Was bedeutet die Vergütungsbegrenzung für Diabetes-Hilfsmittel?
Ab 2027 müssen die Krankenkassen für bestimmte Hilfsmittelversorgungen 3 Prozent weniger bezahlen. Betroffen sind grundsätzlich auch Diabetes-Hilfsmittel wie Insulinpumpen und CGM-Systeme, aber auch andere Hilfsmittel zum Glukosemanagement.
Für Menschen mit Diabetes bedeutet das nicht automatisch, dass sie 3 Prozent weniger Leistung bekommen. Die Kürzung betrifft zunächst den Preis, den die Krankenkasse an den Hilfsmittelanbieter zahlt.
Problematisch kann es trotzdem werden: Gerade bei Pumpen und CGM-Systemen gehören Beratung, Einweisung, technische Betreuung und zuverlässige Lieferung zur Versorgung dazu. Wenn Anbieter bei den Preisen stärker unter Druck geraten, kann das langfristig auch Auswirkungen auf Service, Auswahl und Versorgungssicherheit haben.
Kurz gesagt: Gespart wird zunächst beim Anbieter. Ob die Patienten am Ende trotzdem etwas davon spüren, wird sich an der Qualität der Versorgung zeigen.
An Prävention wird gespart
Besonders widersprüchlich wird die Reform beim Thema Prävention: Auf der einen Seite will die Bundesregierung mit einer Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ausdrücklich die Prävention stärken. Auf der anderen Seite werden an anderer Stelle Ausgaben für Vorsorge und Früherkennung begrenzt. Die Bundesregierung selbst bezeichnet Prävention als wichtigen Bestandteil ihrer Strategie gegen Diabetes und seine Folgeerkrankungen.
Das passt nicht zusammen!
Diabetes ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, warum Prävention und Früherkennung keine freiwilligen Zusatzleistungen sind. Ein erhöhter Blutzucker kann lange Zeit Schäden verursachen, bevor Betroffene überhaupt Beschwerden bemerken. Werden Nieren, Augen, Nerven oder Gefäße rechtzeitig kontrolliert, können Therapien angepasst und schwere Verläufe verhindert oder verzögert werden.

Am falschen Ende gespart
Eine Dialyse ist teurer als eine frühzeitige Behandlung einer Nierenerkrankung. Eine Amputation ist teurer als eine konsequente Versorgung eines diabetischen Fußes. Eine Erblindung lässt sich nicht dadurch wirtschaftlich machen, dass man die vorherige Kontrolle eingespart hat.
Steuerung am Bedarf orientieren
Die geplante stärkere Steuerung der ambulanten Versorgung ist nicht grundsätzlich falsch. Ein Primärversorgungssystem kann helfen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und Patienten besser durch das komplizierte Gesundheitssystem zu lotsen. Auch die Digitalisierung und der bessere Austausch von Gesundheitsdaten können gerade bei chronischen Erkrankungen Einsparvorteile bringen.
Ein guter Lotse kann die Versorgung verbessern. Ein Lotse darf aber nicht zum Türsteher werden.
Menschen mit Diabetes benötigen je nach Krankheitsverlauf Hausarzt, Diabetologie, Augenheilkunde, Nephrologie, Kardiologie, Gefäßmedizin oder weitere Fachrichtungen. Wer hier zunächst zusätzliche Zugangshürden einbaut, riskiert Verzögerungen statt vorbeugender Versorgung. Die Steuerung muss sich deshalb am tatsächlichen medizinischen Bedarf orientieren und nicht daran, möglichst viele Arztkontakte einzusparen.
Von guter Steuerung profitieren
Es gibt durchaus auch Reformelemente, die wir begrüßen.
Zwar bringt die Begrenzung der Krankenhausvergütungen zusätzliche Risiken für Kliniken mit sich. Die geplante stärkere Spezialisierung und verbindliche Qualitätsvorgaben können aber gerade bei komplizierten Erkrankungen sinnvoll sein. Menschen mit schweren diabetischen Folgeerkrankungen profitieren davon, wenn komplexe Eingriffe dort stattfinden, wo entsprechende Erfahrung und Strukturen vorhanden sind.
Auch die geplante Neuordnung der Notfallversorgung kann sinnvoll sein. Eine bessere Zusammenarbeit von Rettungsdienst, 112, 116117 und Krankenhäusern kann unnötige Wartezeiten und Fehlsteuerungen vermeiden.
Das Problem ist nicht die Idee einer besseren Steuerung. Ein Problem entsteht da, wo Steuerung vor allem als Sparinstrument genutzt wird.

Grundsätzliches
Die Bundesregierung versucht im Wesentlichen, das bestehende GKV-System mit Ausgabenbegrenzungen stabil zu halten. Der Bund wird künftig einen größeren Teil der Gesundheitskosten von Menschen übernehmen, die Grundsicherung beziehen. Das ist ein richtiger Schritt. Auch die Pharmaindustrie wird stärker an der Finanzierung beteiligt.
Die grundsätzliche Frage bleibt aber offen: Warum muss die Finanzierung der Gesundheitsversorgung weiterhin so stark an den Einkommen aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung hängen?
Eine Alternative wäre eine solidarische Bürgerversicherung. Dabei würden grundsätzlich alle Bürgerinnen und Bürger in ein gemeinsames Versicherungssystem einbezogen. Auch Einkommen, die heute nicht oder nur begrenzt zur Finanzierung der GKV beitragen, könnten stärker berücksichtigt werden. Das würde die Einnahmebasis verbreitern und die Finanzierung auf mehr Schultern verteilen.
Natürlich wäre auch eine Bürgerversicherung kein Wundermittel. Der medizinische Fortschritt, der demografische Wandel und die wachsende Zahl chronischer Erkrankungen würden weiterhin Geld kosten.
Aber es ist ein Unterschied, ob man ein strukturelles Finanzierungsproblem vor allem durch Ausgabenbegrenzungen lösen will oder ob man gleichzeitig die Frage stellt, wie sich das solidarische Gesundheitssystem langfristig auf eine stabile Basis stellen lässt, die sich am gesamten Bruttosozialprodukt orientiert und wachsenden Reichtum der Gesellschaft all seinen Erzeugern zu Gute kommen lässt.
Menschen mit Diabetes brauchen Verlässlichkeit
Gerade für Menschen mit Diabetes ist Verlässlichkeit entscheidend. Eine Therapie lässt sich nicht jedes Jahr nach Kassenlage neu erfinden. Wer eine Insulinpumpe trägt, ein CGM-System nutzt oder wegen einer Folgeerkrankung regelmäßig fachärztlich behandelt werden muss, braucht eine Versorgung, auf die er sich verlassen kann.
Die Bundesregierung verspricht Beitragsstabilität. Das ist grundsätzlich begrüßenswert. Aber stabile Beiträge sind kein Selbstzweck.
Ein niedrigerer Beitrag hilft wenig, wenn dafür Leistungen schwerer erreichbar werden, Zuzahlungen steigen oder notwendige Therapien unter Kostendruck geraten. Gesundheitspolitik muss deshalb weiter denken als bis zum nächsten Bundeshaushalt.

Fazit
Eine Reform der Finanzierung der Krankenversicherung ist notwendig. Die GKV steht vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Das bestreiten wir nicht. Die Antwort darauf darf aber nicht lauten: weniger Ausgaben, höhere Zuzahlungen und mehr Steuerung für die Versicherten.
Zwar enthält die Reform sinnvolle Ansätze bei Digitalisierung, Notfallversorgung, Spezialisierung und der stärkeren Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen. Insgesamt bleibt sie aber zu stark auf die Begrenzung von Ausgaben konzentriert.
Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen brauchen keine Gesundheitsversorgung nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Sie brauchen eine Versorgung, die verhindert, dass aus behandelbaren Risiken schwere Folgeerkrankungen werden.
Wer heute bei Prävention, Hilfsmitteln und frühzeitiger Behandlung spart, darf sich morgen über explodierende Kosten für Dialysen, Operationen, Krankenhausaufenthalte oder Pflege nicht wundern.
Wir brauchen deshalb nicht nur eine Ausgabenbremse, sondern eine nachhaltige Finanzierungsreform. Dazu gehört auch die Frage, ob die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung noch zeitgemäß ist.
Denn, allererste Pflicht eines Gesundheitssystems ist es, dafür zu sorgen, dass Krankheit möglichst gut behandelt und vermeidbares Leid verhindert wird.






