- Aus der Community
Ich habe einen Körper – keine (Hochleistungs-) Maschine
5 Minuten
[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Markennennung.]
„Gesund leben – 35 kleine Tipps mit großer Wirkung“, „10 Tipps für ein gesundes, langes Leben“ oder „Projekt Gesund Leben: Das bringt Sie zum Erfolg“.
Schlagzeilen, die die Medien überfluten. Zeitschriften, Instagram, und, und, und… überall sind Tipps und Erfolgsgeschichten präsent.
Was haben Instagram-Models mit mir zu tun?
Ich tippe auf meinem Instagram-Account #healthyfood ein. 58.146.014 Beiträge. Vor mir Bilder mit rohem knackigen Rotkohl, dunklen Grünkohlchips, prallen Kichererbsen, vereinzelten Spinatblättern, getoppt mit fruchtig rot-rosafarbenen Granatapfelkernen und Nüssen. Grünen Säften aus den verschiedensten Blättern und Pülverchen, Saucen mit Chiasamen und Beeren darauf. Untertitelt wird das Ganze mit #healthylifestyle, #lowcarb, #vegan, #glutenfree oder #healthyfood.
Ich tippe auf den Account eines Mädchens. Die folgenden Bilder: ein halbnackter Oberkörper im Spiegel, posierend in Schale geworfen. Fit und healthy. Im Fitnessstudio mit Gewichten, oder nach einem Lauf der Streckenverlauf, mit Zeit und Kalorienverbrauch dokumentiert. Erfolgsgeschichten durch und durch!

Ich sitze auf unserer Terrasse. Neben mir die Kaffeetasse und das Almkochbuch für das nächste Abendessen aufgeschlagen. Mein Mitbewohner fragt, worüber ich gerade schreibe, während er sich sein Baguette mit Butter und Käse beschmiert, eine Portion Senf daraufhäuft und die Milch mit einem Schluck Kaffee (ich glaube, Kaffee mit einem Schluck Milch passt in dem Fall nicht 😊) neben sich stehen hat. Als ich ihm von meinen Gedanken und der Frage der gesunden Ernährung erzähle, müssen wir beide lachen. Zwei Welten prallen aufeinander – nein, gleich vier. Die ursprüngliche Alpenküche mit dem aufgeschlagenen Kaspressknödel-Rezept, sein Frühstück und mein leerer Teller und dann das Instagram-Profil auf meinem Handy.
Ist für jeden das Gleiche gesund?
Um ehrlich zu sein, frage ich mich gerade, was von diesen vier Lebensstilen wohl der gesündeste ist. Die Menschen auf der Alm haben wahrscheinlich kein Sixpack, den es auf einem Foto darzustellen gibt. Doch haben sie einen Haufen frische Luft, körperliche Bewegung und Arbeit, Zeit abzuschalten und Ruhe für sich, und keine 58.148.014 Instagram-Vergleiche.
Mein Mitbewohner ist kerngesund, hat zwar ab und an vielleicht mal einen grippalen Infekt, macht aber Sport und isst, wenn er Hunger hat, und dann das, worauf er gerade eben Lust hat. Vegan, low carb, glutenfrei… Fremdwörter braucht er nicht im Essen.
Tja, und das Mädchen auf dem Profil… Sie gleicht meinen jahrelangen Diätplänen, Ernährungstrends und Lebensstilen. Sie war vielleicht sogar eines meiner Vorbilder der letzten Jahre. Was mir das gebracht hat?
Ich bin weder befreit vom Diabetes, noch habe ich ein Sixpack oder bin leistungsfähiger als sonst geworden.
Das Ziel: gesund sein. Das Ergebnis: Untergewicht.
Zu meinen „besten“ Zeiten hatte ich (m)ein Traumgewicht sogar unterboten, habe jeden Tag Yoga gemacht und war danach Laufen. Habe super healthy, vegan, low carb und sogar sugarfree zugleich gelebt. Immer mit dem Traum und Ziel, gesund zu werden. FIT – SPORTLICH – SCHLANK – LEISTUNGSFÄHIG und vor allem GESUND wie alle anderen gesunden Menschen eben auch.
Vor einigen Tagen bin ich in einem Artikel des ZEIT Magazins auf den Begriff „Orthorexie“ gestoßen. Man spricht von einer Essstörung, bei der nicht das „wie viel“ das Problem ist, sondern das „WAS und WOHER“. Betroffene sind geradezu besessen von Ernährung und Nahrungsmitteln. Gesünder, ethisch korrekter, ausgefallener, vielfältiger…
Meine Gedanken kreisen täglich ums Essen. Nicht nur dann, wenn ich Hunger habe. Nein, nahezu ständig! Ich habe manchmal das Gefühl, die Gedanken bestimmen meinen Alltag, mein ganzes Leben. Einfach genießen ist da kaum mehr möglich. Vor allem dann, wenn ich NICHT zufrieden bin mit meinem Körper. Wenn der Hüftspeck plötzlich über die Hosenränder ragt, das Anziehen der Jeanshose ein Kampf wird und die Rezeptsuche unter den Kategorien gesund, leicht und… tja, was ist nur das Richtige – die richtige Ernährung?!
Ich will doch einfach nur gesund und glücklich sein. Ist das denn so schwer? Mein Mitbewohner kann doch auch ein Weißbrot mit Butter UND Käse essen, ohne davon dick zu werden. Warum kann ich das nicht? Ich habe das Gefühl, immer kränker und weniger glücklich zu werden. Je mehr ich mich diszipliniere, umso schlimmer wird es.
„Ich bin unzufrieden mit mir. Mit meinem Körper, mit meiner Krankheit und mag gar niemanden mehr.“
Jahrelang habe ich immer wieder Ernährungspläne angefangen. Alles genau dokumentiert! Für meine Ärzte, habe ich immer gesagt. Jeder hat mich gelobt, weil ich mich gesund ernähre. Niemandem ist aufgefallen, dass die Menge für mich und meinen Körper WEIT zu wenig war! Ich habe immer mehr weggelassen. Alles ungesund. Selbst beim Traubenzucker habe ich Alternativen gesucht. Zu viel Plastik drum herum. Ein ungesunder Zucker. Ich bin auf Datteln und Honig umgestiegen. Unterzucker ist generell so eine deprimierende Sache. Ich soll essen, obwohl ich gerade gar keine Kalorien mehr zu mir nehmen will. Ich ignoriere das Brummen meines Dexcom-Messgerätes. Ignoriere das Piepen, stelle die Pumpe aus und hoffe, dass es vorbeigeht. Ich ärgere mich!
Ich bin unzufrieden mit mir. Mit meinem Körper, mit meiner Krankheit und mag gar niemanden mehr. Und wenn es eines gibt, was ich nicht mehr mag, dann ist es das Essen. Blöd nur, dass es genau das Essen ist, was mich am Leben hält. Was ich doch eigentlich so sehr liebe.
Seit dem Morgen auf der Terrasse sind einige Tage vergangen. Ich liege in meinem Bett. Heute Abend gab es Penne all’arrabbiata. Mein Blutzucker ist schon wieder im Keller und das nach 200ml Saft pur und zwei Stück Schokolade. Ich ignoriere das Piepen, habe die Pumpe ausgeschaltet und denke nach.
Wer ist schon perfekt und was ist schon gesund?
Ich lebe nun in einer WG, in der wir abends gemeinsam essen und immer jemand anders kocht. Es gibt mehr als einmal in der Woche Nudeln. Mein täglicher Ernährungsplan von Gemüse und fast ausschließlich regionalen Bioprodukten hat sich auf eine bunte Mischung mit Weißmehlkost, Käse, Fertigaufstrichen, Nutella und Zucker eingelassen.
Im letzten Jahr habe ich fast 10 kg zugenommen. Ich habe kaum Sport gemacht und habe mich immer wieder durch neue Krisen und Rückschläge gekämpft. Mein Körper ist müde und schwach von all den Jahren, alles perfekt machen zu wollen. Ich bin müde.
Jetzt merke ich, dass ich gerade weder Muße zum Sportmachen habe noch zum penibel auf meine Ernährung Achten. Und das ist okay! Ich fühle mich nicht schlank und sportlich. Um ehrlich zu sein: Ich fühle mich einfach normal und menschlich. Leichter (obwohl ich es auf der Waage nicht bin). Glücklich, weil ich wieder mehr Kraft habe und Menschen um mich herum, die – glaube ich – kein bisschen darauf achten, ob ich nun 10 kg mehr oder weniger wiege. Ich bin ein Mensch, kein Anschauungsobjekt oder keine Maschine. Meine Freunde kennen und lieben mich so, wie ich bin. Und das jeden Tag aufs Neue.
Für mich gibt es keine Norm, kein Erfolgsziel, das auf einem Blatt Papier oder einer Excel-Tabelle ausgearbeitet werden kann. Wenn ich dicker bin, bin ich nicht schlechter, dümmer, weniger schön oder anders. Ich bin und bleibe immer noch ich mit meinem Diabetes. Der ist mit dabei und dem soll es gut gehen.
Mehr Liebe für den eigenen Körper
Und wenn ich eines inzwischen merke: Meinem Diabetes geht es mit 10 kg mehr auf den Rippen sehr viel besser!! Ich habe gerade Zuckerkurven (ein bisschen zu tief, aber dafür konstant), keine Extreme mehr. Weniger zumindest. Und wenn es mal welche gibt, dann ist das auch okay.
Bei all den guten Ratschlägen wird oft vergessen oder bewusst übersehen, dass es Menschen gibt, bei denen das Schema F einfach nicht funktioniert. Deren Körper einfach ein bisschen mehr Liebe und Aufmerksamkeit braucht, sei es wegen des Diabetes oder einer Allergie, oder denen die „#raw- und #allvegan“-Ernährung schadet. Weil sie sich zu sehr einschränken und ihrem Körper Stoffe verwehren, die er doch so dringend braucht. Und das, um einer von den 500.000.000 Posts auf Instagram zu sein.
Um mich gesund zu fühlen, brauche ich mehr Essen als andere. Und da darf auch alles mit dabei sein. In Maßen natürlich! (Burger, Fritten und Chips meine ich damit nicht.)
Denn Magersucht, Orthorexie, Disziplin und Sportsucht sind alles Dinge, die dem Köper auf Dauer mehr schaden als guttun. Vergesst nicht, dass ihr auch nur ein Mensch seid und einen wunderschönen einzigartigen Körper habt. Der braucht eine Menge Liebe. Die bekommt er nur von euch selbst! 😊
Annika hat schon einmal über Die Philosophie des Essens oder: Essen ist mehr als nur KH und BE geschrieben.
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Eltern und Kind
Rezept: Glutenfreie Vanillekipferl
< 1 minute
- Behandlung
Diabetes-Anker-Podcast: Wie funktionieren Hafer-Tage bei Typ-2-Diabetes und was bringen sie, Herr Dr. Keuthage?
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
moira postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
-
bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
-
ole-t1 antwortete vor 3 Wochen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
-
-
thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 4 Tagen, 3 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
-
thomas55 antwortete vor 4 Tagen, 2 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
-
