Diabetes-Kurzgeschichte: Der kleine Melli und ich: Diagnose Typ-1-Diabetes – der Moment, seitdem alles anders ist

4 Minuten

© Alena Kozlova - AdobeStock
Community-Beitrag
Diabetes-Kurzgeschichte: Der kleine Melli und ich: Diagnose Typ-1-Diabetes – der Moment, seitdem alles anders ist

Direkt nach der Typ-1-Diabetes-­Diagnose – und jetzt müssen alle, auch Du, herausfinden, was Dir guttut. Nina, die Protagonistin der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ erinnert sich, wie es ihr damit ging.

Ich stehe am Fenster und schaue in den Garten. Es ist Frühling und viele Blumen fangen gerade so richtig schön an zu blühen. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die dichten Bäume. Eigentlich das perfekte Wetter, um einen Spaziergang zu machen. Doch mir ist nicht danach. Der heutige Morgen hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

Es sollte ein kurzer Besuch beim Hausarzt sein, um die Blutwerte überprüfen zu lassen. Einen Moment – und alles ist anders. So drehe ich mich um und werfe einen Blick auf den kleinen Melli, der gemütlich auf dem Sofa sitzt. Ab heute wird er mich überallhin begleiten und ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Das Ausmaß des Ganzen habe ich noch nicht realisiert, aber ich spüre, dass ab heute einiges anders wird.

Die Diabetes-Kurzgeschichten-Reihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund

Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer jungen erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.

Autorin Lena Schuster ist Psychologin und hat seit 2014 Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt. Zu ihren Kurzgeschichten sagt sie: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“

➤ hier gibt es alle Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli

„Melli, wir müssen uns fertig machen und zu Nico fahren. Chris, Lisa und Ben kommen auch.“ Eigentlich habe ich gerade nicht das Bedürfnis rauszugehen, aber zu Hause zu bleiben kann auch nicht die Lösung sein. Kurze Zeit später brechen wir auf.

„Ab heute ist Melli Teil meines ­Lebens“

Als wir zu Nico in die Wohnung kommen, sind schon alle da. Durch das Wohnzimmer hört man lautes Gelächter. Ben hat wohl wieder einen seiner Witze gerissen, die jeden der Runde stets zum Lachen bringen. Lisa dreht sich um und sagt: „Ach Nina, schön, dass du auch da bist.“ Ich antworte: „Hey Lisa, freut mich auch, dich zu sehen“, und lasse mich auf dem Sofa nieder. Einen Moment später kommt Melli durch die Tür und setzt sich neben mich. Plötzlich verstummen alle.

Ben hat als Erster seine Stimme wieder zurück: „Nina, wer ist das?“ Ich blicke in vier fragende Gesichter. Zögernd antworte ich: „Ich war heute bei meinem Hausarzt, weil ich in letzter Zeit so müde und abgespannt war.“ Ich brauche ein paar Sekunden, um den Rest, der mir auf dem Herzen liegt, aussprechen zu können: „Er hat meine Blutwerte angesehen und mir gesagt, dass ich Dia­betes mellitus habe. Ab heute ist Melli Teil meines Lebens.“

Stille. Seit fast zehn Jahren kenne ich die vier schon, doch diese Stimmung herrschte noch nie unter uns. Eine Mischung aus Überraschung, Schock und Traurigkeit liegt in der Luft. Da ergreift Chris das Wort: „Nina, das ist nicht schlimm. Meine Oma hat auch Diabetes, und die schluckt nur ein paar Tabletten.“ Bevor ich darauf reagieren kann, hat sich Lisa eingeschaltet: „Wie kannst du sagen, dass das nicht schlimm ist?“ Wütend blickt Lisa Chris an. Da mischt sich plötzlich Ben ein: „Ja, Chris, wie kannst du nur? Es gibt doch unterschiedliche Typen von Diabetes. Das kann man doch so allgemein gar nicht sagen.“

Hitzige Debatte

Ehe ich mich versehe, ist eine hitzige Debatte entstanden, was Diabetes ist und wie gut oder nicht gut die Krankheit therapiert werden kann. Ich sinke immer mehr in die Couch und hätte mich am liebsten vergraben. Ich habe keine Ahnung, was Diabetes ist, geschweige denn, wie gut er behandelt werden kann und was ich tun muss. Woher soll ich das auch wissen? Bis heute morgen hatte ich noch nie etwas davon gehört.

Nico merkt, dass ich immer mehr im Sofa versinke. Die anderen diskutieren immer noch wie verrückt. Schließlich unterbricht Nico Chris und sagt: „Jetzt hört doch bitte mal auf zu diskutieren, das bringt Nina doch auch nicht weiter.“ Da dreht sich Lisa mitfühlend um und bemerkt: „Tut mir leid, Nina. Was brauchst du denn jetzt? Möchtest du darüber reden oder lieber zur Ablenkung einen Film schauen?“ Leise antworte ich: „Keine Ahnung, was ich brauche.“ Lisa nimmt mich liebevoll in den Arm und bemerkt: „Das ist nicht schlimm. Wir werden schon noch rausfinden, was dir guttut, und dir helfen.“


Kommentar der Autorin:

Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 kommt ganz plötzlich, ohne dass man sich darauf vorbereiten kann. So erging es auch Nina, die von heute auf morgen mit Melli durchs Leben gehen musste. Für Nina war es schwer, damit umzugehen, und auch für ihr Umfeld war es nicht leicht.

Die Frage, was sich ein Diabetiker nach der Dia­gnose von seinem Umfeld wünscht oder was er erwarten kann, ist fast nicht zu beantworten. Menschen verarbeiten Dinge sehr unterschiedlich und schlagen verschiedene Wege ein nach so einem prägenden Ereignis. Wichtig ist für uns Diabetiker, uns selbst Zeit zu geben, um Melli zu akzeptieren und um ihn in unser Leben zu integrieren!

➤ weitere Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli


von Lena Schuster

Avatar von lena-schuster

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (5) Seite 50-51

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Kurzgeschichte: Der kleine Melli und ich – das Leben genießen
Was, wenn Du Dich in Deinem Leben mit Diabetes so abmühst – und die Werte hin und wieder einfach chaotisch sind? Nichts, dann ist es einfach so.

4 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Kurzgeschichte: Der kleine Melli und ich – von jetzt auf gleich
Das Leben mit Diabetes hat zusätzlich zur Pandemie seine Tücken, weiß Nina. Zum Glück können wir nun wenigstens wieder bummeln gehen - und auch wieder zumindest ins Freiluft-Café.

3 Minuten

Community-Beitrag
Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • kety22 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?

    • Hallo!
      Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
      Allerdings habe ich kaum noch Unterzucker seit ich meine Insulinpumpe habe.
      Vielleicht hilft das etwas – viel Glück

  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • mr postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?