- Aus der Community
Diabetes-Kurzgeschichte: Der kleine Melli und ich – Neuanfang mit altem Begleiter
4 Minuten

Nina und Melli ziehen um. Wehmut leitet den Neuanfang in der fremden Stadt ein. Und dann noch: eine Unterzuckerung! Doch hilfsbereite Menschen gibt es zum Glück nicht nur daheim.
Gedankenverloren stehe ich am Küchenfenster und betrete schließlich den Balkon. Unendlich viele Stunden habe ich hier zwischen all den Pflanzen verbracht und entspannt Musik gehört oder einfach ein Buch gelesen. Jetzt ist der Balkon leer. Die Pflanzen stehen schon im Flur bereit für den Umzug. So schweift mein Blick über die Rasenfläche im Hof.
Ein kleines Kind spielt gerade mit seiner Mama im Sandkasten. Freudestrahlend präsentiert es seine selbst gebaute Sandburg. „Wie wenig Sorgen ein Kind hat!“, murmele ich neidisch vor mich hin. „Nina, nicht träumen. Wir müssen weiter packen!“, reißt mich Melli aus meinen Gedanken. Traurig wende ich meinen Blick ab und grummele leise: „Ich weiß. Ich wollte nur noch mal die Aussicht genießen.“
Erst vor einer Woche unterschrieb ich meinen neuen Arbeitsvertrag, und daraufhin fasste ich den Entschluss, mit Melli umzuziehen, um nicht jeden Tag eine Stunde pendeln zu müssen.
Die Diabetes-Kurzgeschichten-Reihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer jungen erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.
Autorin Lena Schuster ist Psychologin und hat seit 2014 Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt. Zu ihren Kurzgeschichten sagt sie: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“
➤ hier gibt es alle Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli
Zuerst der neue Arbeitsvertrag, dann der Entschluss: Umzug!
Hinter uns liegt eine stressige Woche, geprägt von einer anstrengenden Wohnungssuche und vom Organisieren des Umzugs. Und dann überraschten mich meine Freunde gestern Abend noch mit einer Abschiedsparty: Es klingelte, und als ich die Tür aufmachte, standen alle meine Freunde mit Pizzakartons und Bier vor mir. So liebe Menschen habe ich hier kennengelernt. Wie wird es in der neuen Stadt sein? Werde ich schnell Anschluss finden? Ich merke, wie ich immer nervöser werde. Damit kann ich mich jetzt nicht beschäftigen!
Kurze Zeit später treffen Laura, Sarah, Jan und Dirk ein, um beim Umzug zu helfen. Kiste für Kiste tragen wir aus der Wohnung. Sichtlich erschöpft stehen wir schließlich vor dem Transporter und verstauen auch die letzte Umzugskiste. „Nina … du hast echt viele Sachen“, sagt Dirk lachend und setzt sich auf die Mauer. Da mischt sich Melli ein: „Das sage ich ihr auch immer, aber sie kann sich einfach von nichts trennen.“ Ich entgegne: „Quatsch, Ihr übertreibt.“ Allerdings muss ich schmunzeln, denn tief in meinem Inneren weiß ich, dass die beiden recht haben.
Als wir im Transporter sitzen und ausparken, blicke ich ein letztes Mal zur Wohnung. Fünf Jahre ging ich dort ein und aus, verbrachte schöne und schlechte Zeiten. Jedoch fühlte ich mich immer wohl. Eine Träne kullert mir über die Wange.
Die nächsten Stunden vergehen wie im Flug für mich. Kaum sind wir in der neuen Wohnung angekommen, räumen wir auch schon meine Möbel und Kisten aus. Es ist ein sehr heißer Tag, doch all das geht völlig an mir vorbei. Ich scheine erst aufzuwachen, als ich unten an der Haustür stehe und mich von meinen Freunden verabschiede. Nacheinander nehme ich jeden einzelnen in den Arm, drücke ihn ganz fest.
Sarah ergreift das Wort: „Nina wir werden dich vermissen.“ Laura ergänzt: „Aber du bist jederzeit herzlich willkommen. Melde dich, wenn du etwas brauchst oder einfach nur quatschen willst!“ Ich bin gerührt: „Ach, Ihr seid so lieb. Danke fürs Helfen, und klar werde ich euch besuchen kommen.“
Eine Welle der Traurigkeit überrollt mich
Als meine Freunde mit dem Transporter hinter der nächsten Straßenecke verschwinden, überrollt mich eine Welle der Traurigkeit. Ich fühle mich richtig allein hier in dieser fremden Stadt. So schlurfe ich langsam die Treppen hoch. Plötzlich wird mir schwindelig und übel. Benommen setze ich mich auf die Stufen. Was ist nur los mit mir? Und wo ist eigentlich Melli?
Ich realisiere, dass ich etwas zu essen brauche, sonst werde ich unterzuckern. Gestresst suche ich meine Hosentaschen ab, doch ich kann keinen Traubenzucker finden. Was mache ich hier bloß? Und es ist weit und breit keiner da, der mir helfen kann.
Genau in dem Moment kommt eine Frau die Treppe herunter, kniet sich zu mir und sagt besorgt: „Was ist denn mit Ihnen los? Geht es Ihnen nicht gut?“ Ich schaue sie an und antworte: „Ich bin Diabetikerin und gerade dabei zu unterzuckern. Haben Sie Saft dabei?“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Frau. „Na klar! Meine Tochter ist auch Diabetikerin, deshalb habe ich immer etwas Süßes in der Handtasche.“
Kommentar der Autorin:
Ninas Begegnung im Hausflur auf der Treppe führt ihr vor Augen, dass, auch wenn wir uns manchmal allein fühlen, wir nicht allein sind. Hilfsbereite Menschen mit oder ohne Diabetes gibt es überall auf der Welt, und so wartet bestimmt ein weiterer hilfsbereiter Mensch hinter der nächsten Ecke!
➤ weitere Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli
von Lena Schuster
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (9) Seite 44-45
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aus der Community

4 Minuten
- Aus der Community

3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
kety22 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?
- moira antwortete vor 5 Tagen, 16 Stunden
Hallo!
Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
Allerdings habe ich kaum noch Unterzucker seit ich meine Insulinpumpe habe.
Vielleicht hilft das etwas – viel Glück
katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 2 Wochen, 2 Tagen
Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick
In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …mr postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.
- katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo mr,
Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.
Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.
Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.
Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?



