- Aus der Community
Diabetes-Kurzgeschichte: Mit dem kleinen Melli im Streit
4 Minuten

Du selbst hast Lust auf Vollmilchschokolade mit ganzen Haselnüssen – aber Dein Diabetes-Gewissen sagt Dir, dass die Schoko gerade jetzt überhaupt nicht in den Plan passt. Dieser tägliche Konflikt ist Grundlage der Kurzgeschichte.
Angespannt drehe ich mich zu Melli um, der gemütlich am Küchentisch sitzt und einen Orangensaft trinkt. Was ich ihm gleich sagen werde, wird ihm nicht gefallen, aber das ist mir egal. Heute läuft es so, wie ich will. Heute will ich alles bestimmen. Melli sieht zu mir und bemerkt: „Was ist los, Nina? Willst du mir irgendetwas sagen?“
Allerdings. „Ja. Heute möchte ich entscheiden, was gekocht und gegessen wird. Heute bin ich dran.“ Mit einem Schlag ist seine gelassene Miene verschwunden. Richtig ernst blickt er drein und sagt: „Du weißt, dass es beim Thema Essen keine Diskussionen gibt. Ich entscheide!“
Die Diabetes-Kurzgeschichten-Reihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer jungen erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.
Autorin Lena Schuster ist Psychologin und hat seit 2014 Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt. Zu ihren Kurzgeschichten sagt sie: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“
➤ hier gibt es alle Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli
Melli, der Egoist …
Das habe ich mir schon gedacht, dass es nicht einfach wird, aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich setze zum Kontern an: „Das kannst du nicht machen! Wir sind ein Team, und da werden Entscheidungen zusammen gefällt!“ Schnell füge ich noch hinzu: „Oder sind wir etwa kein Team?“ Erwartungsvoll schaue ich ihm direkt in die Augen. Ich bin gespannt, wie er auf die Provokation reagieren wird. Nach einem kurzen Moment der Stille sagt er: „Das ist nicht fair. Wir sind ein gutes Team. Das wissen wir beide. Aber …“
Bevor er weiterreden will, habe ich schon dazwischengefunkt. „Dann beweis es mir! Lass mich festlegen, was auf den Tisch kommt!“ Wütend springt Melli auf und zischt: „Nein! Schluss jetzt mit der elendigen Diskussion. Gegessen wird, was und wie viel ich sage!“ Schon lange hat er mich nicht mehr so angeschrien. Ich erkenne, dass es sich nicht mehr lohnt, noch weiter zu diskutieren. Doch das macht mich nur noch wütender! Außer Rand und Band kreische ich ganz hysterisch: „Wie kannst du nur so egoistisch sein? Wir sind bestimmt kein Team!“
Fluchtartig drehe ich mich um und stürme ins Wohnzimmer. Melli rennt mir hinterher, doch ich bin schneller und schaffe es, die Tür hinter mir zu verriegeln. Sein lautes Klopfen und Rufen ignoriere ich. Aufgebracht werfe ich mich auf das Sofa. In mir tobt es. Warum interessiert es ihn nicht, was ich möchte? Wieso darf ich nie den Ton angeben? Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein! Was bildet er sich ein? Ich bin erwachsen und kann selbst bestimmen, was ich tun und lassen will. Ich brauche ihn nicht dafür! Was macht er überhaupt in meinem Leben?
Ich verdrücke eine Tafel Schokolade
Wenige Sekunden später fahre ich in die Höhe und laufe gereizt auf und ab. Damit kommt er nicht durch! So einfach ist das Leben nicht!
Schließlich fällt mein Blick auf eine Schüssel voller Süßigkeiten, die auf dem Couchtisch steht. Vollmilchschokolade mit ganzen Haselnüssen. Meine Lieblingsschokolade. Ich zögere nicht lange und greife zu. Hastig reiße ich die Verpackung auf und beiße herzhaft hinein. Genussvoll schließe ich die Augen. Es ist so unglaublich lecker! Im Nu ist meine schlechte Laune verflogen. Ich habe die ganze Tafel verdrückt. Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Das habe ich wohl dringend gebraucht! Ich schnappe mir noch ein paar Bonbons und schlendere zurück zum Sofa.
Doch noch bevor ich das zweite Bonbon gegessen habe, wird mir total schlecht. Innerhalb von wenigen Sekunden ist mir richtig übel. Was ist nur los mit mir? Behutsam lege ich meine Hand auf meinen Bauch. Mein Magen krampft sich zusammen und macht grauenhafte Geräusche. Das kann doch nicht von der Schokolade kommen, oder? Langsam stehe ich vom Sofa auf und quäle mich Richtung Tür. Ich schließe auf und laufe stöhnend in die Küche.
Noch bevor ich etwas sagen kann, hat Melli schon die leere Bonbontüte in meiner Hand entdeckt. Ich wage es nicht, ihn anzuschauen, und starre angestrengt auf den Boden. Mit viel Kraft bringe ich schließlich ein paar Worte über die Lippen. „Du hattest recht. Ich weiß jetzt, dass du nur mein Bestes willst.“ Ohne mir Vorwürfe zu machen, streichelt mir Melli zärtlich über die Schulter.
Kommentar der Autorin:
Essen ist ein ganz großes Thema beim Diabetes, denn tagtäglich müssen Mahlzeiten eingeschätzt und berechnet werden. Und so müssen wir Diabetiker erst einmal lernen, bewusst zu essen. So gerät auch Nina in einen Streit mit Melli, weil sie selbst entscheiden möchte, was und wie viel sie isst.
Einerseits schränkt uns das ein, doch das Positive daran ist, dass der Diabetes uns lehrt, sorgsam mit uns und unserem Körper umzugehen. Achten wir auf unseren Körper, so wird es unserem Diabetes gutgehen – und letztlich auch uns. Und wer möchte nicht, dass es einem gutgeht?
➤ weitere Diabetes-Kurzgeschichten mit Nina und dem kleinen Melli
von Lena Schuster
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (11) Seite 46
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aus der Community

4 Minuten
- Aus der Community

3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
kety22 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?
- moira antwortete vor 5 Tagen, 17 Stunden
Hallo!
Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
Allerdings habe ich kaum noch Unterzucker seit ich meine Insulinpumpe habe.
Vielleicht hilft das etwas – viel Glück
katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 2 Wochen, 2 Tagen
Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick
In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …mr postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.
- katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo mr,
Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.
Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.
Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.
Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?



