Kommentar | „Blickwinkel“: Wie hilfsbereit sind Menschen?

2 Minuten

© © pure-life-pictures - Fotolia
Kommentar | „Blickwinkel“: Wie hilfsbereit sind Menschen?

Ein gebrochener Arm wird zum Indiaktor für die Hilfsbereitschaft im Alltag – Diabetes-Journal-Redakteurin Katrin Kraatz berichtet in der Kolumne „Blickwinkel“ über ihre Erfahrungen mit Mitmenschen, die sie mit dem Handicap gemacht hat.

Erinnern Sie sich an die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten im vergangenen Jahr? Ein Zitat daraus, Thema dieses Abschnitts war die Flüchtlingssituation: “Wo die Behörden an ihre Grenzen kamen, haben Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Menschen willkommen geheißen. Spontan und wie selbstverständlich. Tausendfach haben Sie Essen und Trinken, Decken und Kleidung gebracht, Sprachkurse organisiert und Unterstützung bei Behördengängen geleistet. Sie alle sind zum Gesicht eines warmherzigen und menschlichen Landes geworden.”

Wie groß ist die Hilfsbereitschaft im Alltag?

Die Leistungen der vielen Menschen sind nicht kleinzureden – aber diese und Aussagen anderer Politiker gingen mir durch den Kopf, als ich (neben meiner nicht unmittelbar für jeden sichtbaren Erkrankung Typ-1-Diabetes) für einige Zeit für jeden sichtbar behindert war: Wie hilfsbereit und rücksichtsvoll sind die Menschen im ganz normalen Alltag?

Denn ich war gestürzt und hatte mir den rechten Oberarm gebrochen. Eine Operation war nicht nötig, aber ich trug den Arm in einer weiß leuchtenden Schlinge, einem Gilchrist-Verband. Da ich in dieser Zeit auch auf Reisen war, hatte mir der Arzt den Tipp gegeben, den Verband über der Jacke zu tragen – dann würde sofort jeder Rücksicht nehmen und mir Hilfe anbieten. Ich war gespannt …

Der Arzt hatte recht … oder doch nicht?!

Als ich aus dem Zug stieg, bot mir eine Mitreisende tatsächlich spontan Hilfe an. Bingo, der Arzt hat recht, dachte ich! Am Ziel fuhr ich mit der U-Bahn zum Hotel. Ein Sitzplatz war frei, nur blockiert durch das übergeschlagene Bein eines anderen Sitzenden. Ziemlich langsam und knurrig nahm er sein Bein herunter. Ob der Arzt sich doch getäuscht hat?

Im Hotel dann wieder das genaue Gegenteil: Man hatte mir ein extra ruhiges Zimmer gegeben, weil ich mehrere Nächte dort war, das man aber nur über eine kurze Treppe erreichen konnte. Ich wurde ausdrücklich gefragt, ob mir das mit der Treppe zu schwierig sei, dann hätte ich ein anderes Zimmer bekommen. Beim Frühstück half man mir selbstverständlich beim Brotschneiden und weiteren Dingen, die mit meinem schmerzhaften und dadurch ziemlich kraftlosen Arm nicht gingen.

Auf der Rückfahrt legte ich einen Teil der Strecke in einer ziemlich vollen S-Bahn zurück. Die mich völlig teilnahmslos und gleichgültig anblickenden Menschen, die gemütlich auf den Sitzen saßen, waren fast schon beeindruckend. Erst auf meine Bitte hin überließ mir ein Mann seinen Platz. Das war wieder ein heftiger Dämpfer! Umso größer war meine Überraschung und Freude, als bei der Rückkehr in Mainz in der Straßenbahn ein Junge aus einer ganzen Gruppe etwa Gleichaltriger ganz selbstverständlich aufstand und mir seinen Platz anbot.

Fazit: ein sehr gemischtes Bild

Was bleibt also vom “Gesicht eines warmherzigen und menschlichen Landes”, das Bundespräsident Joachim Gauck beschrieben hat? Aus meinem Blickwinkel ein sehr gemischtes Bild. Denn Warmherzigkeit und Menschlichkeit sind mir durchaus begegnet, so, wie sie sich sicher jeder wünscht, der dauerhaft oder zeitweise mit einer Einschränkung lebt.

Aber ich habe auch Gleichgültigkeit und Kälte erlebt, wo sie im normalen menschlichen Miteinander nicht sein müssten. Vielleicht nützt es, wenn jeder einfach die Augen offenhält und sich überlegt: “Wäre ich nicht dankbar, wenn mir in solch einer Situation jemand hilft?”


von Dr. Katrin Kraatz

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (2) Seite 37

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Mit Diabetes Typ 3c auf alpiner Hüttentour
Community-Autor Michael war mit seinen Schülerinnen und Schülern auf alpiner Hüttentour. Er berichtet, wie er mit seinem Diabetes Typ 3c die steilen Anstiege im Schnee, eine Unterzuckerung am Zwieselbachjoch und den Umgang mit Höhe, Aktivität sowie schwankender Insulinsensitivität erlebt hat; und wie seine Erfahrungen waren, eine solche Tour erstmals mit einer Insulinpumpe zu bewältigen.
Mit Diabetes Typ 3c auf alpiner Hüttentour | Foto: Michael Bender

7 Minuten

Community-Beitrag
Open-Source-DIY-Systeme treiben vollständig automatisierte Insulindosierung (AID) voran
Während kommerzielle AID-Systeme noch überwiegend als Hybrid-Closed-Loop-Systeme arbeiten und weiterhin Mahlzeitenankündigungen oder Bolusgaben erfordern, experimentiert die Open-Source-Community schon länger mit Strategien zur vollständig automatisierten Insulindosierung. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in Diabetologia zeigt nun, wie weit diese Entwicklung dieser DIY-Systeme bereits gediehen ist und welche Chancen, aber auch Grenzen derzeit bestehen.
Ein Steckbrett mit Siebensegmentanzeige und farbigen Kabeln ist mit einer Arduino-Platine verbunden, die per USB-Kabel an eine Computertastatur angeschlossen ist. Sinnbild für selbstgebaute Open-Source-Elektronik, wie sie bei DIY-Systemen zur automatisierten Insulindosierung zum Einsatz kommt.

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%