Michael Krauser im Interview: Reisen als Leidenschaft – und dankbar auf das Leben blicken

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Michael Krauser im Interview: Dankbar auf das Leben blicken | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX
Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX
Michael Krauser im Interview: Reisen als Leidenschaft – und dankbar auf das Leben blicken

Sein Typ-1-Diabetes hat Michael Krauser viel über Dankbarkeit gelehrt. Ob bei seiner Leidenschaft, dem Reisen, oder im Alltag – er lässt sich nicht aufhalten. Seine Botschaft im Interview: Sei stolz auf dich und das, was du jeden Tag leistest.

Im Interview: Michael Krauser

Kopfhörer, Google Maps und eine Kühltasche fürs Insulin – diese drei Dinge sind für Michael auf Reisen unverzichtbar. Bereits dreimal hat er Work and Travel gemacht, das erste Mal noch ohne Diabetes-Diagnose. „Meine Reisen mit und meine Reisen ohne Typ-1-Diabetes waren absolut genial“, sagt er. Man müsse eben nur etwas mehr organisieren und Equipment mitnehmen.

Michael Krauser (Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX)

Mut die Welt zu entdecken

Über das Reisen ist Michael auch mit der Diabetes-­Community in Kontakt gekommen. Mit seinem Blog möchte er anderen Reise­lustigen bei der Planung helfen und Mut machen. Heute ist er zwar nicht mehr so viel unterwegs und auf dem Blog aktiv, dennoch erreichen ihn hier und da Anfragen aus der Community. „Darüber freue ich mich immer riesig!“

Dankbarkeit und Stolz auf die eigenen Leistungen

Der Diabetes läuft bei Michael mittlerweile nebenbei. Als er die Diagnose mit Anfang 20 bekam, war er jedoch erst einmal geschockt. Obwohl ihm sein Wissen aus dem Sport-Studium half, die Erkrankung schnell zu verstehen, dauerte es ein Jahr, bis er sie akzeptieren konnte. Geholfen haben ihm die Unterstützung seiner Familie und Freunde, ein tolles Diabetes-Team und die Diabetes-Technologie. Der Diabetes habe ihm viel über Dankbarkeit beigebracht, erzählt er.

Michael möchte Mut machen, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, auch wenn es schwer fällt. Er hat eine klare Botschaft: „Wir übernehmen den Job von einem Organ, während wir zusätzlich versuchen unseren normalen Alltag zu stemmen. (…) Deswegen klopfe dir immer auf die Schulter und sei stolz auf dich.“

Diabetes-Anker (DA): Michael, du hast Sport studiert. Warum hast du dich dafür entschieden?

Michael Krauser: Ich habe mit dem Sport-Studium angefangen, noch bevor ich Typ-1-Diabetes bekommen habe, also es hatte nichts damit zu tun. Ich habe damals Sport studiert, weil ich einen gesunden Lebensstil fördern wollte. Mein Papa ist leider sehr früh an einem Herzinfarkt verstorben und ich dachte, dass ich meinem Papa sehr ähnlich bin und wollte daher Bewegung und Ernährung in meinem Leben fördern. Als Jugendlicher war ich super sportlich und habe schon immer gerne Sport gemacht, viel Fußball gespielt. So bin ich beim Sport-Studium gelandet.

DA: Wie kam es zu deiner Diabetes-Diagnose während des Studiums?

Michael Krauser: Es war fast ein bisschen lustig, wenn ich im Nachgang draufschaue. Ich hatte die typischen Diabetes-Symptome, also ich musste z. B. viel Wasser lassen. Wir haben gerade für eine Sport-Therapie-Prüfung gelernt, in der unter anderem das Thema Diabetes behandelt wurde.

Ich habe noch zu meinen Kommilitonen gesagt: „Mensch, ich muss gerade so oft auf Toilette gehen.“ Dann meinte einer: „Ach, vielleicht hast du ja Typ-1-Diabetes.“ Da haben wir alle noch gelacht. Aber irgendwie wusste ich ab dem Moment, dass ich das doch mal abchecken lassen sollte. Im ersten Moment hat auch die Ärztin das Ganze noch belächelt und hat nicht gedacht, dass ich Diabetes hätte. Drei Tage später kam aber der Anruf auf dem Weg zur Uni-Mensa: „Hallo, Herr Krauser, es sieht so aus, als hätten Sie einen manifesten Typ-1-Diabetes.“

DA: Was hat das für dich in dem Moment bedeutet, für dein familiäres und sonstiges Umfeld und für dein Studium? Wie war die Zeit nach der Diagnose für dich?

Michael Krauser: Das Allererste war natürlich Schock. Ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern, als ich auf einmal am Küchentisch saß, diese Gerätschaften vor mir liegen hatte und dachte: „Stopp mal, gestern musste ich das doch nicht machen, warum muss ich das heute machen?“ Diese Veränderung, dieser riesige Eingriff in das eigene Leben und wie das jetzt in Zukunft zu führen ist, das war ziemlich mind blowing.

Ich habe mich dann ein paar Tage später freiwillig stationär ins Krankenhaus, ins Uniklinikum in Gießen, einliefern lassen, wo ich auf ein ganz, ganz tolles Diabetes-Team gestoßen bin, die mir die ersten Tage mit Diabetes richtig gut erleichtert und erklärt haben. Wenn ich jetzt gerade im Nachgang darauf schaue, habe ich den Eindruck, dass ich durch mein Studium von Anfang an ein sehr gutes Verständnis hatte für die Krankheit und was im Körper so alles abgeht. Dadurch war dieser Einstieg in das Leben mit Typ-1-Diabetes, glaube ich, etwas einfacher.

Ich habe auch sehr schnell die Gedanken bekommen, während ich stationär in der Uniklinik war, dass ich vielleicht diesen Schicksalsschlag, also den Typ-1-Diabetes, und das Sport-Studium miteinander verknüpfen und vielleicht in Zukunft mehr mit dem Thema Sport und Diabetes machen kann. Das war relativ schnell mein Zugang. Aber es hat definitiv ein Jahr lang gedauert, bis ich so richtig akzeptiert habe, dass ich Typ-1-Diabetes habe und realisiert habe, dass das jetzt Teil meines Lebens ist. Mein familiäres und freundschaftliches Umfeld war sehr gut für mich da. Ich war zu dem Zeitpunkt 22 Jahre alt. Ich habe mich also hauptsächlich allein um alles gekümmert, aber es war auf jeden Fall emotionaler Support von allen Seiten da und dafür bin ich sehr dankbar.

DA: Du hast eben gesagt, das Wissen aus deinem Studium hat dir geholfen, besser mit der Diabetes-Diagnose umzugehen. Hat es dir auch in anderen Aspekten geholfen und konntest du dein Studium normal oder mit einer Unterbrechung weiterführen?

Michael Krauser: Die Diagnose hatte keinen Einfluss auf meine Studien-Zeit. Ich habe ganz normal mein Studium durchgezogen, ich habe sogar meine Bachelor-Arbeit über den Einfluss von hoch-intensivem Intervall-Training im Vergleich zu normalem Ausdauer-Sport auf die Blutzuckerwerte geschrieben. Ich gebe zu, es war keine sehr repräsentative Studie oder lieferte große Ergebnisse, weil einfach der Teilnehmer-Pool viel zu klein war. Aber ich habe versucht, dieses Thema Diabetes und Sport immer mehr miteinander zu verknüpfen.

Ich war ein Jahr nach der Diagnose auch noch in der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim und habe dort als Sport-Student in der Sport-Therapie gearbeitet. Das war sehr cool auf andere Menschen mit Typ-1-Diabetes zu treffen und zu lernen, wie sich die Sport-Therapie in dem Bereich gestaltet. Diabetes oder die Diagnose hat mein Leben nicht so erschüttert, dass es dazu geführt hat, dass sich das Studium verändert hat oder nach hinten gezogen hat, sondern ich habe eher versucht dieses Thema Diabetes so gut wie möglich ins Studium einzubinden.


Ich habe den Eindruck, dass dieses Thema Atmung und Kälte-Exposition auch sehr gut für die mentale Gesundheit ist, und da der Diabetes sehr viel auf unsere Psyche schlägt, ist es für mich auf jeden Fall eine gute Methode, besser mit meinem Diabetes und mit meinem Alltag generell klarzukommen.


DA: Was machst du jetzt beruflich?

Michael Krauser: Ich bin jetzt ganz woanders gelandet. Ich bin im Fundraising, also wir sind für die Mitglieds-Beiträge oder für die Spenden-Generierung von NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen, unabhängige Organisationen, die sich nicht gewinnorientiert für soziale, humanitäre, ökologische oder andere gemeinnützige Zwecke engagieren; Anm. d. Red.) zuständig, für das Rote Kreuz, für den Malteser Hilfsdienst, für den BUND Naturschutz. Mit denen arbeiten wir als Werbe-Agentur zusammen. Das heißt, ich habe jetzt nichts mehr mit dem Thema Diabetes in meinem beruflichen Alltag zu tun.

Nebenbei mache ich noch Breathwork-Workshops, also dieses Thema Kälte und Atmung. Da habe ich eine Weiterbildung gemacht und frage ich mich aktuell noch, inwiefern ich das auch mal in einem Setting anbieten kann, bei dem ganz viele Leute mit Diabetes dabei sind. Ich habe den Eindruck, dass dieses Thema Atmung und Kälte-Exposition auch sehr gut für die mentale Gesundheit ist, und da der Diabetes sehr viel auf unsere Psyche schlägt, ist es für mich auf jeden Fall eine gute Methode, besser mit meinem Diabetes und mit meinem Alltag generell klarzukommen. Vielleicht kann ich mal was kreieren mit anderen Menschen Typ-1-Diabetes.

DA: Wie bist du zu diesem neuen Job gekommen und abgekommen von dem Sport?

Michael Krauser: Ein ganz großes Thema bei mir in meinen Zwanzigern war das Thema Reisen und ich habe insgesamt dreimal Work and Travel gemacht: nach meinem Abi, nach meinem Studium und nach einem kurzen Zwischenstopp in Deutschland, wo ich dann unter anderem als Fundraiser gearbeitet habe. Das heißt, es war eigentlich nur ein Ferien-Job, den ich gemacht habe zwischen meinen Auslandsjahren in Kanada und Neuseeland.

Dann hat mich diese Werbe-Agentur gefragt: „Hey, wie sieht‘s denn aus, Michi, möchtest du mehr bei uns machen? Du hast das sehr gut gemacht. Wir brauchen jemanden in der Position als Projektleitung.“ 2019, als ich aus Neuseeland zurückgekommen bin, bin ich dort eingestiegen und bin jetzt mittlerweile Vertriebsleiter, ich leite den Standort in München. Ganz lustig, wie alles gelaufen ist und wie ich hier gelandet bin. Hätte ich so vorher auch nicht gedacht.

Wenn ich jetzt im Nachgang darauf zurückschaue, dann macht das alles voll Sinn. Aber hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich in der Fundraising-Branche aktiv sein werde und dort meinen festen Arbeitsplatz finde, dann hätte ich erst mal gesagt: „Entschuldigung, was ist das genau?“ Aber es macht Spaß.

DA: Du hast erwähnt, dass du sehr viel gereist bist. Woher kommt deine Faszination für das Reisen?

Michael Krauser: Meine erste Inspirationsquelle waren meine Schwestern. Ich habe zwei ältere Schwestern. Die Älteste ist quasi als Vorreiterin in die USA und hat dort ein Jahr lang Au-pair gemacht. Die andere Schwester hat es ihr nachgetan und ich dachte, dass ich auch ins Ausland will, aber ich wollte kein Au-Pair machen. Zum damaligen Zeitpunkt waren ganz viele Leute auf dem Weg nach Australien. Wir haben als Familie nicht so viele Urlaube gemacht und deswegen hatte ich schon immer so eine Neugierde, was da draußen alles ist. So ging es dann für mich 2011 das erste Mal nach Australien für ein Jahr.

Ich muss sagen, ich glaube ich war vorher sehr unselbstständig. Als ich dieses erste Jahr in Australien war und das erste Mal auf eigenen Beinen stand, habe ich gemerkt, wie cool das doch ist, wie viel man dabei lernt und wie bereichernd das ist. Dann war für mich nach dem ersten Jahr Australien klar, dass ich mein Studium mache und danach auf jeden Fall direkt nochmal ins Ausland gehe, nochmal ein Jahr Work and Travel. Auf dieses weitere Jahr Work and Travel in Kanada folgte wiederum das dritte Jahr in Neuseeland.

Es ist eigentlich ganz spannend. Ich bin damals über diese Reisen online auf die Diabetes-Community aufmerksam geworden und dachte, dass ich ja über meine Reisen mit Typ-1-Diabetes berichten kann. So ist zwischen meinen Auslandsjahren in Kanada und Neuseeland früher oder später dieser direkte persönliche Kontakt mit der Diabetes-Community entstanden. Meine Reise-Lust hat mich am Ende in die Community geführt und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

DA: Betreibst du deinen Reise-Blog jetzt noch?

Michael Krauser: Es fällt mir sehr schwer, das zu sagen, aber leider nein. Meine Sachen sind noch online, es gibt noch einen Instagram-Account und die Website. Da ich jetzt aber nicht mehr viel reise, gibt es nicht so viele Themen, über die ich bloggen könnte. Aber was mich immer wieder freut, ist, dass Leute mich online finden und so alle paar Monate kommt eine Anfrage auf meine E-Mail-Adresse. „Hey Michi, ich möchte mich auf den Weg ins Ausland machen. Ich habe Typ-1-Diabetes, kannst du mir dabei helfen?“ Darüber freue ich mich immer riesig!

Das Ziel meines Blogs damals war, dass wenn ich einer Person mit Typ-1-Diabetes helfen kann, ihre Auslandsreisen zu gestalten oder für jemanden diesen Irrglauben aus der Welt schaffe, dass man Work and Travel nicht machen kann, weil man Diabetes hat – denn diese Gedanken haben manche Leute – dann habe ich Erfolg gehabt. Ich würde behaupten, dass ich über die letzten Jahre ein paar Leute erreicht habe, die sich gemeldet haben und denen ich helfen konnte, dass sie den Schritt ins Ausland wagen.


„Dann machst du eben genau das, was du zu Hause auch machen würdest: spritzt dein Insulin, nutzt deine Hypo-Helfer, wenn du sie brauchst, und genießt aber die Reise genauso als hättest du keinen Diabetes. “


DA: Wie sieht dein Diabetes-Management auf Reisen aus? Was hat sich verändert von der ersten Reise, bei der du noch keinen Diabetes hattest, zu den Folgenden?

Michael Krauser Die Frage beantworte ich immer super gerne. Das Schöne ist, dass es gar nicht so viel anders ist, außer, dass du eben dein Diabetes-Equipment mitnimmst. Das heißt, da hast du vorher ein bisschen mehr Organisations-Kram zu erledigen und zu klären, dass du auch genug Equipment hast und versorgt bist im Ausland. Aber was du dann einfach machst, ist, du packst dieses ganze Equipment in deinen Koffer oder in dein Backpack und fliegst damit irgendwo hin, wo du halt eben hinwillst, auf diesem wunderschönen Planeten. Dann machst du eben genau das, was du zu Hause auch machen würdest: spritzt dein Insulin, nutzt deine Hypo-Helfer, wenn du sie brauchst, und genießt aber die Reise genauso als hättest du keinen Diabetes. Das heißt, um das nochmal ganz klar zu beantworten: Meine Reisen mit und meine Reisen ohne Typ-1-Diabetes waren absolut genial und der Diabetes hat gar nichts schlimmer oder besser gemacht.

DA: Gibt es bestimmte Routinen oder Tools, die du benutzt, zum Beispiel wenn du an weniger belebte Orte reist?

Michael Krauser: Ich hatte immer einen kleinen Rucksack und einen großen Backpacker-Rucksack. Auf beide Gepäck-Stücke muss ein wenig Diabetes-Equipment verteilt sein, dass man, falls ein Gepäck-Stück geklaut wird, wiederum das andere Gepäck-Stück hat. Das war immer mein wichtigster Punkt, damit ich mich etwas sicherer fühle. Ich durfte auf meinen Reisen feststellen, dass es in den Ländern, in denen ich unterwegs war, immer irgendwo eine Apotheke in der Nähe gab, wo man sich im Notfall die Sachen auch hätte kaufen oder besorgen können. Das hat mir immer sehr, sehr viel Ruhe gegeben. Ich war auch stellenweise überrascht, in welchen Ländern man doch relativ gut z. B. an Insulin kommt oder in ein Krankenhaus gehen kann und die Leute helfen dir da. Es ist aber bei mir nie so weit gekommen.

Ich möchte auch nochmal alle Leute da draußen ermutigen. Ja, man hat diese Angst-Gedanken, aber es ist so, dass auch in anderen Ecken der Welt ganz viele Menschen mit Typ-1-Diabetes leben und die müssen versorgt werden. Das heißt, selbst wenn deine Sicherheits-Netze, die du dir aufbaust, alle nicht funktionieren, dann gibt es trotzdem vor Ort eine Möglichkeit, sei es über eine Apotheke, über ein Krankenhaus, dass du versorgt wirst und dass du nicht komplett in die Bredouille kommst. Wenn du nicht irgendwo im Dschungel rumläufst, wo du erst mal fünf Tage lang nicht rauskommst, dann wird das schon klappen.

DA: Was sind deine drei Essentials, die du auf Reisen immer dabei hast?

Michael Krauser: Kopfhörer auf jeden Fall. Ich brauche Musik. Natürlich das Handy, aber was ich da spezifisch noch sagen würde, ist Google Maps. Ich verliere sonst die Orientierung. Google Maps ist ganz wichtig. Was könnte das Dritte sein? Auch wenn ich sie nicht so oft gebraucht habe, bin ich trotzdem immer mit ihnen gereist: Kühltaschen für das Insulin. Fürs gute Gefühl brauchte ich immer die Kühltaschen.

DA: Was war die größte Herausforderung mit Diabetes auf Reisen und der größte Erfolg, den du bisher erlebt hast?

Michael Krauser: Das fällt eigentlich zusammen. In Kanada bin ich vier Wochen lang mit dem Fahrrad durch die Rocky Mountains gefahren. In Neuseeland bin ich so zwei Monate von Ort zu Ort per Anhalter gefahren und mehrtägige Wander-Wege gelaufen. Die gingen jeweils drei, vier Tage. Diese Belastungen beim Fahrrad-Fahren in Kanada oder auch beim Wandern in Neuseeland waren definitiv die größten Herausforderungen.

Gerade beim Fahrrad-Fahren weiß ich noch, oh mein Gott, ist mein Insulinbedarf so weit nach unten gegangen. Das war unglaublich, stellenweise dachte ich, ich habe keinen Diabetes mehr, weil ich so wenig Insulin spritzen musste. Beim Wandern war das nicht ganz so extrem, aber es war ähnlich, ich hatte einen sehr geringen Insulin-Bedarf. Natürlich waren das aber auch die größten Erfolge als ich es dann geschafft hatte. Als die Fahrrad-Tour vorbei war und als das Wandern vorbei war, da dachte ich mir: „Ey, Hammer, du hast es geschafft mit Diabetes und kannst stolz auf dich sein.“


„Seit letztem Jahr bin ich ganz, ganz glücklicher Träger eines Loops und es ist so geil. Es macht mir richtig viel Spaß. Es hilft mir unglaublich in meinem Arbeits-Alltag oder grundsätzlich in meinem Alltag.“


DA: Welche Diabetes-Technologie nutzt du?

Michael Krauser: Auf Reisen in der Vergangenheit habe ich immer einen Pen benutzt. Als ich 2019 in Deutschland wieder sesshaft geworden bin, habe ich das erste Mal eine Pumpe ausprobiert, also eine Patch-Pumpe und natürlich einen Sensor. Seit letztem Jahr bin ich ganz, ganz glücklicher Träger eines Loops und es ist so geil. Es macht mir richtig viel Spaß. Es hilft mir unglaublich in meinem Arbeits-Alltag oder grundsätzlich in meinem Alltag. Ich gucke nicht mehr so oft aufs Handy, weil ich weiß, die Werte passen schon.

Wenn ich jetzt auf Reisen bin, gehen sie nicht mehr so lange, sondern es sind eher Urlaube. Ich war 2024 von Dezember bis Januar einen Monat auf Sri Lanka. Das war nochmal eine längere Reise. Da hatte ich noch die Patch-Pumpe und habe die ganz normal verwendet. Aber ich habe natürlich Pens dabei für den Notfall. Das ist ganz, ganz wichtig auf den Reisen, dass man Pens für den Notfall dabei hat. Aber eine Monats-Reise oder Zweimonats-Reise würde ich sagen, kann man mit seinem normalen System bewerkstelligen, egal was man hat.

DA: Wie hat sich dein Umgang mit dem Diabetes über die Jahre verändert und gab es bestimmte Auslöser dafür?

Michael Krauser: Da will ich nochmal auf dieses tolle Diabetes-Team zurückkommen aus der Uniklinik in Gießen. Da hat meine Diabetes-Beraterin in den ersten Tagen gesagt: „Sie werden gar nicht glauben, wie schnell das für sie normal ist, jetzt mit Diabetes zu leben.“ Damals dachte ich, da werde ich mich nie dran gewöhnen. Heutzutage ist es aber so, dass ich mich fast schon frage, warum die anderen nicht spritzen müssen. Es ist das Normalste auf der Welt für mich. Es läuft einfach so nebenbei. Wie gesagt, auch durch die Technik, die immer weiter voranschreitet, wird uns Patienten immer mehr Verantwortung von den Schultern genommen. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Ich habe Typ-1-Diabetes, aber es ist für mich gar nicht mehr wegzudenken. Es ist vollkommen okay. Es ist nicht negativ oder positiv. Ich weiß, das ist für manche, die auch betroffen sind, nicht leicht zu verstehen. Ich kann auch verstehen, wenn man das anders sieht. Das Leben mit Typ-1-Diabetes hat mich einiges gelehrt, gerade was das Thema Dankbarkeit betrifft: für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu sein und nicht alles selbstverständlich zu nehmen. Ich finde das gar nicht schlecht, wenn man so aufs Leben schaut. Der Diabetes ist mittlerweile genauso ein Teil von mir wie meine leicht kupferroten Haare..

DA: Was gibt es im Alltag, was dir hilft abzuschalten oder Freude macht, wenn du nicht gerade auf Reisen bist?

Michael Krauser: Ich glaube, ich werde alt, weil das mittlerweile einfach Routinen sind, die mir unglaublich guttun. Früh aufstehen, früh abends ins Bett gehen, stellenweise schon um Neun Uhr. Es klappt nicht immer, ganz bestimmt nicht. Aber es tut verdammt gut, morgens die ersten Stunden des Tages für mich zu haben: mein Tagebuch zu schreiben, einen Tee zu trinken. Ich habe auch ein Eis-Fass auf dem Balkon. Das heißt, über den Winter mache ich meine Kälte-Bäder – nicht täglich, aber so oft wie möglich. Auch Sport hilft, ich bin letztes Jahr meinen ersten Marathon gelaufen. Gerade diese frühen Morgenstunden, die tun mir verdammt gut, die setzen die Basis für meinen Tag. Wenn die Morgenstunden passen, laufen die meisten Tage richtig gut, egal was kommt.

DA: Was sind die Morgenstunden für dich? Wann stehst du auf?

Michael Krauser: Meistens stehe ich so gegen Sieben Uhr auf, aber ich hatte auch mal eine Phase, da würde ich gerne nochmal hinkommen, in der ich zwischen Fünf und Sechs Uhr morgens aufgestanden bin. Ich brauche meine acht Stunden Schlaf. Das heißt, wenn ich es schaffe, um Zehn Uhr zu schlafen, kann ich auch um Sechs Uhr ohne Probleme aufstehen und wenn ich es um Neun Uhr schon schaffe ins Bett zu gehen, geht es auch noch früher. Wenn ich ausgeschlafen aufwache, sind diese ersten Stunden des Tages so viel Gold wert und einfach Zeit für mich.

DA: Was wünschst du dir für die Zukunft in Bezug auf den Diabetes?

Michael Krauser: Mein Wunsch wäre, die komplette Verantwortung abgeben zu können. Als ich diagnostiziert wurde, vor 12 Jahren, ging das gerade los mit den Sensoren. Ich habe noch mitbekommen, wie es ist, blutig zu messen und so weiter. Ich habe in den letzten 12 Jahren all diese Schritte mitbekommen: Sensoren, Pumpen, Weiterentwicklungen, Loop-Systeme. Jedes Mal, wenn was Neues kam, war ich überrascht, wie auf einmal eine gewisse Last von mir abgefallen ist, dadurch, dass die Technik mehr übernimmt – eine Last, die mir irgendwie gar nicht bewusst war in meinem Alltag. Das habe ich erst gemerkt, als sie von meinen Schultern genommen wurde. Wenn es wirklich so wäre, dass ich mich in Zukunft gar nicht mehr darum kümmern müsste und dass einfach die Systeme das Diabetes-Management übernehmen, wäre das ganz, ganz toll. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft: nichts mehr machen zu müssen.

DA: Gibt es etwas, das du anderen Menschen mit Diabetes gern mitgeben möchtest?

Michael Krauser: Zunächst einmal: Du machst einen verdammt guten Job, auch wenn deine Blutzuckerwerte oft mal nicht gut sind. Wir übernehmen den Job von einem Organ, während wir zusätzlich versuchen unseren normalen Alltag zu stemmen. Und dieser Job bringt ganz viele Herausforderungen mit sich. Du machst einen super Job und du hast eine zusätzliche Belastung, die gesunde Menschen so nicht haben. Deswegen klopfe dir immer auf die Schulter und sei stolz auf dich.


„Such dir vielleicht auch Unterstützung von außen, damit du deinen Diabetes besser und besser verstehst. Dann wird das Management einfacher und die Werte besser und du kommst besser durch dein Leben.“


Wenn du dich schwer tust mit deinem Diabetes und den eigentlich ignorieren willst, dann schau, dass du die Energie trotzdem aufbringst. Ich weiß, es ist anstrengend. Such dir vielleicht auch Unterstützung von außen, damit du deinen Diabetes besser und besser verstehst. Dann wird das Management einfacher und die Werte besser und du kommst besser durch dein Leben. Sieh den Diabetes nicht als Feind, auch wenn er gerne mal so wirkt. Ich sage auch nicht, dass er dein Freund werden muss, aber du tust dir selber einen Gefallen, wenn du dich darum kümmerst und ihn nicht ignorierst. Mir ist bewusst, wie schwer das Leben mit Diabetes ist.

Ich glaube, ich gehöre zu den Leuten, die zum Glück vom Kopf her immer sehr positiv an viele Dinge rangehen. Ich möchte niemanden bevormunden mit meiner Aussage – ich möchte Mut machen, sich damit auseinanderzusetzen. Aber ich kann es verstehen, wenn Leute sich verdammt schwer damit tun. Es gibt genug Momente, in denen man sich fragt: „Warum habe ich den Scheiß?“

Du willst deinen normalen Alltag gestalten, hast deinen Tagesablauf, und dann kannst du etwas nicht so umsetzen, wie du es wolltest, weil dir eine Unterzuckerung dazwischen knallt. An schlechten Tagen machst du dir sogar noch den Vorwurf, dass du unproduktiv bist und an einem Tag nicht vorankommst. Dabei hast du eine chronische Erkrankung, die dich einfach mal kurz aus dem Leben schmeißt. Deshalb sei lieb zu dir, tu dir was Gutes und da wo dich eine Community supporten kann, ist die Community auch, glaube ich, sehr gerne da.

DA: Vielen Dank, Michael.


Interview: Janina Seiffert

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  • Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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