Warum Geschwister von Kindern mit Typ-1-Diabetes manchmal im Schatten stehen

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Warum Geschwister von Kindern mit Typ-1-Diabetes manchmal im Schatten stehen

Manchmal werden Geschwister von Kindern mit Diabetes als Schattenkinder bezeichnet, weil sich die Aufmerksamkeit der Erwachsenen stark auf das erkrankte Kind richtet. Wie lässt sich vermeiden, dass sich die Geschwister so fühlen, als stünden sie im Schatten?

Ihr Kind hat Diabetes Typ 1 … Dieser Satz trifft die meisten Familien aus heiterem Himmel und ist ein großer Schock. Es ist eine Diagnose, die die gesamte Familie betrifft und sie vor viele neue Anforderungen und Aufgaben stellt. Auch für die Geschwister von Kindern mit Diabetes kann die Manifestation ein kritisches Lebensereignis sein: Die Aufmerksamkeit der Erwachsenen richtet sich stark auf das erkrankte Kind. Wie lässt sich vermeiden, dass sich die Geschwister so fühlen, als stünden sie nun im Schatten?

Der erste Schritt dafür wird gemacht, wenn nach der Diagnose eine altersgerechte, ehrliche Erklärung zur Erkrankung des Geschwisters erfolgt. Dazu können Mediziner und psychologische Betreuung in der Klinik hinzugezogen werden. In Familien, in denen (zu) wenig miteinander gesprochen wird, entwickeln sich Wut und Aggression am häufigsten.

Werden Kinder nicht einbezogen, verunsichert sie das noch mehr

Gerade Kinder spüren unbewusst, dass etwas Schlimmes passiert ist. Werden sie nicht einbezogen, verunsichert sie das noch mehr. Darauf werden sie reagieren: entweder mit Rückzug, mit auffälligem Verhalten oder mit besonders angepassten, nicht altersgemäßen Verhaltensweisen, um die vermeintlich oder real überforderten Eltern zu schützen.

Für alle Gespräche gilt: Die Kinder werden ermutigt, über ihre Befürchtungen, Bedenken, Ängste, Sorgen, Wünsche und Gefühle zu reden. Es bleibt Raum, Fragen zu stellen. Die Antworten sind altersgerecht und offen. Wichtig dabei: nicht mehr erklären, als das Kind wissen möchte – aber auch nicht weniger, denn bei ausweichenden Antworten besteht die Gefahr, dass vor allem jüngere Kinder die “Wissenslücken” mit Phantasievorstellungen füllen.

Das Alter spielt beim Umgang eine entscheidende Rolle

Wie Geschwister mit der Diabeteserkrankung der Schwester bzw. des Bruders umgehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das Alter spielt dabei eine entscheidende Rolle:

Geschwister im Säuglingsalter (0 bis 12 Monate) …

… sind nicht in der Lage, die Krankheit zu verstehen; dennoch nehmen schon die Kleinsten die physische oder emotionale Abwesenheit eines Elternteils wahr. Eine Trennung von vertrauten Bezugspersonen und/oder deren unzureichende emotionale Verfügbarkeit können im Säuglingsalter zu Trennungsängsten oder Unruhe führen.

Geschwister im Kleinkindalter (1 bis 3 Jahre) …

… nehmen Krankheit schon als konkret beobachtbares Merkmal wahr, sie können aber noch keine Zusammenhänge herstellen. In diesem Alter können vor allem Veränderungen im Tagesablauf die Kinder stark verunsichern und zu zeitweiligen Entwicklungsrückschritten führen. Kinder in diesem Alter neigen zu generalisierten Erklärungskonzepten und können Ängste entwickeln, sich anzustecken, auch Blutzucker messen zu müssen, Insulin injiziert zu bekommen.

Im Kindergartenalter (4 bis 5 Jahre) …

… spielt das “magische Denken” eine große Rolle: Eigene Phantasien werden häufig über die Realität gestellt. Eine Assoziation mit dem Ausbruch der Krankheit und negativen Gedanken (Wut, Rivalität, Eifersucht) ihren Geschwistern gegenüber ist daher keine Seltenheit. Dies kann zu Schuldgefühlen führen: Manches Geschwisterkind glaubt womöglich sogar, für die Erkrankung des Bruders oder der Schwester verantwortlich zu sein. Diese Vorstellung löst eventuell Angst und Schamgefühle aus. Typisch für dieses Alter ist zudem die Unfähigkeit der Perspektivübernahme. So werden der nachdenkliche Blick, die ernsthafte Mimik der Eltern auf das eigene Verhalten bezogen, obwohl sie die Sorge um das Geschwisterkind ausdrücken.

Im Schulkindalter (6 bis 11 Jahre) …

… wird eine Krankheit auch bezüglich ihrer Entstehung und Prognose beurteilt; in dem Alter ist eine Perspektivübernahme möglich, so dass Geschwister sich um ihre erkrankten Geschwister und eventuell um die belasteten Eltern sorgen. Manche in dieser Altersgruppe nehmen dann eigene Bedürfnisse und Gefühle zurück, um keine zusätzliche Belastung zu sein. Meist ist das für die Eltern nicht sofort erkennbar und erst über den Umweg von Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen oder Schlafproblemen zu bemerken.

Geschwister in Jugend und Pubertät (12 bis 17 Jahre) …

… möchten häufig Verantwortung für die erkrankte Schwester/den erkrankten Bruder, Eltern übernehmen. Dazu sind Jugendliche in dem Alter teils auch in der Lage; ein Konflikt zwischen dem Wunsch der Verantwortungsübernahme und dem Wunsch nach Autonomie und Loslösung von der Familie ist naheliegend. In dem Alter ist zudem die Reflexion über die Ursache der Erkrankung ausgeprägt – mit Folgen wie Ängsten und/oder Schuldgefühlen.

Auch Geschwisterfolge, Altersabstand und Geschlecht sind relevant

Neben dem Alter spielen Geschwisterfolge und Altersabstand eine Rolle: Je geringer der Altersunterschied zwischen den Geschwistern ist, umso größer kann der Leidensdruck des gesunden Geschwisterkindes ausfallen. Einfluss hat auch das Geschlecht: Die Rivalität zwischen gleichgeschlechtlichen Geschwistern ist meist größer als zwischen Bruder und Schwester; andersgeschlechtliche Geschwister sind meist eher bereit, sich dem chronisch kranken Kind zuzuwenden und es zu verstehen.

Ältere Kinder erleben durch die Geburt eines Geschwisters meist eine “Entthronung”. Diese Verunsicherung kann noch größer werden, wenn das Geschwisterkind relativ zeitnah krank wird. Ob ältere oder jüngere Geschwisterkinder stärker durch die Erkrankung betroffen sind, ist wissenschaftlich nicht eindeutig: Einerseits haben ältere Geschwister ihre Eltern ein paar Jahre für sich allein gehabt, das kann sie gestärkt haben.

Andererseits erleben sie eventuell stärker, wie betroffen die Eltern von der Diagnose sind und welche Veränderungen in der Familie notwendig geworden sind. Kinder, die erst auf die Welt kommen, wenn bereits ein Kind mit Diabetes in der Familie lebt, arrangieren sich leichter.

Tipps zum Umgang mit Geschwistern von Kindern mit Diabetes

  • Kommunikation: Sprechen Sie offen und ehrlich mit ihren Kindern über den Diabetes, und zwar altersgerecht und so früh, ehrlich und so ausführlich wie möglich
  • Sicherheit: Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Machen Sie Ihrem Kind deutlich, dass der Diabetes es nicht bedroht und dass es die gleichen Rechte und Pflichten wie vor der Diagnose hat und Sie weiterhin für es da sind
  • Aufmerksamkeit: Achten Sie auf die Signale, die Ihnen Ihre Kinder senden, insbesondere auf die nonverbalen
  • Wahrnehmung:Unterschätzen Sie die Kinder nicht. Sie spüren mehr vom Kummer und Leid der Eltern, als Sie vermuten. Gerade wenn Sie sich nichts anmerken lassen wollen und um Normalität bemüht sind, eröffnet das Interpretationsspielraum und macht meist mehr Angst als die offen ausgesprochene Information zum eigenen Befinden
  • Individualität: Gestehen Sie dem Geschwisterkind seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Leben zu. Lassen Sie es sich altersgerecht entwickeln. Erkennen Sie seine Bedürfnisse und Wünsche. Vermeiden Sie es, an die Vernunft zu appellieren, zu viel Verständnis und Hilfe einzufordern
  • Exklusivzeit: Nicht, wie viel Zeit sich die Eltern für die Geschwister nehmen, ist entscheidend, sondern wie diese Zeit gestaltet wird: Exklusiv und bewusst eingeräumte Zeit für das Kind wiegt doppelt – beim diabeteskranken Kind genauso wie beim Geschwisterkind. Jedes benötigt Ihre Zuwendung
  • Gelassenheit: Dosieren Sie Ihre Fürsorge angemessen. Reflektieren Sie Ihre Ängste. Lassen Sie das gesunde Geschwisterkind Kind sein, so vermeiden Sie Druck und Überforderung
  • Rivalität: Lassen Sie Neid- und Konkurrenzgefühle zwischen den Geschwistern zu
  • Selbstfürsorge: Achten Sie auf Ihre Bedürfnisse. Schaffen Sie sich Auszeiten und tanken Sie dabei Kraft. Erschöpfte Eltern sind den Kindern keine Hilfe
  • Austausch und Hilfe:Nehmen Sie Hilfe an und tauschen sich mit anderen betroffenen Familien aus.

Das größte Problem von Geschwisterkindern könnte sich hinter einem augenscheinlich problemlosen Funktionieren im Alltag verstecken. Sie fühlen sich oft gezwungen, mehr das “wir” und weniger das “ich” zu leben. Das kann Geschwisterkinder stärken, aber auch zu widersprüchlichen Gefühlen führen.

Chancen für die Geschwisterkinder

Geschwister von Kindern mit Diabetes können von der Situation sogar profitieren und haben gute Chancen, zu sozial engagierten und verantwortungsvollen Menschen heranzuwachsen: Weil sie früh lernen, Rücksicht zu nehmen, ohne eigene Bedürfnisse zu vergessen, werden sie häufig sozial sehr kompetent. Hilfreich für eine solch positive Entwicklung ist, wenn Erwachsene sie aufmerksam begleiten und gegensteuern, wenn sich die Kinder schuldbeladen und zu kurz gekommen fühlen, wenige soziale Kontakte und Schulprobleme haben.

Herausforderungen machen Kinder stark, wenn sie sie nicht überfordern; so können Geschwister von Kindern mit Diabetes offener, empathischer, reifer und toleranter sein als Gleichaltrige. Oft zeigen sie mehr soziales Engagement und Selbständigkeit.

Schwerpunkt: Diabetes-Typ-F


von Dipl.-Psych. Laura Galuschka

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (2) Seite 25-27

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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 1 Tag

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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