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Dialog 8 – die Diagnose
4 Minuten
Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem der Diabetes schon länger mein unfreiwilliger Mitbewohner war als nicht. Tatsächlich fühlt es sich aber eher so an, als hätte er immer schon hier gewohnt. Natürlich weiß ich, dass ich ganze acht Jahre ohne ihn hatte, aber wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es war, essen zu können, ohne als Beilage Gedanken über Blutzuckerwerte und Insulindosis zu haben, dann finde ich einfach keinen Bezug dazu.
Gleichzeitig ist die Erinnerung an den Tag meiner Diagnose und die folgende Zeit so präsent, als hätte ich damals schon ganz genau gewusst, wie sehr sich mein Leben ändern würde. Und manchmal, da denke ich daran zurück und staune darüber, wie alltäglich der Diabetes seitdem geworden ist. Trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen und obwohl ich ihn meine halbe Jugend lang vehement von mir gestoßen habe, gehört er mittlerweile unweigerlich zu mir.

„Hey Diabetes“, sagte ich, „weißt du, was mich bis heute stört?“
„Nein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du es mir gleich erzählen wirst“, antwortete der Diabetes trocken.
„Genau.“ Ich streckte ihm die Zunge raus. „Ne, ernsthaft jetzt. Weißt du, was mein letztes Gericht ohne dich war? Mit Reis gefüllte Zucchini in Joghurt-Soße. Ich mag Zucchini noch nicht mal!“
Der Diabetes verdrehte die Augen. „Ist dir eigentlich klar, wie viel mehr du in deinem Leben erreichen könntest, wenn du deine Gehirnkapazität nicht mit dem Speichern solcher unnötiger Informationen vergeuden würdest?“
Die Anfangszeit
„Ey!“, rief ich empört, „nicht frech werden hier. Das ist gerade ein wichtiger nostalgischer Moment. Das ist quasi dein Geburtsbericht. Also hör gefälligst zu.“
Der Diabetes seufzte laut. „Na gut. Bringen wir es hinter uns.“
Ich grinste. „Sehr gut. Mein erstes Essen mit dir entsprach zum Glück schon eher meinem Geschmack. Es war schon mitten in der Nacht, weil mein Hausarzt mich damals erst an unser örtliches Krankenhaus überwiesen hatte und ich auch dort aufgenommen wurde, bis die irgendwann realisierten, dass sie keine Ahnung von Diabetes hatten. Also ging es ein paar Stunden später doch wieder nach Hamburg. Dort angekommen gab es dann einen Mitternachtssnack à la Toast mit Butter und – tada – meine erste Insulininjektion.“
„Und von nun an lebten du und ich glücklich in Harmonie“, quatschte der Diabetes dazwischen.
„Haha“, imitierte ich ein Lachen. Aber tatsächlich war die Anfangszeit erstaunlich friedlich. Vor allem die zweiwöchige Schulung im Krankenhaus ist mir recht positiv in Erinnerung geblieben. Ob nun Kugelschreiberkreise auf meine Oberschenkel zeichnen, das fast schon spielerische Erkunden von Kohlenhydraten, das Auswählen meines zukünftigen Blutzuckermessgerätes oder die Tatsache, dass Traubenzucker damals noch lecker schmeckte – alles war zwar neu, aber nicht beängstigend, sondern aufregend. Das erste Mal geweint habe ich an dem Tag, als ich wieder nach Hause kam, und das auch nur, weil mein kleiner Bruder meine coole Ballon-Blume, die ich als Abschied von der Station bekommen hatte, zerplatzt hat.
„Schöne Zeiten, als noch jemand anderes auf dich aufpasste“, kam ich auf die Bemerkung des Diabetes zurück.

Jetzt war der Diabetes an der Reihe, empört zu gucken. „Wie, du weißt unser Teamwork nicht zu schätzen?“
„Naja, Teamwork würde bedeuten, dass du auch was machen würdest“, gab ich spitz zurück.
Der Unterschied
„Ich meine ja nur. Das ist für mich einer der größten Unterschiede, wenn du einen schon als Kind begleitest statt erst später. Am Anfang werden einem noch die meisten Entscheidungen abgenommen. Meine Eltern haben die Einheiten ausgerechnet, gespritzt, sind in der Nacht aufgewacht. Ich habe dich im Endeffekt ja erstmal nur mit mir durch die Welt geschleppt. Und das ergibt auch Sinn so – aber ich glaube, wenn ich an unsere Anfangszeit zurückdenke, dann vergesse ich manchmal, dass es für mich nicht nur einfacher war, dich zu akzeptieren, sondern es war wirklich einfacher, mit dir zu leben. Ich habe damals noch nicht die Verantwortung tragen müssen, wie ich es heute tue. Weißt du, du warst eines Tages einfach da. Ich hatte eigentlich keine andere Wahl, als mich so schnell wie möglich damit abzufinden – du hast mir gar nicht die Zeit gelassen, großartig darüber nachzudenken, was das wirklich bedeutet. Das kam erst später, schleichend. So ein nachträglicher Diagnose-Schock eigentlich.“
Mehr als nur die Diagnose
Der Diabetes sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Wow, es überrascht mich immer wieder, wie sehr du mich liebst.“
Ich schlug ihm gegen die Schulter. „Ich kann dich auch wieder in die ewige, stille Verdammnis schmeißen.“
„Ich sag nichts mehr. Bitte, bereichere mich weiter mit deinen höchstinteressanten Ausführungen.“
In diesem Moment fragte ich mich ernsthaft, ob ich ein geeigneter Umgang für den Diabetes war. Der Sarkasmus färbte ab. Aber ich fuhr trotzdem fort: „Diagnose, dass ist vielleicht ein einziges Datum in irgendeiner Akte. Aber mit dir, mit Diabetes zu leben, ist nichts, was man innerhalb eines Tages, wahrscheinlich noch nicht mal innerhalb eines Jahres schon verstehen kann. Diabetes verändert sich und man verändert sich unweigerlich mit. Klar, der Fachbegriff dafür bleibt vielleicht gleich. Aber nicht der, sondern mein Diabetes, den ich vor elf Jahren hatte – mit Pen, mehrmals täglich in den Finger piksen und meinen Eltern – ist nicht derselbe, den ich heute habe – mit Insulinpumpe, CGM und einem ganzen Berg an Erfahrung. Deshalb gibt es auch kein Vor-Diabetes-Ich und kein Nach-Diabetes-Ich. Deshalb ist Diabetes auch mehr als nur diese eine Diagnose. Verstehst du, was ich meine?“
Der Diabetes nickte. „Klar, tue ich. Man soll mir nicht vorwerfen, dass ich keine Charakterentwicklung durchlebt habe. Kannst du dann jetzt bitte aufhören, von mir in der dritten Person zu sprechen? Das ist voll unhöflich.“
Legenden besagen, dass sich danach ein diabetesförmiger Abdruck an der Wand befand.
Hudas letzten DIAlog findet ihr hier: DIAlog 7 – das Staffelfinale
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moira postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 3 Wochen, 1 Tag
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 4 Tagen, 23 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 4 Tagen, 22 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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