Jammern über Diabetes: Das Leben als halbVOLLES Glas sehen

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Eine Frau vergleicht zwei Gläser mit unterschiedlich hohem Wasserstand und blickt dabei nachdenklich auf das fast volle Glas.
Foto: Lifeisbeautiful – stock.adobe.com
Jammern über Diabetes: Das Leben als halbVOLLES Glas sehen

Diabetes kann ganz schön nerven. Er mischt sich zum Beispiel beim Essen ein, meldet sich beim Sport, fährt mit in den Urlaub und kann selbst nachts Aufmerksamkeit verlangen. Aber kann man lernen, häufiger das halbvolle statt das halbleere Glas zu sehen?

Sich über Diabetes zu beschweren, ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Wer nach einer unruhigen Nacht wegen mehrerer Alarme genervt ist oder sich über einen Sensor ärgert, der ausgerechnet im Urlaub ausfällt, reagiert nachvollziehbar. Auch das Gespräch darüber kann guttun. Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Frust ständig wegzuschieben, wäre deshalb nicht besonders hilfreich.

Etwas anderes ist es jedoch, wenn sich die Aufmerksamkeit dauerhaft darauf richtet, was nicht funktioniert, ungerecht ist oder durch den Diabetes schwieriger geworden ist. Dann kann aus einem berechtigten Ärger ein Denkmuster entstehen.

Mehr wahrnehmen im Fokus der Aufmerksamkeit

Unser Gehirn kann unmöglich alle Informationen, denen wir täglich begegnen, gleich intensiv verarbeiten. Es wählt aus, was gerade wichtig erscheint. Wer sich beispielsweise ein bestimmtes Automodell kaufen möchte, entdeckt dieses plötzlich überall – wir achten stärker darauf.

Ähnlich kann es mit negativen Erfahrungen sein. Wer häufig darüber nachdenkt, wie sehr Diabetes das Leben einschränkt, nimmt entsprechende Situationen möglicherweise besonders deutlich wahr. Das bedeutet jedoch nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren. Vielmehr geht es darum, sich bewusst zu machen, dass unsere Aufmerksamkeit unser Gesamtbild vom Alltag beeinflusst.

Diabetes-Erfahrungen – mal negativ, mal positiv

  • das Essen, das erst berechnet werden muss, oder: „Eine Mahlzeit einschätzen? Alltag!“
  • die Unterzuckerung beim Spaziergang, trotzdem war nicht der ganze Tag schlecht
  • der zusätzliche Aufwand vor einer Reise oder: „Für einen längeren Ausflug an alles gedacht? Selbstverständlich!“
  • genervt von technischen Hilfsmitteln oder: „Ein Sensorwechsel? Routine!“
  • viel Aufmerksamkeit für die Therapie oder: „Die Therapie eröffnet mir Freiheiten.“

Was ständiges Jammern mit uns macht

Kurzfristig kann Jammern entlasten. Wir lassen unseren Ärger hinaus und erhalten möglicherweise Zustimmung von anderen. Langfristig kann sich jedoch eine ungünstige Spirale entwickeln. Wer häufig denkt, „mit Diabetes ist alles kompliziert“, findet im Alltag vermutlich immer wieder Belege dafür und kann sich ausgeliefert fühlen. Gleichzeitig geraten Situationen in den Hintergrund, in denen man selbst erfolgreich gehandelt, eine Herausforderung bewältigt oder trotz Diabetes etwas Schönes erlebt hat.

Besonders ungünstig wird es, wenn aus der Bewertung einer Situation eine allgemeine Schlussfolgerung entsteht. Aus „Heute hat mich mein Diabetes wirklich genervt“ wird dann vielleicht „Diabetes verdirbt mir ständig alles“. Solche Verallgemeinerungen können die Frustration verstärken und die Motivation verringern, nach Lösungen zu suchen.

Kein positives Denken auf Knopfdruck

Die Alternative besteht allerdings nicht darin, Diabetes schönzureden. Wer Schwierigkeiten erlebt, muss nicht so tun, als seien sie etwas Positives.

Das Bild vom halbvollen Glas meint etwas anderes: Es können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein. Diabetes kann anstrengend sein und trotzdem kann ich ein erfülltes Leben führen. Diese Art zu denken, lässt neben einer negativen Erfahrung noch Platz für andere Aspekte.

Eigene Erfolge werden schnell selbstverständlich

Menschen, die viele Jahre mit Diabetes leben, verfügen häufig über enorme Erfahrung. Sie wissen, wie sie auf Veränderungen reagieren, planen Reisen, treiben Sport, gehen arbeiten, kümmern sich um die Familie und treffen nebenbei zahlreiche Therapie-Entscheidungen. Diese Leistung wird im Alltag häufig kaum noch wahrgenommen. Wenn dagegen etwas schiefgeht, bekommt es sofort Aufmerksamkeit.

Mehr zum Thema: Shirin Valentine, Typ-1-Diabetes, denkt gern positiv

Hier kann es helfen, die Perspektive umzudrehen. Was habe ich heute alles hinbekommen? Dabei geht es nicht darum, aus jeder Therapie-Entscheidung ein Erfolgserlebnis zu machen. Die Frage kann vielmehr daran erinnern, dass man dem Diabetes nicht ausgeliefert ist, sondern selbst über Fähigkeiten und Erfahrungen verfügt, um mit ihm umzugehen.

Selbstwirksamkeit statt Hilflosigkeit

In der Psychologie wird dafür häufig der Begriff „Selbstwirksamkeit“ verwendet. Damit ist die Überzeugung gemeint, Herausforderungen durch das eigene Handeln beeinflussen und bewältigen zu können. Gerade bei einer chronischen Erkrankung ist das von großer Bedeutung. Denn sie lässt sich nicht abschalten. Beeinflussen lässt sich aber, wie man mit vielen Situationen umgeht.
Ein Beispiel: Wer vor einer Reise denkt, „mit Diabetes ist Reisen einfach nur stressig“, startet möglicherweise bereits mit einem Gefühl der Belastung. Eine andere Perspektive wäre: „Reisen mit Diabetes erfordert mehr Vorbereitung. Ich weiß aber, worauf ich achten muss.“ Die zweite Sichtweise betont die eigenen Möglichkeiten des Handelns.

Vergleich mit Leben ohne Diabetes

Eine weitere Quelle für Unzufriedenheit kann der ständige Vergleich sein: Wie wäre mein Leben ohne Diabetes? Natürlich wäre vieles einfacher. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob dieser Vergleich im Alltag weiterhilft. Denn das Leben ohne Diabetes ist eine Möglichkeit, die sich nicht überprüfen lässt.

Hilfreicher kann es sein, in der eigenen Realität zu vergleichen: Was fällt mir heute leichter als früher? Was habe ich gelernt? Welche Möglichkeiten habe ich inzwischen? So verschiebt sich der Fokus von unerreichbaren Alternativen hin zu Dingen, die beeinflussbar sind.

Halbleer oder halbvoll?

  1. Diabetes kann anstrengend sein – bietet aber auch Erfolgs-Erlebnisse.
  2. Ständiges Jammern kann zu einem Denkmuster werden, sodass nur noch das halbleere Glas gesehen wird.
  3. Niemand muss den Diabetes schönreden – aber auch die positiven Dinge zu sehen, macht das Glas halbvoll.

Das wirklich halb leere Glas …

Es gibt natürlich Lebensphasen, in denen eine positive Perspektive schwerfällt. Wenn Frust oder das Gefühl, keine Kraft für die Therapie zu haben, über längere Zeit bestehen bleiben, sollte daraus nicht der Anspruch entstehen: „Jetzt muss ich auch noch positiver denken.“

Dann geht es nicht um Optimismus, sondern um Entlastung. Das kann bedeuten, mit dem Diabetes-Team über die Belastung zu sprechen, Therapieziele zu überdenken oder psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Manchmal ist der hilfreichste Schritt eben nicht, die eigene Einstellung zu verändern, sondern die Belastung selbst zu reduzieren.

Halbvoll reicht völlig aus

Ein guter Umgang mit Diabetes bedeutet nicht, die Erkrankung gut finden oder jeder schwierigen Situation etwas Positives abgewinnen zu müssen. Man darf sich über den Diabetes ärgern, ihn unfair oder anstrengend finden. Gleichzeitig lohnt sich, darauf zu achten, dass daneben sichtbar bleibt, was funktioniert, Freude macht und trotz Diabetes möglich ist. Das Glas muss deshalb nicht immer voll sein. Halbvoll ist schon ziemlich gut.


von Birgit Olesen

Birgit Olesen ist Psychologin M.Sc. und Diabetesassistentin. Sie ist tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM).

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (10) Seite 50-51

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  • olivers postete ein Update vor 4 Tagen, 9 Stunden

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 5 Tagen, 10 Stunden

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂

  • darktear postete ein Update vor 6 Tagen, 2 Stunden

    Hallo,

    hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
    Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
    Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
    Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
    Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
    Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁

    LG Sandra

    • Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
      Gruß Oliver

    • @olivers: Haben wir alles gemacht und hat dennoch nicht geholfen 🙁
      Wir haben auch spezielle Pflaster zum drauf kleben,aber die machen keine Probleme.
      Nun sollten bis mitte nächster Woche die neuen Sensoren kommen und ich hoffe es klappt dann mal ohne Probleme

      Gruß Sandra