Bei Diabetes braucht es gute Pflege

3 Minuten

© Andrey Popov - stock.adobe.com
Bei Diabetes braucht es gute Pflege

Der demografische Wandel führt dazu, dass auch Menschen mit Diabetes immer älter werden und möglicherweise durch geistige Einschränkungen oder eine Demenz irgendwann nicht mehr in der Lage sind, ohne fremde Hilfe ihren Diabetes-Alltag zu bewältigen. Zudem hat schon heute etwa jede fünfte Patientin beziehungsweise jeder fünfte Patient im Krankenhaus einen Diabetes mellitus. Hier werden unbedingt Fachkräfte in der Pflege mit Wissen über Diabetes benötigt. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen der Selbsthilfe-Organisation Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes (DDH-M NRW) hat aus diesem Anlass ein Positions-Papier verfasst. Vorgestellt wurde dieses anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden am 12. Mai 2022 im Rahmen einer Online-Presse-Konferenz. Der Verband fordert darin eine strukturiertere diabetologische Fort- und Weiterbildung von Pflegekräften sowie das Schaffen von Anreiz-Systemen.

Aus- und Weiterbildung von Pflege-Fachkräften unzureichend

"Trotz dieser hohen Prävalenz ist die Aus- und Weiterbildung von Pflege-Fachkräften zu Diabetes nicht ausreichend. In der Ausbildung zur Pflege-Fachkraft werden etwa 20 Stunden zum Thema Diabetes unterrichtet, eine verpflichtende Fortbildung zu diesem Thema nach dem Examen gibt es nicht", sagte Claudia Lenden, Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Köln. Im Arbeits-Alltag erschweren zudem Zeit-Mangel, organisatorische und strukturelle Probleme in der Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Personal sowie anderen Schnittstellen die kompetente Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2. Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern sind aber auf Pflege-Personal in stationären oder ambulanten Einrichtungen, das zu Diabetes geschult ist, angewiesen.

Aktuell haben nur 17 Prozent der Kliniken in Deutschland eine diabetologische Qualifizierung. Stoffwechsel-Entgleisungen wie Hypo- und Hyperglykämie und Begleit-Erkrankungen erfordern ein flexibles und individuelles Management auf Station. Auch die rasante Weiterentwicklung der medikamentösen Therapie des Diabetes und die technologischen Neuerungen wie Insulin-Pumpen und Glukose-Sensoren erfordern Fachwissen – mit stetigem Bedarf, das Wissen zu aktualisieren. Insgesamt zeigt die Studie, dass sich stationär ein hoher Versorgungs-Bedarf abzeichnet, um die immer älter werdenden Patienten mit Diabetes, die meist weitere Erkrankungen haben, versorgen zu können. Eine unzureichende Versorgung birgt die Gefahr von mehr Komplikationen und eines längeren Aufenthalts im Krankenhaus. Gleichzeitig herrscht in Krankenhäusern und Pflegeheimen ein akuter Personal-Mangel. Bis zum Jahr 2030 werden 300 000 zusätzliche Pflege-Fachkräfte benötigt.

In einer Untersuchung wurde das diabetologische Fachwissen von Pflege-Personal mit einem Fragebogen erhoben. Das Ergebnis: Nur etwa ein Drittel der Befragten konnte korrekte Antworten zum Thema Ernährung bei Diabetes geben und nur 16 Prozent wussten genug zum Thema Anpassung der Insulin-Dosis. Das bestätigen auch Diabetes-Patientinnen und -Patienten, die nach Aufenthalten in Kliniken und Pflege-Einrichtungen häufig davon berichten, dass sich die Pflege-Fachkräfte nicht mit der Stoffwechsel-Krankheit auskennen. "Pflegenden fehlt es oft an differenziertem Fachwissen, zum Beispiel zur Behandlung von Unter- und Überzuckerungen oder zum Umgang mit technischen Geräten wie Insulin-Pumpen", so Lenden.

Angehörige sind der größte Pflege-Dienst

Ähnlich ergeht es älteren Menschen mit Diabetes, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung stetig steigt. Ein Viertel der Betroffenen mit Typ-2-Diabetes gehört der Altersgruppe der über 75-Jährigen an und etwa eine Million ist über 80 Jahre alt. "Deutschlands größten Pflege-Dienst stellen die Angehörigen dar. Sie versorgen häufig ganz allein ihre Partnerinnen und Partner, Eltern usw. in der Häuslichkeit. Wie belastend diese Situation für die Erkrankten und Angehörigen ist, ist nicht vollends bekannt. Einige Angehörige erfahren Unterstützung durch ambulante Pflege-Dienste", sagt Doris Schöning, Mitglied im Fachbeirat der DDH-M NRW. Diese Situation führt häufig zu Konflikten. Denn die Mitarbeitenden des ambulanten Pflege-Diensts verfügen zwar über eine hohe pflegerische Kompetenz, doch meist über ein geringes diabetologisches Wissen. "Angehörige erhalten auf einmal semikorrekte Informationen von den Pflegenden – anders, als Diabetes-Teams sie vermitteln."

In ihrem Positions-Papier forderte die DDH-M NRW im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen daher eine strukturierte diabetologische Fort- und Weiterbildung von professionell Pflegenden in allen ambulanten und stationären Einrichtungen der Langzeit- und Akut-Pflege sowie in der Psychiatrie. "Im Bereich der medikamentösen Diabetes-Therapie erleben wir rasante Weiterentwicklungen sowie zahlreiche technologische Neuerungen. Diese erfordern ein hohes Maß an Fachwissen, das stetig aktualisiert werden muss", erklärte auch Norbert Kuster, Landesvorsitzender und Geschäftsführer der DDH-M NRW. Den Pflegenden müsse Zeit und die Möglichkeit gegeben werden, sich fortlaufend zum Thema Diabetes weiterzubilden, waren sich die Referierenden einig. "Damit mehr Menschen sich für entsprechende Weiterbildungs-Maßnahmen entscheiden, müssen außerdem finanzielle Anreize geschaffen werden – sowohl für die Pflegenden selbst als auch für die Einrichtungen."


Ingeborg Fischer-Ghavami
Redaktion Diabetes-Journal
Kirchheim-Verlag
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14
55130 Mainz
E-Mail:
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 4/2026
Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Dr. Katrin Kraatz aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 4/2026 vor. U.a. geht es um die Früherkennung des Typ-1-Diabetes, präventive Maßnahmen, um das erhöhte Krebsrisiko durch Diabetes zu senken sowie Tipps für abwechslungsreiches Kochen im Single-Haushalt.
Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 6/2026 | Foto: Mike Fuchs / Konstantin Yuganov – stock.adobe.com / MedTriX

4 Minuten

Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellemann?
Ist mehr als ein Diabetes-spezifische Antikörper bei einem Bluttest nachweisbar, liegt ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes vor. Wie geht es einer Familie, in der eine der Töchter drei Diabetes-spezifische Antikörper und somit ein hohes Risiko hat, bald einen Diabetes zu entwickeln? Das berichten Katrin, Jule und Angelina Hellmann im Interview.
Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann? | Foto: privat

17 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
    📧 moin@hanseatic-kids.de
    📞 040 851 59 747

    Uploaded ImageUploaded Image
  • Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/

  • Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.

    Genau hier setzt die TIMES-Studie an. Wir möchten besser verstehen, wie sich der Zyklus auf Glukosewerte und Insulinbedarf auswirkt – und wie Betroffene damit im Alltag umgehen.

    👉 Wen suchen wir?
    Personen mit Typ-1-Diabetes (18–40 Jahre), wohnhaft in Deutschland, mit regelmässigem Menstruationszyklus und Nutzung eines automatisierten Insulinabgabesystems.

    👉 Was bedeutet die Teilnahme?
    Dauer: 6 Monate, bequem alles von zu Hause aus
    Erfassung von Insulin-, Zyklus- und Aktivitätsdaten
    Als Dankeschön: Clue-Abo (1 Jahr), Garmin-Uhr (zum Behalten) + Aufwandsentschädigung (siehe Flyer)

    Mit eurer Teilnahme helft ihr, Diabetes-Technologien zukünftig besser an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen 💙

    Mehr Infos im Flyer 👇

    Uploaded Image
Verbände