GEW-Rundschreiben: So kann Inklusion nicht funktionieren

3 Minuten

GEW-Rundschreiben: So kann Inklusion nicht funktionieren

Ein Rundschreiben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW, LV Rheinland-Pfalz, Landesfachgruppe Grundschulen) sorgt für Empörung: Darin wird den Gewerkschaftsmitgliedern nahegelegt, medizinische Hilfsmaßnahmen für Kinder mit Diabetes abzulehnen. Oliver Ebert mit einer Einordnung.

Der Diabetes bringt bei Kindern oft auch in Kindergarten und Schule große Probleme mit sich. Wenn das Kind noch nicht den Blutzucker messen bzw. Insulin spritzen kann, stehen Eltern vor einem Dilemma: Sie können bei Krankenkasse oder Integrationsamt eine Begleitperson beantragen. Aber selbst mit einer solchen Unterstützung ist kaum eine optimale Betreuung möglich, denn oft stehen Begleitperson oder Pflegedienst nur zeitweise zur Verfügung.

Vielerorts ist es schwierig, überhaupt qualifizierte Personen zu finden. Hinzu kommt: Wenn ein Pflegedienst am Tag mehrmals in eine Schule fahren soll zum Blutzuckermessen etc., steht der Zeitaufwand selten in angemessenem Verhältnis zu den Gebührensätzen der Krankenkassen.

GEW dagegen, „zusätzliche Aufgaben auf Lehrkräfte abzuwälzen“

Meist sind Lehrer engagiert und übernehmen Überwachungs- und Hilfsaufgaben. Sie ermöglichen so praktische Inklusion (Eingliederung) und übernehmen die Aufgabe des Staates: Denn nach der UN-Behindertenrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche das Recht auf einen diskriminierungsfreien Zugang zu einer ortsnahen Regelschule.

Für Empörung sorgtdaher ein Rundschreiben der GEW, Landesverband Rheinland-Pfalz, Landesfachgruppe Grundschulen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte Lehrer zuvor aufgefordert, sich im Umgang mit Kindern mit Diabetes weiterzubilden. Betroffenenverbände, ehrenamtlich engagierte Ärzte bzw. Diabetesberaterinnen oder Krankenkassen bieten den Pädagogen hierzu vielerorts kostenlose Schulungen an.

Mit einem Rundschreiben wendete sich die GEW dagegen, solche “zusätzlichen Aufgaben, für die Fachkräfte erforderlich sind, auf Lehrkräfte abzuwälzen”. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass Lehrer nicht dazu verpflichtet seien, “medizinische Hilfsmaßnahmen an den betroffenen Kindern durchzuführen”.

GEW: Eltern sollen Pflegekräfte beantragen

Statt das Engagement vieler Lehrer zu loben, die freiwillige Aufgaben übernehmen, bzw. auch weitere Lehrer zu entsprechender Unterstützung zu motivieren, legt die GEW nahe, solche freiwilligen Tätigkeiten einzustellen: Hierbei handele es sich um eine fachfremde Leistung – auch nach erfolgter Anleitung und schriftlicher Vereinbarung.

Für die Erstversorgung sei die Teilnahme an Erste-Hilfe-Kursen ausreichend; Eltern von Kindern mit Diabetes sollten bei ihren Krankenkassen Pflegekräfte beantragen, da eine sichere medizinische Versorgung durch die Lehrkräfte nicht gewährleistet sei. Es folgt ein klarer Handlungsaufruf: “Wir empfehlen: Mut zum Ablehnen einer fachfremden Tätigkeit!”

Es ist zwar legitim, dafür zu kämpfen, dass man die von Lehrern zusätzlich übernommene Aufgaben angemessen vergütet bzw. die Lehrer hierbei hinreichend abgesichert sind. Wenn die GEW aber dazu aufruft, ihre Interessen auf dem Rücken behinderter Menschen durchzusetzen, dann ist das schlicht empörend. Allerdings – ohne dass ich dabei Verständnis für die GEW habe – könnte es neben den berufspolitischen Interessen vielleicht doch auch noch andere Gründe für deren Schreiben geben:

Respekt gegenüber den Lehrern nötig

Lehrer sind keine Pflegekräfte und haben keine medizinische Ausbildung. Auch ein paar Stunden Schulung ersetzen nicht die mehrjährige Ausbildung, die medizinische Berufe voraussetzen. Wenn ein Lehrer freiwillig das Spritzen von Insulin übernommen hat, er dabei jedoch versehentlich einen Fehler macht und das Kind zu Schaden kommt, dann dürften die wenigsten Eltern Verständnis und Nachsicht zeigen. Womöglich muss der Lehrer sogar auch mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, selbst wenn die Eltern im Vorfeld eine “Haftungsverzichtserklärung” unterzeichnet haben.

Betrüblicherweise ist es oft so, dass Eltern eine übertriebene Fürsorge an den Tag legen bzw. überzogene Forderungen stellen und von Schule und Lehrer erwarten, dass sie ihr Kind wegen des Diabetes bevorzugt behandeln. Oft wird gegenüber den Lehrern auch jegliches Maß an Höflichkeit und Respekt außer Acht gelassen; dazu wird leider selten versucht, den Lehrern deren ja gar nicht so unbegründete Ängste zu nehmen.

Auch übermäßig fordernde Eltern stellen ein Problem dar

Dagegen wird vielfach überdramatisiert, was alles passieren kann, wenn der Blutzucker nicht rechtzeitig gemessen, nicht die richtige Insulinmenge gespritzt, zu viel oder zu wenig gegessen oder Sport gemacht wird. Auch ich habe häufig mit wirklich unangenehmen Eltern zu tun und kann mir gut vorstellen, warum die Lehrer bzw. die Schule dann mauern. Man braucht sich unter solchen Vorzeichen nicht zu sehr zu wundern, wenn Lehrer zögern, freiwillig irgendwelche zusätzlichen Risiken zu übernehmen.

Besonders schlimm fand ich den Fall einer Mutter, die “aus Prinzip” nicht die von der Schule erbetene Haftungsverzichtserklärung unterzeichnen wollte. Schule und Lehrer hätten sich um das Kind gekümmert; man wollte sich aber gegen Regressansprüche absichern, falls durch dieses freiwillige “Kümmern” etwas passieren sollte. Ich riet der Mutter, dies im Interesse des Kindes doch zu machen, denn selbstverständlich wären die Lehrer auch mit Haftungsverzicht nicht von jeglicher Sorgfaltspflicht im Umgang mit dem Kind befreit.

Trotzdem wollte die Mutter das “aus Prinzip” nicht akzeptieren. Das Kind musste daher auf eine 10 km entfernte Schule wechseln. Da dort die Lehrer zum Messen und Spritzen aber überhaupt nicht bereit waren, wurde letztlich eine Begleitperson bzw. der Einsatz des Pflegedienstes notwendig.

Keine übertriebenen Forderungen stellen und Ängste nehmen

Aufseiten der Eltern ist dringend erforderlich, dass man den Lehrern Ängste nimmt und keine übertriebenen Forderungen stellt; man sollte sich bei engagierten Lehrern auch ruhig einmal bedanken. Umgekehrt haben Lehrer neben dem Bildungsauftrag auch eine Fürsorgepflicht für die ihnen anvertrauten Kinder; sie sind Angestellte oder Beamte des Staates und müssen auch für ihren jeweiligen Bereich dafür bestmöglich beitragen, dass die staatliche Verpflichtung zurInklusion behinderter Menschenerfüllt werden kann.

Berufspolitische Interessen sollten nicht über sozialem Engagement und Mitmenschlichkeit stehen. Und schließlich muss natürlich auch von staatlicher Seite dafür gesorgt werden, dass Lehrer hinreichend abgesichert sind und den Schulen das für eine erfolgreiche Inklusion erforderliche Personal bzw. die notwendigen Mittel zur Verfügung stehen.


von Oliver Ebert

Oliver Ebert ist Fachanwalt für IT-Recht, Datenschutzbeauftragter und -auditor und Hochschullehrbeauftragter für Datenschutz- und Internetrecht. Zudem ist er Geschäftsführer der mediaspects GmbH sowie Fachjournalist für Medizin, Datenschutz & Patientenrechte. Seit vielen Jahren befasst er sich mit dem Thema Diabetes und unterstützt Patienten, Angehörige und Ärzte in juristischen Belangen. Er war langjähriger Vorsitzender des DDG-Ausschusses Soziales und ist Co-Koordinator/Mitautor der europaweit ersten S2e-Leitlinie: „Diabetes & Straßenverkehr“

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (10) Seite 58-59

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes und Gürtelrose: Das Risiko im Blick behalten – mit Video und Podcast
Wer Diabetes hat, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko, an Gürtelrose zu erkranken. Der Diabetologe Dr. Dietrich Tews erklärt im Video- und Podcast-Interview, welche Rolle das Immunsystem dabei spielt, welche Komplikationen auftreten können und warum Vorsorge und stabile Blutzuckerwerte das Risiko senken.
Dr. med. Katrin Kraatz (links) und Dr. med. Dietrich Tews stehen lächelnd vor einer grünen Hecke.

3 Minuten

Anzeige
Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick
In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes: Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome und Vorbeugung dieser oft unterschätzten Nervenerkrankung, die Menschen mit Diabetes besonders häufig trifft.
Dr. med. Dietrich Tews mit verschränkten Armen vor hellblauem Hintergrund, oben rechts das Logo des Diabetes-Anker-Podcasts.

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!

    Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB

    Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂

  • mr postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?

  • moira postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo!
    Hat schon jemand die liberal Funktion bei der ypsopump app ausprobiert?
    Ich wüsste gerne wie gut das klappt.