Keine Dienstleistung …!

3 Minuten

© Peter Atkins - Fotolia
Keine Dienstleistung …!

Ärzte, die heute im stationären Bereich arbeiten, müssen sich immer häufiger der Gewinnmaximierung des Krankenhauses unterordnen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sehen durch die Ökonomisierung in der Klinik­medizin Patienten und Ärzte gleichermaßen bedroht und sagen: So kann es nicht weitergehen!

Experten sind sich einig; die Situation ist zwar nicht neu, wird aber von Jahr zu Jahr weniger erträglich: Der hohe Kostendruck auf die Krankenhäuser führt zum Zurückdrängen medizinischer Bereiche, die weniger profitabel sind – wie der Diabetologie!

Ein Positionspapier, 5 Forderungen

Dies werten die beiden Fachgesellschaften als „Zerreißprobe“ für die Innere Medizin. Bei einer Pressekonferenz im Juli in Berlin stellten sie ein Positionspapier mit 5 Forderungen vor (www.deutsche-­diabetes-gesellschaft.de): So dürften „Regeln des medizinischen Wettbewerbs das medizinische Handeln zu keinem Zeitpunkt dominieren“. Und es sei „zwingend erforderlich, dass unternehmerische Krankenhausentscheidungen immer im ausgewogenen Verhältnis zwischen leitenden Ärzten, kaufmännischen Direktoren und Pflegeleitung getroffen werden“. So schüfen „Bonus-Regelungen“ Fehlanreize und böten faktisch „Erpressungspotenzial“ gegen Ärzte, heißt es.

Für das Vertrauen zwischen Arzt und Patient sei aber entscheidend, dass es keine Verbindung zwischen finanziellen Anreizen und Behandlung gäbe, sagte Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, Vorsitzende der DGIM. Stattdessen würden behandelnde Ärzte immer öfter in einen „untragbaren Konflikt“ geraten: die Entscheidung zwischen dem Patientenwohl und der wirtschaftlich besten Lösung für das Krankenhaus treffen zu müssen.

Kritisiert werden hier hauptsächlich die Fallpauschalen, die 2003 mit dem DRG-System gesetzlich neu definiert wurden und den Kostendruck auf die Krankenhäuser erst richtig befeuert haben. Denn: Für jede genau definierte Erkrankung und ihre Behandlung, so auch für Diabetes, sind im Rahmen stationärer Klinikaufenthalte bestimmte Pauschalbeträge festgelegt, die die Kliniken für die einzelnen Patienten erstattet bekommen.

„Sprechende Medizin“ lässt sich nicht gut abrechnen

Vor allem die „sprechende und damit zeitaufwändige Medizin“ ließe sich jedoch „nicht in Prozeduren abrechnen“, so DDG-Präsident Prof. Dr. Baptist Gallwitz. Das Gespräch sei genau der Teil der Behandlung, „der beim Patienten Vertrauen erzeugt, was für den Erfolg einer Therapie entscheidend ist – insbesondere wenn es sich um komplexe Krankheitsbilder wie Diabetes handelt“.
Eine Stärkung der Inneren Medizin und ihrer Querschnittsfächer wie der Diabetologie sei notwendig, um die künftige Versorgung zu sichern.

Gallwitz befürchtet sonst, dass Patienten bald keine Fachärzte mehr in ihrer Nähe finden, die eine internistische Behandlung mit Blick auf den gesamten Menschen leisten können. Dabei seien in den kommenden Jahren immer mehr statt weniger älterer Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes behandlungsbedürftig. Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Mediensprecher der DDG und Mitautor des Positionspapiers: „Es muss personell und finanziell sichergestellt sein, dass Fachärzte weiterhin eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten.“ Gallwitz sieht zwei wesentliche Voraussetzungen, damit chronisch kranke Menschen „nicht auf der Strecke bleiben“:

Falsch: Umsatz als primäres Ziel

Die Versorgungsqualität im Sinne der Patienten lasse sich, auch mit Blick auf wirtschaftliche Aspekte, nur erzielen durch eine sektorenübergrei­fende und flächendeckende Versor­gungslandschaft für chronische Erkrankungen wie Diabetes – vom Hausarzt über den niedergelassenen Spezialisten bis zum Krankenhaus. Zum anderen müsse auch morgen eine Therapie möglich sein, die individuell und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft für den Patienten und seine Lebenssituation erfolgt. „Umsatz darf nicht das primäre Ziel unserer Krankenhäuser werden“, stellte auch Prof. Dr. Dr. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM, klar.

Als bedenkliche Entwicklung stuft er vor allem ein, dass leitende Ärzte in Kliniken praktisch nicht mehr direkt vertreten seien in den Entscheidungsgremien der Krankenhäuser, in Klinikdirektionen und Geschäftsleitungen. Seine Fachgesellschaft entwickelt derzeit einen neuen Ärzte-Klinik-Kodex, der als Modellansatz für eine werteorientierte Integration ärztlichen Handelns gelten und einen Ausgleich zu den ökonomischen Leit- und Erfolgsbildern im Krankenhaussektor schaffen soll, die momentan die Behandlung dominieren.

Keine Dienstleistung!

„Die Versorgung kranker und damit auf ärztliche Hilfe angewiesener Menschen ist keine Dienstleistung, die Kunden nach Bedarf verkauft wird“, so Fölsch. Sie sei vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Ärzte und Kliniken nicht allein lösen könnten. Politik und Gesetzgeber seien hier gefordert, entsprechende Weichen zu stellen, „anstatt sich hinter jenen zu verstecken, die den am Ende leidtragenden Patienten täglich gegenüberstehen“, kritisierte er.

Müller-Wieland sprach von einem gemeinsamen Interesse, das Heilberufe, Krankenhaussektor, die Kostenträger und die Gesundheitspolitik haben sollten: „diese Entwicklung einzudämmen und Schaden vor allem vom Patienten abzuwenden“.


von Angela Monecke
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (9) Seite 46-47

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Mit Typ-1-Diabetes: Auf in die Schule nach Spanien!
Von ihrem Typ-1-Diabetes ließ sich Juliana Heidenreich nicht von ihrem Traum abhalten, ein halbes Jahr in Spanien zur Schule zu gehen. Gut vorbereitet zusammen mit ihrer Familie konnte sie die Zeit bei ihrer Gastfamilie genießen.
Mit Typ-1-Diabetes: Auf in die Schule nach Spanien! | Foto: privat

8 Minuten

Gesünder Leben: Die Kraft der kleinen Schritte
Wie viel Veränderung ist nötig, um gesünder zu leben? Muss wirklich alles von Ernährung über Bewegung bis hin zur gesamten Lebensführung radikal umgestellt werden? Aktuelle Studien zeigen, dass es auch die kleinen Schritte sein können, die zu den gewünschten Effekten führen können.
Gesünder Leben: Die Kraft der kleinen Schritte | Foto: vegefox.com – stock.adobe.com

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 1 Woche

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%