- Soziales und Recht
Präventionsoffensive: Auftakt zum breiten Angriff auf chronische Krankheiten?
3 Minuten

Noch wird um die genaue Ausgestaltung der Zuckersteuer gerungen. Mit einer „Präventionsoffensive“ will das Bundesgesundheitsministerium dafür sorgen, dass diese Abgabe kein Strohfeuer im Kampf gegen Typ-2-Diabetes und andere chronische Krankheiten bleibt.
Die WM ist zwar schon etwas her, aber ein Vergleich aus der Fußball-Welt ist oft anschaulich: Wenn der Trainer eine Offensive ankündigt und dann wenig später den Mittelfeld-Regisseur auswechselt, ist der Protest von Fans und Presse sicher – zumindest wenn das Spiel verloren geht.
Am 16. Juli hat das Bundesministerium für Gesundheit den Start einer „Präventionsoffensive“ verkündet. In der Mitte des Fotos von der Auftaktveranstaltung: Nina Warken, damals noch Bundesgesundheitsministerin. Knapp zwei Wochen später war ihr Nachfolger Carsten Linnemann im Amt, Warken wechselte ins Bundeskanzleramt. Das wurde in den Medien als Beförderung verstanden, als Lohn für Warkens Leistungen bei den Gesundheitsreformen.
„Prävention muss eine Priorität sein“
Damit die Offensive nicht schon zu Beginn ihren Schwung verliert, hat die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin eine klare Forderung: „Auch für den neuen Bundesgesundheitsminister muss Prävention eine Priorität sein, um vermeidbare Erkrankungen zu verhindern und so das Solidarsystem wie auch die Krankenhäuser und Praxen zu entlasten“, so deren Vorsitzende Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan.
Ziel der Offensive ist nach Angaben des Ministeriums, Prävention und Gesundheitsförderung zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems zu machen und einen nachhaltigen Mentalitätswandel anzustoßen. Der klingt einigermaßen selbstverständlich: „Wir wollen Gesundheit stärker fördern, Krankheiten verhindern und Prävention stärker im Alltag der Menschen verankern“, erläuterte Warken bei der Auftaktveranstaltung.
Er ergänzte: „Das Gesundheitssystem kann hier besser werden, aber auch nicht alles leisten. Deshalb setze ich auf einen möglichst breiten Ansatz und werde dazu in den kommenden Monaten mit möglichst vielen Politikfeldern gemeinsame Handlungsfelder erörtern.“
Genau diesen persönlichen Einsatz in Verhandlungen muss nun Warken-Nachfolger Linnemann leisten. Und zwar an vielen Fronten, denn das Ministerium hat klargemacht, dass die Offensive Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht. Man setze auf eine enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Leistungserbringern sowie weiteren Akteuren aus dem Gesundheitswesen.
Viele Gesetzes-Ansätze
- Im Juli 2015 beschloss die Große Koalition das Präventionsgesetz (PrävG).
- Im August 2024 beschloss das Bundeskabinett das „Gesundes-Herz-Gesetz“ (GHG) für bessere Herz-Kreislauf-Prävention. Wegen des Ampel-Aus trat es nie in Kraft.
- Ab 2027 soll es eine Zuckersteuer auf Softdrinks geben.
Breiter Ansatz mit Verhaltens- und Verhältnisprävention
Dabei soll die Präventionsoffensive einem breiten Ansatz folgen: Sie beginnt bei Kindern und Jugendlichen, setzt sich in der Arbeitswelt und beim gesunden Altern fort und versucht, die Gesundheitskompetenz zu stärken, um Volkskrankheiten bestmöglich zu verhindern. „Dieser Ansatz, den Nina Warken der Präventionsoffensive zugrunde gelegt hat, ist richtig, da er sowohl die Verantwortung des Einzelnen als auch die Verhältnisprävention adressiert“, erklärte Müller-Werdan.
Die Fachgesellschaft begrüßte, dass das Ministerium sich mit der bereits vor der Offensive angekündigten Erhöhung der Tabaksteuer oder der Süßgetränke-Herstellerabgabe auch unbequemer Themen angenommen hat. „Für Verbraucherinnen und Verbraucher muss es einfacher sein, einen gesunden Lebensstil zu führen. Ungesunde und gesundheitsschädliche Lebens- und Konsummittel teurer zu machen, ist dabei ein sinnvoller Ansatz“, befand deren Generalsekretär Prof. Dr. Georg Ertl. Solche Einzelmaßnahmen sollten jedoch Teil einer Gesamtstrategie mit klaren Prioritäten und überprüfbaren Wirkungen sein, fordern die Internisten.
Warken hatte bei der Reform der Finanzierung des Gesundheitssystems gezeigt, dass sie zügig aus Vorschlägen einer Expertenkommission ein Gesetz erstellen und durchsetzen kann. Im Vorfeld der Auftaktveranstaltung der Präventionsoffensive hat das Ministerium zwar Leitfragen an die teilnehmenden Organisationen wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verschickt, eine Abstimmung oder gemeinsame Beratung gab es aber offenbar noch nicht. „Im weiteren Prozess wird zusammen mit den beteiligten Akteuren über spezifische Schwerpunkte gesprochen, um gezielt Handlungsfelder zu identifizieren“, heißt es seitens des Ministeriums.
Offene Baustellen
Die Präventionsoffensive soll offenkundig die von der Koalition angekündigte Überarbeitung des ersten deutschen Präventionsgesetzes aus dem Jahr 2015 vorbereiten. In diesem war die Prävention des Typ-2-Diabetes als erstes von acht Gesundheitszielen genannt. Gebracht hat das nach einhelliger Meinung nicht viel. „Seit Inkrafttreten des PrävG sind keine nennenswerten, bevölkerungsübergreifenden Präventionsmaßnahmen eingeleitet worden. Deutschland hat keine diabetesbezogene Strategie und ein Paradigmenwechsel hin zur Verhältnisprävention fand nicht statt“, zog die Gesundheitswissenschaftlerin Susanne Elze 2019 ein Fazit.
Der im Dezember 2025 vom AOK-Bundesverband und vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) veröffentlichte Public Health Index zeigt systematisch auf, wie 18 europäische Länder wissenschaftlich empfohlene Präventionsmaßnahmen in den Handlungsfeldern Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung umsetzen. Deutschland belegt mit Rang 17 den vorletzten Platz.
Präventions-Ranking: Public Health Index von 18 europäischen Ländern
In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernährung – landet Deutschland auf den hinteren Rängen, nur im Handlungsfeld Bewegung erreicht es das untere Mittelfeld. „Die Ergebnisse des Public Health Index machen deutlich, dass Deutschland über erhebliche ungenutzte Potenziale in der Präventionspolitik verfügt“, kommentierten Abgeordnete um den Berichterstatter für Prävention im Gesundheitsausschuss Johannes Wagner (Grüne) in einer Bundestags-Anfrage zu dem Thema im Mai.
von Marcus Sefrin
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (8/9) Seite 52-53
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Ernährung

3 Minuten
- Soziales und Recht

3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
123novesia postete ein Update vor 1 Tag, 8 Stunden
Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.
- lena-schmidt antwortete vor 10 Stunden, 12 Minuten
Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staatsexamen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena
jseiffert postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo zusammen,
heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
Wir freuen uns auf Euch! 🙂Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im September – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 8. September! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]
lena-schmidt postete ein Update vor 1 Monat, 1 Woche
Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im August – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 12. August! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]




