- Soziales und Recht
Raus aus den Kinderschuhen…
3 Minuten
Diabetes belastet die ganze Familie – vor allem, wenn das Kind erwachsen wird. Wie die Behandlung junger Typ-1-Diabetiker weitergeht, wenn sie nicht mehr vom Kinderarzt betreut werden können, diskutierten Diabetesexperten bei der Vorab-Pressekonferenz zur Herbsttagung 2016 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.
Ausbildung, Studium, Ortswechsel, weg von den Eltern – junge Menschen mit Typ-1-Diabetes sind eine Risikogruppe. “Diese Lebensphase mit tiefgreifenden Veränderungen wie die erste Liebe oder Auslandsaufenthalten ist schon für stoffwechselgesunde Heranwachsende schwierig”, erklärte Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer aus Bad Mergentheim. Rund 17.500 Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren und knapp 13.000 Jugendliche zwischen 14 bis 19 Jahren leben derzeit in Deutschland. Etwa 30.500 Kinder und Jugendliche haben demnach Typ-1-Diabetes. Und sie werden natürlich älter.
Für junge Patienten mit 18 heißt es dann, Abschied zu nehmen von der vertrauten kinder- und jugendspezifischen (pädiatrischen) Ambulanz – und ab sofort von einer diabetologischen Einrichtung für Erwachsene, meist einer Schwerpunktpraxis, betreut zu werden. Für die Jugendlichen ist das meist ein großer Schritt. Hier spricht die Wissenschaft von der “Transition”, die bedeutende Übergänge im Leben eines Menschen beschreibt.
Schlechte Werte, hohes Risiko
Im Krankheitsverlauf mit Typ-1-Diabetes bis zum Erwachsenwerden haben diese jungen Diabetespatienten die schlechteste Blutzuckereinstellung. Das zeigt eine aktuelle Analyse von 16.000 Personen mit Typ-1-Diabetes aus den USA. In der Lebensspanne zwischen dem 5. und 32. Lebensjahr liegt der HbA1c-Wert im Schnitt deutlich zu hoch. Erst danach werde die von Diabetologen empfohlene Grenze des Langzeitblutzuckerwerts von 7,5 Prozent erreicht, so Kulzer.
Auch in Deutschland ist die Situation ähnlich. Kinder mit Typ-1-Diabetes liegen ab dem 10. Jahr durchschnittlich über dieser Marke und unterschreiten sie erst 16 Jahre später wieder. Hinzu kommt, dass junge Erwachsene mit Typ-1-Diabetes ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Unterzuckerungen und lebensbedrohliche Ketoazidosen zeigen, u. a. wegen ihres Alkohol- und Drogenkonsums und einem potenziell höheren Gefährdungspotenzial, das sich in dieser Gruppe nachweisen lässt.
Übergang zur Erwachsenenmedizin sollte besonders begleitet werden
“Die Transition von der pädiatrischen in die internistische Diabetesbetreuung in dieser Lebensphase voller Umbrüche sollte begleitet werden, z. B. durch Übergangssprechstunden”, betonte er. Dies fordern auch internationale sowie nationale Leitlinien der DDG. Schon ein Jahr zuvor ist es ratsam, mit den Jugendlichen und deren Eltern über den Übergang zur Erwachsenenmedizin zu sprechen, sie in Schulungen auf diesen Einschnitt vorzubereiten. Das empfiehlt ein Positionspapier führender pädiatrischer Organisationen, allen voran die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft (ADA).
Strukturierte Ansätze fehlen allerdings in Deutschland. Das “Berliner TransitionsProgramm” (BTP), ein Projekt der DRK Kliniken Berlin, gemeinsam entwickelt mit dem IGES Institut und von der Robert Bosch Stiftung unterstützt, will den Übergang von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin für chronisch Kranke verbessern. Kernelement ist ein zentrales Fallmanagement, das den Transitionsprozess mithilfe speziell qualifizierter Mitarbeiter über einen Zeitraum von 2 Jahren steuert.
Das Thema hat auch eine ökonomische Bedeutung
“Neben dem persönlichen Leid hat das Thema ja auch ökonomische Bedeutung”, sagte Dr. Silvia Müther, Vorstandsvorsitzende des Berliner TransitionsProgramms. Die Behandlungskosten bei schlecht eingestelltem Diabetes würden sich wegen akuter und chronischer Komplikationen verdoppeln und weitere indirekte Krankheitskosten verursachen, u. a. durch die Störung der sozialen und beruflichen Entwicklung. Das BTP gibt es inzwischen bundesweit und es wird – als bislang einziges – von den Krankenkassen finanziert.
Ein neues, stationäres Interventionskonzept für junge Diabetiker, die Schwierigkeiten mit ihrem Diabetes-Selbstmanagement haben, entsteht derzeit auch in Bad Mergentheim. Der Fokus liegt u. a. auf speziellen Schulungsinhalten und einem individuellen Behandlungsplan. “Mein Projekt, mein Ding mit Diabetes”, so der Diplom-Psychologe. Darum ginge es.
“Technik ist der Treiber der Diabetestherapie”
“Viele Menschen mit Diabetes bewältigen auch unter hohen Anforderungen ihr Leben sehr gut”, sagte Prof. Dr. Klaus Badenhoop, Tagungspräsident der DDG-Herbsttagung. Höchstleistung mit Diabetes zeigt z. B. Stefanie Blockus aus Hannover, u. a. Redakteurin der Blood Sugar Lounge und Marathonläuferin. Der Typ-1-Diabetes sei ein “24-Stunden-Job”. Für ihr Selbstmanagement setzt sie alles ein, was die moderne Diabetes-Technologie momentan hergibt: die kontinuierliche Glukosemessung (CGM), das Flash-Glukose-Monitoring-System (FGM) und die Insulinpumpe.
“Das erlaubt mir einen aktiven Lebensstil”, unterstrich sie. “Ohne CGM bzw. FGM einen Marathon zu laufen oder starkem beruflichem Stress ausgesetzt zu sein, endet meist in Blutzuckerkatastrophen”. Die Diabetes-Blogs sind voll von solchen Erfahrungsberichten – auch Kulzer beschreiben Diabetiker immer wieder ähnliche Situationen. “Technik ist der Treiber der Diabetestherapie”, schloss er.
von Angela Monecke
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
Tel.: (06131) 9 60 70 0, Fax: (06131) 9 60 70 90,
E-mail: redaktion@diabetes-journal.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (12) Seite 58-59
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anseaticids postete ein Update vor 15 Stunden, 29 Minuten
Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.
Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“
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Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.So können Kinder lernen, wachsen und
selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
Unsere Mission ist einfach:✔ Kindern Sicherheit geben
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✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.
Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.
Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
📧 moin@hanseatic-kids.de
📞 040 851 59 747 -
stephanie-bagehorn postete ein Update vor 3 Tagen, 13 Stunden
Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/
Wenn Diabetes mit im Osternest liegt: gemeinsames Backen mit den Kindern – Diabetes-Anker
Ostern steht vor der Tür und im Gepäck sind viele süße Versuchungen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie zu starke Blutzucker-Anstiege bei Diabetes durch süßes Gebäck vermieden werden können. Selbst zu backen – erst recht gemeinsam mit den … Read more
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othenbuehler postete ein Update vor 4 Tagen, 5 Stunden
Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.
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