- Diabetes-Grundwissen
Coaching | CGM verstehen: Genauigkeit – Ansprüche an die kontinuierliche Glukosemessung
7 Minuten

In diesem Teil der Coaching-Reihe „Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen“ geht es um die Genauigkeit von CGM-Systemen. Denn aufgrund der Nutzung als unabdingbarer Baustein bei der automatisierten Insulindosierung (AID), aber auch in Verbindung mit der Dosisermittlung bei SmartPens, steigen die Ansprüche an die Messgenauigkeit.
Coaching-Reihe von Dr. Andreas Thomas:
Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen
Die kontinuierliche Glukosemessung (Englisch: continuous glucose monitoring; kurz CGM) hat das Diabetes-Management in den letzten Jahren revolutioniert. Menschen mit Diabetes haben nun die Möglichkeit, ihre Glukoseverläufe über einen längeren Zeitraum lückenlos auszuwerten und zu analysieren. Die Auswirkungen externer Einflüsse wie Ernährung, Sport und Insulingaben können damit viel besser nachvollzogen und verstanden werden.
In dieser Beitragsreihe gibt der renommierte CGM-Experte Dr. Andreas Thomas einen detaillierten Einblick in diese Technologie und wie sie richtig angewendet wird, um verschiedene Situationen richtig zu interpretieren und darauf angemessen reagieren zu können.
Alle Beiträge der Coaching-Reihe im Überblick:
- Kontinuierliche Glukosemessung im Einsatz bei Menschen mit Diabetes
- Systeme für die kontinuierliche Glukosemessung – ein methodisch-technischer Überblick
- Anwendungsformen für die kontinuierliche Glukosemessung
- Genauigkeit – Ansprüche an die kontinuierliche Glukosemessung
- Unterschied bei Blut- und Gewebeglukose – sind CGM-Systeme ungenau?
- Auswirkung einer hohen Glukose-Dynamik auf die Messung mit einem CGM-System
- Reaktion des Körpers auf Unterzuckerungen und deren Auswirkungen auf den Glukose-Spiegel
In den letzten Beiträgen dieser Reihe wurde über technische Details im Zusammenhang mit der Anwendung des kontinuierlichen Glukosemonitorings (CGM) berichtet. Aufgrund der Nutzung von CGM als unabdingbarer Baustein bei der automatisierten Insulinabgabe von Insulinpumpen (AID-Systeme – automatische Insulindosierung), aber auch in Verbindung mit der Dosisermittlung bei SmartPens rückt die Frage nach der Genauigkeit der Messung noch stärker in den Fokus als ohnehin schon.
Diese Feststellung mag zunächst verwundern, denn man erwartet von einem Messgerät generell, dass dessen angezeigten Daten vertraut werden kann. Man möchte sich keine Gedanken über eine Messtoleranz oder ähnliches machen. Man erwartet, dass der Glukosewert genutzt werden kann um sich zum Beispiel die richtige Dosis Insulin zu spritzen.
CGM bietet mehr als eine Momentaufnahme
Dieser richtige Gedanke bezieht sich allerdings zunächst auf den aktuellen Glukosewert, so wie man es von der Augenblicksblutglukosemessung (SMBG – Selbstmessung der Blutglukose) her kennt. Doch CGM bietet bekanntlich mehr: neben dem Wert auch den Glukosetrend und die Einbindung in ein aufgezeichnetes Glukoseprofil, welches den zeitlichen Verlauf des Glukosespiegels darstellt.
Aus diesen zusätzlichen Informationen lassen sich wichtige Schlussfolgerungen ziehen. Beispielsweise lässt sich die Frage beantworten, wann rasch sinkende Glukosewerte zu einer Unterzuckerung führen werden. Sinken diese beispielsweise mit einer Geschwindigkeit von 2 mg/dl/min (angezeigt wird das durch die Steilheit der abfallenden Kurve und durch einen entsprechend nach unten gerichteten Pfeil) und liegt der Glukosewert gerade bei 100 mg/dl (5,6 mmol/l), dann werden die Werte in 15 min bei 70 mg/dl (3,9 mmol/l) liegen und damit an der Schwelle zur Unterzuckerung (Abb. 1).

In 20 min wird der Glukosewert dann schon bei 60 mg/dl (3,3 mmol/l) liegen, also eine Unterzuckerung aufweisen. Aus einem punktuell mit SMBG gemessenen Wert lässt sich eine solche Schlussfolgerung nicht ziehen. Mit anderen Worten: aus dem Vorhandensein der Glukosekurve lässt sich bereits das Therapiemanagement ableiten.
Man sieht die abfallende Kurve, ahnt, wann diese den Bereich der Unterzuckerung erreicht und wird darauf schon entsprechend vorher reagieren, bevor diese eintritt und spürbar ist.
Abb. 1: Darstellung der Glukoseänderungsgeschwindigkeiten anhand der Steilheit der Kurven im Anstieg bzw. Abfall. Je steiler die angelegte (gedachte) Gerade ist, desto schneller ändert sich der Glukosespiegel.
Genauigkeit von CGM-Systemen – wie genau ist das eigentlich?
Warum dieser Exkurs? Er soll zeigen, dass die punktuelle (aktuell vorliegende) Genauigkeit der Messung nicht so streng ist wie beim SMBG, weil Zusatzinformationen (Trend, Glukoseänderungsgeschwindigkeit) das Diabetesmanagement unterstützen. Selbstverständlich ist ein möglichst genau messendes CGM-System anzustreben. Das ist auch die dauerhafte Bestrebung der Hersteller.
Aber aufgrund der genannten Zusatzinformationen war es auch schon in der Vergangenheit möglich, mit weitaus weniger exakten CGM-Sensoren als die heute Verfügbaren, eine gute Therapieunterstützung zu realisieren.
Beispielsweise wurde bei den ersten Geräten mit Anzeige der aktuellen Glukosewerte (rtCGM – real time CGM) in den Bedienungsanleitungen darauf hingewiesen, dass die vom CGM angezeigten Glukosewerte nicht dem Zweck einer therapeutischen Entscheidung dienen dürfen, womit z.B. die Berechnung und Abgabe der Insulindosis zählte (Glucowatch Biographer der Firma Cygnus 2002; Guardian RT und Guardian Real-Time von Medtronic 2005, FreeStyle Navigator von Abbott 2007, Dexcom STS von Dexcom 2007). Die Werte sollten immer durch SMBG bestätigt werden. Dafür gab es mehrere Ursachen:
- Die Sensoren maßen damals noch zu ungenau
- Sensoren unterschiedlicher Chargen wiesen mitunter eine unterschiedliche Messqualität auf
- CGM misst im Unterhautfettgewebe und nicht im Blut, was zu Messwertunterschieden führt, wenn sich die Glukosewerte gerade ändern
- Die Sensoren mussten mit SMBG kalibriert werden. Einerseits wurde damit der Messwert an den SMBG-Wert angeglichen. Andererseits kann durch Fehler bei der Blutglukosemessung (z.B. vorher Früchte gegessen, Hände nicht gewaschen, Messung bei kühlen Außentemperaturen etc.) das CGM falsch kalibriert sein.
Auf den dritten Punkt wird in einer weiteren Ausgabe der Blood Sugar Lounge (BSL) noch gesondert eingegangen, weil sich dahinter kein Messfehler versteckt, sondern die Dynamik der Glukoseverbreitung im Körper.
Rückblick: Wie war das vor 20 Jahren mit der Messgenauigkeit des CGM?
Generell war in den 2000er Jahren die Messgenauigkeit der CGM-Systeme noch nicht geeignet, SMBG zu ersetzen, zumal alle Systeme noch mit einer „blutigen“ Messung kalibriert werden mussten. Aber aus den Glukoseprofilen konnten die Anwender Schlussfolgerungen für ein besseres Diabetesmanagement ziehen, als das vorher der Fall war. Selbst bei mangelhafter Messgenauigkeit (gekennzeichnet durch eine große Abweichung gegenüber SMBG), vielleicht hervorgerufen durch eine nicht sachgemäße Kalibration konnten die Anwender auf das Glukoseprofil vertrauen.
Die CGM-Kurve verlief dann zu weit oben oder unten, deren Form, die Glukoseabstiege und – Anstiege waren jedoch exakt so, wie bei einem optimal messenden CGM-Sensor und gaben damit eine Orientierung über den Glukoseverlauf.
Die Systeme wurde in der Folgezeit soweit verbessert, dass die amerikanische Zulassungskommission (FDA – Food and Drug Administration) ab 2016 bei dem ersten CGM (Dexcom G5) gestattete, dass die CGM-Werte für alle Therapieentscheidungen genutzt werden können, also SMBG ersetzt werden kann. Als Richtwert gilt, dass die Abweichung zu einem Laborgerät, also die MARD* ≤ 10% betragen soll.
Die Abweichungen des CGM
Zu diesem Zeitpunkt war mit dem *MARD – Mean Absolute Relative Difference (Deutsch: mittlere absolute relative Abweichung): dieser Wert gibt die Abweichung aller gemessenen Glukosewerte gegenüber einer Standardmessung z.B. mit SMBG oder besser noch mit einem Laborgerät an (Referenzmethode). Die Abweichungen eines jeden Wertepaars (zu beurteilende Messung und Referenzmessung) werden zusammengerechnet und durch die Anzahl der Wertepaare geteilt.
Mit dem FreeStyle Libre bereits ein System verfügbar, welches werkseitig kalibriert wurde. Es war bezüglich der Anwendung kein rtCGM, sondern ein sogenanntes iscCGM. Das heißt, die Glukosewerte werden nur angezeigt, wenn der Patient mit dem Empfänger (z.B. eine App auf einem Smartphone) über die Stelle scannt, an welcher der Glukosesensor liegt (deshalb „isc“ – intermittierendes Scannen). SMBG führten die Anwender nur noch durch, wenn ihnen die Glukosewerte nicht plausibel erschienen oder wenn sich z.B. eine Unterzuckerung zu entwickeln schien.
Mit dem Dexcom G6 erschien ab 2017 ein weiteres werkseitig kalibriertes CGM (als rtCGM), welches der Patient notfalls aber kalibrieren kann. Aber auch dieses ersetzt SMBG nur zum Teil. Mittlerweile müssen die aktuellen CGM-Systeme alle nicht mehr kalibriert werden (Dexcom G7, FreeStyle Libre 3, Guardian 4). Abb. 2 zeigt die Entwicklung der Messgenauigkeit der Systeme anhand des Parameters MARD in den vergangenen 17 Jahren [1].

Abb. 2: Entwicklung der Genauigkeit der verschiedenen CGM-Systeme in den letzten 17 Jahren. Systeme mit einer MARD < 10% sind geeignet SMBG zu ersetzen (adaptiert [1])
Keine klare Definition für Messbedingungen
Es muss allerdings daraufhin gewiesen werden, dass für die Messung der MARD bei CGM-Systemen eine klare Definition für die Messbedingungen notwendig wäre, damit keine willkürlichen Fehler auftreten können. Das liegt am oben genannten Punkt 3, der Messung mit dem CGM im Unterhautfettgewebe gegenüber von SMBG im Blut.
Beispielsweise müsste festgelegt werden, dass nur Wertepaare verglichen werden dürfen, die bei stabilem oder nahezu stabilem Glukosespiegel gewonnen wurden, denn nur dann sind sie wirklich vergleichbar. Diese fehlende Festlegung führt mitunter dazu, dass verschiedene Arbeitsgruppen zu stark abweichenden Ergebnissen mit den gleichen Messsystemen gelangen (CGM und Blutglukosemessgerät).
Welche ist die beste Beurteilung der Messqualität?
Die aktuell am besten definierte Beurteilung für die Messqualität von CGM-Systemen stammt von der amerikanischen FDA und beschreibt ein „integriertes CGM“ (iCGM) [2]. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass einerseits Interoperabilität gewährleistet ist (also die Möglichkeit verschiedene Geräte problemlos aufeinander abzustimmen), damit ein iCGM mit verschiedenen Insulinpumpen zu einem AID-System zusammengeschlossen werden kann.
Andererseits muss ein iCGM eine hohe Messqualität aufweisen, damit es ohne weiteres die automatisierte Insulinabgabe sicher gewährleisten kann. Bezüglich der Messgenauigkeit wurde festgelegt, dass ein „iCGM“ innerhalb eines Toleranzbereiches von ± 15% folgenden definierten Anteil an Glukosewerten aufweisen muss (Abb.3):
- > 70% Anteil im Glukosebereich von 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l),
- > 85% im Glukosebereich unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) und
- > 80% über 180 mg/dl (10,0 mmol/l).
- Nicht auftreten dürfen:
- Blutzuckerwerte < 70 mg/dl, wenn die iCGM-Werte > 180 mg/dl liegen,
- Blutzuckerwerte > 180 mg/dl, wenn die iCGM-Werte <70 mg/dl liegen.

Die von der FDA festgelegten Bedingungen legen also eine Prozedur für einen exakten Datenvergleich fest und sorgen dafür, dass Angaben zur Messgenauigkeit valide sind. Diese Festlegung der Qualitätskriterien für iCGM schließen näherungsweise eine Lücke zur Beurteilung der Genauigkeit von CGM-Messungen.
Aktuell beschäftigt sich eine internationale Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. Guido Freckmann (Institut für Diabetes-Technologie in Ulm) im Auftrag der IFCC (International Federation of Clinical Chemistry) mit einer exakten Definition von Messbedingungen und Messgenauigkeit [3]. Auf weitere wichtige Fragen zur Messgenauigkeit von CGM-Systemen wird in der nächsten Ausgabe der BSL eingegangen.
Literatur
- [1] Shah V et.al. Continuous glucose monitoring category update: clinical outcomes, new technologies, and therapeutic dosing. Symposium Dexcom, ADA 2018, Orlando
- [2] U.S. Food and Drug Administration, Mitteilung 27.03.2018. https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-authorizes-firstfully-interoperable-continuous-glucose-monitoring-system-streamlines-review letzter Aufruf: 03.05.2022.
- [3] Freckmann G. Hompage IFCC, letzter Aufruf: 07.06.2022.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 3 Wochen, 2 Tagen
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]





