- Technik
Diabetes-Technik im Mittelpunkt von diatec und t1day
3 Minuten
Volles Haus bei diatec und t1day, den Veranstaltungen in Deutschland zum Thema Diabetes-Technologie: An der diatec Ende Januar in Berlin nahmen etwa 900 Diabetes-Expertinnen und -Experten teil, jeweils etwa die Hälfte vor Ort, die andere Hälfte virtuell. Auch beim t1day waren die Reihen vor Ort und an den Bildschirmen zu Hause gut besetzt.
Die Präsentation der Ergebnisse der Umfrage für den Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetes bildet seit einigen Jahren den Auftakt des Kongresses diatec für Diabetes-Profis und den darauffolgenden t1day für Menschen mit Typ-1-Diabetes. Spannend, aber eigentlich zu erwarten, dabei war die leichte Zunahme von Menschen mit Typ-1-Diabetes in den Arztpraxen, die Systeme zum kontinuierlichen Glukosemonitoring (CGM) und/oder Insulinpumpen verwenden. Groß war aber der Sprung bei den kommerziell verfügbaren Hybrid-Closed-Loop-Systemen, also den Systemen, die aufgrund von gemessenen CGM-Werten automatisch die Insulinabgabe anpassen; solche Systeme werden auch als AID-Systeme bezeichnet. Wie Prof. Dr. Bernhard Kulzer vom Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Mergentheim (FIDAM) berichtete, gab es im Jahr 2021 durchschnittlich in jeder Einrichtung der befragten Ärztinnen und Ärzte 16 Verwendende eines AID-Systems, im Jahr 2022 waren es bereits 42 – also mehr als doppelt so viele. CGM-Systeme werden nicht nur von Menschen mit Typ-1-Diabetes eingesetzt, sondern auch in nicht geringer Zahl von Menschen mit Typ-2-Diabetes: durchschnittlich in jeder Einrichtung von 22,4 Prozent.
Immer auf dem Laufenden bleiben
Als eine Barriere für den Einsatz von AID-Systemen in den Praxen zeigte sich unter anderem die Notwendigkeit, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Hierbei konnte der Kongress helfen, denn die Technologien waren nun einmal das Thema der diatec.
AID-Systeme: weltweite Zunahme
Auch Prof. Dr. Lutz Heinemann von Science Consulting in Diabetes und zusammen mit Gabriele Faber-Heinemann Veranstalter der diatec betonte die Bedeutung der AID-Systeme: Weltweit nimmt ihr Einsatz stetig zu, die Zahl an wissenschaftlichen Publikationen ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Auch wenn das alles so positiv klingt, warnte Heinemann vor unrealistischen Erwartungen: AID-Systeme sind keine Selbstläufer! Die dabei zum Einsatz kommenden Geräte “verlangen tägliche ‚Pflege‘ und Aufmerksamkeit”. Anwendende müssen auf die Systeme geschult sein. Und es gibt viele Dinge, die dabei schiefgehen können. Dennoch lautete sein Fazit: “AID-Systeme sind die Zukunft!”
Schulungen oft nicht bezahlt
Schulungen waren auch das Thema im “Kamingespräch”, einer Diskussionsrunde mit vielen in der Diabetologie Aktiven. Hier besteht ein Problem: “Es ist leider so, dass viele Schulungs-Leistungen nicht abgebildet sind”,sagte Dr. Nicola Haller und meinte dabei die Bezahlung von Schulungen durch die Kostenträger. Haller ist Vorsitzende des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD). Ein weiteres Problem brachte Dr. Hansjörg Mühlen, niedergelassener Diabetologe aus Duisburg, ins Gespräch: “Ich glaube, wir leben in einem Denkmodell seit Jahren, das immer nur sagt: Alles, was wir in der Medizin tun, muss evaluiert sein.” Das führt dazu, dass Schulungs-Programme oft schon wieder überholt sind, wenn sie endlich akkreditiert wurden und die Kosten für das Schulen mit den jeweiligen Programmen von den Krankenkassen übernommen werden. Mühlen: “Man muss da, glaube ich, das Denkmodell Evaluieren, Publizieren, Zertifizieren, Akkreditieren (…) gerade im Bereich Schulung und Diabetes-Technologie massivst überdenken, ob das in der heutigen Zeit noch passt.” Aufseiten der Krankenkassen-Vertreter in der Diskussionsrunde gab es Zustimmung, dass alles zu langsam läuft, aber auch den Wunsch nach klaren Regeln, zum Beispiel in Leitlinien, wann wer geschult werden soll. Problem ist aber, dass Schulungs-Programme beim Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) zum Akkreditieren nicht von den Diabetes-Experten, sondern von den Krankenkassen eingereicht werden, die vorab auch noch einmal die Programme bewerten, berichtete Kulzer und meinte: “Ganz ehrlich: Da geht es nur um das Geld.” Einig waren sich die Diskutanten am Ende, dass es nur funktioniert, wenn alle zusammenarbeiten.
Kein AID-System ohne Schulung
Wie wichtig Schulung trotz der Fortschritte in der Diabetes-Technologie ist, zeigt auch eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie mit Systemen, die vollständig automatisiert Insulin dosieren und abgeben, auch als bionisches Pankreas bezeichnet. Privatdozent Dr. Dominic Ehrmann vom FIDAM berichtete, dass sich über die gesamte in der Studien-Population vertretene Altersspanne von 6 bis 79 Jahren die Glukosestoffwechsel-Situation verbesserte – aber diejenigen, die ein bionisches Pankreas verwendeten, hatten 551-mal wegen Problemen ungeplant Kontakt mit dem Schulungs-Team im Vergleich zu 53 Kontakten der Kontrollgruppe ohne bionisches Pankreas.
Größtmögliche Personalisierung
Auch Dr. Sandra Schlüter aus Northeim und Dr. Dorothee Deiss aus Berlin verdeutlichten den Nutzen der AID-Systeme. Schlüter sieht in diesen Systemen die größtmögliche Personalisierung der Diabetes-Therapie. Deiss betonte, dass die Zeit, in der die Systeme automatisiert handeln, entscheidend ist.
Natürlich gibt es auch Probleme in Bezug auf die Systeme. Sarah Biester aus Hannover wies zum Beispiel auf gehörlose Eltern hin, wenn ihr Kind mit einem AID-System versorgt wird: Sie können akustische Alarme nicht wahrnehmen und müssen dann gegebenenfalls auf ein System mit anderen Alarm-Optionen umsteigen, selbst wenn das System noch nicht für Kleinstkinder zugelassen ist. Andere Hürden stellen Sprachbarrieren oder Leseprobleme dar, Seheinschränkungen oder auch psychische Erkrankungen. Um diese Hürden zu überwinden, muss immer nach individuellen Lösungen, sofern verfügbar, gesucht werden.
Großes Spektrum an Themen
Sowohl bei der diatec als auch beim t1day ging es auch um eine andere Technologie zum Insulingeben: Smart-Pens. Diese lassen sich, je nach verfügbaren Funktionen, auch mit anderen Systemen koppeln. “Wir sind noch ziemlich am Anfang mit Smart-Pens”, dämpfte Dr. Jens Kröger aus Hamburg aber die aktuellen Erwartungen.
Die Programme beider Veranstaltungen boten noch viel mehr Themen: Sport, Schwangerschaft, Beruf, Motivation, um nur einige zu nennen. Wer mehr wissen möchte, findet viele Informationen auf den Internetseiten www.diatec-fortbildung.de und www.t1day.de.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (3) Seite 12-14
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moira postete ein Update vor 1 Tag, 1 Stunde
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 5 Tagen, 23 Stunden
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
