Diabetes verstehen – neu gedacht: Ist Typ-2-Diabetes wirklich eine Zuckerkrankheit?

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Diabetes verstehen – neu gedacht: Ist Typ-2-Diabetes wirklich eine Zuckerkrankheit? | Foto: Moonroad – stock.adobe.com
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Diabetes verstehen – neu gedacht: Ist Typ-2-Diabetes wirklich eine Zuckerkrankheit?

Typ-2-Diabetes gilt oft als „Zuckerkrankheit“ – doch der erhöhte Blutzucker ist meist nur ein Symptom. Der Beitrag zeigt, warum überschüssige Energie und Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse zentrale Treiber sind, und wie Gewichtsverlust Remission möglich machen kann.

Blutzucker messen, Medikamente anpassen, HbA1c senken – so sieht der Alltag vieler Menschen mit Typ-2-Diabetes aus. Über Jahre hat sich daraus ein klares Bild entwickelt: Diabetes ist vor allem eine Erkrankung des Zuckerstoffwechsels. Doch dieses Bild greift zu kurz. Ein genauerer Blick auf die zugrundeliegenden Mechanismen zeigt, dass wir die Krankheit lange aus der falschen Perspektive betrachtet haben.

Typ-2-Diabetes wird traditionell über den Blutzucker definiert. Er ist messbar, er ist sichtbar und er lässt sich therapeutisch beeinflussen. Doch der erhöhte Blutzucker ist letztlich nur ein Symptom. Die eigentliche Störung liegt tiefer im Stoffwechsel.

Diabetes als Stoffwechselproblem – nicht nur als Zuckerproblem

Heute lässt sich der Typ-2-Diabetes besser als eine Erkrankung des Energie-Überschusses verstehen, zumindest, solange die körpereigene Insulinproduktion noch ausreichend vorhanden ist. Der Körper ist über längere Zeit mehr Energie ausgesetzt, als er sinnvoll verarbeiten kann. Diese überschüssige Energie wird nicht nur im Fettgewebe gespeichert, sondern auch an Orten, an denen sie krank macht.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Typ-2-Diabetes ist kein reines Problem des Zuckerstoffwechsels.
  • Entscheidend ist Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse.
  • Wer dieses Fett reduziert, beeinflusst eine wichtige Ursache der Erkrankung.
  • Remission ist möglich – und kein Zufall.
  • Gewichtsverlust ist ein zentraler therapeutischer Hebel.

Leber und Bauchspeicheldrüse im Zentrum

Besonders relevant sind dabei zwei Organe: die Leber (Hepar) und die Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Lagert sich Fett in der Leber ein, entsteht eine hepatische Insulin-Resistenz. Die Leber reagiert schlechter auf Insulin und setzt weiterhin Zucker frei, obwohl im Körper ausreichend Energie vorhanden ist. Das führt zu erhöhten Nüchtern-Blutzuckerwerten und einer dauerhaft erhöhten Glukose-Produktion.

Parallel dazu kann sich Fett in der Bauchspeicheldrüse ablagern. Dieses Pankreasfett beeinflusst die Funktion der Beta-Zellen. Beta-Zellen sind spezialisierte Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren. Insulin ist das Hormon, das den Zucker in die Körperzellen schleust. Wenn die Beta-Zellen nicht mehr richtig arbeiten, wird zu wenig oder zu spät Insulin ausgeschüttet. Der Blutzucker steigt. Diese beiden Prozesse sind eng miteinander verknüpft und bilden eine zentrale Krankheits-bestimmende Kette.

Gewichtsverlust wirkt direkt auf die Ursache

Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum Gewichtsverlust eine so zentrale Rolle spielt. Er wirkt nicht nur auf das Körpergewicht, sondern direkt auf diese Krankheits-relevanten Fettdepots.

Hierzu gibt es inzwischen eine klare wissenschaftliche Evidenz. Besonders bekannt ist die DiRECT-Studie. In dieser Studie wurde gezeigt, dass ein deutlicher Gewichtsverlust bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes zu einer Normalisierung des Stoffwechsels führen kann. Je mehr Gewicht verloren wurde, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sich erhöhte Blutzuckerwerte zurückbildeten.

Studien zeigen außerdem, dass Leberfett unter deutlicher Kalorien-Reduktion sehr schnell abnimmt. Auch das Fett in der Bauchspeicheldrüse sinkt mit der Zeit. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Maßnahme, sondern das Ausmaß des erreichten Gewichtsverlusts. Wenn zusätzlich noch ausreichend Beta-Zell-Funktion vorhanden ist, kann sich die Insulin-Produktion zumindest teilweise erholen.

Remission ist kein Zufall

In einem Teil der Fälle führt das zu einer Remission. Remission bedeutet, dass die Blutzuckerwerte wieder in einen normalen oder nahezu normalen Bereich zurückkehren, ohne dass Medikamente notwendig sind.

Diese Remission ist kein überraschender Nebeneffekt. Sie ist die logische Folge eines nachvollziehbaren biologischen Prozesses: Weniger Organfett führt zu einer besseren Insulinwirkung und zu einer stabileren Blutzucker-Regulation. Damit verändert sich die Sicht auf die Erkrankung grundlegend. Typ-2-Diabetes ist nicht zwangsläufig ein unumkehrbarer Prozess. Unter bestimmten Bedingungen kann sich der Stoffwechsel wieder normalisieren.

Eine neue therapeutische Perspektive

Wenn man diese Zusammenhänge ernst nimmt, verschiebt sich auch der Fokus der Therapie. Es geht nicht mehr nur darum, den Blutzucker zu kontrollieren, sondern die zugrundeliegende Störung aktiv zu beeinflussen.

Gewichtsreduktion ist in diesem Kontext keine begleitende Empfehlung, sondern ein zentraler therapeutischer Hebel. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Therapie-Erfolg stark davon abhängt, ob es gelingt, eine ausreichende und nachhaltige Gewichtsreduktion zu erreichen.

Die entscheidende offene Frage

Doch genau hier liegt das Problem: In der Praxis gelingt das oft nicht. Viele Menschen scheitern trotz Motivation und guter Beratung daran, ihr Gewicht langfristig zu reduzieren. Wenn Gewichtsverlust der Schlüssel ist, stellt sich eine naheliegende Frage: Warum ist er so schwer zu erreichen? Liegt es wirklich nur an Disziplin und Kalorien – oder übersehen wir einen entscheidenden Teil des Stoffwechsels? Genau darum geht es im nächsten Teil dieser Serie.

Literatur und weiterführende Informationen

  • Lean MEJ et al.: Primary care-led weight management for remission of type 2 diabetes (DiRECT): an open-label, cluster-randomised trial. Lancet 2018
  • Taylor R et al.: Remission of human type 2 diabetes requires decrease in liver and pancreas fat content but is dependent upon capacity for beta cell recovery. Cell Metabolism 2018
  • Kanbour S et al.: Impact of bodyweight loss on type 2 diabetes remission: a systematic review and meta-regression analysis of randomised controlled trials. Lancet Diabetes & Endocrinology 2025
  • NICE: Type 2 diabetes in adults: management (NG28, aktualisiert 2026)
  • American Association of Clinical Endocrinology (AACE): Consensus Statement: Algorithm for Management of Adults With Type 2 Diabetes – 2026 Update
  • Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes. Ergänzung 2024

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (6) Seite 62-63

zur Beitragsübersicht von Deutsche Diabetes Föderation e.V.

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  • tako111 postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

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