Künstliche Intelligenz (KI) hält zunehmend Einzug in die Diabetes-Versorgung. Sie kann Daten auswerten, Muster erkennen und Therapieprozesse unterstützen. DDF-Vorsitzender Leonhard Stärk mit einem Plädoyer, warum KI im Gesundheitswesen Chancen bietet – ohne persönliche Erfahrung und Selbsthilfe zu ersetzen.
„Wir sind Betroffene, wir wissen selbst, was uns hilft und was uns schadet“, könnte unsere erste Reaktion sein, wenn wir nach dem Nutzen der künstlichen Intelligenz (KI) gefragt werden. Nun sind wir als Leser dieses wunderbaren Magazins „Diabetes-Anker“ meist auch noch in der Diabetes-Selbsthilfe engagiert und bauen auf den Austausch untereinander. Selbsthilfe bedeutet ja vor allem, dass wir uns gegenseitig mit Wissen und Erfahrung helfen und unterstützen.
So weit, so gut – ich bin als Vorsitzender der Deutschen Diabetes Föderation auch sehr stolz auf unsere vielen Aktiven in den Mitglieds-Organisationen und in den zahlreichen Selbsthilfegruppen. Ich schätze den persönlichen Austausch untereinander als den zentralen Erfolgsfaktor der gesundheitlichen Selbsthilfe.
KI kann Diabetes-Management kontinuierlich verbessern
Dennoch dürfen wir die Augen nicht verschließen vor den Entwicklungen in der digitalen Welt. Insbesondere sollten wir offen sein für die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz im Gesundheitswesen. Ich möchte die künstliche Intelligenz nicht den Schülern überlassen, die mit Hilfe von ChatGPT ihre Aufsätze für die Schule verfassen. Künstliche Intelligenz muss auch uns chronisch Kranken dienen. Wir müssen sie nutzen, um unsere medizinische Versorgung zu verbessern, um Prävention durch Früherkennung zu ermöglichen, um unsere Krankheitsverläufe positiv zu beeinflussen und um Diagnose- und Behandlungsfehler zu reduzieren.
Unsere Erkrankung erfordert ein kontinuierliches Überwachen der Glukosewerte sowie ein möglichst exaktes Abstimmen von Ernährung, Bewegung und Medikation. Künstliche Intelligenz eröffnet uns durch den Zugriff und die systematische Analyse von unglaublich großen Datenmengen die Möglichkeit, das Diabetes-Management kontinuierlich zu verbessern und damit die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes zu erhöhen – sowohl für Menschen mit Typ 1 als auch für Menschen mit Typ 2.
Ärztliche Betreuung und Selbsthilfe bleiben unersetzlich
Auf der Basis von Erfahrungswerten auch außerhalb unserer eigenen Community ermöglicht die künstliche Intelligenz, Muster zu erkennen und sogar individuelle Vorhersagen zu treffen, wenn etwa zu hohe oder zu niedrige Glukosewerte drohen, womit dann eine frühzeitige Warnung möglich ist. Klar – viele von uns erkennen bei sich ganz gut selbst erste Anzeichen einer Veränderung unserer Glukosewerte, aber mit künstlicher Intelligenz könnte bereits viel früher angesetzt werden, wenn wir es selbst noch nicht spüren. Das funktioniert, weil in Hunderttausenden vergleichbaren Fällen es ähnlich verlaufen ist.
Ein gutes Beispiel ist die Kombination von künstlicher Intelligenz mit Systemen zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM) und Insulinpumpen. Diese Closed-Loop- oder Künstliches-Pankreas-Systeme passen die Insulin-Abgabe automatisiert an die aktuellen Bedürfnisse des Körpers an und verändern diese aufgrund individueller Daten.
Ich plädiere zwar für einen offenen, nicht jedoch für einen unkritischen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Themen wie Gesundheits-Datenschutz, Transparenz bei den Algorithmen und die Verantwortung bei Fehlentscheidungen sind wichtige ethische und rechtliche Fragen, die zu klären sind. Am Ende ersetzt auch die beste und transparenteste künstliche Intelligenz niemals die ärztliche Betreuung – und ich füge hinzu: Sie ersetzt auch niemals die Selbsthilfe!
von Leonhard Stärk, Vorsitzender des Vorstands der DDF
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (1/2) Seite 62-63
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