Das Problem ist strukturell und heißt Ableismus

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Das Problem ist strukturell und heißt Ableismus

Beim Brainstorming für diesen Text wurde ich von einer Masse Situationen überrollt, von denen ich hier berichten könnte. Erlebnisse in der Uni und am Arbeitsplatz. Aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Restaurants oder mit der Familie. Oder bei Antragsstellungen, wie in dem Beispiel: Ein Antrag auf Nachteilsausgleich – zwei Urteile. Diese Reihe könnte ich jetzt noch lange so weiterführen.

Alle Situationen, die in meinem Kopf aufpoppen, haben gemeinsam, dass ich mich auf Grund von Diabetes und/oder anderen Be_hinderungen oder (chronischen) Krankheiten unwohl gefühlt habe oder benachteiligt wurde. Dass mein Handeln ungefragt kommentiert wurde, ich Sprüche abbekommen habe, die offene Wunden gefüttert haben, oder mir meine Kompetenzen abgesprochen wurden.

Gibt es die „Schuldigen“?

Früher haben mich solche Situationen in der Regel hilflos und verletzbar zurückgelassen und bei mir immer wieder die Frage nach dem „Warum?“ eröffnet.

Auf der Suche nach „Schuldigen“, nach einer Person, die ich für meine Erfahrungen verantwortlich machen kann, schien es häufig der logischste Schluss, dass ich selbst diese Person sein müsse. Natürlich kam diese Schlussfolgerung immer im Komplett-Paket mit Gedanken wie: „Hätte ich mich nur mehr angestrengt“, der kleinen Schwester von: „Stell dich nicht so an“, und auch immer dabei war: „Du steigerst dich da rein.“

Irgendwann ist dieses Gefühl der Hilflosigkeit und eigenen Schuldzuweisung einer brodelnden Wut gewichen. Mittlerweile lassen mich solche Situationen meistens einfach nur wütend und ernüchtert zurück.

Zu verstehen, was für strukturelle Probleme hinter meinen persönlichen Erfahrungen stecken, hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass ich in meinem eigenen Umgang mit Diskriminierungserfahrungen heute bin, wo ich bin.

Gegen Ableismus, für Gleichheit! (Streetart)
Quelle: Pixabay

Damit möchte ich weder ignorieren, wie wichtig auch der Austausch über eigene Erlebnisse sein kann und wie sehr es mich häufig bekräftigt hat (und immer noch tut) zu hören, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht alleine bin. Noch möchte ich solch eine Auseinandersetzung als selbstverständlich und notwendig darstellen. Ich bin mir bewusst, wie privilegiert es ist, dass ich heute hier sitze und diesen Text so schreiben kann. Strukturen in ihrer Komplexität mehr und mehr verstehe und die Ressourcen hatte, meinen heutigen Wissensstand erreicht haben zu dürfen. Kein Wissen dieser Welt oder Verständnis für strukturelle Gegebenheiten kann persönliche Diskriminierungserfahrungen ersetzen oder nachvollziehbar machen.

Strukturelle Diskriminierung

Diskriminierung findet in der Regel strukturell statt. Sie betrifft verschiedene Minderheiten oder Gruppen, die in existierenden Herrschaftsverhältnissen weiter unten positioniert werden.

Als Ableismus (aus dem engl. to be able = fähig sein) wird die Diskriminierungsform bezeichnet, die sich gegen be_hinderte oder chronisch kranke Personen richtet. „Der Ableismus geht von einem physischen Standard des Menschen aus, den eine behinderte Person nicht leisten kann. Der behinderte Mensch ist demzufolge ‚minderwertig‘. Auf sozialer Ebene bedeutet es, dass Menschen mit Behinderung als ausgeschlossen und unsichtbar gelten.“ (https://leidmedien.de/begriffe/)

Aus diesem vorausgesetztem physischen Standard resultieren Barrieren, stereotype Vorstellungen und Vorurteile, die sich bei uns als betroffene Personen in nervigen Kommentaren, großen bürokratischen Hürden oder ungefragtem Anfassen unserer Pumpen oder Sensoren niederschlägt.

Ableismus bedeutet auch, dass diese vermeintlich kleinen Erfahrungen, die wir im Alltag machen, seit vielen Jahren strukturell verankert sind. Sie lassen sich in der Regel in ein großes Netz aus ähnlichen Erfahrungen einordnen. Die Tatsache, dass Strukturen es für bestimmte Personen nahezu unmöglich machen, an bestimmte Macht- und Entscheidungspositionen zu gelangen, trägt maßgeblich dazu bei, dass dieses System unhinterfragt weiter (re-)produziert und aufrechterhalten wird.

Als ich angefangen habe, das zu verstehen, sind die Schuldzuweisungen in meinem Kopf, die mich immer wieder selbst getroffen haben, langsam leiser geworden. Manchmal kann ich mich nicht „einfach mehr anstrengen“. Unterzuckerungen kommen und gehen, wann, wie und wo sie wollen. Ein weniger ableistisches System würde Raum dafür schaffen. Es würde Lösungen finden, damit ich mich nicht hin und wieder doch dabei erwische, verstecken zu wollen, dass ich gerade unterzuckere, weil die Situation einfach unpassend ist.

Das Gesicht von Ableismus

Wie sehr Ableismus in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert ist und dabei weder unabhängig von Kapitalismus noch von anderen Herrschaftsstrukturen (z.B. Sexismus, Rassismus oder Klassismus) wirkt, ist schwer greifbar. Ableismus schlägt sich in unserer Sprache nieder. In Standardarbeitszeiten von 40 h pro Woche. Oder darin, was Menschen über Krankheiten (nicht) wissen/lernen und wie diese medial dargestellt werden.

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Wert einer einzelnen Person an deren Produktivität misst. Die logische Folge ist: Alle, die langfristig oder temporär nicht mithalten können oder mehr Barrieren im Alltag haben, müssen deutlich mehr Aufwand betreiben, um dasselbe Ziel wie viele ableisierte Personen erreichen zu können.

Für all das gibt es pauschal keine Lösung. Strukturelle Veränderungen sind immer langfristige Kämpfe. Aber ein Anfang wäre es, anderen Personen mit Diabetes ihre (Diskriminierungs-)Erfahrungen anzuerkennen und uns, sowie andere be_hinderte und kranke Personen, in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen, um möglichst viele unterschiedliche Realitäten und Alltage abbilden zu können und Lösungen anhand unserer Bedürfnisse gestalten zu können.


Auch Vivi kennt den Moment, in dem die äußeren Strukturen zu Selbstzweifeln führen: SELBSTDISKRIMINIERUNG – die Verinnerlichung gesellschaftlicher Vorurteile. Ihr Umgang damit ist aber ein anderer.

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  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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