SELBSTDISKRIMINIERUNG – die Verinnerlichung gesellschaftlicher Vorurteile

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SELBSTDISKRIMINIERUNG – die Verinnerlichung gesellschaftlicher Vorurteile

Meistens sprechen wir beim Thema Diskriminierung darüber, dass wir von anderen Menschen abgelehnt werden, schief angeschaut, belehrt oder mit Sprüchen konfrontiert werden, die uns lähmen und negativ beeinflussen. Selten oder noch nie habe ich allerdings von Selbstdiskriminierung gelesen. Betrifft es nur mich?

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Viele Außenstehende oder sogar fast alle würden mich wahrscheinlich als selbstbewusst beschreiben. Ich wirke stark, entschieden – ich bin wahrscheinlich ein klassischer (weiblicher) „Leithammel“. Doch hinter meinen vier Wänden ist mein Leben anders und tief in mir selbst erschließt sich nochmal eine ganz andere Welt.

Frau sitzt alleine am See
Quelle: Unsplash

Es fühlt sich an wie verschiedene Kleidungsschichten, die man anzieht – auf die nackte Haut (Ich selbst) das Unterhemd (daheim) und dann den Pulli für die Außenwelt (Arbeit, Freunde etc.).

In der Außenwelt wird mein Diabetes oft abgetan: „Diabetes ist ja eine Volkskrankheit.“ – „Dagegen kann man heute ja viel tun.“ – „Es lässt sich doch hervorragend damit leben.“ – „Wie es dir mit der Krankheit geht und wie lange du damit gesund lebst, liegt doch in deiner eigenen Hand. Welcher andere kranke Mensch kann das schon von sich behaupten…“

Stichwort: Stress

Gegen diese Statements lässt sich nur schwer etwas sagen. Obwohl wir alle wissen, dass wir beim Diabetes viel Eigenverantwortung durch unseren Lebensstil tragen, so gibt es dennoch äußere Einflussfaktoren, die uns die Steuerung der Krankheit manches Mal erschweren. Bei mir heißt das Stichwort Stress.

Ob chronischer Zeitmangel, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Aussehen, Schlafmangel, seelischer Kummer oder Existenzängste – meine Alltagssorgen produzieren ständig Stress und das spiegelt sich in meinen Zuckerkurven wider.

Das Blöde daran ist der Teufelskreis… Stress bringt die Zuckerwerte durcheinander, wodurch man mehr regulieren muss. Das wiederum erhöht die Anzahl der Unter- und Überzuckerungen. Daraus resultiert, dass man zu viel isst oder trinkt und eher zunimmt als abnimmt. Das steigert die Unzufriedenheit und produziert wieder Maßnahmen und Stress, um dagegen anzukämpfen.

Unzufriedenheit auf allen Ebenen

Daheim werde ich gerne mal wegen meines Übergewichts und Aussehens kritisiert. Gerne werde ich gefragt, warum ich kein Interesse habe, etwas dagegen zu tun? (Wer meinen letzten Artikel gelesen hat, weiß vielleicht, warum…) Die geringere Zeit für die häusliche Ordnung führt ebenfalls zur interfamiliären Unzufriedenheit und wenn die Kinder das fünfte Mal in der Woche meine Kochkünste ablehnen oder ausspucken, hat man auch an dieser heimischen Säule das Gefühl, komplett versagt zu haben.

Frau hält sich Augen und Ohren zu
Quelle: Pixabay

Freunde habe ich gefühlt schon länger keine mehr, was schlicht daran liegt, dass ich kein Sozialleben habe. Ich wohne nicht mehr in meiner alten Heimat und seit ich Kinder habe, bin ich gefühlt sowieso nur noch am Putzen, Arbeiten und Überleben. Alleine der Gedanke, abends wegzugehen, lässt mich erstmal auf mein Konto schauen, danach in meinen Kleiderschrank und schließlich in mein Telefon nach Leuten, die Lust und Zeit hätten. Jeder dieser drei Schritte ist für sich sehr deprimierend.

Schritt für Schritt stürze ich in die Selbstdiskriminierung. Ich mache mich für alles verantwortlich und systematisch fertig. Ich will nicht mehr in Spiegel gucken, traue mich auf keine Waagen. Ich fühle mich prinzipiell schlechter als andere Menschen – versuche es mir aber nicht anmerken zu lassen – es sei denn, ich bin mal alleine und für mich.

Selbstbestrafung und Selbstdiskriminierung

Es ist wie eine Ablehnung durch sich selbst, die dann leider auch mal in ein „SCHEISS DRAUF“ resultiert. Die zu Frustfressen oder miserablem Spritzverhalten führt – als wolle ich mich für alle Unzulänglichkeiten in meinem Leben selbst bestrafen.

Selbstdiskriminierung bedeutet für mich, dass man manchmal allen anderen in der Gesellschaft recht gibt und sich selbst für einfach dumm und unfähig empfindet, mit Diabetes und dem eigenen Leben klarzukommen. In der Selbstdiskriminierung gibt es keinen Selbstschutz mehr.

Für die Therapie von Selbstdiskriminierung bei psychischen Krankheiten gibt es Selbsthilfegruppen – aber was gibt es bei der Selbstdiskriminierung überforderter Diabetiker?

Gesellschaftliche Vorurteile oder eigene Denkweise

Es fühlt sich an wie ein Selbststigma. Doch woher kommt es? Ist es am Ende doch nur eine Reaktion auf gesellschaftliche Vorurteile, die verinnerlicht wurden?

Ich bemühe mich, meine Denkweise hinter der Selbststigmatisierung zu hinterfragen. Dafür führe ich mir gesellschaftliche Klischees vor Augen, die im Grunde nicht mehr sind als Verallgemeinerungen meiner Krankheit.

Die einzige Waffe in diesem Kampf wäre es, das Selbstwertgefühl bewusst zu steigern. Für aufwendige Tätigkeiten oder Freiräume habe ich allerdings keine Ressourcen. Doch ich denke mir, dass es manchmal schon richtig sein könnte, meine Erkrankung einfach für mich zu behalten, um kein „Öl ins Feuer zu schütten“ und mir keine weiteren dumme Sprüche anhören zu müssen. Wie heißt es so schön: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“


 Erzählt uns, ob ihr wegen des Diabetes bereits Diskriminierung erlebt habt. Alles zur Aktion findet ihr hier: #DiabetesDiskriminierung

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  • uho1 postete ein Update vor 6 Tagen, 22 Stunden

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂