Diabetes-Technologie und Barrierefreiheit: Wenn Technik zur Hürde wird

2 Minuten

Diabetes-Technologie und Barrierefreiheit: Wenn Technik zur Hürde wird | Foto: Serhii – stock.adobe.com
Foto: Serhii – stock.adobe.com
Diabetes-Technologie und Barrierefreiheit: Wenn Technik zur Hürde wird

Insulinpumpen, Glukosesensoren, Diabetes-Apps: Moderne Diabetes-Technologie kann Menschen mit Diabetes dabei helfen, ihren Alltag sicherer und selbstständiger zu gestalten. Doch für blinde und sehbehinderte Menschen ist sie oft nicht nutzbar, weil Geräte und Apps nicht barrierefrei gestaltet sind. Die Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie (AGDT) der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) macht in einem Kommentar auf die fehlende Barrierefreiheit aufmerksam und stellt klare Forderungen an Hersteller, Politik und das Gesundheitssystem.

Wie viele Menschen sind betroffen?

In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen Menschen mit Diabetes, die gleichzeitig eine Sehbeeinträchtigung haben. Jedes Jahr erblinden rund 2000 Menschen infolge eines Diabetes mellitus. Für sie ist der Zugang zu Diabetes-Technologie besonders wichtig – und gleichzeitig besonders schwierig.

Warum Barrierefreiheit oft scheitert

Moderne Smartphones bieten bereits gute Hilfsfunktionen: Mit VoiceOver (iPhone) und TalkBack (Android) können blinde Menschen ihr Gerät per Sprachausgabe bedienen. Allerdings nutzen viele Diabetes-Apps diese Funktionen nicht. Oft sind außerdem Schaltflächen unbeschriftet oder Grafiken haben keine Texterklärung, wodurch die Apps damit für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen schlicht nicht bedienbar sind.

Das ist auf mehreren Ebenen problematisch. Zum einen verlieren Menschen mit Diabetes und Sehbeeinträchtigung dadurch ihre Eigenständigkeit. Können sie Diabetes-Technologie nicht selbst bedienen, sind sie auf ständige Hilfe, zum Beispiel durch eine 24-Stunden-Assistenz angewiesen, um gefährliche Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden. Durch barrierefreie Technik könnten demnach auch Kosten gesenkt werden, wenn diese Assistenz wegfällt bzw. vermindert wird und das Risiko für stationäre Behandlungen im Krankenhaus sinkt.

Was muss sich ändern?

Die AGDT hat klare Anforderungen an Hersteller, Politik und das Gesundheitssystem formuliert, um Barrierefreiheit in Diabetes-Technologie zu integrieren.

  • Bei Apps und Software sollten Hersteller die vorhandenen Barrierefreiheits-Standards der Betriebssysteme von Smartphones konsequent nutzen. Dazu gehören beschriftete Schaltflächen, anpassbare Schriftgrößen und die Möglichkeit, Daten in einem Format zu exportieren, das auch mit Hilfsprogrammen für blinde Menschen lesbar ist.
  • Bei Geräten gilt das sogenannte „Hören-Fühlen-Prinzip”: Insulinpens und -pumpen sollten ein spürbares Klicken pro abgegebener Insulineinheit haben. Tasten müssen ertastbar sein – reine Touchscreens ohne fühlbare Markierungen sind für blinde Menschen nicht nutzbar. Alle Warnsignale, etwa bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) oder einem leeren Akku, müssen zusätzlich als deutliche akustische Signale ausgegeben werden.
  • Auf politischer Ebene fordert die AGDT, dass Barrierefreiheit zur Pflichtvoraussetzung für die Zulassung digitaler Medizinprodukte wird. Außerdem sollten nur nachweislich barrierefreie Systeme in das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufgenommen werden. Die AGDT fordert außerdem, dass Diabetesberaterinnen und -berater sowie Ärztinnen und Ärzte im Umgang mit Hilfstechnologien für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen geschult werden.

Barrierefreiheit ist keine Kür, sondern Pflicht

Zusammenfassend findet die AGDT deutliche Worte: „Barrierefreiheit von Diabetestechnologie ist kein optionales Zusatzfeature, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Patientensicherheit und Eigenständigkeit.“ Digitalisierung dürfe keine neuen Hürden schaffen, sondern müsse den Zugang zu Behandlung und Unterstützung erleichtern. Dafür brauche es die Zusammenarbeit von Herstellern, Politik und Betroffenenverbänden.

Umfrage zu Diabetes-Technologie und Sehbehinderung

Wer selbst von einer Sehbeeinträchtigung betroffen ist und an einer aktuellen Umfrage zur Nutzung von Diabetes-Technologie teilnehmen möchte, findet diese unter: https://jgu.particifyapp.net/p/94798024.


von Janina Seiffert

Janina Seiffert ist Apothekerin und Journalistin bei der MedTriX Group. Sie ist tätig als Redakteurin beim Diabetes-Anker und betreut zudem das Fachmagazin „Diabetes, Stoffwechsel und Herz“, in dem wissenschaftliche Beiträge, Übersichtsarbeiten zu den Zusammenhängen zwischen Diabetes, endokrinologischen Erkrankungen und kardiovaskulären Risiken erscheinen.

Quelle: Berndt-Zipfel C. et al. Kommentar der AGDT: Barrierefreiheit in der Diabetestechnologie für blinde und sehbehinderte Menschen. Diabetes, Stoffwechsel und Herz, Band 35, Ausgabe 4/2026, S. 233-235

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Typ-1-Diabetes: Wenn der Bolus nicht mehr im Mittelpunkt steht
Kohlenhydrate einschätzen, Insulin berechnen, Bolus abgeben – und das bei jeder Mahlzeit. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes gehört diese Routine trotz moderner Diabetestechnik weiterhin zum Alltag. Gerade beim Essen im Restaurant, auf Reisen oder bei einem spontanen Snack kann das zusätzliche Aufmerksamkeit erfordern. Eine neue Funktion innerhalb der CamAPS FX App setzt genau hier an.
Typ-1-Diabetes: Wenn der Bolus nicht mehr im Mittelpunkt steht | Foto: mylife Diabetes Care

2 Minuten

Anzeige
Jeder Diabetes ist anders: Warum individuelle Lösungen zählen
Moderne Diabetes-Technologien bieten heute mehr Möglichkeiten denn je. Sensoren, Insulinpumpe n, AID-Systeme und digitale Anwendungen können den Alltag mit Diabetes erleichtern und neue Freiheiten schaffen. Gleichzeitig wird die Auswahl an Produkten und Systemen immer größer. Bei tk pharma steht deshalb die persönliche Beratung im Mittelpunkt.

3 Minuten

Anzeige
Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo, hat hier noch jemand Doppeldiabetes (durch Corona verursacht oder warum auch immer)? Ich würde mich gerne austauschen.

  • olivers postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂