Besiedlung des Darms wirkt aufs Gewicht

2 Minuten

Besiedlung des Darms wirkt aufs Gewicht

Jeder Mensch hat eine individuell zusammengesetzte Besiedlung seines Verdauungstrakts, vor allem des Dickdarms, mit einer großen Anzahl verschiedener Bakterien. Dieses Darmmikrobiom ist für uns lebenswichtig. In den letzten Jahren wurden durch intensive Untersuchungen viele Befunde gefunden, die das Darmmikrobiom mit den Erkrankungen Adipositas (krankhaftes Übergewicht) und Diabetes mellitus in Verbindung bringen.

Wer mehr Firmicutes-Bakterien im Darm hat, kann Ballaststoffe im Dickdarm besser abbauen – und damit mehr Abbauprodukte produzieren, die über die Dickdarmschleimhaut als zusätzliche Kalorienlieferanten resorbiert werden. Wenn über diesen Mechanismus pro Tag etwa 150 kcal mehr aufgenommen werden, dann summiert sich dies innerhalb von 3 Monaten auf eine Gewichtszunahme von etwa 2 kg.

Bei Schlanken ist das Mikrobiom vielfältiger als bei Übergewichtigen

Man hat durch molekulargenetische Stuhluntersuchungen adipöser Menschen festgestellt, dass bei diesen Personen im Dickdarm ein größerer Anteil an Firmicutes-Bakterien vorhanden und gleichzeitig die Bakterienart Bacteroides vermindert ist. Bei schlanken Personen hat man festgestellt, dass deren Bakterienzusammensetzung im Dickdarm im Vergleich zu dicken Patienten vielfältiger ist; man spricht von einer größeren Bakterien-Diversität.

Diese größere Vielfalt an Bakterienarten im Dickdarm ist offensichtlich ein “Schutz” vor einer unnötigen zusätzlichen Kalorienaufnahme. Bei diesen Menschen werden die kalorienhaltigen Ballaststoffe zum größten Teil mit dem Stuhl ausgeschieden.

Verschiedene Mechanismen im Darm können zu einer Gewichtszunahme führen

Man kennt aber inzwischen auch andere Effekte, die einen Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Adipositas herstellen. Bei übergewichtigen Menschen ist die Schleimhautbarriere im Dickdarm gestört. Bakterienprodukte werden von den Darmepithelzellen ins Blut aufgenommen und verursachen im Körper eine unterschwellige Entzündung: Diese “subklinische Inflammation” führt zu einer vermehrten Fetteinlagerung, einer gestörten Insulinwirkung und verursacht eine Schilddrüsenunterfunktion. Alle diese Mechanismen führen letztendlich zu einer Gewichtszunahme.

Aus dem ersten Schwerpunkt-Artikel kennen Sie schon die Darmmikrobiom-Gehirn-Achse: Bakterienprodukte können direkt oder über andere Wege das Gehirn beeinflussen und das Hungergefühl verstärken bzw. das Sättigungsgefühl vermindern. Auch dies kann durch eine vermehrte Nahrungszufuhr zu einer Gewichtszunahme führen. Adipositas ist ein Risikofaktor für das Auftreten eines Typ-2-Diabetes.

Somit kann ein “ungünstig” zusammengesetztes Darmmikrobiom den Weg zu einem manifesten Typ-2-Diabetes ebnen. Es gibt inzwischen Untersuchungen, die herausfinden wollten, ob durch den Einsatz eines Präbiotikums diese Entwicklung durch ein gezieltes Beeinflussen des Darmmikrobioms gestoppt werden kann.

Darmmikrobiom und Süßstoffe

Seit vielen Jahren verwenden gerade Menschen mit Übergewicht Lebensmittel, die mit Süßstoffen gesüßt sind, um ihre Kalorienzufuhr zu begrenzen. So lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von mit Süßstoffen gesüßten Cola-Getränken und fruchtsafthaltigen Limonaden (Light-Getränken) in Deutschland im Jahr 2015 bei 13,2 Litern.

Es gibt einige Hinweise dafür, dass der häufige Konsum von Süßstoffen die Diversität (Vielfältigkeit) des Darmmikrobioms beeinflussen kann. Dies könnte möglicherweise Prozesse in Gang setzen, die das Risiko für das Auftreten eines Typ-2-Diabetes erhöhen. Bewiesen ist dies aber (noch) nicht. Wenn Sie auf “Nummer sicher” gehen wollen, dann sollten Sie Ihren Konsum an Süßstoffen so gering wie möglich halten.

Das Darmmikrobiom und Typ-1-Diabetes

Der Typ-1-Diabetes gehört zu den Autoimmunerkrankungen: Durch eine Fehlfunktion zerstört das körpereigene Immunsystem die körpereigenen insulinbildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Eigentlich sollte das Immunsystem so programmiert sein, dass es “eigene” Zellen als solche erkennt und diese nicht angreift. Wie im vorigen Artikel dargestellt, entscheiden die Art der Geburt und die Ernährung in den ersten Lebenswochen darüber, wie sich das Darmmikrobiom im Säugling entwickelt.

Mit der Ausbreitung der Bakterien im Dickdarm geht auch die korrekte “Programmierung” des Immunsystems einher. Somit können Veränderungen im Darmmikrobiom die Entwicklung des Immunsystems so beeinflussen, dass Autoimmunerkrankungen entstehen können, so auch ein Typ-1-Diabetes.

Schwerpunkt: „Die Bedeutung des Darms“


von Dr. Martin Lederle

Dr. Martin Lederle ist Internist, Diabetologe und Ernährungsmediziner. Er führt eine diabetologische Schwerpunktpraxis im MVZ Ahaus und ist tätig als verantwortlicher Arzt für den Fachbereich Diabetologie/Ernährungsmedizin am St. Marien-Krankenhaus.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (3) Seite 24-25

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Medikamente bei Übergewicht: „Abnehmspritzen“ und die Muskeln
„Abnehmspritzen“ werden als wirksame Hilfe gegen hartnäckige Kilos eingesetzt, auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. Wie lassen sich Nebenwirkungen dieser Medikamente reduzieren und welche Rolle spielt Eiweiß?
Eine Frau macht auf einer Trainingsmatte eine Plank-Übung in einem Wohnzimmer. Neben ihr liegen rote Hanteln und eine blaue Trinkflasche.

2 Minuten

Menschen mit Übergewicht: Vorurteile und Stigmatisierung in der ärztlichen Praxis
In der Gesellschaft sind Vorurteile und Stigmatisierung im Hinblick auf Menschen mit Übergewicht weit verbreitet. Auch im medizinischen Bereich können sie unbemerkt die Behandlung beeinflussen, etwa in der ärztlichen Praxis.
Eine Patientin im roten Oberteil spricht mit einem Arzt im weißen Kittel in einem Untersuchungszimmer. Auf dem Tisch liegen Unterlagen, daneben sind ein Anatomiemodell und medizinische Geräte zu sehen.

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • kety22 postete ein Update vor 2 Tagen, 1 Stunde

    Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?

  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 1 Woche, 1 Tag

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • florahdo postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!

    Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB

    Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂