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Dr. Michael Bösch im Interview: Mit „DiaWalk“ die Menschen zu mehr Bewegung aktivieren
12 Minuten
Der Diabetologe Dr. Michael Bösch aus Tuttlingen bringt, zusammen mit anderen, beim „DiaWalk“ ehrenamtlich viele Menschen in Bewegung – und wünscht sich, dass das für den einen oder die andere eine Initialzündung ist für einen gesünderen Lebensstil. Im Interview berichtet er von diesem Projekt.
Im Interview: Dr. Michael Bösch
Aufzug statt Treppe, mit dem Fahrrad zur Arbeit, drei Jungs zu Hause: Da kommt einiges an Bewegung zusammen bei Dr. Michael Bösch. Da ist es kein Wunder, dass er mit Begeisterung den jährlich wiederkehrenden DiaWalk unterstützt und zusammen mit einem engagierten Team aus Ehrenamtlichen organisiert. An dieser Nordic-Walking-Tour in Tuttlingen und dem angrenzenden Donautal kann jeder mitlaufen.

Thema Diabetes soll im Gespräch bleiben
Am Abend vorher wandert Michael Bösch gemeinsam mit Interessierten gedanklich in ein passendes Thema. Er stellt in einem Vortrag zum Beispiel vor, was bestimmte Änderungen des Lebensstils Positives bewirken können. „Letzten Endes möchten wir auch bei uns im Landkreis einen Beitrag dazu leisten, dass das Thema Diabetes und insbesondere Typ-2-Diabetes als Volkskrankheit im Gespräch bleibt. Und dass im Bewusstsein bleibt, wie sehr man mit dem Lebensstil die Erkrankung entweder verhindern oder doch ziemlich gut behandeln kann“, erläutert er seine Motivation.
Mehr für die Menschen tun können
Eigentlich ist Michael Bösch Arzt im Klinikum Landkreis Tuttlingen. Hier hat er ein Diabeteszentrum aufgebaut, das von der Deutschen Diabetes Gesellschaft für die Behandlung von Menschen mit Typ-1- bzw. Typ-2-Diabetes zertifiziert ist. Schwerpunkt ist eine Fuß-Ambulanz, für die der Diabetologe eine Ermächtigung hat. Ursprünglich war er hausärztlich tätig. Dort hatte er viel mit Menschen zu tun, die noch nicht oder bereits chronisch krank waren. Er wollte etwas für sie erreichen – und wandte sich der Diabetologie zu. „Ich wünsche mir, dass die Leute wissen, dass Diabetes vor allen Dingen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Prävention bedeutet.“
Diabetes-Anker (DA): Herr Dr. Bösch, Sie bieten zusammen mit anderen seit Längerem den DiaWalk an. Was ist der DiaWalk?
Dr. Michael Bösch: Der DiaWalk ist im Prinzip eine Nordic-Walking-Lauf-Veranstaltung mit über zehn Jahren Geschichte, in der sowohl Patienten mit Diabetes als auch andere gesellschaftliche Gruppierungen, Sportgruppen, Menschen mit Behinderung, aber auch ganz gesunde Leute eingeladen werden, mal eine Runde Nordic Walking zu betreiben mit vorheriger Messung von Blutzucker und Blutdruck und das Ganze auch nach dem Lauf, um aufzuzeigen, wie positiv sich Bewegung auswirken kann auf diese Stoffwechselparameter.
DA: Wie ist der DiaWalk entstanden?
Dr. Bösch: Letztendlich gibt es eine engagierte Patientin, die nach ihrer Diagnose gesagt hat: „Es gibt so viele Menschen, die Diabetes haben und denen mit Bewegung geholfen werden könnte. Und doch tun es so wenige Patienten oder auch so wenige Leute mit Prädiabetes.“ Und deswegen wollte sie aktiv werden und hat aus ihrer sowieso sportlichen Leidenschaft heraus diesen DiaWalk entwickelt. Und das war eben vor über zehn Jahren.
DA: Hat sie einen Typ-1- oder Typ-2-Diabetes bekommen damals?
Dr. Bösch: Das war im Prinzip eine Art LADA, also Typ 1 LADA.
DA: Okay. Und sie sagten eben, sie war schon selbst sportlich aktiv. Das heißt, das Engagement dieser Patientin war tatsächlich nur darauf gerichtet, dass sie andere mitzieht?
Dr. Bösch: Ja, genau, und irgendwie nicht untätig sein in der Sache. Und dann ist es ein echtes Gemeinschaftswerk geworden aus den Tuttlinger Sportfreunden, wo diese Patientin aktiv ist, dem Deutschen Roten Kreuz, der Kommunalen Gesundheitskonferenz am Landratsamt Tuttlingen und dem damaligen Diabeteszentrum Spaichingen – das es im Zuge der Klinik-Schließungen leider nicht mehr gibt.
Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland so etwas relativ selten gibt, dass man so einen großen Diabeteslauf ehrenamtlich mit nur ein paar Akteuren organisiert. Das ist eine schöne Team-Leistung. Ich bin in dieses Setting reingekommen vor jetzt auch schon fünf Jahren und habe es, soweit möglich, konstruktiv begleitet. Währenddessen habe ich das Diabeteszentrum in Tuttlingen aufgebaut und zur Zertifizierung geführt.
DA: Nochmal ein Sprung zurück zum DiaWalk: Die Gruppierungen, die Sie eben genannt haben, sind auch diejenigen, die den DiaWalk jeweils organisieren?
Dr. Bösch: Ja.
DA: Wo entlang geht der Walk?
Dr. Bösch: Man trifft sich immer an der Stadthalle in Tuttlingen, mehr oder weniger im Stadtzentrum, und geht dann raus ins Donautal und dreht da verschieden große Runden von drei, fünf oder zehn Kilometern.
DA: Sie haben schon erwähnt, an wen sich das Angebot richtet. Wie kam es dazu, dass es diese Breite hat, denn DiaWalk spricht ja eher für Diabetes-Walk?
Dr. Bösch: Es ist tatsächlich so, dass es vor allen Dingen über die Sportvereine im Landkreis beworben wurde und über Diabetes-Praxen bzw. das Klinikum. So kamen natürlich Patienten, die Diabetes haben, zum Lauf, aber auch deren Partner, deren Angehörige. Wenn drei Leute zusammen ohnehin einmal die Woche eine Nordic-Walking-Runde drehen und einer hat Diabetes, dann hat er halt zwei mitgebracht.
Und dann gibt es natürlich auch immer mal wieder Patienten, die denken: „Das möchte ich jetzt doch mal wissen, wie da so mein Zucker ist.“ Dann kommen die und laufen auch mit. Es sind auch immer ehrenamtlich Notärzte, Rettungsdienstpersonal und eben Diabetesberaterinnen da. Da werden schon Fragen zu Diabetes gestellt, so nach dem Motto, die sind ja da, da kann ich die doch mal fragen.
„Dieses Jahr hatten wir eine Rekordteilnahme von etwa 250 Leuten, die bei dem Lauf mitmachen.“
DA: Sie veröffentlichen das in den Ortsmedien oder ist es mehr Mund-zu-Mund-Propaganda?
Dr. Bösch: Das ist breit gestreut, in Lokalzeitungen im Landkreis beziehungsweise in den Nachbarlandkreisen, genauso in Gratis-Zeitungen. Und natürlich auch in den sozialen Medien und auf den Internetseiten vom Klinikum. Und in den Gemeindeblättern.
DA: Wie haben sich über die Jahre die Teilnehmerzahlen entwickelt?
Dr. Bösch: Während der Corona-Pandemie ist es runtergegangen auf 80 Teilnehmer. Aber dieses Jahr hatten wir eine Rekordteilnahme von etwa 250 Leuten, die bei dem Lauf mitmachen.
DA: Sie begleiten die Aktion immer mit einem Vortrag am Abend vorher, seit ein paar Jahren.
Dr. Bösch: Ich glaube, seit drei Jahren gibt es den Vortrag am Abend vorher, sodass wir ein kleines Diabetes-Wochenende daraus machen und das ganze ein bisschen andocken wollen an den Weltdiabetestag im November – mal eine Woche vorher oder eine Woche später. Wir hatten mal ein Jahr experimentiert mit Mai, aber das hat nicht so gut funktioniert.
DA: Worum geht es in dem Vortrag?
Dr. Bösch: Da geht es darum, die Bedeutung der Lebensstil-Änderungen aufzuzeigen, gern auch im Vergleich zu Medikamenten. Ich habe dieses Jahr gesprochen zu den GLP-1-Analoga und den Wochenspritzen im Vergleich zur Ernährung und Bewegung. Und da geht es darum, welche Parameter ich positiv beeinflussen kann, wenn ich Sport treibe. Wie viel muss ich machen, was ist die richtige Sportart? Welche Ernährungsweisen sind vorteilhaft bei Diabetes oder auch nicht? Wir setzen uns da jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt und erreichen damit im Schnitt 40, 50 Zuhörer.
DA: Wenn ich das jetzt richtig rausgehört habe, geht es vorrangig um den Lebensstil, zwar auch in Kombination mit Medikamenten, aber eher tatsächlich das, was der Mensch mit Diabetes oder auch ohne Diabetes selbst machen kann?
Dr. Bösch: Konkret habe ich zum Beispiel vor zwei Jahren eine kurze Studie vorgestellt aus Schottland, wo die Patienten, die innerhalb der letzten sechs Jahre die Erstdiagnose Typ-2-Diabetes erhalten haben, in ein multimodales Programm eingeschlossen worden sind mit Verhaltensänderung, Verhaltenstherapie, Ernährung, Bewegung, Physiotherapie. Bei denen konnte man zeigen, dass die durch eine Gewichtsreduktion von 5, 10 oder 15 Prozent eine bis zu 90- oder 85-prozentige Chance haben, ihren Diabetes in die Remission zu bringen und keine Medikamente mehr zu nehmen. Da gibt es auch ganz schöne MRT-Aufnahmen von der Bauchspeicheldrüse wie ein löchriger Schweizer Käse, die zu einem normalen Organ wird.
DA: Was möchten das Orga-Team und Sie kurz- und langfristig mit dem DiaWalk erreichen?
Dr. Bösch: Letzten Endes möchten wir auch bei uns im Landkreis einen Beitrag dazu leisten, dass das Thema Diabetes und insbesondere Typ-2-Diabetes als Volkskrankheit im Gespräch bleibt. Und dass im Bewusstsein bleibt, wie sehr man mit dem Lebensstil die Erkrankung entweder verhindern oder doch ziemlich gut behandeln kann. Das ist ja in Deutschland völlig unterrepräsentiert, auch gesundheitspolitisch.
Ich bin auch Facharzt für Allgemeinmedizin. Und da sieht man, dass chronische Erkrankungen in Deutschland gern verwaltet werden. Im Angelsächsischen gibt es diesen schönen Begriff „Treating, not managing“. In Deutschland ist es halt oft so, dass der Arzt da sitzt, das DMP Typ-2-Diabetes macht und sagt: „Oh, Sie sind aber ein bisschen dick, Sie sollten mal abnehmen. Aber das wissen sie ja schon.“
Und dann guckt er noch den Langzeitzucker an und schreibt ein Rezept über Metformin und schickt den Patienten wieder nach Hause. Aber damit ist der Patient verwaltet und nicht richtig behandelt. Da gibt es kein multimodales Programm mit zum Beispiel Ernährungstherapie, Ernährungsberatung, Laufgruppen, wo die Patienten dann über die Krankenkasse sofort eingeschleust werden und Coaching-Gespräche alle drei Monate oder am Anfang wöchentlich. Sowas gibt es in Deutschland eigentlich nur im Rahmen von Modellprojekten und nicht in der Regelversorgung. Das ist zum Beispiel in diesem schottischen Ansatz anders.
Wir versuchen, zumindest einen kleinen Teil dazu beizutragen und die Patienten zumindest einmal im Jahr einzuladen, um mal zu schauen, wie sich der Blutzucker verändert, wenn ich mal solch ein Training mache. Damit wollen wir einfach mal aufzeigen, dass es auch kein Weltuntergang ist, wenn man dreimal die Woche eine halbe Stunde rausgeht.
„Wir haben eigentlich in jedem Bereich Menschen, die akut krank ins Krankenhaus kommen und den Diabetes mitbringen. 80 Prozent sind Menschen mit komorbidem Diabetes und 20 Prozent kommen gezielt zur Diabetes-Einstellung. So sehen wir im Jahr etwa 1200 Diabetes-Patienten stationär.“
DA: Haben Sie eine Möglichkeit, die Teilnehmer noch mal zu sehen, wenn sie nicht bei Ihnen in Betreuung sind, und zu sehen, wie viel sie erreichen konnten mit diesem einmalig pro Jahr stattfindenden Walk?
Dr. Bösch: Ich persönlich habe das nicht, weil ich eine Fuß-Ambulanz und keine Stoffwechsel-Ambulanz habe. Es ist eher so, dass wir öfter positive Rückmeldungen darüber bekommen, dass die Patienten sagen: „Seit ich bei euch war, mache ich das regelmäßig. Jetzt komme ich jedes Jahr dahin.“ Es gibt ein paar Fans, die ihre ganze Familie oder ihren Freundeskreis aktivieren und sagen: „Komm, da müsst ihr jetzt hin, das ist auch was für euch.“ So haben wir eher einzelne Rückmeldungen, aber systematisch können wir das nicht leisten.
DA: Nachvollziehbar. Sie haben jetzt wiederholt schon erwähnt, dass Sie im Krankenhaus Tuttlingen tätig sind und dort ein Diabeteszentrum aufgebaut haben. Eben haben Sie auch die Fuß-Ambulanz erwähnt. Was für eine Zertifizierung haben Sie?
Dr. Bösch: Wir sind Diabeteszentrum DDG für Typ-1- und Typ-2-Diabetes.
DA: Das heißt, Sie könnten theoretisch auch eine normale Stoffwechsel-Ambulanz betreuen, wenn Personal da wäre?
Dr. Bösch: Das ist eher die Sache der Zulassung. Ich bin ermächtigter Arzt für die Diabetes-Fußambulanz und habe in dem Zusammenhang auch mal eine Stoffwechsel-Ambulanz beantragt bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Das wurde abgelehnt mit dem Verweis, dass es genügend niedergelassene Kollegen gibt, die den Diabetes ambulant behandeln, sodass kein Bedarf gesehen worden ist von den Zulassungsbehörden.
DA: Das heißt, Sie sehen vor allem Patientinnen und Patienten mit Fußproblemen?
Dr. Bösch: Wir sind ein Haus der Grund- und Regelversorgung mit Kardiologie, Gastroenterologie, Onkologie, Gynäkologie, Chirurgie, Unfallchirurgie. Und wir haben eigentlich in jedem Bereich Menschen, die akut krank ins Krankenhaus kommen und den Diabetes mitbringen. 80 Prozent sind Menschen mit komorbidem Diabetes und 20 Prozent kommen gezielt zur Diabetes-Einstellung. So sehen wir im Jahr etwa 1200 Diabetes-Patienten stationär, deren Therapie wir begleiten oder optimieren im Rahmen ihres Krankenhaus-Aufenthalts.
Dafür haben wir drei Diabetesberaterinnen und zwei Wundexpertinnen. Und da kommt seit einem Jahr die diabetische Fuß-Ambulanz dazu. Stationär haben wir hier ein interdisziplinäres Wundmanagement aufgebaut mit einer Kollegin aus der Chirurgie und arbeiten Konsile im Bereich chronische Wunden und diabetischer Fuß ab und was in meine Ernächtigungen fällt.
DA: Sie haben schon gesagt, Sie waren ursprünglich hausärztlich tätiger Allgemeinarzt. Warum sind Sie dann Diabetologe geworden? Was hat Ihr Interesse geweckt?
Dr. Bösch: Ich fand, dass man in der Hausarztpraxis sehr viele Patienten mit Diabetes sieht, die echt schrecklich krank werden können. Ich hatte Interesse daran, es nicht einfach nur erst bei den Appellen an die Ernährung und der Verordnung von Metformin zum Beispiel zu belassen, sondern mich auch mehr auseinanderzusetzen mit der Insulintherapie, mit der Diagnostik dabei. Und eben auch die Möglichkeit zu haben, Patienten weit vor den chronischen Erkrankungen gut zu steuern.
Ich habe mich initiativ beworben bei Dr. Klare in Radolfzell, im Diabeteszentrum, und habe prompt auch eine Stelle bekommen. Dann habe ich erst mal lernen müssen, wie viel stationäre Diabetologie mit chronischen Wunden zu tun hat. Ich war dann zwei Jahre dort oberärztlich tätig im Wundzentrum und habe die gigantische Bandbreite des diabetischen Fußes gesehen, aber auch Diabetes-Schulungen, Pumpen, was man eben so macht. Ich habe das alles aufgesogen und gern gemacht.
Dann hat mich eine Kollegin abgeworben und gefragt, ob wir das Ganze nicht in Tuttling machen wollen, weil hier das Spaichinger Diabeteszentrum geschlossen worden war und das Klinikum Tuttlingen viele Patienten hat, ohne einen Arzt zu haben, der sich damit schwerpunktmäßig beschäftigen möchte. So bin ich da reingerutscht und habe dann aber die Gelegenheit gehabt, hier noch die Gastroenterologie mitzumachen. Jetzt bin ich hälftig diabetologisch, hälftig gastroenterologisch tätig.
„Mein Großvater hatte einen Typ 1 LADA. Dem habe ich früher als Kind, wenn ich da in den Ferien war, immer zugeschaut, wie man Insulin spritzt und Blutzucker misst. Er hat ein extrem diszipliniertes Leben geführt und ist sehr, sehr alt geworden.“
DA: Einen persönlichen Bezug zum Thema Diabetes habe ich jetzt nicht rausgehört. Stimmt das?
Dr. Bösch: Mein Großvater hatte einen Typ 1 LADA. Dem habe ich früher als Kind, wenn ich da in den Ferien war, immer zugeschaut, wie man Insulin spritzt und Blutzucker misst. Er hat ein extrem diszipliniertes Leben geführt und ist sehr, sehr alt geworden – mit Mischinsulin und Zwischenmahlzeiten und Blutzuckertagebuch und den Dextro-Energy-Plättchen im Opel Vectra, in der Mittelkonsole, wenn ich mit denen ins Schwimmbad gefahren bin. Er war so ein Vorbild-Diabetiker, kann man schon sagen. Aber so richtig für die Berufswahl hat es nicht den Ausschlag gegeben.
DA: Aber er schwebt Ihnen wahrscheinlich immer wieder im Hinterkopf, wenn Sie Menschen mit Diabetes heute sehen, oder?
Dr. Bösch: Ja, natürlich. Und dann auch diese ganze Phase, als mein Großvater damals ganz streng nur irgendwelche Diätkekse essen durfte und so – da gab es ja noch so seltsame Produkte. Und der Actrapid-Pen, das weiß ich heute noch, wie er in dem Etui war und so. Das kommt manchmal hoch, gerade wenn man sieht, wie sich die Insulintherapien verändert haben von damals zu heute, mit ultralang wirksamen Insulinen, keine Zwischenmahlzeiten, kein Spritz-Ess-Abstand.
Bei meinem Großvater wurde das Insulin immer Punkt 6.30 Uhr gespritzt und der Milchcafé kam dann um 7 Uhr noch mal in die Mikrowelle, damit der Spritz-Ess-Abstand exakt eingehalten wurde. Dann gab es nur zwei Scheiben Schwarzbrot mit Käse. Das war schon sehr Lehrbuch-mäßig gemacht, eben angepasst an die damalige Zeit.
DA: Wir haben jetzt über den DiaWalk gesprochen und über Ihre Berufstätigkeit. Da bleibt Ihnen wahrscheinlich nicht allzu viel Freizeit. Aber wie aktiv sind Sie denn selbst in Ihrer eigentlichen Freizeit oder was machen Sie da gern?
Dr. Bösch: Ich bin verheiratet mit einer Hausärztin, die eine eigene Praxis führt. Und wir haben drei Jungs zwischen 6 und 11 Jahren. Ich glaube, man kann das grob umschreiben mit dem Begriff Alltagsaktivität, also Treppensteigen, nie den Aufzug, jeden Tag mit dem Fahrrad in die Klinik fahren, drei Kilometer und zurück. Hier im Donautal haben wir auch ein paar Hügel. Ich habe ein Mountainbike und ein Travelbike und bin mit dem auch ganz gern nach Feierabend und am Wochenende unterwegs. Fahrradfahren spielt eine große Rolle im Winter wie im Sommer. So kommt schon viel zusammen.
Meine Frau hat ihre Praxis zehn Kilometer außerhalb, die pendelt auch mit dem Fahrrad im Sommer dahin. Einmal in der Woche gehe ich ins Power-Yoga, wo ich mit einem Freund der einzige Quotenmann bin. Aber seit ich das mache, habe ich auch beim Endoskopieren keine Rückenschmerzen mehr.
Und im Klinikum bin ich ein bisschen der Azubi-Schreck, weil es doch einige gibt, die von der Schule weg direkt ihren Lebensstil einschränken und zum Beispiel ein Stockwerk runter nur mit dem Aufzug fahren oder zwei Stockwerke hoch. Das versuche ich, zu vermeiden und die Treppe zu bevorzugen. Die Azubis spreche ich dann an und frage, ob wir nicht zusammen die Treppe nehmen, und rede währenddessen mit denen über Bewegung im Alltag.
Ich bin auch schon auf die Pflegeschule zugegangen, weil sich die Pflege mal dafür eingesetzt hat, dass man in der Cafeteria Red Bull kaufen kann. Da habe ich eine Art Petition formuliert, wie lückenhaft das Angebot in der Cafeterie wäre, wo ich dann noch mal deutlich argumentiert habe, wie ungesund das eigentlich ist und wie weit man eigentlich ins Donautal laufen muss, um eine Dose Red Bull oder sonstige Limonaden zu verstoffwechseln.
DA: Und wer hat gewonnen?
Dr. Bösch: Also, wir haben jetzt kein Red Bull in der Kantine. Zumindest das haben wir nicht. Aber ich habe in Ernährungsvorträgen auch vom DiaWalk mal ganz fiese Aufnahmen gezeigt, zum Beispiel von unserer Pfandsammelbox im Stationszimmer, wo man schon sieht, wie viele Cola-Dosen und Red-Bull-Dosen da getrunken wurden – wahrscheinlich, wenn ich gerade nicht da bin. (grinst) Aber ich versuche das immer nicht so bierernst, sondern ein bisschen humorvoll zu zeigen. In so einem Vortrag habe ich auch ein Foto drin, wie meine Kollegen nach einer Diabetes-Fortbildung gesammelt im Aufzug stehen, um hochzufahren.
DA: Was wünschen Sie sich vor allem, wenn Sie an Ihr Berufsleben und die von Ihnen und Ihrem Team betreuten Menschen mit Diabetes denken?
Dr. Bösch: Was ich mir wünschen würde, ist, dass die Leute viel früher darüber nachdenken, wie wichtig die eigene Gesundheit ist. Und viel früher sich vielleicht die eine oder andere Lebens-Entscheidung noch mal überlegen. Wir haben hier Patienten, die klagen über alle möglichen Beschwerden, aber fahren 800 Meter mit dem Auto zur Arbeit. Da möchte ich viel mehr Leute motivieren. Deswegen ist mein Engagement überhaupt zu begründen im DiaWalk-Organisationsteam, dass man mit relativ kleinen Mitteln einen aktiveren Lebensstil führen kann und vielleicht auch einfach mit Musteressen.
Wir hatten hier im Krankenhaus zum Beispiel, das war das neueste Projekt, die Diabetes-Kost umgestellt. So ein Krankenhaus hat echt wenig, wenn ich das als Exkurs einfügen darf, Geld zur Verfügung für die Patienten-Mahlzeiten am Tag. Das sind etwa 5 Euro für drei Mahlzeiten. Aber wir haben es mit unserem Chefkoch und den Ernährungsberaterinnen und Diätköchen doch hingekriegt, dass wir ein vernünftiges Birchermüsli, ein vernüftiges Vollkornbrot und Vollkornbrötchen anbieten können, dass es zum Abendessen Quark mit Gemüse-Sticks gibt, bestellbar, um diesem Thema etwas mehr Bewusstsein oder Wichtigkeit zu verleihen, sodass die Patienten auch während ihres stationären Aufenthalts lernen: „Hoppla, ich kann ja prima abends vorm Fernseher den Tatort gucken und knabbern, aber ich habe trotzdem sehr gute Blutzuckerwerte.“
Das ist das, was ich mir im beruflichen Alltag wünschen würde, dass es echt einen Unterschied macht und die Leute wissen, dass Diabetes vor allen Dingen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Prävention bedeutet, dass die Kinder früh wissen, was Kohlrabi sind, und nicht immer nur süße Bagel essen. Also das, was gesunden Lebensstil angeht.
DA: Perfekt, herzlichen Dank, Herr Dr. Bösch!
Interview: Dr. med. Katrin Kraatz
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hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 5 Tagen
Hallo,
das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?-
ole-t1 antwortete vor 2 Tagen, 20 Stunden
Hallo hexle,
ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.
Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.
Beste Grüße
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ole-t1 antwortete vor 2 Tagen, 20 Stunden
PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.
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schorschlinger antwortete vor 2 Tagen, 17 Stunden
Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.
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hexle antwortete vor 1 Tag, 16 Stunden
@ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.
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hexle antwortete vor 1 Tag, 16 Stunden
@schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….
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uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen
Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?
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diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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gregor-hess antwortete vor 2 Wochen
Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion -
diahexe antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.
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crismo antwortete vor 5 Tagen, 15 Stunden
@gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…
Kann es nur empfehlen!!!
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